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Gast aus der Türkei

von Hilal Çelik

Hallo an alle!


Ich heiße Hilal Çelik und bin Medizinstudentin im letzten Semester und Ärztin im Praktikum in Izmir. Ich möchte meine Erfahrungen während eines Praktikums in Deutschland, das über die IPPNW vermittelt wurde, mit euch teilen.


Ursprünglich war für dieses Praktikum eine andere Kommilitonin vorgesehen, die großes Interesse und sich frühzeitig beworben hatte, dann aber leider absagen musste. Im Türkischen gibt es das Sprichwort vom „Kismet“ und nun hatte das Kismet mich ausgesucht.


Am 15. Juli, einen Tag nach meinen Prüfungen, bin ich, um mich bei Anne zu bedanken und die Geschäftsstelle der IPPNW und Berlin kennenzulernen, zuerst dorthin gereist.


Alles fing schön an. Der Flug verlief angenehm. Als ich in Berlin landete, dachte ich, dass Marek, bei dem ich wohnen sollte, mich am Flughafen abholen würde. Ich sendete ihm eine entsprechende Nachricht und er antwortete, dass ihm nichts davon bekannt war. Als ich das hörte, war ich natürlich geschockt. Daraufhin schrieb ich an Anne, die mir antwortete, dass Marek schon auf dem Weg sei. Es war nämlich so, dass der Marek, der mich abholen sollte, ein anderer Marek war: D Dieser Marek, der sich auf dem Weg zu mir befand, war ein anderer Praktikant vom IPPNW. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich auch beim Flughafen Tegel für das kostenlose Wifi bedanken. Dann trafen wir uns mit Marek. Zum ersten Mal erlebte ich, dass jemand mich am Flughafen mit einem Schild mit meinem Namen erwartete. Das fand ich sehr schön. Wir stiegen in den Bus, um zur Geschäftsstelle zu fahren. Beim Aussteigen riss der Griff von meinem Koffer und ich betete, dass mich das Pech nicht verfolgen möge.


Anne empfing mich wie immer sehr freundlich und herzlich. Wir hatten uns so viele E-Mails geschrieben, dass ich das Gefühl hatte, einen mir gut vertrauten Menschen wiederzusehen. Ich überreichte ihr meine Geschenke, Lokum und türkischen Kaffee. In der Geschäftsstelle habe ich noch mehr freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Ich war überrascht, dass dort auch eine Türkin angestellt ist. Bei dieser Gelegenheit sende ich auch liebe Grüße an Lale. Das Büro der Geschäftsstelle war größer, als ich es mir vorgestellt hatte und ich erfuhr, dass die deutsche Sektion auch eine politische Abteilung hat. Nachdem wir einen Kaffee getrunken hatten, verabschiedete ich mich. Für den nächsten Tag verabredeten wir uns mit Marek zu einem Sightseeing in Berlin. Dann machten wir uns auf den Weg zur U-Bahnstation. Marek hatte den kaputten Griff von meinem Koffer mit einem Seil „repariert“. Es war auch sehr nett von ihm, mich bis zur U-Bahnstation zu begleiten. Am Eingang der U-Bahnstation sprach uns eine nette ältere Dame an und fragte, ob wir ihre Tageskarte haben wollten. Wir fragten nach dem Preis, aber sie wollte nichts dafür haben. Es ist schön zu erleben, dass es noch gute Menschen gibt.


Dann machte ich mich auf den Weg und fand auch die Straße und das Haus. Aber auf dem Klingelschild war kein Name. Nach einigen Mühen und Telefonaten schaffte ich es dann doch, hinein zu kommen. Meine Gastgeber waren total süß. Marek, Denise und ihre vierjährige Tochter Schoschana haben mich für zwei Nächte aufgenommen.


An diesem Abend wollte ich zuerst einmal ein bisschen allein hinausgehen. Ihr werdet ja verstehen, dass ich eine Tageskarte, noch dazu in der Eurozone, nicht einfach hätte ungenutzt verfallen lassen können. Ich hatte auch großen Hunger, da ich ja nur gefrühstückt hatte. Und so aß ich zuerst einmal den berühmten türkischen Döner, da mir ja sonst auch keine andere Berliner Spezialität bekannt war. Der schmeckte dann aber auch wirklich anders als gewohnt. Anschließend ging ich zum Holocaust Mahnmal, zum Brandenburger Tor und zum Alexander Platz. Später gingen wir mit meinem Gastgeber Marek noch zur East Side Gallery. Berlin ist wirklich eine sehr kosmopolitische Stadt. Ich hatte schon ein privates Praktikum in München absolviert und finde, dass sich beide Städte sehr voneinander unterscheiden. Berlin ist voller und lebendiger. Mit dem Fluss entlang der East Side Gallery ergab sich ein beeindruckendes Bild. Besonders haben mich die Bilder berührt, die über die syrischen Flüchtlinge auf die Mauer gemalt worden waren.


Später bekam ich Anrufe von meiner Schwester und meiner besten Freundin, die am Telefon weinten. Ich erfuhr von dem Putschversuch in meiner Heimat, was mich sehr erschütterte. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, in Deutschland zu sein, oder unglücklich sein sollte, da ich weit weg von meiner Familie und Freunden war. Ich wusste auch nicht, was ich glauben konnte. Mein einziger Wunsch war, dass es ihnen gut gehen möge. Zum Glück befanden sie sich im Urlaub, weit weg von den Geschehnissen. Ich kann gar nicht beschreiben, was ich an diesem Tag gefühlt habe. Ich habe überlegt, ob ich zurückkehre und bei meinen Freunden in München angerufen. Ich war so ratlos, dass ich geweint habe. Als es mir wieder besser ging, sind wir mit Marek wieder nach Hause gegangen. Ich weiß gar nicht wie ich diese Nacht verbracht habe. Ich habe mit meiner Familie und Freunden telefoniert und die Nachrichten verfolgt. Es war wirklich eine sehr schwere Zeit. Denise und Marek haben mir Schokolade und Kekse angeboten, um mich zu trösten und ich habe ihnen mein Lokumgeschenk gegeben.


Am nächsten Tag, habe ich mich, obwohl es mir nicht besonders ging, etwas gesammelt und mit Denise und Schoschana gefrühstückt. Später haben wir uns mit Marek getroffen. Wir waren am Checkpoint Charly, Alexanderplatz und am Reichstag und haben Eis gegessen. Später haben wir mit Freunden von Denise und Marek Picknick gemacht. Das war an einem Ort, wo sich früher ein Flughafen befand. Wir hatten eine schöne Zeit und sind dann wieder nach Hause zurückgekehrt.


Am nächsten Tag bin ich nach Lübeck aufgebrochen. Unterwegs habe ich ganz aufgeregt die Landschaft angeschaut und mit meiner Mitbewohnerin Lena gesprochen. Sie sind zur Haltestelle gekommen, um mich abzuholen. Die Landschaft dort war wirklich sehr schön. Eine richtig schöne deutsche Kleinstadt. Gemeinsam haben wir es dann nach Hause geschafft. Ich wusste nicht, was für ein Haus das sein würde. Ich hatte eher mit einer Wohnung gerechnet. Es war aber ein schönes großes vierstöckiges Haus mit fünfzehn Bewohnern, worüber ich sehr gestaunt habe. Es war ein sogenanntes „Haus Projekt“. Sie hatten das Haus gemeinsam gekauft und lebten als Wohngemeinschaft. Es gab Bewohner, die ein Catering betrieben, Lehrer, Familien, Singles, Arbeitslose, Studierende und sogar einen Maler. Außerdem gab es zwei Katzen und einen Hund.


Es war wirklich ein außergewöhnliches Haus. Unten gab es eine Waschküche, eine Schreinerwerkstatt, einen Partyraum, ein Gemeinschaftswohnzimmer und eine Küche. Zuerst habe ich mein Zimmer, oder besser gesagt Harry Potter’s Chamber Room bezogen, d.h. einen Platz unter der Treppe, wo Platz für ein Bett war :D Als Anna-Lena etwas später in das Haus kam und alles sah, stand sie unter Schock. Wir haben uns mit ihr im Krankenhaus, wo ich mein Praktikum anfangen sollte, verabredet, aber sie konnte leider nicht kommen, da sie vermutlich verschlafen hatte.


Nachdem ich im Krankenhaus alles selber erledigt hatte und wegen der halbstündigen Verspätung noch einen kleinen Tadel einstecken musste, konnte es losgehen. Ich habe mit dem Stationsarzt und dann mit dem Chefarzt gearbeitet. Der Chef war wirklich sehr engagiert und es hat mir großen Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten, was, wie ich glaube, auf Gegenseitigkeit beruhte, da ich ihm immer folgen musste und er dem Assistenten und mir täglich Prüfungsfragen stellte. Gut war sicher auch, dass ich die Fragen richtig beantworten konnte, auf die der Assistent keine Antwort wusste. Da ich die Fachrichtung Dermatologie anstrebe, habe ich auch hier in dieser Abteilung angefangen. Das Praktikum in München habe ich auch in der Dermatologie absolviert. Ich hatte Glück, dass die Dermatologie in diesem Krankenhaus einen guten Ruf hatte und viele Patienten hierher überwiesen wurden.


Um wieder auf mein Zimmer zurückzukommen: nachdem ich eine Woche unter der Treppe geschlafen hatte, fuhr das Paar, das unter dem Dach wohnte in den Urlaub, so dass ich in ihre große Wohnung überwechseln konnte. Im Krankenhaus ergab es sich, dass der Freund eines Freundes aus Izmir dort ebenfalls ein Praktikum machte und wir uns kennenlernten. Das war ein großer Zufall. Dann habe ich noch eine Praktikantin namens Lihn kennengelernt. Einen Abend sind wir mit ihr und ihrer Freundin zu einem Gedichteabend in ein Café gegangen. Das war auch eine interessante Erfahrung für mich, :D da ich ja nur Teile verstanden habe. Ein Wochenende waren wir in Hamburg mit einem Freund, den ich aus der Oberschule kenne. Es gibt in Hamburg ein regelrechtes Rotlichtviertel. Das hat mich ehrlich gesagt sehr verwundert. Ich finde es immer sehr traurig zu sehen, wie Frauen auf der Straße verkauft werden, oder sich selbst verkaufen. Ein anderes Wochenende war ich in Kopenhagen. Ich bin auch ein Wochenende in Lübeck geblieben und habe Einkäufe gemacht. Am letzten Wochenende bin ich in die Türkei zurückgereist.


Da der Bericht zwei Seiten lang sein sollte, muss ich hier schließen. Ich habe wirklich eine schöne Zeit verbracht und bedanke mich dafür bei der IPPNW-Familie. Ich hoffe, dass wir uns irgendwann wiedersehen und sende liebe Grüße aus Izmir.

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