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Erinnerungen an Deutschland

von Chudamani Giri

01.12.2009 Nach langer aufgeregter Wartezeit landete das österreichische Flugzeug mit mir an Bord am 3. Juli auf dem Flughafen Berlin-Tegel. Eine schöne Morgensonne begrüßte mich in Deutschland. Damit nahm meine erste Reise nach Europa  Gestalt an. Obwohl ich in dieser fremden Umgebung einigermaßen nervös war, wurde ich von Ulla, die schon auf mich wartete, herzlich willkommen geheißen. Berlin grüßte mich mit wunderbarem Wetter und einem warmen Empfang in der IPPNW-Geschäftsstelle. Das war ein aufregender Tag für mich, und meine Augen nahmen alles Fremde auf.

Als ich, nach liebevoller Verabschiedung durch Ulla, meinen Zug nach Magdeburg bestieg, war ich ein bisschen ängstlich. Es schien, als ob alle Augen auf mich gerichtet waren, ein Gefühl, das Ausdruck meiner Befangenheit war. Der Zug durchfuhr eine dörfliche Landschaft, dieses in einem hochindustrialisierten Land zu sehen, war für mich großartig. Und ich kam pünktlich an meinem Bestimmungsort an – solch ein Privileg hatte ich in meinem Land noch nie. Nini, eine IPPNW-Studentin, vietnamesischer Abstammung und mit viel Sinn für Humor, nahm mich in Empfang. An den folgenden beiden Tagen war ich erst mal allein – etwas langweilig einerseits, aber alles in allem auch wunderbar. So musste ich die neue Umgebung auf eigene Faust erkunden, fühlte mich dabei ein bisschen wie Kolumbus auf dem Weg nach Amerika, so sehr dieser Vergleich auch hinken mag, machte er mir doch unbändigen Spaß.

Magdeburg und Otterndorf
Die Famulatur im Otto-von-Guericke-Universitätskrankenhaus war für mich recht ergiebig. Ich, der ich aus einer ärmlich ausgestatteten Welt komme,  fand mich plötzlich inmitten eines Ozeans von Technologie. Viele Ärzte, auch wenn sie nicht Englisch sprachen, waren recht hilfsbereit mir gegenüber. Medizin ist ja eine Kombination aus Wissenschaft und angewandter Heilkunst ist, und so hatte ich mit der ersten Hälfte keine Schwierigkeiten, für die zweite musste ich alle meine Sinne auf Empfang stellen, um wenigstens ein bisschen mitzukriegen.
IPPNW Freunde hatten für mich eine wunderbare Garnitur von Programmpunkten ausgedacht. Damit hatte ich die Gelegenheit, Deutschland und Europa als Ganzes und aus unterschiedlichsten Perspektiven wahrzunehmen. Mit Dr. Gisela Penteker in ihrer Landarztpraxis bei Otterndorf zu arbeiten, erwies sich als erstklassige Erfahrungsquelle über die Realität der deutschen Gesellschaft. Obwohl hier alle Bürger eines hochentwickelten Landes sind, haben sie doch ihre Probleme. Sie leben nicht im Lande Utopia, wie es uns in unserem Teil der Welt im allgemeinen erscheint. In jeder Gesellschaft gibt es Liebe, Hass, Armut und Leiden, auch wenn sie sich hinsichtlich ihrer Natur und ihres Ausmaßes unterscheiden. Und da bildet Deutschland keine Ausnahme.
Eine weitere großartige Gelegenheit, einen Blick auf die dunklere Seite des Lebens in Deutschland zu werfen, eröffnete mir mein Praktikum im Gesundheits- und Sozialzentrum für Obdachlose in Berlin. Egal, welcher Nationalität wir sind, welcher Rasse, welcher Religion wir angehören – Menschen sind überall auf der Welt gleich, insofern als sie die gleichen menschlichen Instinkte besitzen. Wir handeln unterschiedlich oder versuchen, unterschiedlich zu handeln – so wie wir durch unterschiedliche  Regelwerke oder Vorschriften, durch Normen und Werte  eingegrenzt sind.

Reisen in Europa
Dank der gesetzlichen Auswirkungen der europäischen Union hatte ich auch die Chance, Warschau und Prag zu besuchen, zwei Städte, die sich total von Deutschland unterscheiden – ein inner-europäischer Unterschied im Entwicklungsniveau.

Berlin
Die für mich mit Abstand aufregendste Stadt war Berlin. Berlin ist eine wunderbare Stadt, nicht nur weil sie Parks mitten im Zentrum und üppiges Grün entlang der Straßen hat, sondern auch weil sie die fratzenhafte und kalte Geschichte der Welt bewahrt. Ich habe keinen einzigen Deutschen getroffen, der stolz auf diese Geschichte ist. Alle bedauerten diese Geschichte und sie sind sehr bemüht, mit Menschen in aller Welt Freundschaft zu schließen. Ich besuchte das ehemalige Konzentrationslagers Sachsenhausen, das als Gedenkstätte erhalten wird damit die Vergangenheit nicht vergessen wird und um die Menschen zu motivieren für eine friedliche Welt zu arbeiten. Die Überreste der Mauer, die einst die schöne Stadt geteilt und die Gefühle der Berliner verletzt hatte, werden, so hässlich sie sind, als monströse Erinnerung an die Vergangenheit bewahrt . Berlin hat sich nach dem Fall der Mauer sehr verändert und ist heute eine der am meisten besuchten Städte Europas. Und Berlin hat den Besuchern auch viel zu bieten. Einerseits ist es die Stadt großer Wissenschaftler und Denker und andererseits hat es mit uns gemeinsam das gleiche Elend: Bettlerei und Prostitution.
Mein Land Nepal mit Deutschland zu vergleichen, bereitet mir einige Pein. Sind wir doch Hunderte von Jahren hinter Deutschland zurück, in jedem Bereich des Lebens. Die Deutschen achten ihre Arbeit und sind stolz darauf zu arbeiten. In unseren Körpern zirkuliert dagegen die Faulheit. Es scheint, dass wir Nepalesen überhaupt keine Träume haben. Aber wer es nicht wagt zu träumen, kann auch keine schöne Zukunft erwarten. Noch trage ich genügend Hoffnung in mir – schließlich wurde Europa ja auch nicht an einem Tag gebaut und es hat für seinen jetzigen Zustand einen hohen Preis gezahlt.

Die beiden Monate, in denen mir vor allem meine Sprache gefehlt hat, waren die ganze Zeit sehr aufregend für mich. So wie es heißt: „Eigne dir Wissen an als würdest du niemals sterben und genieße das Heute als würdest du morgen sterben“, genoss ich jeden Augenblick in Deutschland. Ich traf warmherzige Menschen wie Ulla, Gosia, Nini, Dr. Gisela, Theresa und andere IPPNW-Offizielle in Berlin. Ich hatte eine wunderbare Zeit mit ihnen. Ulla war immer für mich da, bei meiner Ankunft, zwischendurch, bei meinem Abschied und bis zuletzt.


Jetzt bin ich zurück in meiner Heimat, mit so vielen Erinnerungen, die ich mein Leben lang wertschätzen werde. So weit ich auch geografisch entfernt sein mag habe ich doch lebhafte flashbacks jener wunderbaren Augenblicke. Ich hoffe, ich werde diese Freunde irgendwann, irgendwo einmal wiedersehen.


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