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Nepal

von Katharina Chu

01.12.2009 Wenn ich an meine Zeit in Nepal denke, verbinde ich damit Bunt und Grau gleichzeitig. Es waren meine wohl spannendsten zehn Wochen am Stück. Bei meiner Ankunft in Kathmandu wurde ich herzlich, doch schüchtern von meinem Gastbruder Sijan begrüßt, und lärmend vom Hupkonzert des Straßenverkehrs. Am nächsten Tag zeigte mein Gastvater Surjan mir meinen Weg zum Krankenhaus. 30 Minuten schnellen Schrittes ging es vorbei an kleinen Geschäften, Schuhen, Obst, Schlachterei, Stoffen, gegrillten Maiskolben, Klebstoff schnüffelnden Straßenkindern, Tempeln, Blumen, Gebete, Gemüse - Achtung, nicht auf den schlafenden Hund treten - vorbei an einer Universität, Müllhaufen, links, links, rechts, huuuuup… . „Das merkst du dir nie!“ dachte ich mir. Doch diese Überforderung hielt zum Glück nur einen oder zwei Tage an. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich gewöhnt.

Famulatur
Meine vierwöchige Famulatur leistete ich im Model Hospital Kathmandu in der Allgemein Chirurgie unter der Leitung des IPPNW Arztes Dr. Dithal. Es war eine weniger praktisch geprägte Famulatur. Da es streng hierarchisch zuging und immer mehr Interns zur Stelle waren als Hilfsarbeiten anlagen, stand ich nur einmal steril im OP und durfte nur wenige Wundversorgungen durchführen. Es galt zu beobachten. Es gab mindestens zweimal in der Woche eine stundenlange wirklich lehrreiche Visite auf Englisch. Bei diesen Visiten waren auch viele Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Vorgehensweisen möglich, wie zum Beispiel zwischen den Studenten über das Lernen, über den Umgang mit Patienten und über das Prozedere generell.


Es war von Tag zu Tag sehr unterschiedlich, eine Art Berg- und Talfahrt, ob zum Beispiel Englisch gesprochen wurde, ob die Ärzte und Studenten Zeit fanden etwas zu erklären. Bevor ich in Nepal ankam, dachte ich in meinem Übermut, die Grundlagen der Sprache schnell erlernen zu können, um mit den Patienten, die mehrheitlich nicht Englisch sprachen, in Kontakt treten zu können. Doch es erwies sich definitiv nicht als leicht, unter all dem Neuen was da auf mich einprasselte, diese doch weit vom Germanisch- Romanischen entfernte Sprache zu erlernen. Dadurch scheint mir viel Zwischenmenschliches verborgen geblieben zu sein. Etwas was ich wohl am meisten vermisste - im Vergleich zu meinen vorherigen Famulaturen. Famulieren in Nepal hieß für mich zu erleben, welche mir vorher unvorstellbaren Fragen ein Krankheitsfall aufwerfen konnte. Was, wenn beispielsweise ein Patient über längere Zeit eine parenterale Ernährung für umgerechnet zirka 50 Euro pro Tag, oder eine intensivmedizinische Versorgung brauchte? Kann sich das die Familie überhaupt leisten? Lohnt sich das denn überhaupt? Fragen, welche stark von der Kastenzugehörigkeit (das Kastenwesen gilt seit 1963 zwar als formell abgeschafft, bestimmt das Leben aber weiterhin) und dem meist damit verbundenen finanziellen Hintergrund der Familie beeinflusst werden, vom Geschlecht und vom Alter des Patienten. Wenn die Antworten schlecht für einen Patienten ausfallen, kann die Konsequenz daraus eine Nichtbehandlung sein. Das wiederum kann Behinderung mit extremer Lebensqualitätseinschränkung oder gar Tod bedeuten.


Eine besondere Chance ergab sich für mich daraus, dass das Model Hospital engen Kontakt zu seinem Partner-Krankenhaus in Dolakha- Charicot pflegt, das liegt zirka 6 Busstunden östlich von Kathmandu. So konnte ich zusammen mit Marlene, einer österreichischen Medizinstudentin von dem f&e-ähnlichen Programm STEP, für eine Woche Abschied vom staubig-lärmenden Kathmandu nehmen, um im abgelegenen Gaurishankar-Hospital Erfahrungen zu sammeln. Es ist das einzige Krankenhaus in der Region, in dem Operationen wie Sectios und Appendektomien durchgeführt werden können. Deshalb ist ein Fortbestehen dieses Hauses enorm wichtig. Doch genau das war zur Zeit meines Aufenthaltes dort ungewiss. Der Chefarzt der Klinik ging nach drei Jahren zurück nach Kathmandu. Ein Nachfolger konnte nicht bestimmt werden. So sollten junge Assistenzärzte und Interns versuchen, die hinterlassene Lücke zu füllen. Ärzte und Interns, die im Prinzip nie richtig frei hatten, um mal von der Klinik Abstand zu bekommen und ihre Familien zu besuchen. Es gab Internet und Telefonanschluss, aber häufig gab es auch Stromausfall, nicht selten tagelang. Der Generator - immerhin gab es einen - wurde nur für Operationen oder Röntgen angestellt. Es ist traurig, aber auch verständlich, dass die Ärzte und Interns die Tage bis zur ihrer Abreise zählten. Und das an einem Ort, wo medizinische Versorgung so benötigt wird.


Weil es keine Krankenversicherung gibt, müssen die Patienten die Kosten von Diagnostik und Behandlung selbst tragen. Das hat zur Folge, dass sich die Diagnostik meist nur auf die Anamnese und klinische Untersuchung eines Patienten beschränkte. Bei Verdacht auf Infektionskrankheiten wurde aus finanziellen Gründen der Mikrobiologe eigentlich nie befragt. Manchmal war das schlichtweg gar nicht möglich. Meistens gab es statt dessen eine vierfache Breitbandantibiose und Fungizide, mit der Erfahrung oder Hoffnung, dass irgendeins davon schon ansprechen würde. Bei Fragen zu Antibiotikaresistenzentwicklungen hörte ich ein meist leicht resigniertes: “Das ist nun mal Nepal. Antibiotika sind billig, Mikrobiologie teuer. Ich weiß, dass ihr das anders macht.“


Oft wurde ich gefragt, was ich denn in Nepal suche, wenn ich doch aus einem Land käme in dem eine so viel raffiniertere Medizin möglich ist. Fragen, die für mich eigentlich so klar waren, dass es schon wieder schwer fiel die Antworten zu formulieren. Neben vielen anderen Gründen lässt sich vielleicht anführen, dass nepalesische Ärzte um Lösungen wissen, die ein westliches Lehrbuch nicht anbietet. Hier stellten sich oft Finanzierungsfragen vor die Behandlung - was uns so in Deutschland nicht begegnet. So zum Beispiel die Behandlung einer mit Pseudomonaden superinfizierten Kaiserschnittwunde einer Frau aus ärmlichen Verhältnissen. Sie konnte sich die weitere Behandlungen nach der Operation eigentlich nicht mehr leisten. Die Lösung für dieses Problem waren Essig und Honig: Zum einen um die Wachstumsbedingungen der Bakterien zu verschlechtern und zum anderen um die Granulation zu fördern. Die Medizin in Nepal fordert den Patienten einiges an Schmerztoleranz ab.


Diese Woche Famulatur in Dolakha war in ihrem ganzen Umfang etwas Besonderes. Wir wurden sehr herzlich in das Team aufgenommen. Und das trotz einiger Sprachbarrieren. Wir haben gemeinsam mit dem Personal in der Klinikküche morgens, mittags, abends Dahl Baht gegessen (das nepalesische Standardgericht, bestehend aus Reis mit Linsensuppe) und auf der Terrasse des Krankenhauses unzählige Tees getrunken, gesungen, geschwiegen, viel geredet und noch viel mehr aus vollem Herzen gelacht.

Projekt  Health Camp in der Region Madhi
In Nepal ließ sich vieles nicht genau planen. Keine Ahnung, ob es an der Mentalität, an den Übertragungsproblemen des allzeit genutzten nepalsischen Kalenders auf die westliche Zeitrechnung (sie befinden sich schon im Jahre 2066), an Straßen blockierenden Erdrutschen oder einfach an den Feinheiten der Kommunikation lag. Wahrscheinlich war es wie immer ein Masala aus allem. Jedenfalls versuchte ich während der ersten vier Wochen Famulatur in Erfahrung zu bringen, ob es denn ein Health Camp geben würde, an dem ich teilnehmen könnte. Leider nichts passendes, hieß es. Also nahm ich Kontakt mit der CWIN (Child Workers International Nepal) auf, um dort einen Teil meiner „engagieren“- Zeit zu verbringen. Doch genau am Morgen meines ersten Tages in diesem Projekt bekam ich einen Anruf, dass es vom  folgenden Tag an im Süden Nepals ein Health Camp gäbe, wo wir herzlich willkommen wären. (Immer wenn ich „wir“ schreibe, meine ich Marlene -  die mir sehr lieb gewordene österreichische IPPNW-Studentin. Dass wir beiden Frauen fast überall gemeinsam hingefahren sind, wurde von unseren Gasteltern und auch dem Vorsitzenden der PSR-Studierendengruppe sehr begrüßt.) Es galt nun, ganz schnell meine Gasteltern zu fragen, meinen nepalesischen Freunden Bescheid zu sagen, Sachen zu packen. Und los ging‘s. Eine Tagesreise mit dem Bus nach Meghauli zur Clinic Nepal, die das Health Camp organisierte. Von dort ging es am nächsten Tag mit dem Motorrad zwei Stunden weiter Richtung Süden. Dass wir in der Region Madhi angekommen sein mussten, zeigte uns der breite Fluss, durch den es kein Jeep oder Motorrad geschafft hätte. Eine Brücke gab es nicht. Die Lösung? Das Buffalo-Taxi, ein von zwei Büffeln gezogener Karren. Dies ist das Haupttransportmittel in der Region, für Güter und Personen.


Unser Health-Camp-Team bestand aus einem nepalesischen und einem deutschen Arzt, zwei Krankenschwestern, einer Übersetzerin, einem angelernten Apotheker, dem Gesamtkoordinator und aus Marlene und mir. Bei täglich fast 40°C im Schatten (Warum hatte ich eigentlich nach der Temperatur gefragt?) behandelten wir etwa 250 Patienten am Tag, mindestens 9 Stunden lang. Hinzu kamen das Verpacken der Medikamente und meistens noch eine Stunde Fußmarsch oder Fahrt mit dem Buffalo-Taxi hin und zurück zum Quartier. Während der 10 Tage waren wir in 5 verschiedenen Dörfern. Manchmal kam ich mir vor wie im Freilichtmuseum. Nur Pumpe, kein fließend Wasser, Feuerstelle, Büffel, Ziegen, Lehmhäuser mit Reisstrohdächern. Manchmal gab es Strom aus Solaranlagen, die von anderen Hilfsprojekten stammten. Es gab unzählige Patienten mit Infektionskrankheiten, zurückzuführen auf die schlechten hygienischen Verhältnisse. Mangelernährung, besonders der Kinder, war eine andere Krankheitsursache. Es gab viele, eigentlich heilbare Krankheiten, die ohne Zugang zu medizinischer Grundversorgung lebensbedrohliche Komplikationen haben können. Trotz dieser unfassbaren Missstände war es für mich wunderbar diese intensive Zeit in einem Team zu verbringen, welches im Lauf der Zeit immer mehr zusammen wuchs. Vor allem mit den Krankenschwestern haben wir viel gemeinsam gelacht, viele herzliche Momente geteilt. Zwischenmenschlich war es manchmal besonders mit den nepalesischen Männern des Teams etwas schwierig, aber mit der Zeit, durch das Kennenlernen der gegenseitigen Grenzen legte sich das und es kam bald zu sehr erquickenden und aufschlussreichen Gesprächen.


Projekt- Children’s Home in Daldale
Recht schwierig fand ich es heraus zu finden, wann denn das 10 Tage dauernde Fest Dasain stattfinden würde, an dem alles, wirklich alles, inklusive der NGOs schließen sollte. Naja, herausgefunden hab ich es, als es dann soweit war. Im Children’s Home konnte ich ungefähr die Hälfte der sonst dort wohnenden Kinder kennen lernen. Die anderen waren schon bei ihren Familien, wo sie die Feiertage verbringen würden. Die meisten Kinder sind keine Waisen. Sie kommen aus niederkastigen und finanziell schwachen Familien, und würden zuhause keine Schulbildung erhalten, da sie für den Lebensunterhalt der Familie mitarbeiten müssten. Im Heim erhalten sie regelmäßig satt zu essen, ein Bett, das sie nur mit einem anderen Kind teilen müssen, Schulbildung und Schutz vor häuslicher Gewalt - alles Gründe dafür, dass sich die Kinder im Heim fern von der Familie wohl fühlen. Sie sind zwischen 4 und 16 Jahre alt, und die Kleinsten und Neuen werden besonders liebevoll von ihren Heimgeschwistern umsorgt. Immer wenn ein neues Kind ankommt, motivieren die Heimeltern die anderen, auf ihn oder sie besonders Acht zu geben. Schließlich hätten sie es bei ihrer eigenen Aufnahme auch so erfahren. Natürlich kamen mir auch kritische Gedanken: zur Didaktik des Unterrichts, ob die Ernährung ausgewogen ist, darüber, dass immer zwei Kindern in einem Bett schlafen, zu den auch hier mangelhaften hygienischen Verhältnissen, die Ursache für Abzesse und Läuse waren. Aber trotz kritischen westlichen Blicks und Verbesserungsideen an allen Ecken, dieses Heim setzt in meinen Augen ein positives Zeichen. Und mein größter Dank gilt den Heimeltern, die mich so selbstverständlich und herzlich aufgenommen haben! Es war ein spannendes Erlebnis mit den Kindern, manchmal erst zehn Jahre alt, aufschlussreiche Unterhaltungen auf englisch zu führen. Und es war eine tolle Erfahrung, so unkompliziert in den Alltag mit Kochen, Essenausteilen, beim Lernen helfen und Spielen integriert zu werden.

Begleitend
Insgesamt acht Tage lag ich wegen Diarrhö, Erbrechen, Fieber und starken Bauchkrämpfen im Bett. Diese Phasen zogen sich durch den ganzen Aufenthalt. Dabei habe ich unerfreuliche 6 kg an Gewicht verloren. Das alles obwohl ich immer nur „safe water“ (gekochtes und gefiltertes Trinkwasser) trank und meine eigene Seife benützte.


Familie
Das Leben in meiner Gastfamilie empfand ich anfangs als sehr spannend. Es war ja alles so anders, der Tagesablauf, die Regeln und Gewohnheiten. Mit fortschreitender Zeit und besonders bei der Rückkehr von meinen Ausflügen nach Kathmandu, fühlte es sich richtig nach einem nach Hause kommen an. Beide Gasteltern sprachen genügend Englisch, um sich gut mit mir zu verständigen – für mich ein großes Glück, denn besonders Hausfrauen sprechen eher selten englisch. So konnte ich mit meiner Gastmutter Socila den Alltag einer Nepali Frau kennen lernen. Außerdem zeigte sie mir die Geheimnisse ihrer wirklich guten Küche und wies mich in die Kunst der Gewürze ein. Leider sah ich oft die finanziellen Sorgen in ihren Augen. Das Haus war noch im Aufbau, eine Baustelle, und die Preise für Steine stiegen plötzlich um das Dreifache an. An Möbeln besaßen sie das nötigste, einen Küchentisch, und für jeden einen Stuhl, ein Bett und einen kleinen Schrank. Auch die Preise für Reis und Zucker stiegen ständig an. Manchmal traten zwischen uns habituelle oder kulturelle Unterschiede zutage, und dann war es für mich nicht immer leicht. Das betraf oft kleine Dinge wie Wäsche waschen, Abwaschen und Essen, manchmal gab es auch Differenzen über größere Fragen, wie alleine Reisen oder erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück sein.


Da ich gewohnt bin ohne Eltern zu leben, war es manchmal sehr anstrengend, dass mir, einer jungen und noch unverheirateter Frau, plötzlich fast alles vorgeschrieben wurde. Auch wenn das immer gut gemeint war, war es dennoch sehr bevormundend. Doch durch viele geduldige, klärende Gespräche miteinander fand sich für alles ein Weg. Besonders bereichernd waren die allabendlichen Gespräche mit meinem jüngeren Gastbruder Sijan, der mir oft auch als Mediator und Übersetzer unschätzbar hilfreich war.


Für dieses einmalige Erlebnis bin ich der IPPNW unwahrscheinlich dankbar!
Zum Abschluss kann ich mich meinem Vorvorgänger Milad nur anschließen: “Fahrt hin!“

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