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Palästina

von Lisa Driessen

01.12.2008 Hebron. Eine geteilte Stadt im Süden der Westbank, Sektor H1 und H2. Die Grenzen verlaufen mitten durch Straßen und Häuserblocks. Hier der jüdische Teil, dort der palästinensische Abschnitt, im Grenzbezirk Stacheldraht, Mauern, Zäune und Militärstationen alle paar Schritte. Manche Straßen, die früher belebte Einkaufsstraßen waren, sind wie leergefegt. Man fühlt sich wie in einer Geisterstadt. Ich stehe an einer gemeinsamen Straße, die sich ein paar Meter weiter in zwei Straßen gabelt, die eine für palästinensische, die andere für jüdische Anwohner der Altstadt.

Genau an der Gabelungsstelle befindet sich ein Militärposten, an dem eine Handvoll junger israelische Soldaten scheinbar gelangweilt ihren Dienst tun. Von meiner Position aus habe ich Einblick in beide Straßenabschnitte. Rechts, im jüdischen Teil, sehe ich plötzlich einen kleinen jüdischen Jungen auf einem winzigen Fahrrad um die Ecke sausen, unter seiner kleinen bunten Kippa hüpfen die Schläfenlöckchen auf und ab. Immer wieder fährt er vor dem Militärposten hin und her, ohne die Soldaten zu beachten und scheint unglaubliche Freude an seinem Fahrrad zu haben. Links, im palästinensischen Teil, sehe ich zwei kleine Schulmädchen Hand in Hand die Straße entlang hüpfen. Als ich mich umdrehe und auf den Militärposten am Eingang der Straße zugehe, muss dort gerade ein palästinensischer Mann mit weißem Bart den Inhalt seiner Einkaufstaschen vor den Soldaten auf einem Stuhl ausbreiten, während die Soldaten ihm mit unbewegtem Gesicht dabei zusehen. Wenn ich durch die Straßen Hebrons ging, habe ich immer gedacht: „ Wie kann man bloß hier leben?“ Aber dieser Schrecken, den ich dort empfunden habe, gehört für die Bewohner zum alltäglichen Leben. Diese Situation hat sich mir so fest in mein Gedächtnis eingebrannt und jedes Mal, wenn ich daran denke, ist mir gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen zumute. Und von solchen Situationen gibt es unzählige mehr.

Jetzt - zwischen Weihnachten und Neujahr: Bomben im Gazastreifen. Furchtbare Bilder in den Nachrichten und wieder die Frage: Hört das denn nie auf? In den letzten Tagen sind meine Gedanken sehr oft in Palästina und ich erinnere mich an diese unglaublichen, intensiven, unvergesslichen, kostbaren, nicht immer einfachen zwei Monate, die ich dort im Sommer verbringen durfte. Sehr viel habe ich gelernt, aber viel ist auch weiterhin unklar geblieben. Vielleicht kann man aber auch Manches als Außenstehender niemals begreifen? Ich weiß aber sicher, dass ich auf jeden Fall zurückkehren werde dorthin, dieses zerrissene Land scheint eine magnetische Anziehungskraft zu haben. Ich habe so viele nette, hilfsbereite Menschen kennen gelernt und bin froh, dass Menschen trotz eines so zermürbenden, scheinbar ewig währenden Konfliktes mit so viel Hass und Unverständnis noch immer in der Lage sind, anderen mit so viel Herzlichkeit zu begegnen.

Schon meine Ankunft in Palästina war sehr erlebnisreich. Ich wurde in Jerusalem abgeholt und wir fuhren mit einem Bus nach Bethlehem. Wir passierten den ersten Checkpoint meines Lebens, einen der erst seit kurzer Zeit wieder besetzt war. Alle mussten aussteigen. Da standen drei israelische Soldaten, einer betrat den Bus und da ich meinen Rucksack drinnen liegen lassen hatte, wurde ich herein gewunken und musste ihn öffnen und bis zum letzten Gegenstand ausräumen, während ich befragt wurde, warum ich denn nach Bethlehem wolle. Später, als wir alle wieder im Bus saßen, sagte mein Begleiter einen Satz, der mich die ganzen zwei Monate begleitete: „ Wir haben alles auf diesem Fleck Erde: verschiedene Landschaften, drei Meere, Wüste und Berge, verschiedenes Essen, viele verschiedene Gesichter, alles dicht beieinander. Das Einzige, was uns fehlt, ist ein kleines bisschen Frieden.“

Das „Caritas Baby Hospital“ in Bethlehem

Heiligabend bekam ich die Sonderbeilage einer Zeitung in die Hand gedrückt, in der sich ein großer Artikel über das „Caritas Baby Hospital“ in Bethlehem befand, also genau über das Krankenhaus, in dem ich meinen ersten Monat in Bethlehem verbrachte. Sogar das kranke Kind auf dem Foto erkannte ich wieder. Dieses einzige Kinderkrankenhaus in der Westbank wurde 1952 von einem schweizerischen Pater gegründet und wird im Gegensatz zu den staatlichen Krankenhäusern nur durch Spendengelder über die „Kinderhilfe Bethlehem“ finanziert. Dieses Krankenhaus nimmt alle Kinder auf ohne nach Religion, Nationalität und sozialer Herkunft zu fragen, und wenn eine Familie die Behandlung nicht bezahlen kann, werden die Kosten übernommen. Dieses Krankenhaus ist wichtig für das ganze Westjordanland, denn normalerweise ist den palästinensischen Familien der Zugang zu israelischen Krankenhäusern verwehrt - durch die 8 Meter hohe Mauer bzw. Zaunanlage zwischen den palästinensischen und israelischen Gebieten. Im Notfall kann ein Kind vom „Caritas Baby Hospital“ in ein israelisches Krankenhaus überwiesen werden, aber abhängig von der politischen Situation und dem nötigen Papierkrieg mit den zuständigen Behörden kann dies unter Umständen einige Zeit in Anspruch nehmen. Manchmal ist auch der Weg innerhalb des Westjordanlandes zum Krankenhaus problematisch und zeitaufwändig, wenn die militärischen Straßensperren und damit einhergehende Wartezeiten die Reise erschweren.

Bei den behandelten Kindern im Krankenhaus war für mich besonders beeindruckend die unheimliche Dichte an Erbkrankheiten und somit verschiedenster Syndrome, die die Kinder zeigten. Viele Kinder blieben aus diesem Grund lange Zeit oder kamen in regelmäßigen Abständen immer wieder zur Behandlung. Mir wurde erklärt, dass dies ein tief verwurzeltes Problem in der Gesellschaft sei, da viele Ehen innerhalb der Familie geschlossen würden. So war auch eine der ersten Fragen in der Anamnese, egal bei welchem Kind, ob die Eltern möglicherweise „first degree cousins“ seien. Zwar seien diese  Krankheiten durch Aufklärungsarbeit und Bildung in den letzten Jahrzehnten schon stark zurückgegangen, aber immer noch ein Problem. Ein junger Arzt sagte mir sogar, dass er der Meinung sei, dass es sogar in den letzten Jahren wieder ein bisschen zugenommen hätte durch den Umstand, dass die Familien durch die erschwerten Bedingungen (Straßensperren, etc.), von einem Ort zum anderen zu kommen, sich wieder mehr in ihren eigenen Dörfern und Familien orientierten. Im Krankenhaus herrschte eine sehr entspannte Atmosphäre, die Zwistigkeiten zwischen Ärzten und Schwestern schienen mir angenehmerweise hier nicht so ausgeprägt zu sein wie bei uns. Dr. Hiyam Awad Marzouqa, palästinensische Kinderärztin und Leiterin des Krankenhauses ist eine beeindruckende Frau. Es gibt wohl nicht viele Frauen hier, die solch wichtige Leitungspositionen innehaben. Da sie eine Weile in Deutschland war, spricht sie fließend Deutsch. Nachdem ich auch kurze Einblicke in andere Krankenhäuser und Krankenstationen gewonnen hatte, konnte ich feststellen, dass dieses Kinderkrankenhaus im Vergleich einen hohen Standard hat. Zur Zeit wird an einer ambulanten Klinik gebaut, außerdem gehören zum Krankenhaus ein Sozialdienst, eine Mütterberatung und eine Pflegeschule. Einmal in der Woche fahren ein Arzt und Sozialarbeiter in ein nahe gelegenes Dorf, um dort die Bewohner zu unterstützen.

Mein täglicher Weg zum Krankenhaus führte mich an der Mauer entlang, die hier genau zwischen Bethlehem und Jerusalem verläuft. Überall auf dieser Mauer sieht man Bilder, Poster, Schriftzüge. Manchmal sagen diese mehr als tausend Worte. Diese Mauer ist so bestimmend im Alltag der Menschen. Die Wenigsten haben die Erlaubnis, die andere Seite zu sehen und sind so abgeschnitten von Verwandten, die im israelischen Gebiet leben, von Jerusalem. Das Recht auf Freizügigkeit scheint hier nicht zu gelten. Es gibt junge Menschen, die noch nie das Meer gesehen haben, weil die Mauer zwischen ihnen und einem der drei Meere steht. Und nur hundert Meter vom Krankenhaus entfernt geht diese Mauer in den Checkpoint über, der passiert werden muss, um nach Jerusalem zu gelangen.

Kontrolle am Checkpoint

Checkpoint. Ein langer käfigartiger Gang an der Mauer entlang, zweigeteilt. Darüber steht „Exit“ und „ Entrance“. Das erste Drehkreuz. Dann ein israelischer Soldat in einem kleinen Häuschen, hier müssen Pässe bzw. Einreisegenehmigungen gezeigt werden. Zweites Drehkreuz. Ein kurzer Weg über eine freie Fläche. Dann ein gewundener Gang, der ins Innere des Checkpoints führt, in eine große Halle. Eine Warteschlange. Über den Köpfen der Menschen Stege aus Metall, dort laufen die Soldaten oder Angehörige der Wachmannschaft Patrouille, und schauen hinab auf die Wartenden, Maschinengewehre um die Schultern gehängt. Wieder mehrere Drehkreuze, meist sind nur zwei oder drei geöffnet, auch wenn die Schlange der Wartenden lang ist. Ein Lämpchen darüber leuchtet rot oder grün, je nachdem. Wieder ein Soldat in einem Häuschen und eine automatische Taschenkontrolle, die Taschen müssen entleert, Gürtel und Jacken ausgezogen und auf das Fließband gelegt werden. Wie am Flughafen. Ein kurzer Gang, rechts befinden sich kleine Kammern, falls jemand aus der Reihe genommen und befragt werden muss. Ein Drehkreuz. Wieder Häuschen mit Soldaten. Kontrolle der Fingerabdrücke. Kontrolle der Papiere. Vergleich mit den im Computer gespeicherten Daten. Drehkreuz. Und endlich, endlich ist man draußen, auf der anderen Seite. So kann der Weg nach Jerusalem, eigentlich nur ca. 13 km von Bethlehem entfernt, auch mal mehrere Stunden in Anspruch nehmen, je nachdem.

Einmal durfte ich einige Leute einer kirchlichen, internationalen Organisation zu ihrer Arbeit begleiten. Eine ihrer Aufgaben ist es, die Geschehnisse an diesem Checkpoint zu dokumentieren, Schließzeiten aufzunehmen und diese Informationen weiterzugeben an Menschenrechtsorganisationen und einfach durch ihre internationale Präsenz Signale zu setzen. Auch von israelischer Seite gibt es solch eine Organisation von Frauen, die diese Arbeit machen, sie nennt sich „Machsoum (= checkpoint) Watch“. Morgens um vier, sozusagen zur Rushhour, wenn die Palästinenser die in Jerusalem arbeiten dürfen eben dorthin wollen, kamen wir an. Die Schlange der Wartenden war lang, die Verantwortliche der Organisation zählte ca. 500 Menschen. Um an den Einsatzort zu gelangen, mussten wir den Gang zum Anfang der Schlange durchqueren. Der käfigartige Gang war völlig überfüllt, dicht an dicht standen, hockten, saßen die Männer auf mitgebrachten, entfalteten Pappkartons. Als wir endlich vorne angekommen waren sagte uns ein Mann, dass er nun schon seit zwei Stunden warte. Viele kommen auch gar nicht aus Bethlehem, sondern aus Dörfern oder weiter entfernten Städten, sie haben also schon eine gewisse Fahrzeit hinter sich. Und das jeden Morgen! Dann öffnete das erste Drehkreuz und plötzlich kam Bewegung in die bis dahin ruhige Menschenmenge. Es ging sehr geordnet zu, offenbar schien es bei den Männern ein System zu geben, wie es am schnellsten geht. Schließlich ist es Routine. Und diese Menschen sind noch die „Glücklichen“, die passieren dürfen. Nur Freitags, vor allem an Ramadan-Freitagen, wenn Sondererlaubnisse zum Beten in Jerusalem erteilt werden und Unmengen mehr Leute passieren wollen, gibt es ein riesengroßes Gedränge. Und in dem Gitterverschlag gibt es keine Ausweichmöglichkeiten.

“Guydance and Training Center for the Child and the Family”

Meinen zweiten Monat in Bethlehem verbrachte ich im „Guydance and Training Center for the Child and the Family“, unweit des Krankenhauses. Dort arbeiten zwei Psychiater, verschiedene Therapeuten und Sozialarbeiter zusammen, um Kindern, Familien, Jugendlichen und in Ausnahmefällen auch Erwachsenen bei Problemen Unterstützung anzubieten. Ich durfte bei den Therapiesitzungen dabei sein, überall hinein schnuppern, mit den Kindern spielen und viele Fragen stellen. Natürlich stellte die Sprache ein gewisses Hindernis dar, aber ich war erstaunt, wie viel man doch versteht, wenn die Sprache als Kommunikationsmittel fehlt und man automatisch vie mehr der Körpersprache und der Interaktion zwischen den Personen Beachtung schenkt. Oder die Gestaltungstherapie für eine Gruppe Jugendlicher, sie bekommen Papier und Stifte und legen los. Ein Junge, 14 Jahre alt, malt dieses Bild: Eine Landkarte von Palästina, mit Stacheldraht umwickelt. Daneben ein Auge, das weint, die Tränen werden zu Blutstropfen. In der Mitte eine Kerze mit winzigkleiner Flamme. In der Ecke ein kleines Blümchen. Und das alles noch einmal eingerahmt von Stacheldraht. Ein Mädchen malt ein Herz, das beschädigt ist. Natürlich sind hier Kinder und Jugendliche, die herkommen als direkte oder indirekte Folge der Besatzung, sie haben Gewalt erlebt oder die schwierige wirtschaftliche Situation der Familie lässt Probleme entstehen. Aber viele kommen auch aus anderen Gründen. Kurz zuvor war ich in Bethlehem in einer Fotoausstellung, in der es um Grenzen ging, um Mauern und Zäune, innerliche wie äußerliche. Davon gibt es hier so viele, nicht nur die sichtbaren aus Beton und Draht, sondern auch in der Gesellschaft, in der Familie, zwischen Menschen. Danach stehen die Jugendlichen auf, holen Musik und präsentieren mir den Dabka-Tanz, den traditionellen palästinensischen Tanz. Und haben so viel Spaß dabei! Und noch eine andere Geschichte fällt mir ein, wenn ich an meine Zeit dort denke. Ich saß mit einer Therapeutin zusammen, sie erzählte mir über ihre drei Kinder. Plötzlich sagte sie, sie hätte eigentlich vier gehabt, aber eines habe sie im 7. Monat in einer Schießerei verloren. Sie sei noch ein zweites Mal in eine Schießerei geraten, als sie mit ihrer kleinen Tochter unterwegs war. Sie erzählte, wie sie ihre Tochter an eine Mauer drängte und sich vor sie stellte, um sie mit ihrem Körper zu schützen. Plötzlich fing sie an zu weinen, diese starke, energische Frau, einfach so. Ich fühlte mich so hilflos und traurig und wütend. Die Therapeuten hier versuchen andere zu unterstützen und haben selbst Furchtbares erlebt.

Viel Zeit in Bethlehem habe ich auch auf dem Platz vor der Geburtskirche verbracht, dort waren immer viele Menschen unterwegs. Egal, was man selbst davon hält, aber es ist schon ein seltsames Gefühl, dort zu sein, an der Stelle, die so eine wichtige Bedeutung hat für so viele Menschen auf der Welt. Dementsprechend fuhren auch täglich unzählige Touristenbusse  zur Geburtskirche, um diesen Ort, an dem Jesus geboren sein soll, zu besuchen. Hier in Bethlehem lebten einmal viele Christen, aber in den letzten Jahrzehnten ist eine große Zahl aufgrund der schwierigen Situation ausgewandert, nur wenige sind noch da.
Einen Tag lang durften wir, Annkathrin, die mit f&e in Israel war und ich, die PHR- Physicians for Human Rights in Israel, zu einem ihrer Projekte begleiten. Einmal im Monat fahren sie - das sind jüdische und arabische israelische Ärzte, Ärztinnen, Krankenschwestern und andere Freiwillige - zu einem Dorf im Westjordanland, das in einer problematischen Situation ist. Wie auch in einigen anderen Dörfern ist die Zufahrtsstraße zu diesem Dorf vom israelischen Militär durch riesige Betonquader blockiert worden, also für Autos nicht passierbar. Dieses Dorf liegt an einer großen Straße, die eine israelische Grenzstadt mit Jerusalem verbindet, also mitten durch das Westjordanland führt, aber von Palästinensern nicht benutzt werden darf. Aufgrund der problematischen medizinischen Versorgung setzen die PHR ihre „mobile Klinik“ dort ein. Ein Schulgebäude wird kurzerhand in eine Krankenstation umgewandelt und in einem großen Tumult werden die Bewohner einige Stunden lang mit dem Nötigsten versorgt, neben der ärztlichen Konsultation schien dies auch eine Art soziale Veranstaltung zu sein, bei der sich das ganze Dorf versammelte. Zusätzlich gibt es regelmäßig einen Vortrag zur Gesundheitsschulung auf dem Schulhof über ein bestimmtes medizinisches Thema, das für alle wichtig ist, dieses Mal ging es um Diabetes. Manche Fälle schienen für mich, die mit solchen Umständen nicht vertraut war, wirklich absurd: wegen des Ramadans weigerten sich manche Patienten die nötigen Medikamente einzunehmen, da dies ja auch eine gewisse Art der Nahrungsaufnahme sei. Erst nach geduldigem Zureden wurde dann doch zugestimmt. Eine schwierige Balance zwischen Religion und Gesundheitseinsicht (obwohl auch der Koran bei Kranken Ausnahmen zulässt, wie ich erfuhr), was bestimmt manchmal zum Verzweifeln ist.

Zwei verschiedene Arten von Kindertheater

Es gab viele weitere Erlebnisse, die sehr beeindruckend waren und kleine Einblicke in diese absolut verworren scheinende Situation gaben. Eines abends zeigte mir die Frau meines Vermieters, Betreuerin in einer Art Vorschule, ein Video der Abschlussveranstaltung „ihrer“ Schulkinder, als diese die Vorschule beendet hatten. Unter anderem führten die Kinder Theaterstücke, Tänze etc. auf. Während meine Vermieterin voller Stolz die Disziplin und das Können dieser 6 bis 7-jährigen Kinder kommentierte, war für mich dieses Video ein schockierendes Erlebnis. Der Inhalt dieser verschiedenen Aufführungen schien absolut nichts mit kindlichen Theaterstücken zu tun zu haben, wie wir sie in unserer Gesellschaft, die den Frieden gewohnt und recht weit von Religion entfernt ist, kennen. Alles drehte sich um die Geschichte der Palästinenser seit der „Naqba“ 1948 ( „Katastrophe“, gemeint ist die Zeit seit der Staatsgründung Israels und der Vertreibung der Palästinenser) und um religiöse Hintergründe. So sitzt z.B. ein kleines Kind in einem Holzkäfig, bewacht von zwei weiteren Kindern mit Maschinengewehren aus Plastik, die israelische Soldaten darstellen, daneben sitzt die Mutter auf einem Stuhl und betrauert ihren gefangenen Sohn, im Hintergrund besingt ein Kinderchor das Leid der Familie. Oder ein Kind trägt in einer Art Sprechgesang ein langes Stück über die nicht vorhandene Kindheit und das Leid der palästinensischen Kinder vor, während im Hintergrund auf einer großen Leinwand Fotos von im Krieg verwundeten und getöteten Kindern gezeigt werden. Oder die Geschichte über das Leben der ersten Gläubigen des Islam: ein Kind liegt auf dem Boden, während ein zweites Kind vorgibt, dieses mit großen Steinen und einer Peitsche zu quälen. Und noch viel mehr solcher Stücke wurden aufgeführt. Sicherlich, bestimmt spiegelt dies schon die Realität vieler palästinensischer Kinder wieder, und sowohl religiöse und geschichtliche Aspekte mögen eine große Rolle spielen, aber in einer gewissen Weise wird den Kindern so doch kein anderer Weg als der des Hasses und der festgefrorenen Fronten und der eigenen unausweichlichen Opferposition gezeigt. Dabei wäre es doch so absolut wichtig, gerade den Kindern auch andere Möglichkeiten aufzuzeigen. Aber vielleicht ist dies auch der unrealistische, unmögliche und naive Wunsch von Ausländern wie mir, die in Frieden und Sicherheit aufgewachsen sind. Und trotzdem. Ich lernte auch ein anderes, hoffnungsvolles Beispiel, wie Theater in Konfliktregionen Kinder begleiten kann, kennen. In Jenin, ganz im Norden der Westbank, gibt es das „Freedom Theater“, das von Arna, einer israelischen Jüdin, die mit einem  Palästinenser verheiratet war, vor vielen Jahren für die Kinder aus dem Flüchtlingslager in Jenin gegründet wurde. Nach ihrem Tod wird es nun von ihrem Sohn weitergeführt.
Täglich erlebt, hört, sieht man so vieles Erschreckendes, jeder hat unzählige unvorstellbare Geschichten zu erzählen, die hier zum Alltag gehören. Manchmal wuchs mir das alles über den Kopf und ich brauchte ein paar Tage am Strand von Tel Aviv, um einmal tief Luft holen zu können. Eine ganz andere Welt. Manchmal dachte ich: wie Berlin im Dauersommer! Verrückte Leute auf den Straßen, ein buntgemischtes Bild, unendlich viele Läden, Kneipen, Cafés, Yoga am Strand, Badetouristen, Leichtigkeit. Wenn man hier vergessen will, dass man sich in einer Region mit einem Jahrzehnte alten Konflikt befindet, kann man das. Fast. Und nur 60 km südlich die Küste entlang ist der Gazastreifen. Immer wieder zwischendurch wird einem klar, wie unglaublich dicht hier alles beieinander ist. Und trotzdem hat man immer das Gefühl, egal wo man ist, in israelischen oder palästinensischen Gebieten, und egal wie ruhig die momentane Situation sein mag: unter der Oberfläche brodelt es, ganz dicht unter der Oberfläche. Als bräuchte es nur einen winzigen Funken, und alles steht in Flammen. Und jetzt brennt der Gazastreifen.

„Wir weigern uns Feinde zu sein“

Bei dieser ganzen scheinbar hoffnungslosen Situation habe ich gemerkt, wie man sich auf alles stürzt, was Hoffnung verspricht und eigentlich gibt es doch immer wieder Einzelpersonen, Familien, Gruppen, Organisationen, die höchst aktiv und unermüdlich an Verständnis und gegenseitiger Toleranz arbeiten. Ein Beispiel fand ich auf einem Weinberg in der Nähe von Bethlehem, der seit Generationen von einer Familie bewohnt und bewirtschaftet wird. Vor 17 Jahren versuchte die israelische Militärregierung erstmals, diese Familie zu enteignen, um mehr Land für nahegelegene israelische Siedlungen zu gewinnen. Seitdem kämpft diese Familie vor Gericht dagegen an und hat Übergriffe von benachbarten Siedlern erlebt. Nachdem einige hundert Weinstöcke durch Bulldozer niedergewalzt wurde, kam eine israelische Gruppe von Freiwilligen, brachte die doppelte Anzahl von Weinstöcken mit und pflanzte sie eigenhändig ein, um ein Zeichen zu setzen, dass es auch anders geht. Die Familie hat ihren Weinberg zu einer Begegnungsstätte für junge Menschen gemacht, das „Tent of Nations“ und direkt am Eingang steht ein Stein mit der mehrsprachigen Schrift: „Wir weigern uns Feinde zu sein.“
Mit diesem Satz möchte ich schließen und habe einen Wunsch für all die Menschen, die dort leben: Ein kleines bisschen Frieden.

Hier ein paar Vorschläge/Hinweise zum Thema:

Literatur: - Mahmoud Darwish, der wichtigste palästinensische Dichter, vor kurzem gestorben
  - Amira Hass, israelische Journalistin, die in Palästina lebt
  -„kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konfliktes“
Filmmaterial: 
- "the iron wall“
 - "jerusalem east side story”
 - "arnas children”
 - "checkpoint”
 - "Waltz with Bashir”
Internet: btselem.org

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