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USA

von Ursula Völker

01.12.2008 Im Sommer 2008 befanden sich die Vereinigten Staaten von Amerika im Wahlkampf, im Krieg und mit Michael Phelps im olympischen Schwimmbecken. Eine Medizinstudentin aus Deutschland war für zweieinhalb Monate zu Besuch in Wunderland und abwechselnd bezaubert, erschüttert, hingerissen und wütend. Sie hatte sich vorgenommen, das Dickicht aus Vorurteilen und Klischees, das die USA wie kaum ein anderes Land umgibt, ein wenig zu lichten.

Ich sitze im Flugzeug nach Boston und lese den amnesty-Jahresbericht 2007 für die USA. Neun klein gedruckte Seiten zu Guantánamo, Irak, Afghanistan, Misshandlungen im Gefängnis, Todesstrafe. In Europa Allgemeinwissen, genauso gern konsumiert und diskutiert wie Hollywood und McDonalds. Jeder weiß Bescheid über die Verbrechen der US-Regierung, und wie leicht lässt sich mit ihnen ein gepflegter Antiamerikanismus rechtfertigen. Als ich schließlich den sagenumwobenen amerikanischen Boden unter den Füßen habe, ist mir nicht ganz klar, wie ich die Informationen mit meinen Eindrücken unter einen Hut bringen soll. Weder will ich den schillernden Seifenblasentraum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten zerplatzen sehen, noch kritiklos meine Zeit in den Staaten genießen, ohne den kleinsten Schritt hinter die Kulissen zu machen. Um es gleich vorweg zu nehmen – die Lösung dieses Dilemmas sind die Amerikaner selbst. Wer hätte das gedacht, in und um Boston treffe ich auf unglaublich viele mutige und engagierte Menschen, die offen ansprechen, was in ihrer Heimat schief läuft und sich über ehrliche Kommentare aus dem alten Europa freuen.

Das Central Office der IPPNW

Das Central Office der IPPNW ist eine Oase für Friedensaktivisten. Von der ersten Sekunde an bin ich glücklich, mich vier Wochen lang als offizielle Praktikantin bezeichnen zu dürfen! Während ich vergilbte Dokumente aus den Gründungszeiten der IPPNW digitalisiere, Artikel schreibe und das unerschöpfliche Reservoir spannender Bücher in der Lown-Library durchstöbere, bleibt genügend Zeit, John, Aki, Dan, Michael, Doug, Deborah und Maria von der Arbeit abzuhalten und sie mit Fragen zu löchern. Aki erzählt mir, warum sie so gerne für die IPPNW arbeitet – nicht zuletzt der Idealismus der studentischen Mitglieder ist eine große Motivation, und sie freut sich immer, deren Projekte zu unterstützen. Besonders wegen der gemütlichen Sofaecke am Eingang der Büroräume ist es schon ein wenig schade, dass das Central Office im November bereits andere vier Wände gefunden haben wird. Tröstlich allerdings, dass nicht nur die IPPNW ihr Quartier wechseln muss – denn während der Umzug des Central Office vom Central Square zum Union Square bereits perfekt ist, beginnt im Oval Office erst das Kofferpacken.

Boston zu Fuß

Boston sei für Fußgänger kein ungefährliches Pflaster, warnt mich Aki gleich am ersten Tag, als wir auf der Massachusetts Avenue unterwegs sind um auf dem Biowochenmarkt für die Mittagspause einzukaufen. In der Tat, Ampeln gelten als reine Dekoration und Schnelligkeit ist hilfreich im Wettlauf mit den berühmt-berüchtigten Riesenkarossen, die mein Verständnis für die Klagen über den steigenden Ölpreis deutlich schmälern. Dennoch verzichte ich nicht auf meinen allmorgendlichen Spaziergang durch die Newbury Street, am Charles River entlang und über die Harvard Bridge. Gemeinsam mit den unzähligen Frühsportlern, die wahlweise in Begleitung von iPod, Hund, aerodynamischer Trinkflasche oder Kinderwagen ihr Trainingspensum absolvieren sowie denen, die aus ganz anderen Gründen schon zu so früher Stunde auf der Straße sind: Irgendjemand muss schließlich Türen und Fenster der Designerläden polieren, Plastikbecher beiseite räumen und die New York Times oder den Boston Globe vor die Hauseingänge werfen. Manche brauchen nicht einmal aufzustehen, um an die frische Luft zu kommen. Sie haben vor einer Kirche oder im Park übernachtet und werden entweder durch den harten Klang von Absätzen auf Asphalt oder die Polizei geweckt und vertrieben.

Die "Young Women´s Association"

Mir tun diese Szenen weh, ich kann und will mich nicht daran gewöhnen. Wenn ich die Bostonians beobachte, wie sie ihren Coffee to go umklammern und festen Schrittes vorbeimarschieren, habe ich das Gefühl, damit nicht die Einzige zu sein. Zum Glück wohne ich den ganzen Sommer über in der wohl gerechtesten Adresse der Back Bay – in der Berkeley Street 40, einem der typischen Backsteinbauten dieses Viertels und im Besitz der „Young Women’s Association“, kurz YWCA. Vielleicht ist das Haus nicht ganz so herausgeputzt wie seine Nachbarn, doch wie immer zählen die inneren Werte! Eine Mischung von Touristen und Praktikanten aus aller Welt, die nur für ein paar Tage bis Wochen bleiben und bedürftigen Frauen aus Boston, die auf Dauer eines der Zimmer bewohnen, findet sich  zum Frühstück und Abendessen im Speisesaal ein. Völlig selbstverständlich sitze ich mit Menschen an einem Tisch, mit denen ich anderswo wohl kaum ins Gespräch gekommen wäre. Wir teilen Salz und Pfeffer ebenso wie die Freude über das Ende eines Gewitters und die Fernbedienung, wenn sich abends die ganze internationale Truppe zum Fachsimpeln über den Verlauf der olympischen Spiele versammelt.

Besonders kommunikativ sind die regelmäßig zu nächtlicher Stunde stattfindenden Feueralarme – während die fire fighters unter viel Sirenengeheul der meist unerklärlichen Ursache auf den Grund gehen, stehen wir übermüdet im Foyer und beschäftigen uns mit der Frage, wer den Alarm wieder einmal verschlafen hat. Nebenbei erfahre ich einiges aus dem Leben der Bewohnerinnen, die es sich trotz all ihrer Probleme nicht nehmen lassen, sich nach meinem Tag im Central Office oder Cambridge Hospital zu erkundigen und mir für meinen weiteren Lebensweg alles nur erdenklich Gute zu wünschen.

Famulieren im Cambridge Hospital  

Wenn die Sprache aufs Cambridge Hospital kommt, in dessen Abteilung für Innere Medizin ich im September famuliere, sind alle voll des Lobes. Wahrscheinlich ist die Klinik im Herzen von Cambridge ebenso wenig repräsentativ für das amerikanische Krankenhauswesen wie das Central Office der IPPNW für durchschnittlichen Büroalltag, aber die Unterschiede fallen sehr positiv auf. Keine Pharmageschenke weit und breit, die Kugelschreiber tragen die schlichte Aufschrift „Cambridge Health Alliance“ oder kommen von der Kampagne „No free lunch“. Dieser Leitspruch bleibt kein leeres Versprechen – montags Pizza, dienstags Thai-, mittwochs Mexican-, donnerstags Indian food und freitags Sandwichday, diese Abfolge zur Lunchconference ist seit Jahren konstant und wird ohne jegliche Sponsorenzuschüsse finanziert. Meine Station 4 West wird von zwei Ärzteteams betreut – an ungeraden Tagen ist das „Green Team“, an geraden das „Blue Team“ für die Aufnahmen zuständig. Ein Team besteht aus vier Interns, Ärzten im ersten Jahr nach dem Examen, die ihre Patienten selbständig behandeln, sowie einem Resident, schon im zweiten Jahr der Facharztausbildung und als Ansprechpartner immer sofort zur Stelle, wenn Fragen auftauchen.

Die Attendings komplettieren die ausgesprochen offene und diskussionsfreudige Arbeitsatmosphäre und sind unter anderem für die dreimal wöchentlich stattfindenden, 90minütigen Lehrveranstaltungen mit Patientenvorstellung und EKG-Übungen verantwortlich. Studenten sind hier keine billigen Arbeitskräfte oder lästige Statisten, sondern gelten als ernstzunehmende und besonders wissbegierige Kollegen – so darf ich Anamnese und Untersuchung üben, Anordnungen schreiben und durchsprechen, kleine Vorträge zu häufigen Symptomen halten und einfach überall dabei sein, wo ich etwas lernen kann. Ein Heer von Übersetzern für Spanisch, Portugiesisch, Bengalisch, Mandarin, Russisch und viel mehr ist ständig abrufbereit und erleichtert die Kommunikation enorm. Wenn doch einmal keiner erscheint, versuche ich mich als Dolmetscherin für die Patienten aus Haiti - auf Französisch ist immerhin eine Anamnese der aktuellen Beschwerden, Vorerkrankungen und sozialen Situation möglich und die Angehörigen freuen sich über etwas Ablenkung.

In meiner letzten Woche am Cambridge Hospital meldet die „Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations“ ihren Besuch an, um die Abläufe vom Umgang mit den Patienten über die Einhaltung der Hygienevorschriften bis zum Datenschutz auf ihre Regelhaftigkeit zu überprüfen, was Bedingung für die Erlaubnis zur Behandlung der durch die staatlichen Programme „Medicare“ und „Medicaid“ versicherten Patienten ist. Natürlich macht sich eine gewisse Aufregung breit, denn wenn die Damen und Herren der Kommission ohne Vorwarnung auf Station erscheinen, muss alles perfekt sein. Ehrlich gesagt wundert es mich nicht, als die vorläufigen Ergebnisse bekannt gegeben werden und das Cambridge Hospital, übrigens Lehrkrankenhaus der Harvard Medical School, nur Bestnoten erhält.

"Think Outside The Bomb"

Boston im Sommer ist mehr als Hitze, mit endlosen Staus verstopfte Fluchtwege nach Cape Cod und ein paar Baseballspiele. Mag vom akademischen Leben mitten im August weniger zu spüren sein, es gibt Ersatz, und in diesem Jahr besonders guten. Damit das berühmte Massachusetts Institute of Technology,  kurz MIT, nicht völlig verwaist, haben sich die Organisatoren der Schüler- und Studierendenkonferenz „Think Outside The Bomb“ dort eingemietet. Wer den Beweis antreten will, dass Angelina Jolie und George Clooney nicht die einzigen friedenspolitisch engagierten Amerikaner sind, gerät leicht in Bedrängnis – „Nenne mir Namen!“ Gerne doch, kann ich nach vier Tagen Workshops, Vorträgen und Pausendiskussionen entgegnen und auf über 80 Anti-Atomaktivisten zwischen 15 und 35 verweisen. Sie haben sich aus Kalifornien, New York, Utah, New Hampshire oder Texas auf den Weg nach Boston gemacht, um sich gegenseitig zu ermutigen und soviel wie nur irgend möglich über gewaltlosen Widerstand, Lobbying, Alternativen zur Atomenergie, Gesundheitsgefährdung durch Radioaktivität und die noch immer spürbaren Auswirkungen der Atomtests zu erfahren.

Mary Dickson berichtet über ihre Reise nach Hiroshima, wo die Überlebenden der Atombombe der Aktivistin aus dem Norden Utahs den Namen „American Hibakusha“ gegeben haben. Die radioaktiven Niederschläge der 67 ober- und unterirdischen nuklearen Testexplosionen in der Wüste des Bundesstaates Nevada haben sich grenzüberschreitend ausgebreitet und sorgen bis heute für stark erhöhte Raten an Malignomen – Mary Dickinson leidet an Schilddrüsenkrebs und kämpft im Namen ihrer bereits an Krebs verstorbenen Nachbarn und Freunde weiter für die Rechte derer, die der Staat im Stich  lässt. Die 19jährige Leimomi, deren Eltern von den Marshall Islands kommen, zeigt Propagandafilme aus den 60er Jahren, die die ersten dort durchgeführten Atomtests „Bravo Charlie“ und „Ivy Mike“ publikumswirksam verkaufen und der amerikanischen Öffentlichkeit einige wichtige Informationen vorenthalten – beispielsweise die Tatsache, dass die Bewohner der Inseln zu keinem Zeitpunkt gewarnt wurden oder ihr Grund und Boden vielerorts bis heute verseucht ist.

Wenn der Superpowerstatus bedeutet, die eigene Bevölkerung systematisch zu hintergehen und kaum besser zu behandeln als die ärgsten Feinde, kann ich darin keinen Vorteil erkennen. Am Abend sitzen wir auf den sonnengewärmten Steinbänken des Amphitheaters in einem Hinterhof des MIT. Eine Gitarre, ein Banjo sowie ein Dutzend übermüdeter, aber hoch motivierter Stimmen beeindrucken sogar die späten Touristen, die sich noch auf dem Campus befinden. Neugierig bleiben sie stehen, schalten ihre Kameras kurzfristig aus und hören zu: „We are young and old together, we shall not be moved…“ In diesem Fall will niemand den fröhlichen Sitzstreik auflösen und ich wünschte, ich könnte mich an mehr der traditionellen „protest songs“ erinnern, die ich aus vollem Herzen mitsinge. Meine vier Tage als Teil der amerikanischen Friedensbewegung sind eine unvergessliche Erfahrung und ich verspreche, in Europa von ihr zu berichten. Keine Frage, von dieser großen Familie würde ich mich jederzeit adoptieren lassen!

Als die sommerlichen Gewitter durch herbstlichen Dauerregen abgelöst wurden, die CNN-Reporter aus dem fernen Peking anstatt Medaillen wieder Menschenrechtsverletzungen zu vermelden hatten und der Wahlkampf unter der Gürtellinie begann, wurde es Zeit, die Heimreise anzutreten. Noch immer riskierten junge Menschen in Afghanistan und Irak im Namen einer Weltmacht ihr Leben, für deren Ziele kaum noch jemand Sympathie aufbrachte. Michael Phelps aß weiterhin drei Teller Pasta zum Frühstück, jeder zehnte Amerikaner bezahlte sein täglich Brot mit Lebensmittelmarken und in den Supermarktregalen stapelten sich leicht verderbliche Waren. Doch an Hauswänden und in Vorgärten konnte man Schilder entdecken, auf denen stand „Yes We Can“ und „Sí Podemos“. Eine Medizinstudentin aus Deutschland hatte sich als Fremde willkommen gefühlt und die verschiedensten amerikanischen Träume kennen gelernt – allesamt wunderschön und viel stabiler als herkömmliche Seifenblasen.

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