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Mazedonien und Kosovo

von Theresa Bauer

01.12.2008 Ich sitze am Flughafen in Belgrad, um mich herum laut diskutierende Menschen mit großen Taschen und Kartons. Wir alle warten darauf, dass die Maschine nach Skopje zum Einstieg freigegeben wird. Es ist Mitte Juli, als ich mich auf den Weg mache nach Mazedonien, um den Sommer 2008 auf dem südlichen Balkan zu verbringen. Ich habe keine richtige Vorstellung von dem was mich erwartet, aber schon im Flugzeug bekomme ich das Gefühl, es war die richtige Entscheidung Mazedonien zu wählen.

Es dauert keine zehn Minuten, da fragt mich mein schon ergrauter Nachbar erstaunt, warum ich nach Mazedonien reise. Er selber stammt aus Montenegro verkündet er nicht ohne Stolz und verbringe die schönsten Monate des Jahres immer in seiner Heimat. Er lädt mich ein, ihn und seine Familie an der Küste Montenegros besuchen zu kommen. Ohne gefragt zu werden schaltet sich die vor mir sitzende Frau in das Gespräch ein. Sie ist albanische Mazedonierin und lebt seit über 15 Jahren in Berlin. Während sie weiter erzählt von ihrer Jugend in dem damals noch wirtschaftlich blühenden Mazedonien verfällt sie - ohne es zu merken - in ihre Muttersprache. Ich lehne mich zurück in meinen Sessel, beobachte das Gespräch zwischen den beiden und frage mich, ob die beiden damals auch so herzlich begrüßt wurden, als sie das erste Mal deutschen Boden betraten.

In Mazedoniens Hauptstadt Skopje angekommen nimmt mich Roza in Empfang. Sie ist Kinderchirurgin und wird für die nächsten Wochen meine Vermieterin sein. Ich wohne zusammen mit ihrer Familie in einem eigenen Appartement auf einem Hügel über der Stadt. Abends genieße ich den Blick über die Stadt; besonders dann, wenn nach einem drückend heißen Tag die Gewitterwolken aus den nahe gelegenen Bergen heranziehen und sich über die Stadt ergießen. Roza hat die ersten Tage noch Urlaub und lässt es sich nicht nehmen mich mit Köstlichkeiten der mazedonischen Küche zu verwöhnen. So komme ich mittags aus der Klinik und auf der Treppe steht ein duftender Topf gefüllt mit dampfenden Paprika oder eingelegten Auberginen.

Famulieren

Die ersten drei Wochen famuliere ich in dem Uniklinikum Skopjes, und ganz ähnlich wie meine Vorgänger verbringe ich die meiste Zeit in der Nephrologie. Auch im Krankenhaus bemühen sich alle, mir meine Famulatur so angenehm wie möglich zu gestalten. Wohlfühlen heißt in Mazedonien Mokka trinken und so gibt es keinen Vormittag, an dem ich nicht mindestens fünf türkische Mokkas trinke. Zwischen den Tassen nehmen sich die Stationsärzte viel Zeit, um mir alles zu zeigen oder zu erklären. Ich kann bei vielen diagnostischen und therapeutischen Interventionen zusehen. Da ich aus sprachlichen Gründen wenig selber machen kann, ermöglicht mir Ilir, mein IPPNW-Kontaktarzt, in viele Bereiche für einige Tage reinzuschnuppern. Somit erlebe ich einen sehr facettenreichen Klinikalltag. Neben der Nephrologie verbringe ich einige Tage in der Notfallaufnahme, der Unfallchirugie und in der Pädiatrie.

Von der mazedonischen Metropole Skopje

Die Bevölkerung Mazedoniens ist eine bunte Mischung unterschiedlichster ethnischer Gruppen: 64% Mazedonier, 25%  Albaner, 4% Türken, 3% Roma, 2% Serben und 1% Bosniaken. Die Hauptstadt Mazedoniens, Skopje, zählt 580.000 Einwohner und ist kein besonderes Juwel, hat aber dennoch ihren Charme. Die südliche Neustadt ist geprägt von sozialistischen Betonbauten, die nach dem schweren Erdbeben 1963 in kürzester Zeit errichtet wurden. Die Altstadt hingegen schafft den historischen Spagat von 500 Jahren osmanischer Herrschaft und Balkanatmosphäre. Hier findet man den endlos erscheinenden Bit Bazar sowie zahlreiche kleine Kaffee- und Teehäuser in den verwinkelten Gassen der Altstadt.

Ich verbringe viel Zeit in diesem Teil der Stadt, lasse mich treiben von der Langsamkeit des Lebens die dort herrscht und so gut tun kann. Das Straßenbild der Altstadt ist männerdominiert und bis zum Ende gewöhnungsbedürftig. Eine spannende Erfahrung, da man in dieser auch muslimisch geprägten Gesellschaft als Frau anders wahrgenommen wird. In erster Linie jedoch ist der Großteil der mazedonischen Bevölkerung christlich-orthodox, etwa 70%, und nur knapp 30% der Bevölkerung sind Muslime.


Ein Sozialprojekt

Nach den ersten zwei Wochen stellt sich langsam eine unglaubliche Hitze ein, die Stadt wird immer leerer. Die Menschen flüchten in die Berge oder aber an die Küste. Während des Hochsommers haben leider auch viele Sozialprojekte geschlossen. Somit gestaltet sich der Engagieren-Teil in Skopje zunächst etwas schwierig. Über eine Ärztin werde ich auf die Organisation ESE (Association for Emancipation, Solidarity and Equality of Women of the Republic of Macedonia) aufmerksam. Die Mitarbeiterinnen kümmern sich zum einen um Roma und Sinti aber auch um die Rechte der Frauen in dem Land. In einem an Skopje angrenzenden Roma-Viertel namens Sutka sorgen sie dafür, dass diese Menschen Papiere und eine medizinische Versorgung erhalten. Darüber hinaus problematisiert ESE besonders die Folgen häuslicher Gewalt für Frauen und versucht Auswege aufzuzeigen. Ich kann die Mitarbeiterinnen in das Roma-Viertel begleiten und im Büro bei den Projektplanungen dabei sein.


Vom Reisen und Genießen

Der südliche Balkan lädt ein, bereist und erkundet zu werden. Touristisch noch nicht erobert, kommt man in diesem Land häufig in den Genuss herzlicher Gastfreundschaft. Die Entfernungen innerhalb des Landes, aber auch zu den benachbarten Ländern Kosovo, Albanien und Montenegro sind nicht groß und somit per Bus oder Bahn gut zurückzulegen. An einem Wochenende etwa besuche ich Simon in Belgrad und wir verbringen einige schöne Tage an der Donau. Die anschließende Reise führt mich an den im Süden gelegenen Ohridsee, ein Muss für jeden mazedonischen Sommer. Von dort aus geht es ins Landesinnere zum „ Zlatovrv“ dem „Goldberg“. Man sagt es gibt in dieser Berglandschaft Pelagonija viele versteckte orthodoxe Klöster. Eines, vielleicht das schönste und geheimnisvollste ist Treskavec. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert und bot dem Kinofilm „Vor dem Regen“ eine verlassene romantische Atmosphäre. So erreichen wir nach einem mühsamen Aufstieg das Kloster, in dem wir übernachten. Der Ausblick über die mazedonische Felslandschaft verschlägt einem fast den Atem - wir genießen ein kleines Stück vom Glück.

Ein weiteres Sozialprojekt

Was ich bis zu diesem Zeitpunkt nur unterschwellig mitbekommen hatte, spüre ich im Nordwesten des Landes sehr intensiv: Die Auswirkungen der Multiethnizität auf die Minderheiten eines Landes. Rund um Tetovo leben zum größten Teil Albaner, die im übrigen Land eher unterrepräsentiert sind. Deshalb kam es 2001 in dieser Region zum Ausbruch des Konfliktes zwischen Mazedoniern und Albanern. Es gibt vieles was sie trennt, diese beiden Völker, und ich bekomme das Gefühl, dass viele immer wieder darauf verweisen, um die Unmöglichkeit des Zusammenlebens zu demonstrieren - die Sprache, die Religion und besonders die Geschichte der Völker.

Wie schon meine Vorgänger verbringe auch ich meinen zweiten Engagieren-Teil bei der Organisation LOJA (albanisches Wort für Spiel). Sie bemüht sich in dem Ort Tetovo, junge Mazedonier und Albaner in einen Dialog zu bringen, sei es durch gemeinsame Filmprojekte, Fotoausstellungen oder Diskussionsveranstaltungen. In Tetovo wohne ich bei einer albanischen Familie. Es ist Ramadan. Abends bin ich zum Iftar eingeladen, dem abendlichen Fastenbrechen. Die Frauen des Hauses zaubern kulinarischen Köstlichkeiten wie Kebab, Börek und Tarator, eine Spezialität aus Jogurt und Walnüssen, auf den Tisch.

Während der Tage in Tetovo besuchen mich Simon und Caro. Sie sind den Sommer über mit f&e in Serbien und Bosnien-Herzegowina. Die Möglichkeit sich gegenseitig besuchen zu können, bereichert die Balkanerfahrung enorm. Es tut gut sich zwischenzeitlich mit Gleichgesinnten über Erlebtes austauschen zu können.

Von dem neuen Staat Kosovo

Das Kosovo ist erst ein halbes Jahr von Serbien unabhängig, als ich seine Grenzen überschreite. Alles was ich bisher zur dortigen Lage gehört hatte, bereitet mir auf dem Weg dorthin ein wenig Magenschmerzen. Die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes sind ebenfalls nicht ermunternd. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht in einem „Postkonfliktland“ gewesen, in dem die Auseinandersetzung und das Kriegsgeschehen noch so frisch waren. „Wie ist die Stimmung vor Ort? Wie sind Land und Leute gezeichnet und traumatisiert worden durch einen Krieg, der nicht all zu lange vergangen ist? Wie ist der Alltag dieser Menschen von dieser Vergangenheit geprägt?“ Diese Grübeleien vergesse ich innerhalb kurzer Zeit nachdem ich in der Hauptstadt Prishtina ankomme. Dort nimmt mich Ilir, der junge IPPNW-Kontaktarzt in Empfang. Ich wohne die Zeit über bei ihm zu Hause direkt neben dem Uniklinikum, einige Fußminuten von der Innenstadt entfernt.

Ilir arbeitet im Ministerium, was mir die Chance gibt, abends bei einem Glas kosovarischen Wein mit den unterschiedlichsten Gesprächspartnern zu diskutieren - angefangen vom nationalen NGO-Mitarbeiter über Regierungsangestellte bis hin zum Medizinstudenten. Obwohl das Land nach wie vor noch brodelt und der Konflikt zwischen Kosovo-Albanern und Serben nicht gelöst ist, fällt es mir leicht in dieser Atmosphäre auch heikle Fragen zu stellen. Viele meiner Fragen müssen für die Leute komisch, gar naiv klingen, aber sie bemühen sich, mir ihren Standpunkt zu erklären. Nach den Tagen im Kosovo wird mir wieder einmal bewusst, wie wichtig in solch einem Land der Kontakt zur Bevölkerung ist, um das Geschehen vor Ort besser einordnen zu können.

Famulieren

Ich hatte im Vorfeld mehrfach gehört, dass die Geburtenrate im Kosovo enorm hoch sei. Aus diesem Grund hatte ich mich entschlossen den zweiten Teil meiner Famulatur in dem Bereich Geburtshilfe und Neonatologie zu machen. In meiner ersten Nachtschicht sehe ich mehr als 30 Geburten. So wird die Geburt wirklich zu einer ganz natürlichen Sache. Selbstverständlich ist auch der Blick der Putzhilfe um die Ecke, um zu sehen wie weit die Geburt ist. Es wird unter sehr limitierten Bedingungen gearbeitet, die Ärzte verdienen wenig oder gar nichts. Ein Gesundheitssystem existiert noch nicht in dem noch so jungen Staat. Dennoch sind die Mitarbeiter motiviert und stolz darauf, ihren lang ersehnten eigenen Staat mit aufbauen zu dürfen und nehmen dafür einiges in Kauf.

Ein Résumé

Während der zwei Monate habe ich wenig selber machen können, dafür viel beobachtet, zugehört und besonders Fragen gestellt. Ich war zugegebener Maßen vorher etwas skeptisch, da ich wusste, dass ich in Krankenhaus und Organisationen tatenlos bleiben musste. Im Nachhinein war es herausfordernd, einmal die Beobachterposition einzunehmen. Die intensiven Diskussionen und beeindruckenden Begegnungen ließen mich in diese Region eintauchen und den verworrenen Konflikten unter den verschiedenen Volksgruppen näher kommen. Während der dort verbrachten Wochen durchlebte ich manche Durststrecke, da ich immer wieder mit den niemals enden wollenden Auseinandersetzungen konfrontiert wurde. Manchmal schien es, dass einige dieser Konflikte schon Teil der Identität geworden sind - schwer auszuhalten für mich als lösungsorientierten West-Europäer.

Und trotz oder vielleicht wegen dieser schwierigen Lebenssituation haben sich sowohl Mazedonier als auch Albaner eine bewundernswerte Gelassenheit erhalten. Vielleicht ist es diese Mischung, die das Land so reizvoll macht und mich hat staunen lassen. Es scheint als wenn es für den Sommer keinen besseren Ort als den südlichen Balkan hätte geben können.

Hier noch einige Tipps zur Einstimmung

Filme:
- Before the rain; von Milčo Mančevski
- Underground; von Emir Kusturica
- Schwarze Katze, weißer Kater (Crna mačka, beli mačor); von Emir Kusturica
- Das Leben ist ein Wunder; von Emir Kusturica


Literatur:
- Die Brücke über die Drina; von Ivo Andric
- Jugoslawien. Der Krieg, der nach Europa kam; Misha Glenny
- Makedonien entdecken. Unterwegs auf dem südlichen Balkan; von Philine von Oppeln

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