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Rumänien

von Michael Klosinski

01.12.2009 Sieben Gigabyte rumänische Musik habe ich aus Bukarest mitgebracht und noch immer nicht alle Songs angehört. Sobald ich im beschaulichen Tübingen meinen MP3-Player einschalte, kommen die tollsten Erinnerungen an diese unglaubliche Zeit in mir hoch: Das pulsierende und oft widersprüchliche Leben in der Hauptstadt, die Freude, herzliche Menschen in kurzer Zeit lieb gewonnen und eine unvergessliche Zeit mit ihnen verbracht zu haben, und nicht zuletzt die Arbeit mit Straßenkindern, von denen ich wahrscheinlich mehr gelernt und erfahren habe, als es mir jetzt schon bewusst ist.

Meine Reise beginnt mit einem Glück. Ich sitze im Zug von Budapest nach Bukarest und komme mit Madalina, einer jungen rumänischen Lehrerin ins Plaudern. Nachdem ich ihr ein wenig von IPPNW und dem anstehenden Projekt in Rumänien erzählt habe, fragt sie, ob ich schon eine Bleibe in der Hauptstadt habe. „Ich denke, ich werde erstmal in eine Jugendherberge gehen“, antworte ich, da es im Vorfeld Schwierigkeiten mit der Vermittlung einer Unterkunft gegeben hat. “Eine gute Freundin von mir arbeitet in Bukarest und wohnt dort in einer netten WG. Ich werde sie anrufen und fragen, ob du die ersten Tage bei ihr bleiben kannst.“ Noch bevor ich etwas entgegnen kann, hat Madalina schon telefoniert, und alles ist geklärt. Sie diktiert mir eine Handynummer und sagt:“ Ruf Iulia an, sobald du in Bukarest angekommen bist. Es ist kein Problem!“ Ich bin ziemlich sprachlos und vertraue. Also verbringe ich die ersten Tage bei Iulia in der WG. Sie nimmt mich am Wochenende mit ihren Freunden mit, und wir genießen das Bukarester Nachtleben. Ich fühle mich von Anfang an herzlich aufgenommen und werde während meiner ganzen Zeit in Bukarest mit Iulia und ihren Freunden in Kontakt bleiben.

Famulatur

Am Tag nach meiner Ankunft beginnt die Famulatur im Spitalul Filantropia, einem Krankenhaus für Gynäkologie und Geburtshilfe. Morgens gibt mir Catalin, der IPPNW-Kontaktarzt, eine kleine Hausführung. Salâ de nastere, das heißt Kreissaal und ist eines der ersten rumänischen Wörter die ich lerne und ständig gebrauche, da ich die meiste Zeit im Kreissaal verbringe. Die meisten Ärzte sprechen Englisch und versuchen, mir möglichst viel zu erklären, vor allem Dana, eine junge Assistenzärztin, ist sehr nett und sie ist immer zur Stelle, wenn es Probleme gibt. (Mit ihrer Hilfe bekomme ich ein Zimmer im Studentenwohnheim, wo ich während der restlichen Zeit meiner Famulatur wohne.) Ob per Kaiserschnitt oder auf natürlichem Wege, ich kann sehr viele Geburten miterleben. Leider beschränkt sich mein Tun hauptsächlich auf das Zuschauen, auch weil ich so gut wie gar kein Rumänisch mit den Patientinnen sprechen kann. Dennoch fallen schon bald eine Menge Unterschiede zu deutschen Krankenhäusern ins Auge. Die Mütter, die spontan entbinden, bleiben bei der Geburt einfach in ihrem Zimmer, das Bettgestell wird hochgefahren, ein Arzt und manchmal eine Schwester betreten das Zimmer und das Kind wird zur Welt gebracht. Privatsphäre wird hier nicht besonders groß geschrieben. Die Türen der Krankenzimmer bleiben auch während der Geburt offen stehen, angeblich wegen der großen Hitze. Fast alle Mütter, die jünger als 20 Jahre sind und oft schon ihr zweites oder drittes Kind bekommen, sind Roma. Sie können sich keine Krankenversicherung leisten, weshalb die Ärzte, z.B. bei den routinemäßigen Ultraschalluntersuchungen, Hilfe anbieten, die sie eigentlich gar nicht leisten dürften, da Nichtversicherte laut Gesetz nur im Notfall behandelt werden sollen . Häufig bekommen die Ärzte von den Patientinnen 200 Lei oder mehr unter der Hand zugeschoben, das sind ungefähr 50 Euro. Eine Menge Geld bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt für Ärzte von umgerechnet 500 Euro und somit eine Versuchung, der nur sehr wenige widerstehen. Es gibt kein Essen, weder für die Patientinnen noch eine Kantine für das Personal. Im Kiosk nebenan kaufen die Väter ein paar Snacks für ihre Frauen und die Ärzte morgens einen Kaffee zum Wachwerden. Alles in allem bietet mir diese Famulatur zwar wenig zum selbst Anpacken, dafür aber aufschlussreiche Einblicke in den Klinikalltag eines rumänischen Krankenhauses, und am Beispiel der vielen jungen Roma-Mütter werde ich schon früh für gesellschaftliche Probleme sensibilisiert, mit denen ich während meines Sozialprojektes noch mehr zu tun haben werde.


Bukarest
An den Nachmittagen und Wochenenden habe ich genügend Zeit, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Schon bald bin ich beeindruckt von dem morbiden Charme der Hauptstadt. Alte, teilweise marode Fassaden stehen direkt neben modernen Gebäuden, eine Stadtplanung ist nicht erkennbar. Überall wird gebaut, viele Straßen sind aufgerissen und nur über Holzstege begehbar. Es gibt unglaublich viele Museen und zahlreiche geschichtsträchtige Orte, an denen man den die Ära der Diktatur unter Nicolae Ceausescu Revue passieren lassen kann. An den Wochenenden mache ich Ausflüge ins Siebenbürgische, um die Städte Brasov und Sibiu zu erkunden, oder ich tauche mit Iulias Freunden in das Bukarester Nachtleben ein. Doch auch viel Armut ist zu sehen. Am Hauptbahnhof sitzen viele Straßenkinder, die Klebstoff aus Plastiktüten inhalieren, und an den Metrostationen ertönen regelmäßig Lautsprecherdurchsagen, man solle den Bettlern in der Stadt kein Geld geben, es würde eine Mafia dahinter stecken und sie dazu zwingen, betteln zu gehen.


Begegnung mit Straßenkindern
“Mindestens 1,80 Meter groß und recht kompakter Körperbau – ziemlich imposante Erscheinung“, denke ich mir, als ich die Ärztin im Lazarus zum ersten Mal sehe. Zweimal in der Woche besucht sie das Sozialzentrum für Straßenkinder in Bukarest. Die Jugendlichen, die entweder im Lazarus wohnen oder direkt von der Straße kommen, erhalten von ihr Medikamente oder einfach nur guten Zuspruch. Schnell bin ich beeindruckt von ihrer Art, mit den Jugendlichen umzugehen. Sie lacht, tröstet, beruhigt, gibt Rat, hört zu. Ich bin überrascht, denn sie gibt sich nicht wie eine „Göttin in Weiß“, sondern ist auf Augenhöhe mit den Jugendlichen. Keine allwissende Heldin, sondern eine herzliche Helferin und Ratgeberin. Gerade deshalb haben alle Respekt vor ihr. Eine junge Frau, die auf der Straße lebt, ihr Körper gezeichnet von Drogen und Hunger, schenkt ihr einen zerzausten Teddybär. Die Ärztin sagt mir, sie versuche, zu jedem eine Beziehung aufzubauen, die ein wenig tiefer gehe als ein normales Arzt-Patienten-Verhältnis. Denn was diese jungen Menschen bräuchten, seien nicht nur Medikamente, sondern vor allem viel Liebe und Zuwendung in ihrem rauen Leben.


An den restlichen Tagen der Woche darf ich die Ärztin vertreten und mich so gut wie möglich um kleinere gesundheitliche Probleme der Jugendlichen kümmern. Wenn ich sie nicht verstehe, zeigen sie auf die 1Kg-Tüte voller rosa Tabletten, Ibuprofen en masse, wovon sie sich wahre Wunder versprechen. Schon bald habe ich mich immer besser eingelebt im Lazarus. Ich helfe in der Cafeteria aus und bediene die Jugendlichen mit Kaffee, Tee oder Keksen. Geld bekommen sie keines, da man befürchtet, dass sie es schon bald wieder für Drogen oder Ähnliches ausgeben. Wenn sie sich aber dafür entscheiden, im Lazarus zu wohnen und mitzuhelfen, bekommen sie nach einem bestimmten System Punkte, mit denen sie dann z.B. einen Kaffee in der Cafeteria kaufen können. Kochen, Fußball, Volleyball oder gemeinsames Musizieren, es ist immer etwas los. Morgens beginnt der Tag schon sehr früh: um halb sieben Uhr ist Morgensport, danach Gottesdienst in der Kapelle und dann Frühstück. An die Gottesdienste morgens und abends kann ich mich nie richtig gewöhnen. Es dauert einige Tage, bis man akzeptiert, dass ich keine Fürbitten vor allen anderen sprechen möchte, was hier normalerweise jeder mehr oder weniger freiwillig tut.


Das Lazarus ist nur eines von mehreren Häusern in und um Bukarest, die zu der Organisation Concordia gehören. Concordia wurde Anfang der 1990er Jahre von einem österreichischen Jesuitenpater gegründet, um Straßenkindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Ganz in der Nähe des Lazarus, das als erste Anlaufstation für die Straßenkinder dient, befindet sich das Casa Iuda. Hier leben vor allem ältere Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren, die teilweise schon eigene Berufe haben, eine Ausbildung machen oder studieren. Dieses Haus soll als Vorbild für die anderen Jugendlichen dienen. Ungefähr 100 km von Bukarest entfernt besitzt Concordia eine Farm. Das Gelände befindet sich auf einer ehemaligen Kolchose, die von Concordia nach dem Ende des Kommunismus aufgekauft wurde. Es gibt mehrere Häuser, in denen jeweils 5 bis 10 Kinder mit einer Ersatzmutter leben. Der Anbau von eigenem Obst und Gemüse, eine eigene Tischlerei und Bäckerei bieten vielfältige Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Schon am ersten Wochenende meiner Zeit bei Concordia habe ich das Glück, beim jährlichen Sommerfest auf der Farm, dem Vis de Vara dabei zu sein. Alle Kinder und Jugendlichen, die einmal bei Concordia waren oder noch sind, treffen sich an diesem Tag, um sich wiederzusehen, zu feiern und zu tanzen.


Nach diesen intensiven Eindrücken und Erlebnissen in so kurzer Zeit fahre ich Mitte Oktober wieder im Zug zurück nach Deutschland und bin sehr dankbar für diese unvergessliche  Reise.

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