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Nepal

von Malgorzata Karwath

01.12.2008 Ein guter Freund hat mir vor meinem Abflug gewünscht, dass es die Reise meines Lebens wird. Aber heißt das nicht, dass jede weitere schlechter wird? Nein, man kann mehrere „Reisen des Lebens“ haben. Es war tatsächlich eine davon. Nicht nur, weil ich die schneeweißen Spitzen des Himalaya fast immer im Blick hatte (immer dann, wenn es nicht bewölkt war) und den Mount Everest gesehen habe. Keinesfalls nur, weil ich, ohne Angst vor Nashörnern und Tigern zu haben, auf dem Rücken eines Elefanten im Dschungel unterwegs war und danach mit einem Elefanten im Fluss gebadet habe, was tausend Mal mehr Spaß macht als jeder Lunapark. Durchaus nicht nur, weil die Tempel und die dunkelrot-gelb gekleideten buddhistischen Mönche eine ansteckende Ruhe ausstrahlen und nicht nur, weil die Luft auf dem Dach der Welt nach Meditation und Spiritualität riecht. All das betrachte ich als einen Bonus, einen Wink vom Zauberstab einer unsichtbaren Fee, etwas das meinen Aufenthalt in Nepal noch interessanter, spannender, glücklicher und ausgefallener gemacht hat. Der Hauptgrund sind die Projekte, die ich dort gemacht habe und die Menschen, die ich dabei kennen gelernt habe.

Im August 2008 hätte ich mein PJ anfangen können. Die gute Fee, die sehr fleißig ist, hat aber mit ihrem Stab eine tolle Chance für mich gezaubert - ich durfte mit der IPPNW und dem f&e- Programm nach Nepal. Nepal!!! Wow! Ich? Wirklich? Wirklich. Ich glaub’s nicht. Doch, wirklich!!! Na dann los! Ich habe ein Urlaubssemester beantragt, mich gegen japanische B-Enzephalitis und Tollwut impfen lassen, einen Reiseführer gekauft (meinen Lieblings-„lonely planet“ natürlich), mir von einer Freundin, die dort vor einem Jahr famuliert hatte, Tipps geben lassen, Sachen gepackt, ausgepackt, umgepackt und nochmal gepackt (so ging es noch ein paar Mal), einen Nepali Tee auf einem Markt der Länder in Frankfurt getrunken, und nun ging es wirklich los.

Ich saß im Flugzeug mit einem Kloß im Hals und einem Gefühl, dass ich komplett unvorbereitet dorthin fliege. Hätte ich mehr Nepali Wörter lernen sollen? Hätte ich vielleicht sogar das Alphabet lernen sollen? Aber wann? HNO, Augenheilkunde, Orthopädie und andere Prüfungen waren doch auch wichtig. Als ich Kathmandu aus dem Flugzeugfester gesehen habe, war ich so aufgeregt, dass ich gar nicht mehr denken konnte. Schwarzes Loch im Kopf. Aufregung und riesige Freude. Danach ging alles unglaublich schnell.  Satish, der Austauschstudent, der ein paar Monate früher in Deutschland gewesen war, hat mich vom Flughafen abgeholt und wir sind mit einem Taxi zu ihm nach Hause gefahren (bis zu diesem Moment wusste ich nicht genau, wo ich wohnen würde). Dort wurde ich von der ganzen Familie begrüßt - ich bekam Blümchen, Obst und eine rote Tika auf die Stirn. Meine erste. Alles war so neu, so anders, so interessant. „Und was soll ich mit dem Apfel machen?“ „Essen.“ „Jetzt?“ „Kannst Du machen, wenn Du möchtest.“ (leichtes Schmunzeln) „Und die Tika? Wie lange soll der Punkt dran bleiben? Bis morgen?“ „Nein! Du kannst ihn heute Abend abwaschen, sonst verfärbt er deine Haut. „(und wieder schmunzeln) „Ach so!“ Meine Fragen hatten kein Ende. Die ganzen 9 Wochen lang nicht. Ich bewundere die Nepalis, die mit mir und meinen Fragen zu tun hatten, es ausgehalten haben und noch besser! weiterhin mit mir in Kontakt bleiben. Tapfer!

Famulieren

Am nächsten Morgen ging es schon in die Universitätsklinik, in der ich 2 Wochen lang auf der Pädiatrie famulieren sollte. Im Bus, in dem ich morgens 30 Minuten und nachmittags fast 2 Stunden verbracht habe, habe ich schon einige Krankenschwestern, Studenten, Interns, Residents und Ärzte kennen gelernt. Jemand hat mir die Hierarchie im Krankenhaus und jemand anders das medizinische Edukationssystem erklärt. Vom Bus aus sah ich viele hinduistische und einige buddhistische Tempel, viele herrenlose, hungrige Hunde, Kühe, die versuchten, in den Müllhaufen etwas Essbares zu finden, farbig und glänzend angezogene Frauen, große Shopping-Malls, Slums am Flussufer, Menschen mit Mundschutz und Menschen ohne Mundschutz. Gehört habe ich nur eins - das Gehupe. Das wilde und laute Gehupe der wilden Fahrer Kathmandus. Und das war erst der Anfang. Die Famulatur war nicht die beste. Vielleicht habe ich aber auch einfach zu hohe Ansprüche gestellt. Die Ausbildung soll theoretisch auf Englisch statt finden, die Ärzte wechseln aber automatisch und oft ins Nepali. Ich habe einige Krankheitsbilder gesehen, die man in Deutschland kaum noch sieht, selbstständig arbeiten konnte ich aber leider nicht. In der Mittagspause traf ich jeden Tag die anderen ausländischen Famulanten und PJ’ler. Beim Essen haben wir uns über Schwierigkeiten, für uns Ungewohntes und manchmal Anstrengendes aber auch über Ausflugpläne am Wochenende ausgetauscht. In der Anfangszeit in dem - wie mir damals schien - verrückten, chaotischen, systemlosen Kathmandu, waren diese Begegnungen sehr wohltuend. Hier muss ich aber gleich dazu sagen: Mit der Zeit habe ich mich an das Labyrinth ohne Straßenschilder, dafür aber mit - wie es einem vorkommen kann - Billionen von 2-, 3- und 4-Radfahrzeugen gewöhnt und es sogar schon fast lieben gelernt. Durch einfaches Fragen kommt man dort überall hin, wo man will. Ehrlich gesagt, ich kam dort besser zurecht als mit den seelenlosen U-Bahn-, S-Bahn-, X-Y-Z-Bahn-Stadtplänen in Berlin.

In Meghauli

Danach ging es in den Süden, nach Meghauli im Chitwan, in die Nähe des bekanntesten Nationalparks. Dort habe ich in einer kleinen Klinik gearbeitet, die von einem der Dorfbewohner gegründet wurde. Ein Arzt kommt für maximal 3 Stunden am Tag dorthin. Wenn er aber in seinem städtischen Krankenhaus viel zu tun hat oder wenn sein Motorrad kaputt ist, kommt er gar nicht. Ich habe versucht ihn zu ersetzen, so gut ich konnte. Hier hatte ich mein gewünschtes selbstständiges Arbeiten schon fast im Übermaß. Die Klinik, die Dank der Sponsoren aus Europa funktioniert, organisiert mindestens einmal im Monat kostenlose health camps für abgelegene Dörfer, die eine noch schlechtere oder gar keine medizinische Versorgung haben. Dort hatte ich meine ersten Patienten und dann auch gleich 50 von ihnen. Danach bleibt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Mit Penicillin oder Hustensaft kann man leider kein behindertes Kind heilen, egal wie bittend und hoffnungsvoll man angeschaut wird. Neben diesem traurigen Gefühl bleibt zum Glück noch ein anderes, ein tolles Gefühl, dass man vielen Menschen doch helfen konnte. Die Dankbarkeit dieser Menschen ist riesig und beflügelnd. In Meghauli habe ich nicht nur viel fachlich und praktisch gelernt, sondern auch gute Freunde gewonnen und einen Ort gefunden, an dem es mir einfach nur gut ging, an dem ich glücklich war. Mein kleines Paradies.

Von meinem Paradies aus wollte ich zum nächsten Projekt fahren. Aber nein! Stopp! Es ist Dashain, das wichtigste hinduistische Festival des Jahres. Alles schließt. Alle wollen nach Hause, auch die Patienten aus allen Krankenhäusern. Keine NGO arbeitet. Zwei Wochen lang. Es beginnt eine große Migration - Migration der Nepalesen nach Hause, zur Familie. Diese Zeit durfte ich mit der Familie eines Freundes verbringen, der mit der IPPNW vor 2 Jahren in Deutschland gewesen war. Seine Angehörigen leben im Osten Nepals. Auf dem Weg dorthin mussten wir die großflächigen Gebiete des Koshi-Hochwassers bewältigen, d.h. 5 Mal mit einem Boot von einem Ende zum anderen der vom Wasser weggerissenen Straße fahren, manchmal nach stundenlangem Warten auf so ein Boot. Es hat sich gelohnt - die Feiertage mit Sandips Familie waren wundervoll. Ich wurde dort nicht nur akzeptiert sondern sogar schon fast adoptiert. Ich habe den nepalesischen Alltag mit Saubermachen, Kochen, Einkaufen, Freunde besuchen und einfach nur Entspannen kennen gelernt und genossen. Ich hatte sogar Zeit Bücher zu lesen - „Palpasa Café“ von Narayan Wagle (Geschichte einer Liebe und Geschichte Nepals in einem), „Mother, daughter, sister“ (viele Artikel über die Situation der Frauen in Nepal) und „Forget Kathmandu“ von Manjushree Thapa (eine kritische und manchmal ironische Darstellung der Geschichte Nepals). Ihre Lektüre ist sehr empfehlenswert.

Engagement gegen AIDS

Von Itahari aus war es auch nicht mehr weit zu dem Flüchtlingslager der Bhutaner. Sich mit ihnen über ihre Erinnerungen, Probleme und Pläne zu unterhalten war sehr beeindruckend. 107 000 Menschen mit Häusern aber ohne ein Zuhause. Einige von ihnen habe ich später im Flugzeug zurück nach Europa gesehen, mit einem großen Aufkleber „IOM“ (International Organisation for Migration). In ihren Augen Hoffnung. Sie wollen in einem der Drittländer ihre Heimat finden, sich diese aufbauen. Mein nächster Halt war Nepalgunj im Mittleren Westen, 5 km von der indischen Grenze entfernt. Ich fuhr einmal quer durch Nepal. Hier arbeitet ein Freund von mir, den ich vor einem Jahr bei einem Workshop kennen gelernt hatte. Er arbeitet im Bereich public health und beschäftigt sich mit der Problematik  HIV und AIDS. Seine Organisation FHI (Family Health International) koordiniert einige Programme für Information, Prävention, Therapie und Sterbehilfe. In dem Gebiet Mid-West ist das Problem HIV/AIDS groß. Viele arbeitslose Männer fahren auf der Suche nach Arbeit nach Indien. Viele stecken sich dort an. Wenn sie zurück nach Hause kommen, stecken sie ihre Frauen an und diese stecken oft ihre ungeborenen Kinder an. FHI und die mit ihr zusammen arbeitenden NGOs versuchen diese Situation zu ändern. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Es war fantastisch zu sehen, wie viel Herzensblut dieser Ehrenamtlichen in die Projekte reinfließt.

Bei den Child Workers in Nepal

Am Ende meines Aufenthaltes in Nepal habe ich mit der CWIN (Child Workers in Nepal Concerned Centre) gearbeitet, einer Kinderrechtsorganisation. Ich bin mit  Sozialarbeitern zu den Straßenkindern gegangen, habe mich mit ihnen unterhalten, sie manchmal untersucht. Dieses Projekt hat mich am meisten bewegt. Traurig aber sehr motivierend. Ich habe dort 27 der geschätzten 900 obdachlosen Kinder Kathmandus kennen gelernt. Nur Jungs. Mädchen werden so schnell wie es geht in die Rehabilitationszentren oder nach Hause gebracht; die Gefahr einer Vergewaltigung auf der Straße ist zu groß. Die Jungs gehen zwar nicht zur Schule, sind aber oft sehr intelligent, sie sind frech aber auch witzig. Sie sind charmant. Sie haben Träume. „Ich möchte Koch werden!“ „Und ich Fahrer.“ „Ich will ein guter Mensch sein.“ Sie haben einfache, wunderschöne Träume.

Und mein Traum ist es, irgendwann wieder nach Nepal zu fliegen. Nicht alles war einfach, und nicht alles war trotz meiner rosa-roten Brille rosig. Die Luft in Kathmandu war tödlich für meine Lungen. Ich hatte die ganze Zeit über eine Bronchitis. Die Straßenblockaden haben das Vorwärtskommen ab und zu schwierig oder sogar unmöglich gemacht. Kalorien verbrennen beim Laufen in praller Sonne war dann angesagt. Für so ein mäkeliges Kind wie mich waren die Gemüsesorten (alles, was nur einer Gurke ähnlich war, wurde gekocht) zum Mittagessen eine Tortur - zumindest am Anfang. Mit der Zeit kann man sich an alles, wirklich alles gewöhnen. Die „tiger-balm“- und Minigeige- Verkäufer waren wie die Pilze - sie sprossen vor einem wie aus dem Boden heraus, überall und besonders dort, wo man sie nicht erwartet hat. Das waren aber Sachen, die ich entweder ignorieren, akzeptieren oder auch ertragen konnte. Das Positive hat eindeutig überwogen. Ich wiederhole mich, ich weiß, ich will es aber noch mal sagen - es war die Reise meines Lebens.

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