IPPNW.DE
Seite drucken

Türkei

von Nathalie Knierim

01.12.2008 Ein kalter Novemberabend in Tübingen – ich schlendere durch die alten Gassen, lasse meinen Blick plötzlich schweifen. „Görüşürüz“ höre ich von dem freundlich blickenden Herrn vor mir. Er verabschiedet sich von seinem Freund. Mich durchfährt ein Gefühl der Wohligkeit bei dem Klang dieser mir vertrauten türkischen Sprachmelodie und die Erinnerungen an einen einmaligen Sommer machen sich in mir breit. Wie wunderbar in meinem Land einen Teil der Türkei wiederzufinden! Von Glück und Dankbarkeit durchströmt für zweieinhalb Monate in der türkischen Kultur gelebt zu haben, setze ich meinen Weg fort.

Ende Juli sollte die Reise in mein f&e-Land beginnen, dabei gestaltete sich der Aufbruch schwerer als gedacht. In der Nacht hatte eine Bombe im europäischen Stadtteil von Istanbul mehreren Menschen das Leben gekostet. Meine Eltern riefen zwei Stunden vor meinem Abflug äußerst besorgt an. Jetzt galt es abzuwägen und schnell zu entscheiden, wie brisant tatsächlich meine Reise dorthin ist. Dabei muss einem bewusst sein, dass die politische Stabilität in der Türkei in keiner Weise vergleichbar ist mit der uns gewohnten. Neben dem Kurdenkonflikt spielte zum damaligen Zeitpunkt die Sorge vor den Auswirkungen des Verbotes der Regierungspartei eine wichtige Rolle. Nach Abwägung dieser Faktoren und mit dem Hintergrund, dass Izmir bis zu diesem Zeitpunkt eine politisch ruhige Stadt war, trat ich bestärkt durch ein Telefongespräch mit Ulla Gorges und Bülent Kilic die Reise dann an.

Von Bülent Kilic wurde ich herzlich am Flughafen von Izmir empfangen. Er ist  Mitglied der türkischen IPPNW und Assistenzprofessor im Bereich von Public Health an der Dokuz Eylül Universität, einem der beiden Universitätskrankenhäuser von Izmir. Seit 10 Jahren organisiert er den Aufenthalt des f&e-lers und engagiert sich für den Ausbau der Beziehungen und des Austausches im Rahmen von famulieren & engagieren. Bei leckerem türkischen Essen und vielen spannenden politischen Diskussionen mit ihm begann ich an diesem Abend zu realisieren, dass ich nun wirklich da war - angekommen in dem f&e-Land meiner Wahl und gleichzeitig noch ganz ahnungslos, was mich hier in den nächsten zweieinhalb Monaten alles erwarten würde. Untergebracht war ich wie schon die letzten f&e-ler in einem Studentenwohnheim direkt am Meer, das an eine schöne  Uferpromenade mit belebten Restaurants und Cafés grenzt. Etwas erschreckend wirkt auf den ersten Blick der Stacheldrahtzaun, der das Wohnheim umspannt, und die militärisch anmutende Führung des Wohnheims selbst. Mit Wohnheimausweis und Erlaubnissen zum abends Ausgehen ausgerüstet, lässt es sich dort gut leben. Zu viert ist man in einem Zimmer untergebracht, was für viele Studenten über Jahre hinweg Alltag ist. Bei mir im Zimmer waren andere Auslandsstudentinnen, die einen zweimonatigen Sprachkurs in Izmir besuchten. Mit ihnen und vielen anderen aus der Sprachschule, StudentInnen aus ganz Europa, Saudi Arabien, Mali, Russland und Georgien, verbrachte ich viele Abende und teilweise auch die Wochenenden.

Zwischen Sozialpraktikum und Famulatur

Die ersten drei Wochen waren eine Mischung aus Sozialpraktikum und Famulatur. Zwei Gesundheitszentren, in zwei sozial, ökonomisch, gesellschaftlich und kulturell ganz unterschiedlichen Vierteln, die geographisch nur 2 km entfernt voneinander liegen, durfte ich kennen lernen. In Narlidere, das Viertel in dem ich als erstes im Gesundheitszentrum war, gab es vor allem Patienten aus der Izmirer Mittelschicht, und das Verschreiben von Kopfschmerztabletten und Bluthochdruckmedikamenten zählten hier eher zur Tagesordnung als die Behandlung der zahlreichen Infektionskrankheiten, wie es im anderen Viertel, Inönü, der Fall ist. In Narlidere war ich bei einer Ärztin, die gut Englisch konnte und freundlich war, jedoch nur selten ihre Patienten untersucht hat, was für mich wiederum schade war. Ich nutzte die Zeit, um Krankheiten nachzuschlagen oder türkisch zu lernen. In diesen ersten Tagen habe ich auch türkische Medizinstudenten kennen gelernt, die innerhalb ihres Faches public health die beiden Gesundheitszentren Narlidere und Inönü kennen lernen sollten. Diese Gruppe aus vier Freunden hatte ich schnell ins Herz geschlossen und wir trafen uns in den darauf folgenden Wochen immer wieder um gemeinsam auszugehen, einen Chai (Tee) zu trinken, uns über die Sprachbarrieren hinwegzusetzen und bei Gelegenheit politische Themen anzukratzen.

In Inönü


Die zweite und dritte Woche verbrachte ich in Inönü, dem Viertel, das in so zahlreichen Aspekten ganz anders ist als Narlidere. Inönü ist ein Armenviertel, in dem vor allem kurdische Binnenflüchtlinge leben. Viele Frauen dort bekommen mit 15 Jahren ihr erstes Kind und auch insgesamt gibt es viele Schwangere und Kinder. Der Hygienestandard ist meist niedrig, allein wegen des teilweise mangelnden Wasseranschlusses. Die Analphabetenrate liegt bei ca 50%. Aus diesen Faktoren resultieren gänzlich andere Krankheiten als im benachbarten Narlidere, die vor allem infektiöser Art, wie Pilzinfektionen, Durchfallerkrankungen, etc. sind. Zwar konnte ich wegen mangelnder Sprachkenntnisse den Gesprächen zunächst nicht folgen, übte mich aber umso mehr darin, anhand der Gesten, der Mimik, des Tonfalls und des Erscheinungsbildes des Patienten auf dessen mögliche Krankheit Rückschluss zu ziehen. Ebenso durfte ich alle Patienten jeder Altersklasse immer mit untersuchen und auch ansonsten praktisch etwas tätig werden.

Was mich in Inönü besonders beeindruckt hat, war die Ruhe, Kompetenz und Herzlichkeit „meiner“ Ärztin. Trotz der zahlreichen Patienten, die jeden Tag in die Sprechstunde kamen und das Zimmer füllten, trotz der vielen Pharmavertreter (um die 20! am Tag), die gemeinsam mit den Patienten „ungebremst“ in das Untersuchungszimmer liefen, trotz all des Chaos, das entstand, weil es keine Krankenschwester gab, die die Patienten registrierte und aufnahm  - setzte die Ärztin ihre Arbeit fort, indem sie jeden einzelnen Patienten immer körperlich untersuchte, sich mit ihm unterhielt und ihn behandelte, sodass der Patient in der Regel hoffnungsvoller und mit weniger Schmerzen das Gesundheitszentrum verließ als er es betreten hatte. Auch wusste sie, wann es angebracht war, bei ausuferndem Andrang ein Machtwort zur Ruhe und Ordnung auszurufen. Mir haben diese zwei Wochen sehr gut gefallen, und es fiel mir am Ende nicht leicht die vertraut gewordene Umgebung mit ihren Bewohnern und das lieb gewonnene Team aus Ärzten, Krankenschwestern und Hausmeisterin zurück zu lassen.

In der Pädiatrie des Universitätskrankenhauses

An einem der ersten Wochenenden lud mich Bülent Kilic ein, mit ihm und seiner Familie das Wochenende in ihrem Sommerhaus am Meer zu verbringen. Ich tauchte ein in die Farben und Gerüche der türkischen Küche und Gastfreundschaft, ließ mich von Sonne, Strand und Meer verwöhnen und machte mich etwas vertrauter mit der türkischen Sprache, was sehr hilfreich war.
Am Montag morgen, an meinem ersten Tag in der Pädiatrie des Universitätskrankenhauses „Dokuz Eylül Universitesi“, stand klein, freundlich einladend und zielstrebig eine Deutsch sprechende Kinderärztin vor mir und sagte: „Guten Tag, ich spreche Deutsch!“. Ohne dass irgendjemand sie gebeten hätte sich um mich zu kümmern, nahm sie mich von da ab an der Hand und organisierte mir flink einen Rotationsplan für die bevorstehenden zwei Wochen in der Pädiatrie. Somit hatte ich die Möglichkeit diverse Abteilungen der Pädiatrie tageweise besuchen zu dürfen, was ich als abwechslungsreich und angenehm empfand.

Besonders beeindruckt haben mich die Tage in der onkologischen Pädiatrie. Von der leitenden Kinderärztin bekam ich für zwei Stunden eine komplette Führung durch alle onkologischen Stationen - sie stellte mir jeden einzelnen kleinen Patienten vor, nahm mich mit auf Konsile und schaute zum Schluss mit mir gemeinsam durch's Mikroskop, um mir direkt an Blutausstrichen die hämatologischen Krankheitsbilder zu demonstrieren. Als Kind war sie für vier Jahre zusammen mit ihrer Familie in Deutschland gewesen und spricht nach wie vor ein ausgesprochen gutes Deutsch. In der dritten Woche im Universitätskrankenhaus war ich in der Notaufnahme. Zum ersten Mal überhaupt habe ich eine Nachtschicht  mitgemacht. Diese ging dann aber auch von 18.00 Uhr bis 8.00 Uhr morgens. Ein junger Arzt konnte sich noch gut an Steffi, die f&e-lerin des letzten Jahres, erinnern und nahm mich gern zu seinen Patienten mit. Zwischen Wundversorgungen, EKG lesen, Infusionen anhängen und Akten komplettieren fand er immer mal einen Moment, mir und den anderen Studenten medizinische Inhalte kurz zu erklären. Bei einem Glas Chai auf dem Innenhof gegen 3.00Uhr nachts kamen wir auf den andauernden Konflikt zwischen Kurden und Türken zu sprechen – es war eines der wenigen Male, dass ich in Izmir im Gespräch mit einem Betroffenen dieses Konflikts einen politischen Berührungspunkt zu diesem Thema hatte.

Bei der Menschenrechtsstiftung der Türkei

Die letzten zwei Wochen meines f&e-Aufenthaltes führten mich in die Menschenrechtsstiftung der Türkei, die ein Büro in der Innenstadt von Izmir hat. Sie führten mich auch in eine andere Zeit. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Berührungspunkte zu Folteropfern gehabt. Mein Interesse an der Arbeit, der Vorgehensweise der Mitarbeiter dieser Menschenrechtsstiftung und an dem Kontakt zu Folteropfern ist groß – ich war gespannt was mich dort erwarten würde, war offen für neue Erfahrungen und Blickwechsel. Zum gleichen Zeitpunkt befanden sich die Stiftung und ihre Mitarbeiter in Izmir in einem, wie sie selbst sagen, - Ausnahmezustand. Noch nie hatten sie seit Bestehen der Stiftung 1990 einen vergleichbaren Fall von Folter gehabt. Vor uns hatten wir einen Chirurgen aus Ruanda, der zwei Jahre lang mit den neuesten und perfidesten Foltertechniken unserer Zeit in Uganda gefoltert worden ist. Er ist der erste Überlebende dieser neuen Foltertechnik und seit einem Jahr wie durch ein Wunder frei. Nach Izmir war er in Begleitung seines Arztes zur Rehabilitation gekommen.

Durch diesen Ausnahmezustand gestaltete sich meine Zeit dort in vielerlei Hinsicht anders als die der früheren f&e-ler. An dieser Stelle möchte ich, was den normalen Ablauf des zweiwöchigen Praktikums anbelangt, auf die Berichte meiner Vorgänger verweisen. Trotz dieser Rahmen sprengenden Aufgabe jedes einzelnen Mitarbeiters wurde es mir ermöglicht, ausführliche Gespräche mit ein paar Mitarbeitern der Stiftung zu führen und dadurch ihre Arbeitsschwerpunkte und persönlichen Hintergründe etwas kennen zu lernen. Von ihrer großen Herzlichkeit, Ausdauer und Menschlichkeit bin ich zutiefst beeindruckt und es war mir eine große Ehre, diesen wunderbaren Menschen begegnen zu dürfen.

Eines Nachmittags stellte mir Bülent Kilic eine Studentin mit dem Satz vor: „You are the same!“ - Mücadiye, die f&e-Austauschstudentin aus Izmir, war gerade nach zwei Monaten in Deutschland nach Izmir zurückgekehrt, und wir hatten das große Glück uns dort noch zu begegnen. Dieser besondere Austausch in dem f&e-Programm wurde durch die entstehende Freundschaft zwischen uns unterstrichen. Mücadiye zeigte mir wunderschöne Ecken ihrer Stadt und bei einem kühlen „Efes“ (türkisches Bier) tauschten wir uns über unsere Erlebnisse und Erfahrungen als f&e-ler in unserem jeweiligen Gastland aus, was spannend und bereichernd war und einfach gut tat.

Zum Schluss meiner f&e-Zeit kam mich mein Freund besuchen und wir reisten gemeinsam zum Wandern noch für zwei Wochen durch den Südwesten der Türkei.
Mit einem Sack voller Eindrücke, Düfte und Erinnerungen an Wunderschönem und Neuem aber auch Schmerzhaftem kehre ich zurück und bin dankbar für all die kostbaren Begegnungen und Gespräche.


Informationen zur Türkei:
l Kulturschock Türkei, Manfred Ferner, Reise Know-How Verlag
l Türkisch – Wort für Wort, Marcus Stein, Reise Know-How Verlag
l Reiseführer: Türkei, Bussmann & Tröger, Michael Müller Verlag

zurück

Sitemap Überblick