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Israel

von Claudia Buntzel

01.12.2009 Wenige Bruchstücke von Israel in Form von Fernsehbildern, Zeitungsartikeln und Buchinhalten gab es in meinem Kopf, bevor ich mich für f&e bewarb. Nun sind ganz viele bunte Bilder, unheimlich wertvolle Erfahrungen und besondere Kontakte hinzugekommen, für die ich sehr dankbar bin. Die Freude war groß, als ich die Mail mit der Zusage für das f&e-Programm bekam und dann sogar für Israel! Doch es war auch Unsicherheit dabei. Wie sollte ich meinen Eltern erklären, dass ich zwei Monate in ein Land ging, wo hin und wieder unvorherzusehen Raketen niedergingen, und wie würde ich selbst damit umgehen? Doch die Begeisterung und Vorfreude übertrafen alle Zweifel, überraschenderweise auch bei meinen Eltern.

Schon am Frankfurter Flughafen traf ich auf Menschen und Sprachen, die mich auf diese Reise einstimmten. Da waren traditionell gekleidete jüdische Familien, man sprach Hebräisch, Russisch, Englisch…, und im Flugzeug wurde koscheres Essen angeboten. Als meine Sitznachbarin die Zeitung von hinten aufschlug, brauchte ich einen Moment bis mir klar wurde, dass logischerweise auch andersherum geblättert wird, wenn man von rechts nach links liest. Ich musste schmunzeln; über mich selbst, über die Kuriosität der doch nicht so selbstverständlichen Selbstverständlichkeiten.


Der Flughafen Ben Gurion hätte auch in jeder beliebigen europäischen Stadt sein können, wären da nicht diese ungewohnten Schriftzeichen. Daneben zum Glück auch alles in Englisch, sonst hätte ich allein gewiss kein Bahnticket am Automaten kaufen können und hätte auch nicht so leicht den Zug nach Kfar Saba gefunden. Als mir auffiel, dass der Wagon vom gleichen Fabrikat war, welches die DB im Nahverkehr einsetzt, kam eine Spur von Heimatgefühl auf. Es war Abend, als ich mich schließlich auf English und mit Gestik zur Schwesternschule des Meir Hospitals in Kfar Saba durchgefragt hatte. Doch Nalmas, die Studentin, die mich erwarten sollte, war nicht da. Sie hatte mit mir am Morgen gerechnet. Ein Missverständnis. Aber sie hatte dafür gesorgt, dass ich in einem Zimmer ihrer Freundin warten konnte, bis sie von der Arbeit kam. So hatte ich gleich am ersten Abend zwei meiner Nachbarinnen kennen gelernt. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, bekam Kochutensilien geliehen und ein Bild, um das Zimmer wohnlicher zu machen. Ich könne mich jederzeit melden, wenn ich irgendetwas bräuchte. Das war ein sehr schöner Einstieg.

Famulatur
Anhand der Beschreibung und Skizze von Nalmas fand ich am ersten Famulaturtag ohne Probleme den Weg zur Psychiatrie Shalvata in Hod Hasharon, allerdings eine knappe halbe Stunde zu spät. Das realisierte ich aber erst einen Tag später, als mir die Differenz zwischen meiner Uhr und der im Krankenhaus auffiel, und auch erst dann war mir klar, warum Dr. Krons erster Satz nach der Begrüßung „Finally you arrived“ war. Dr. Kron ist der Chef der Psychiatrie. Er warnte mich vor der direkten Art der Israelis und der Dynamik in der Jugendpsychiatrie und gab dazu den Rat „Don’t be shy“. Das erste Mal in Israel, das erste Mal Famulatur in einer Psychiatrie, ich eine introvertierte Persönlichkeit  – natürlich war ich am Anfang zurückhaltend. Dr. Kron begleitete mich zu Dr. Abromovic in die gerontopsychiatrische Ambulanz, wo ich drei Tage pro Woche famulieren würde. Auch hier ein freundlicher Empfang und nach einem kleinen Rundgang über das Klinikgelände sah ich auch schon den ersten Patienten. Dr. Abromovic übersetzte mir die Gesprächsinhalte ins Deutsche, berichtete vorab die Vorgeschichte der Patienten und war offen für jegliche Nachfragen. So eine individuelle Betreuung hatte ich noch in keiner Famulatur. Ich war beeindruckt von der Sprachenvielfalt, die mir hier begegnete. Die Mehrzahl der Gespräche fand zwar in Hebräisch statt, aber je nach Land aus dem die Patienten eingewandert waren, sprachen Patient und Angehörige auch untereinander Spanisch, Russisch, Marokkanisch… oder das ganze Gespräch lief auf Englisch, Deutsch, Jiddisch oder Rumänisch. Denn all diese Sprachen beherrscht Dr. Abromovic ebenfalls. Ich erfuhr von sehr vielfältigen Lebensgeschichten, die sich in den unterschiedlichsten Ländern abgespielt hatten, bis die Patienten schließlich nach Israel gekommen waren. Natürlich waren auch einige darunter, die aus Deutschland geflohen waren, die einige Zeit im KZ verbracht hatten und deren Familienangehörige dort ermordet worden waren. Mir lief jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn ich bei einem Patienten die Lagernummer am Arm eintätowiert sah. Dass bei diesen Patienten meist eine Posttraumatische Belastungsstörung oder Depressionen als Diagnose vermerkt war, bedurfte keiner weiteren Erklärung. Daneben war Demenz eine häufige Erkrankung, die die Patienten zu Dr. Abromovic führten.


Zwei Tage pro Woche war ich in der Jugendpsychiatrie. Zu Beginn meiner Famulatur waren in Israel gerade Sommerferien, sodass statt Klinikschule Ausflüge und andere Freizeitangebote stattfanden. Dies war eine gute Möglichkeit um die Jugendlichen in einer lockeren Atmosphäre etwas kennen zu lernen, den richtigen Zugang zu ihnen herauszufinden und mich im Stationstrubel zu orientieren. Ich fand recht bald heraus welche Patienten Englisch sprachen, aber ein Gespräch war auch dann noch oft etwas schwerfällig. Das Freizeitprogramm wurde von den Beschäftigungstherapeuten und Psychologiestudenten durchgeführt, sodass ich besonders zu ihnen und weniger zu den Ärzten Kontakt hatte. Daniela, eine Therapeutin, die auch Deutsch sprach, erzählte mir im Anschluss an die Therapiestunde gerne und ausführlich über einzelne Krankengeschichten und Therapieziele. Dadurch konnte ich das Verhalten der entsprechenden Jugendlichen besser einordnen. Auch in den Gesprächen mit den Jugendlichen selbst erzählten mir einige wenige sehr offen, wegen welcher Probleme sie in die Psychiatrie gekommen waren. Andere waren eher interessiert etwas über mich und das Leben in Deutschland zu erfahren und ein paar Worte auf Deutsch zu lernen. Gegen Ende der Famulatur begann wieder der Schulunterricht und damit auch die übrigen Therapien. Ich durfte an Musik-, Kunst- und Tanztherapie teilnehmen. Auch hier nahmen sich die Therapeuten im Anschluss etwas Zeit um meine Fragen zu beantworten. Am Anfang meines Aufenthalts, als nur Einzeltherapiegespräche und eine Morgengruppe statt fand, war ich verwundert über das geringe Therapieangebot, doch dann sah ich dass Psychiatrie auch in Israel mehr als nur Medikamentengabe war.


Die Ärzte und Psychologen waren vor allem in der Ferienzeit sehr mit Papierkram und Einzeltherapie beschäftigt, da sie zu der Zeit schlecht besetzt waren. So wurde mir von ihrer Seite nur wenig erklärt oder gezeigt. Bei den Besprechungen war ich nur gelegentlich dabei, da sie natürlich in Hebräisch abliefen und verständlicherweise nicht immer jemand Lust hatte für mich zu übersetzten. Einmal hatte eine Assistenzärztin die Idee, dass ich bei einer schizophrenen Patientin, die aus Südafrika stammte, eine Anamnese machen könnte. Das war sehr interessant und es hat Spaß gemacht etwas tun zu dürfen.

Projekt

Das Thema des f&e Sozialprojekts in Israel ist der Holocaust. Frau Dr. Abromovic hatte im Vorfeld vier ihrer Klienten ausgesucht, die die Judenverfolgung durch die Nazis direkt betroffen hatte und die mit einem Besuch durch eine deutsche Medizinstudentin einverstanden waren. Drei von ihnen besuchte ich schließlich wöchentlich. Es fiel mir nicht leicht mit den Erzählungen von KZ-Erfahrungen, Flucht und Todesangst umzugehen. Besonders schwer war es, wenn die Holocaust-Überlebenden zu weinen begannen und so die schrecklichen Ereignisse mich emotional noch mehr ergriffen. Einige Erzählungen sind mir noch haargenau im Ohr; so zum Beispiel die Beschreibungen des Abschieds von den Eltern am Bahnhof auf der Flucht nach Holland, von der Angst an der Grenze als Militärstiefel am Zugabteil vorbei marschieren, vom beinahe tödlichen Schuss, als der hungernde N. im KZ ein paar Kartoffeln mitgehen lassen wollte.

Geschichten, die ich aus Büchern und Spielfilmen in ähnlicher Weise kannte, wurden plötzlich lebendig, bekamen reale Namen und Gesichter. Zuvor als so fern empfundene Ereignisse wurden nah, erschreckend nah, aber nicht begreiflicher. Die Holocaust-Überlebenden erzählten mir nicht nur von dem Leiden durch die Nazis, sondern auch von den Schwierigkeiten nach Israel zu kommen und dort einen Neuanfang zu machen, nachdem sie wirklich alles in Europa hatten zurücklassen müssen. Mir wurde durch die Begegnungen mit den Holocaust-Überlebenden erst richtig klar, welch enorme Leistung diese Menschen vollbracht hatten und welch große Lebensenergie und Lebenswillen in ihnen steckte. Sie haben nicht nur dem Holocaust widerstanden, sondern ein Land fast aus dem Nichts aufgebaut, gegen Angriffe der Nachbarn verteidigt und der vielköpfigen nachfolgenden Generation das Leben ermöglicht. Dies vor den Augen empfand ich starke Bewunderung für diese Menschen. Ich spürte wie sich durch die regelmäßigen Besuche der Kontakt positiv entwickelte, wie wir einander vertrauter wurden und sich beide Seiten auf die Treffen freuten. Für mich war es schön, dass ich durch mein Zuhören, meine Geduld, mein Dasein den Holocaust-Überlebenden etwas Gutes tat, und ich genoss ihren zuweilen großmütterlichen Umgang mit mir.

Einen Tag besuchte ich den Verein Amcha in Petach Tikwa. Dort treffen sich an fünf Tagen der Woche Holocaust-Überlebende zum Austausch und zu gemeinsamen Aktivitäten. Darüber hinaus können sie psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen. Am Vormittag kam eine Gruppe polnischer Studenten zu Besuch. Die älteren Leute wirkten schon im Vorfeld etwas aufgeregt und fielen sich dann beinahe gegenseitig ins Wort, weil jeder den Studenten von seinen Erfahrungen und Gedanken zum Holocaust erzählen wollte. Mich hatte gleich am Morgen eine Dame die Deutsch sprach unter ihre Fittiche genommen. Sie übersetzte mir ein bisschen von dem Dialog zwischen Studenten und Holocaust-Überlebenden, der auf Polnisch und Hebräisch stattfand. Die Studenten machten sich wieder auf den Weg. Ich blieb und lauschte mit einem Teil der Gruppe einer Art Kabarett in Jiddisch. Hier wurden auch Witze über Personen und Ereignisse im Dritten Reich gemacht. Im Anschluss spielte ich noch mit vier Damen Rommé. Als ich mit einer dieser Damen schließlich den Verein verließ und wir uns zur Verabschiedung umarmten, meinte eine Mitarbeiterin von Amcha „It seems that S. has adopted you.“ So ungefähr fühlte ich mich. S. und ihre Freunde hatten mich so herzlich bei Amcha aufgenommen, wollten mir erzählen und mich großmütterlich mit Keksen und Kaffee umsorgen. Es war ein wundervoller Tag mit warmherzigen Menschen, die trotz ihrer grausamen Erfahrungen in der Vergangenheit das Lachen und die Lebensfreude nicht verloren zu haben schienen.


Losgelöst von der eigentlichen Thematik des Projekts, aber nicht weniger interessant war mein Besuch in der Open Clinic in Tel Aviv. Der Verein Physicians for Human Rights betreibt diese Einrichtung, um illegalisierten Migranten und anderen Personen ohne Krankenversicherung medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Dr. Abromovic hatte mir erzählt, dass ein junger Psychiater aus Shalvata dort ehrenamtlich arbeitet. Nicht zuletzt weil ich mich im Rahmen von Medinetz in Deutschland in derselben Problematik engagiere, war ich sehr daran interessiert die Open Clinic kennen zu lernen. So fuhr ich eines Nachmittags nach Dienstschluss in Shalvata mit Ido nach Tel Aviv und hospitierte bei seiner psychiatrischen Sprechstunde. Ich sah einen Kolumbianer, der wegen politischer Verfolgung geflohen war, aber seine Familie hatte zurücklassen müssen, Asiaten, die legal zum Arbeiten nach Israel gekommen waren, mit der Kündigung aber auch ihre Aufenthaltserlaubnis und Versicherung verloren hatten. Psychopharmaka waren knapp, Psychotherapie schwer zu organisieren und manchmal gab es keine gemeinsame Sprache zwischen Arzt und Patient, aber die ehrenamtlichen Ärzte taten ihr Bestes all ihre Patienten gut zu versorgen. Der Wartesaal war voll und als ich mich nach vier Stunden auf den Heimweg machte, war für Ido die Arbeit noch lange nicht beendet.

Wochenendausflüge

Das Wochenende liegt in Israel einen Tag früher und was für uns der Sonntag ist, ist für Israelis der Shabbat. Doch am Shabbat, der am Freitagabend beginnt und 24 Stunden dauert, sind nicht nur alle Geschäfte geschlossen, sondern auch alle Cafés, Restaurants, Kinos etc. Außerdem fahren keine Busse. So lag es nahe, dass ich die Wochenenden nutzte um das Land etwas kennen zu lernen. Freitagmorgens kehrte ich Kfar Saba den Rücken und kam erst am Samstagabend zurück. Ein Ausflug führte mich nach Akko und Nazareth, wo ich durch Zufall in einem palästinensischen Kulturzentrum landete, Ein junger Araber wollte dort eine Anlaufstelle für Jugendliche aufbauen und das Projekt durch Übernachtungsgäste finanzieren. Nazareth ist die Stadt mit der größten arabischen Gemeinde in Israel und so war trotz Shabbat noch einiges los auf den Straßen. Der Muezzin rief zum Gebet und die Kirchenglocken läuteten.

Schon in Akko waren mir die vielen arabischen Schriftzüge aufgefallen, der Markt und die Altstadt, die eine ganz andere Atmosphäre verbreiteten, als die von jüdischen Israelis bewohnten Städte. Die jungen Palästinenser in dem Kulturzentrum luden mich zu typischen Speisen ihres Volkes ein. Ich hatte Mühe nicht allzu ungeschickt beim Essen mit den Fingern zu sein. Ich hatte das Gefühl in ein anderes Land gefahren zu sein und doch war auch dies Israel.


Eine schöne Begegnung hatte ich auch bei meiner Reise an den See Genezareth. Als ich mich am frühen Abend so langsam nach einer Übernachtungsmöglichkeit umsah, stieß ich auf eine Gruppe israelischer Väter, die mit ihren Kindern ein kleines Zeltlager aufgeschlagen hatten. Ich brauchte nicht groß fragen, ob ich in ihrer Nähe mein Nachtlager aufschlagen dürfte, um nicht allein zu sein. Schneller als gedacht war ich in die Gruppe integriert, schnibbelte mit den Mädels das Gemüse fürs Abendessen und verbrachte schließlich auch noch den nächsten Tag mit ihnen. Ich war ganz angetan von dieser freundlichen Offenheit.


Mit dem Kontakt zu anderen Studenten lief es nicht ganz so leicht, abgesehen von Nalmas, die mich gleich am ersten Abend so nett empfangen hatte. Im Wohnheim, wo ich untergebracht war, herrschte relativ wenig Betrieb, da noch Sommerferien waren und die anwesenden Studenten tagsüber meist arbeiteten, sodass mir am Nachmittag nicht viele Leute begegneten. Doch am Abend schaute ich öfters bei Nalmas vorbei, lernte über sie noch andere Schwesternschülerinnen kennen und besuchte sie auch einmal in ihrem muslimischen Heimatdorf. Es war gerade Beginn des Fastenmonats Ramadan als ich in dem tscherkessischen Dorf Kfar Kama zu Besuch war. Ich wachte kurz auf, als um vier in der Frühe die Dorfbewohner mit Trommelschlägen geweckt wurden um noch vor Sonnenaufgang etwas essen zu können. Da Nalmas Familie es mit dem Fasten nicht ganz so genau nahm, blieben wir liegen. Aber am Abend warteten wir dann doch den Ruf des Muezzins ab, der das Ende des Fastens verkündete, bevor wir zu Messer und Gabel griffen. Noch eine neue Ethnie mit eigener Sprache und Kultur hatte ich durch diesen Besuch kennen gelernt.


Einen Einblick in jüdische Traditionen bekam ich an Rosh Hashana, dem jüdischen Neujahrsfest. Eine Assistenzärztin aus Shalvata hatte mich zum Festessen ihrer Familie eingeladen. Nach dem Anzünden der Kerze und einleitenden Gebeten aus der Thora gab es eine Reihe symbolischer Speisen, zu denen jeweils ein Gebet gesprochen wurde. Erst danach folgte das eigentliche Mahl. Sehr typisch ist es in Honig getunkten Apfel zu essen. Es symbolisiert ein süßes neues Jahr. Ich war glücklich diesen Abend im Kreise einer Familie mitfeiern zu dürfen und fühlte mich dort pudelwohl, sodass ich erst spät in der Nacht, nachdem wir noch gemeinsam einen Film geschaut hatten, zurück ins Wohnheim kam.

Westjordanland

Als meine achtwöchige Famulatur und damit auch das Projekt zu Ende ging, verabschiedete ich mich von all den Menschen, die ich in Shalvata und Umgebung kennen gelernt hatte und machte mich auf eine Reise nach Südisrael und in die Westbank. Ich besuchte Sophie und Lisa, die diesen bzw. letzten Sommer mit f&e in Bethlehem waren. Leider hatte ich nur wenige Tage, um einen Eindruck vom Leben im Westjordanland zu bekommen, denn eigentlich hätte es dafür noch mal einen ganzen f&e-Sommer gebraucht. Auch wenn mir so nur ein kleiner Einblick möglich war, möchte ich diesen nicht missen. Während sich in Israel für mich der Nahostkonflikt überwiegend nur in hoher Militärpräsenz und zahlreichen Sicherheitskontrollen zeigte, schlugen mir in der Westbank an fast jeder Ecke Zeichen des Konflikts ins Gesicht. Da war zuerst der große Checkpoint zwischen Jerusalem und Bethlehem, an dem die „Grenzübertritte“ der Palästinenser mittels Handscan registriert wurden, die acht Meter hohe Mauer, vor der ich mich klein und gefangen fühlte, die Flüchtlingscamps gezeichnet von bewaffneten Auseinandersetzungen und gespickt mit Symbolen der Forderung auf Rückkehr in die Heimatdörfer. Während ich in Israel eher das Gefühl hatte, dass Gesprächen über den Nahostkonflikt aus dem Weg gegangen wurde, sprachen die Palästinenser mich häufig darauf an und schilderten ihre Sicht der Dinge. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir der Besuch von Jenin und Hebron. In Jenin besuchte ich zwei Projekte, die vor allem jungen Palästinensern eine Perspektive geben sollen: Das Freedom Theatre gibt der Jugend des Flüchtlingscamps in Jenin einen Raum, ein Medium, in dem sie vergangene Erfahrungen, Traumatisierungen, Alltag und damit verbunden Gefühle ausdrücken und dadurch etwas verarbeiten können. Im Rahmen des Projekts Cinema Jenin wird das alte Kino der Stadt wieder aufgebaut, und es entstehen darüber hinaus weiter kleine Projekte, an denen sich viele junge Leute aus Jenin beteiligen.


In Hebron empfing mich eine ganz seltsame Atmosphäre. In der vornehmlich von Palästinensern bewohnten Stadt haben sich ein paar jüdische Siedler niedergelassen, wodurch die Altstadt in palästinensische und jüdische Abschnitte geteilt ist. Einige Gassen sind durch Mauer oder Zaun und Stacheldraht abgesperrt und von israelischem Militär bewacht. Die Altstadt wirkt in weiten Teilen ausgestorben, zum Teil heruntergekommen, und die an die Siedlerhäuser grenzenden Gassen sind mit Gittern überdacht, damit die Siedler keinen Müll oder anderes auf die in der Regel palästinensischen Passanten werfen. Ich hielt es nicht lange aus in dieser Stadt voll geballter gegenseitiger Ablehnung und Missachtung. Ich habe während dieses Sommers für beide Konfliktparteien mehr Verständnis gewonnen, aber hier fehlten mir wieder einmal die Worte, genauso wie bei den „Märtyrerbildern“ (= Plakate von Selbstmordattentätern), die in den Flüchtlingscamps an jeder zweiten Ecke klebten. Der Nahostkonflikt ist für mich nicht klarer geworden, sondern hat noch mehr an Komplexität dazu gewonnen. Doch eine Art Verständnis, warum es für beide Seiten so schwierig ist einen gemeinsamen Weg zu finden, hat mich auch erreicht.


Welch ein Sommer!! Niemals möchte ich diese kostbaren Erfahrungen missen und auch nicht die neuen Fragezeichen, die sie zum Teil aufgeworfen haben. Ich bin dankbar für dieses Geschenk und freue mich im nächsten Sommer gedanklich noch einmal auf Reise nach Israel gehen zu können. Vielleicht ja mit dir.

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