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Kenia

von Roman Schlager

01.12.2008 Einleitend möchte ich gern eines meiner ersten Erlebnisse in Kenia schildern: Als ich mit Christine, einer kenianischen IPPNW-Studentin, abends vom Campus nach Hause lief, saß ein weinender Junge auf der Straße. Er hielt sich den Fuß, als ob er verletzt wäre. Als Christine ihm vorschlug, ihn ins Krankenhaus zu bringen und auch die Kosten dafür zu übernehmen, schüttelte er nur den Kopf. Währenddessen rief uns eine Frau von der anderen Straßenseite zu, dass der Junge jeden Tag dort sitzen und weinen würde. Daraufhin ging Christine zum nächsten Straßenstand und kaufte etwas zu essen. Als sie es dem Jungen gab, stand er auf und ging fort.

Wie ich mir sagen ließ, sind Vorkommnisse dieser Art in Kenia keine Einzelfälle. Sie sind normal und gehören zum Alltag dazu. Das Schockierendste daran war aus meiner Sicht die Normalität mit der die Menschen scheinbar mit so etwas umgehen.

Übersicht über meinen Aufenthalt in Kenia
Die Gelegenheit eines notwendigen Umstiegs in Dubai nutzte ich für einen viertägigen Aufenthalt in dieser Stadt der Superlative. Von dort ging es direkt nach Nairobi, wo ich zunächst für vier Wochen am Kenyatta National Hospital (Universitätsklinikum von Nairobi) auf einer Station für Innere Medizin famulierte. Danach fuhr ich mit einer kenianischen Delegation für eine Woche nach Sansibar, wo wir an einer studentischen Konferenz der TAMSA (Tanzanian Medical Student’s Association) teilnahmen. Anschließend verbrachte ich eine Woche im Distriktkrankenhaus von Kwale, einer Kleinstadt in der Nähe von Mombasa. Reine Landeserkundung erlaubte ich mir schließlich mit einer kleinen Safari im Massai Mara und mit der Besteigung des Mt. Kenya. Mein Sozialprojekt hatte verschiedene Teile, unter anderem einen zweiwöchigen Aufenthalt in Dadaab. Dieses Dorf befindet sich an der somalischen Grenze und beherbergt derzeit ca. 200 000 Flüchtlinge, die in Lagern des UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) untergebracht sind. Zwischendurch unterrichtete ich in einer Schule in Kibera, dem größten Slum Nairobis, und nahm an Medical Camps in den zahlreichen anderen Armutsvierteln der Stadt teil.


Dubai
Dubai ist multikultureller als jeder andere Ort, den ich bisher erlebt habe. Hier boomt es so sehr, dass Menschen aus aller Welt kommen, um Arbeit zu finden. An jeder Ecke wird gebaut, und es ist in der Tat eine Stadt der Superlative. Hier gibt es die meisten Kräne, den größten Flughafen, das größte Einkaufszentrum, das höchste Haus, das einzige Sieben-Sterne-Hotel, den größten Hafen, künstliche Inseln, den größten Vergnügungspark und zu allem Überfluss auch eine Skihalle, wo man sozusagen mitten in der Wüste auf künstlichem Schnee Ski fahren kann. Ich frage mich, warum die Menschen das alles brauchen. Wenn man sich allein nur überlegt, was es für Energie kostet, in der Wüste menschliches Leben auf einem derartigen Niveau zu ermöglichen. Natürlich sitzen die Menschen dort auf den Energiequellen, aber sehr ökonomisch wird damit nicht umgegangen. Ein Liter Benzin kostet nur ca. 0,25 Euro. Man argumentiert damit, dass man die Wirtschaft diversifizieren will, um für die Zeit nach dem Öl Einnahmequellen zu sichern. Also versucht man, Attraktionen zu schaffen, die besonders für einkommensstarke Menschen interessant sind. Bisher scheint es zu funktionieren.
In jedem Fall ein sehr starker Kontrast zu dem, was mich später in Ostafrika erwartete.
 

Afrika
Meine erste Reise nach Afrika. Lange hatte ich davon geträumt, diesen Kontinent zu besuchen. Ich war unglaublich gespannt, was mich erwarten würde. Vieles war vor der Abreise offen und ungeklärt geblieben. Ich war neugierig auf die Lebensweise und die Kultur der Menschen dort. Ich wollte meine medizinischen Kenntnisse sowohl unter dem Aspekt der extrem begrenzten Ressourcen als auch hinsichtlich der Diagnostik und Therapie von Infektionskrankheiten erweitern. Vieles hatte ich auch schon über Entwicklungshilfe gehört, doch wie würde so etwas in der Praxis aussehen?  Außerdem stellte ich mir die Frage, wie man wohl als Mensch mit weißer Hautfarbe dort aufgenommen werden würde.
Ein großes Abenteuer also, in dem ich auf keinen Fall nur Beobachter sein wollte. Stattdessen wünschte ich mir, mich aktiv einbringen zu können.
 

Kenia
Politische Situation
Kenia ist ein Land, welches aufgrund seiner ökonomischen Situation zu den Vorzeigeländern Afrikas gehört. Ein grundlegendes Problem, welches in vielen afrikanischen Gesellschaften existiert, gibt es aber auch dort und es nahm mit den politisch-ethnisch motivierten Auseinandersetzungen zum Jahreswechsel 2007/2008, in deren Folge ca. 1500 Tote und Tausende von Vertriebenen zu beklagen waren, dramatische Dimensionen an. Es ging dabei hauptsächlich um Identität. Identität definiert sich in Afrika sehr stark über Stammeszugehörigkeit. Als die afrikanischen Nationen gebildet wurden, fand dies jedoch nicht unter Berücksichtigung von ethnischen Einflussgrenzen statt. Nun hat eine Nation üblicherweise eine Regierung, an deren Spitze nach derzeitiger Regelung nur eine Person stehen kann. Diese Person gehört einer bestimmten Ethnie an und neigt dazu, sich mit Stammesgenossen zu umgeben und darüber hinaus ihre eigene Ethnie politisch zu begünstigen. Nachvollziehbarerweise ist dies ungerecht und führt zu Ressentiments bei anderen Volksgruppen. In Kenia ist es nun so, dass Präsident Kibaki zu den Kikuyu gehört. Bei den Präsidentschaftswahlen Ende 2007 war sein größter Rivale Odinga, der ethnisch zu den Luo zählt. Stimmennumerisch hatte Odinga die Wahl gewonnen, Kibaki sicherte sich aber durch Wahlbetrug den Sieg. Nachdem Kenia über viele Jahre hinweg bereits von einem Vertreter der Kikuyu regiert wurde und diese Volksgruppe mittlerweile eine extrem einflussreiche Elite repräsentiert, überschritt diese Situation bei vielen Menschen die Toleranzgrenze und ihr Frust entlud sich in einem nicht zu erwartendem Maß zunächst gegen die Kikuyus. Was anfangs v.a. Luo gegen Kikuyu bedeutete, mündete schließlich in einen multiethnischen Konflikt (in Kenia gibt es 42 Stämme). Die Kämpfe wurden vorerst durch einen Kompromiss unter der Vermittlung von Kofi Annan beendet. Kibaki blieb Präsident und Odinga wurde Premierminister.
Viele Kenianer bestätigten mir, dass damit der Konflikt keineswegs gelöst wäre, er schwelt stattdessen weiter unter der Oberfläche. Odinga hat nach wie vor Ambitionen auf das Präsidentenamt und wartet auf eine geeignete Gelegenheit.
Kurz nach meiner Ankunft in Kenia durfte ich ein Fußballländerspiel gegen Namibia miterleben. Ich hatte das Gefühl, hautnah die Spannung in der Luft spüren zu können. Kenianische Fußballfans sind angeblich vorrangig Luo. Der Zufall wollte es, dass Odinga ausgerechnet zu diesem Spiel eine Ansprache halten sollte. Das bedeutete also ein Stadion voller Luos und dazu noch „ihr“ Premierminister. Ich war hingegen v.a. in Begleitung von Kikuyus. Diese meinten, dass es richtig krachen würde, wenn Kenia verlieren sollte. Dementsprechend stand mir der Schweiß auf der Stirn. Zum Glück ging der Ball schließlich per Foulelfmeter für Kenia zum 1:0 ins Netz!
 
In diesem Zusammenhang möchte ich das Goethe-Institut in Nairobi erwähnen. Es ist nämlich nicht so, dass es lediglich der Verbreitung von deutscher Sprache und Kultur dient, sondern es setzt sich auch mit der aktuellen politischen Situation des jeweiligen Landes auseinander und fungiert als eine Art Kulturstiftung. Zurzeit findet eine Veranstaltungsreihe zur Aufarbeitung der gewalttätigen Auseinandersetzungen statt und außerdem können Künstler für diverse Projekte, die damit im Zusammenhang stehen, Gelder beantragen. 
 
Die Rolle als „ reicher Ausländer“
Wenn man in Kenia durch die Straßen läuft, stößt man eigentlich auf einen sehr angenehmen Umgang. Im Verlauf drängte sich mir jedoch immer mehr das Gefühl auf, dass dies vor allem in der Stadt sehr unehrlich ist. Als Weißer scheint man oft als Geldquelle betrachtet zu werden, als jemand der hilft und Probleme löst. Ich verdenke das den Menschen nicht. Sie adaptieren sich an die Umstände. Selbst hatte ich aber mit inneren Konflikten zu kämpfen. Ich komme mir grausam vor, wenn ich nichts gebe, denn ich könnte es mir ja theoretisch leisten (Das Leben ist für uns in Kenia relativ günstig.). Aber wenn man damit einmal anfängt, wo hört man dann auf? Mir ist es immer wieder passiert, dass nach einem anfangs angenehmen Gespräch, das teilweise von erstaunlicher Kürze war, irgendeine Bitte aufkam. Jemand wollte beispielsweise zum Essen eingeladen werden, ein anderer wollte einen Beutel Zucker aus dem Supermarkt für seine Familie und ein weiterer gern ein Blutdruckmessgerät aus Deutschland. Leider neigt man in der Folge zu einem Misstrauen, was den Aufbau von zwischenmenschlichen Beziehungen sehr behindert. Wie unterscheide ich das Wahre vom Falschen? Wann gilt ein Lächeln wirklich meiner Person und wann meinen finanziellen Möglichkeiten?
 
An diesem Punkt deutet sich ein grundlegendes Problem Afrikas an, auf das man, so wird jedenfalls von einschlägiger Literatur behauptet und es wurde mir sogar mehrfach in persönlichen Gesprächen bestätigt, auf dem Kontinent immer wieder stoßen würde. Die Menschen erwarten oft, dass jemand anderes die Probleme für sie löst. Es mangelt am Glauben an die eigenen Fähigkeiten und in die eigene Durchsetzungskraft. Sicher ist dies teilweise historisch bedingt und abhängig von bestimmten gesellschaftlichen Umständen. Ein gutes Beispiel mag dennoch die Euphorie um den neuen US-amerikanischen Präsidenten sein. Immerhin ist er Halbkenianer, darum ist die Freude über seine Wahl in Kenia vielleicht noch nachvollziehbar, aber es gab eben nicht nur in Kenia einen Nationalfeiertag nach seiner Wahl sondern auch in vielen anderen afrikanischen Ländern. Man erhofft sich nun Hilfe und Rettung vom neuen starken Mann.

Der Glaube
Gedanklich anknüpfend an den vorherigen Absatz möchte ich noch folgendes erwähnen. Sehr oft wurde ich während meines Aufenthaltes gefragt, ob ich an Gott glauben würde. Das war wirklich eine sehr große Herausforderung für mich, denn so genau hatte ich darüber noch nie nachgedacht. Die meisten Menschen in Kenia sind bekennende und praktizierende Christen und können es nicht verstehen, wenn man auf diese Frage keine eindeutige Antwort hat ("How do you live without god?").
Sicher ist es aber auch hier so, dass die Kirche den Menschen v.a. Hoffnung gibt. Leider scheinen es die Menschen nicht zu merken, dass sie für diese Hoffnung mitunter sehr teuer bezahlen.
 
Nairobi
Ankunft und Unterbringung

Am Flughafen wurde ich herzlich von Hellen – sie war letztes Jahr mit f&e in Deutschland – und Michael – er ist der Leiter der IPPNW Studierendengruppe Nairobi – empfangen. Hellen hatte für mich eine Unterkunft in einem christlichen Studentenwohnheim organisiert. Dort wurde strikt auf Geschlechtertrennung geachtet und Sperrstunde war um 22 Uhr. Trotz alledem habe ich mich dort sehr wohl gefühlt. Es war leicht mit den Studenten in Kontakt zu treten – viel leichter als es nicht zu tun! – und wir hatten gemeinsam jede Menge Spaß. Dennoch nahm ich an als mir Chep, ein Freund von Hellen, anbot, bei ihm unterzukommen. Von nun an konnte ich meine Zeit freier gestalten.

Famulatur 
Von beiden Wohnorten war die Uniklinik in Laufnähe. Unter der Woche ging ich früh gegen neun auf die Innere und nahm dort am Studentenunterricht teil. Im Prinzip folgte man der Visite. Leider war das meist nicht so effizient, weil dies nicht in der Kleingruppe erfolgte, sondern sich ca. 20 Studenten, 3 Assistenzärzte und ein Oberarzt um ein Patientenbett drängelten. Nun, das kannte ich ja bereits von zu Hause. Eine richtige Einbindung in die Arbeit auf Station fand nicht statt. Schön war, dass fast jeder, sowohl die Patienten als auch das Personal, zumindest etwas Englisch verstand und auch sprach.
Es kam nicht selten vor, dass sich aufgrund der Bettensituation zwei Personen ein Bett teilen mussten. Ein HIV Test wurde bei jedem Patienten routinemäßig durchgeführt. Kosten für HIV Medikamente übernimmt der Staat. Auffällig fand ich den ärztlichen Umgang mit dem Tod. Ich möchte nicht behaupten, dass ein Leben dort weniger Wert hat, man wird aber vielleicht als Arzt häufiger damit konfrontiert und hat weniger Interventionsmöglichkeiten, so dass es eine Art Schutzreaktion sein könnte, wenn man drei Todesfälle auf einer Station an einem Morgen als nichts außergewöhnliches betrachtet. 

Hinsichtlich meiner klinischen Erfahrung war es besonders lehrreich, die extreme Ausprägung von bestimmten Krankheitsbildern zu sehen. Vieles findet man in Deutschland, einerseits aufgrund der früheren Erkennung und andererseits wegen des häufig früheren Aufsuchens ärztlicher Betreuung durch den Patienten, glücklicherweise nur noch selten.

Klima und Sauberkeit 
Sicher erwartet man im Vergleich zu Mitteleuropa ein tropisch heißes Klima im äquatornahen Kenia. Im Prinzip ist das auch richtig, allerdings macht das Klima Nairobis da eine Ausnahme. Es mutet sehr europäisch an, da die Stadt auf ca. 1600m über dem Meeresspiegel liegt – daran sollte man übrigens denken, wenn man mit Einheimischen Fußball spielt! Verlässt man die Stadt in Richtung Mombasa, so findet man klimatisch eher das, was man erwartet. Gleichzeitig fühlt man sich unter all den deutschen Touristen, die die kenianische Küste für ihren Urlaub ausgewählt haben, ein bisschen wie zu Hause. Insgesamt wirkte die Stadt relativ sauber und es war auch nicht so laut, wie ich es erwartet hätte. Die Abgase der vorrangig sehr alten Autos kommen aber scheinbar größtenteils ungefiltert aus dem Auspuff und stinken furchtbar.

Kibera 
Eines Tages hatte ich das Glück, Gerald kennen lernen zu dürfen. Er ist der Leiter von der Jugendorganisation „Visionary Youth“ in Kibera. Er erzählte und zeigte mir viel vom Leben in diesem Armutsviertel. Die Organisation besteht aus jungen Menschen, die selbst alle in Kibera leben. Sie setzen gemeinsam verschiedene Projekte um, u.a. geht es dabei um die Einrichtung sanitärer Anlagen, die Freizeitgestaltung Jugendlicher oder die Unterstützung von Lehrern beim Unterricht an den Schulen.

Medical Camps
Kenianische Medizinstudenten können sich freiwillig zu sogenannten Medical Camps in den Armutsviertels von Nairobi melden. Diese Camps werden von großen internationalen Organisationen durchgeführt und gefördert. Dabei wird medizinische Hilfe in verschiedenen Bereichen geleistet. Ich hatte mehrfach die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Bei zahnmedizinischen – ein gezogener Zahn schmerzt nicht mehr – oder ophtalmologischen – eine Sehhilfe kann wirklich akut die Situation verbessern – Problemen macht die Akuthilfe für mich durchaus Sinn. Bei vielen anderen Erkrankungen greift dieser Ansatz aber nicht weit genug, weil die Hilfe kurzfristig und teuer ist. Schließlich werden Ärzte und medizinisches Personal aus der ganzen Welt eingeflogen, anstatt Hilfe zur Selbsthilfe durch entsprechende Ausbildung Einheimischer zu geben.

Sicherheit 
Die Stadt trägt auch den Beinamen „Nairobbery“ und ist statistisch wohl die gefährlichste Stadt des Kontinents nach Lagos und Johannesburg. Auch wenn ich aus eigenen Erfahrungen sagen kann, dass da wahrscheinlich etwas Wahres dran ist, so würde ich dennoch niemandem raten, deswegen diese wirklich spannende Stadt zu meiden. Durch entsprechendes Verhalten können Risiken entscheidend minimiert werden.

Sansibar
George, der Student, der ursprünglich mein Austauschpartner sein sollte, war wissenschaftlich sehr interessiert und engagiert. So reisten wir gemeinsam als Teil der kenianischen Delegation nach Sansibar, wo wir an einer Konferenz der TAMSA teilnehmen konnten. Thema war die Umsetzung der MDGs (Millennium Development Goals) in Afrika bis 2015. Ca. 400 Medizinstudenten aus Ostafrika stellten verschiedene Forschungsprojekte vor,  die damit im Zusammenhang stehen.

Distriktkrankenhaus Kwale
Von Sansibar ging es nach Kwale, wo Hellen einen Arzt in einem Distriktkrankenhaus kannte. Er war der einzige Arzt dort. Den Großteil der klinischen Routinearbeit erledigten sogenannte "Clinical Officers". Diesen Beruf gibt es bei uns eigentlich nicht. Man könnte vielleicht sagen, dass es sich dabei um eine Art Krankenschwester/-pfleger mit gewissen ärztlichen Befugnissen handelt. Das macht durchaus Sinn, denn der Arzt wird somit nur bei ungewöhnlichen und sehr schwierigen Fällen konsultiert und kann deshalb effizienter arbeiten. Ansonsten machte die Klinik einen extrem gut organisierten Eindruck, ein Schwerpunkt wurde auf HIV-Aufklärung und die Betreuung von HIV-Patienten gelegt.

Landeserkundung
Kenia ist landschaftlich wunderschön. Ein Wochenende durfte ich Hellen nach Migori in der Nähe vom Lake Victoria begleiten. Sie ist dort in ein Projekt involviert, in dem AIDS-Waisen betreut werden. Im Prinzip hat sie dafür zu sorgen, dass bestimmte Gelder ordnungsgemäß an die Kinder weitergeleitet werden und sie die Schule besuchen können. Da es in Kenia kaum Züge gibt – nur zwischen Kampala in Uganda und Mombasa verkehrt die Ostafrikanische Eisenbahn – werden die meisten Menschen mittels Matatu (Minibus) oder Bus befördert. Bequem ist das nicht gerade, weil es sehr eng ist und sich ein Großteil der Straßen in sehr schlechtem Zustand befindet. Erholsam war es also nicht,  dafür aber sehr spannend. Schließlich bekam ich mein erstes Zebra zu sehen, das einfach vor uns über die Straße lief. Außerdem teilte man mir vor der Reise mit, dass Überlandmatatus gerne überfallen werden.

Nach ca. sechs bis sieben Stunden Reisezeit von Nairobi erreichten wir Migori. Während Hellen ihrer Aufgabe nachging, fuhr ich weiter bis an die Küste des Lake Victoria. Mittlerweile war die Straße schon nicht mehr geteert und ich saß mit 12 Erwachsenen und 5 Kindern in einem Auto, welches bei uns nur auf 5 Personen zugelassen wäre. Ich fuhr an einen Ort, der direkt am Lake Victoria liegt und an den sich selten Menschen mit heller Hautfarbe verirren. Dementsprechend groß war die Begeisterung bei den Kindern, von denen mich einige nur einfach gern mal berühren wollten. Rasch kamen die Leute auf mich zu und schnell war ich mit einigen Fischern im Gespräch. Am engsten wurde dabei der Kontakt zu Felix. Er begleitete mich zu der Stelle, wo die Boote liegen und die Fische angelandet werden und erzählte mir viel über sein Leben und seine Arbeit. Schließlich verabschiedete er sich von mir mit den Worten „Hope to see you again“ und obwohl ich es gleichermaßen hoffte, dachte ich doch traurig – während ich nickend meine Zustimmung kundtat – dass dies doch recht unwahrscheinlich sei. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass es mir so ging.

Irgendwie musste ich nach diesem Besuch darüber nachdenken, wie globalisiert und vernetzt unsere Welt heute tatsächlich ist. Schließlich ging ein Großteil des Fisches – die Fischer selbst ernähren ihre Familien vor allem vom Beifang – nach Israel zu Ann-Kathrin und vielleicht auch zu Lisa. Israel ist wiederum stark mit den USA befreundet, wo Ursula sich gerade aufhielt und dessen neuer Präsident kenianische Wurzeln hat. Die Gesellschaftsstruktur Kenias ist auch mit diesem Gedankengang in Zusammenhang zu bringen. Sicher würde man ohne historische Kenntnisse vor allem Menschen mit schwarzer Hautfarbe dort erwarten. Diese machen auch den Großteil der Bevölkerung aus. Man ist aber überrascht, wie viele andere es doch gibt. Vor allem wird das an der Küste deutlich. Der Handel im Indischen Ozean brachte in der Vergangenheit viele Menschen von der arabischen Halbinsel und vom asiatischen Subkontinent nach Afrika. Selbstverständlich kamen diese nicht ohne ihre Kultur und so findet man zahlreiche Moslems und Moscheen, aber auch Hindus und deren Tempel. Außerdem wurde mir von umfangreichen chinesischen Investitionen in Afrika berichtet, die im Gegensatz zu europäischen Geldern weniger an politische Bedingungen, wie zum Beispiel Demokratisierung gebunden sind. Der afrikanischen Führungselite kommt das natürlich sehr gelegen, im Gegenzug will sich China den Zugang zu den großen Vorkommen an Bodenschätzen in Afrika sichern.
 
Lange hatte ich mich dagegen gesträubt, auf Safari zu gehen. Nachdem mir aber nahezu jeder geraten hatte, dass ich Kenia nicht verlassen könnte, ohne eine „Reise“ gemacht zu haben, entschied ich mich für eine Drei-Tages-Tour im Massai Mara. Ich würde es inzwischen auch empfehlen, auch wenn drei Tage wirklich genug sind und man irgendwann genug Löwen gesehen hat. Ohne geführte Tour ist es wirklich schwer und sehr teuer in die Nationalparks zu kommen. Fauna, die man bei uns nur aus dem Zoo kennt (Antilopen, Löwen, Nilpferde, Elefanten, Hyänen, etc.) kann man dort aus nächster Nähe in ihrem natürlichen Lebensraum bewundern. Problematisch finde ich jedoch die Menge der Besucher. Um einen Löwen können durchaus so viele Fahrzeuge stehen, dass sich ein regelrechtes Blitzlichtgewitter über die Tiere ergießt. Die Volksgruppe der Massai hat sich mittlerweile auch auf die Nachfrage eingestellt und versucht zu verkaufen, was sie nur kann. Leider geht dadurch mehr und mehr ihrer traditionellen Lebensweise verloren. 
Meinen Geburtstag verbrachte ich im Mt. Kenya-Massiv. Ich bestieg Point Lenana, den höchsten Gipfel, der ohne technische Kletterausrüstung zu erreichen ist.
Der Mt. Kenya selbst ist der zweithöchste Berg Afrikas und an seinem Fuß findet man noch unberührten Regenwald.
 
Dadaab
Den letzten und wahrscheinlich eindrucksvollsten Teil meines Aufenthaltes verbrachte ich im UN-Flüchtlingslager von Dadaab. Ich hatte das über die GTZ organisiert, die vom UNHCR mit der medizinischen Versorgung des Lagers beauftragt ist. Ich erhielt einen guten Einblick in die Organisationsstrukturen. Größtenteils war ich allerdings mit den Ärzten unterwegs. Interessant ist diesbezüglich auch meine Bekanntschaft mit Thomas. Er arbeitet für das US Resettlement Program. Diese Organisation erlaubt es bestimmten Flüchtlingen in die USA zu emigrieren, weil sie zum Beispiel eine Krankheit haben, die eine medizinische Versorgung verlangt, welche im Lager nicht geleistet werden kann. Für eine große Zahl der Flüchtlinge, die schon seit Jahren in dem Lager leben und darum eigentlich schon keine wirkliche Heimat mehr haben, in die sie zurückkehren können, ein Lichtblick. Nicht selten kommt es darum vor, dass Krankheiten vorgetäuscht werden.

Abschluss
Vieles gäbe es noch zu berichten, aber dennoch werde ich nun zum Schluss kommen.
Für mich stellt sich folgende Frage: Habe ich denn nun in Kenia Spuren hinterlassen? Hat mein Aufenthalt dort überhaupt irgendeinen Sinn gehabt?
Meine persönliche Antwort ist ja, denn auch wenn die Menschen dort auf jeden Fall die Arbeit ohne mich erledigen könnten – vor allem zum jetzigen Zeitpunkt, da meine Ausbildung noch nicht abgeschlossen ist –, so ist es doch so, dass ich es als sehr wertvoll erachte, in diesen Dialog der Kulturen zu treten. Viel können wir voneinander lernen, was nicht zuletzt zu einem besseren gegenseitigen Verständnis führen kann. Sicher ist es derzeit noch relativ ungleich, denn viele der Menschen dort haben nicht die Möglichkeit, nach Europa zu kommen. Trotzdem oder gerade deswegen ist es wichtig, dass wir sie mit einem offenen Herzen besuchen und als vertrauenswürdige Botschafter der westlichen Welt auftreten.

Alles in allem habe ich zwei sehr intensive Monate in Ostafrika verbracht. Ich habe dabei wichtige geistige Anregungen erhalten und bin um sehr wichtige Erfahrungen reicher geworden. Ich habe Menschen getroffen, deren Begegnung für mich außerordentlich wertvoll war.

Es war wunderschön, im Rahmen des f&e Programms nach Kenia zu reisen. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, falls es irgendwie möglich sein sollte, weitere afrikanische Länder in das Programm aufzunehmen. Viele Erfahrungen auf diesem Kontinent sind sehr spezifisch und würden sich wahrscheinlich am besten mit Menschen diskutieren lassen, die ähnlichen Situationen ausgesetzt waren. 

Danken möchte ich der gesamten deutschen IPPNW und besonders Ulla für Ihre
kontinuierliche und warmherzige Begleitung. Den Studenten der kenianischen IPPNW möchte ich meinen Dank für die Gastfreundschaft aussprechen und dabei vor allem Hellen für Ihre unwahrscheinlich herzliche, dynamische und spontane Organisation und Begleitung hervorheben. Und nicht zuletzt spüre ich eine tiefe Verbundenheit zum gesamten f&e Team.
Es war für mich eine Ehre, für das F&E Programm ausgewählt worden zu sein und mit Euch diese gemeinsame Zeit zu erleben.

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