IPPNW.DE
Seite drucken

Japan

von Nesrin Uksul

01.12.2008 „… Let all nuclear arms and wars be gone / And the nations live in true peace! / May it ring to all corners of the earth / To meet the ear of every man, / For in it throb and palpitate / The hearts of its peace-loving donors / So may you, too, friends, / Step forward, and toll this bell for peace!...” 
And I stepped forward, but couldn’t move the batter of this bell. Denn jene Worte las ich vor der “Bell Of Peace”, die gegenüber vom A-Bomb-Dome im Peace Park Hiroshimas stand und nur darauf wartete, von mir lautstark geläutet zu werden. Dass die Stange zum Läuten leider jedes Mal, wenn ich mich daran versuchen wollte, fixiert war, nahm mir nicht den Enthusiasmus, die Glocke dennoch zum Erklingen bringen zu wollen. Das Bild, wie ich wieder an einem sonnigen Tage an der Stange hänge und daran ziehe, ist bloß ein Mosaik meiner zahlreichen lebendigen Erinnerungen, die ich an diese wunderschöne Stadt und meine wertvolle Zeit in ihr habe.

Lasst mich von vorne anfangen: „Yataaaa!!!“ ging es mir durch den Kopf, als ich von der Zusage, mit f&e nach Japan reisen zu dürfen, erfuhr. Ich hatte bereits in meiner Schulzeit etwas Japanisch gelernt und war natürlich auch neugierig auf dieses Land, seine Leute und seine Kultur. Doch der Grund, warum ich mich gerade für dieses Projekt entschied, war der Peace Course – das Sozialprojekt in Hiroshima. Ein Projekt, das sich für den Frieden und gegen Nuklearwaffen und – krieg einsetzt, ist für mich das IPPNW - eigenste Projekt überhaupt, und daran wollte ich teilnehmen. Zudem wurde es mir ermöglicht, Erfahrungen in einem japanischen Krankenhaus zu sammeln. Doch der folgende Sommer bedeutete nicht „nur“ Friedensaktivität, Famulatur und kultureller Austausch für mich, es sollten sich noch zahlreiche weitere Einblicke ermöglichen und auch etwas Unerwartetes, was für mich ebenso wertvoll werden sollte wie der Hiroshima’sche Frieden: Freunde, die ich nicht mehr verlieren möchte. Yoshi – meinen ersten und besten Freund in Japan – lernte ich gleich bei meiner Ankunft kennen: nach einer verzweifelten Episode, in der ich eines abends nach 15 Stunden Flugzeit und 10 Stunden Powerjogging in Taipei ohne Geld und ohne Handy am Flughafen ankam, nun also ohne Buskarte und Kommunikationsmöglichkeit zu meinem Abholer, schenkte mir ein Fremder seine Busfahrkarte.

Nicht nur war ich dankbar für seine Großzügigkeit, sondern auch für seine Gesellschaft, denn er war auch der Erste mit dem ich seit Beginn meiner Reise  - also seit über 24 Stunden – reden konnte. Als der Bus dann endlich am Bahnhof ankam, stand ein schwarzer Japaner im Deutschlandtrikot und sonnigem Lächeln an der Bushaltestelle. Seine unglaubliche Zuverlässigkeit und sein großes hilfsbereites Herz überraschten mich während meines Aufenthalts immer wieder. Die zweite Rettungsaktion folgte noch in derselben Nacht: Hiroshima, über 30° nachts, 40° tags, war kaum aushaltbar ohne air conditioner. Angekommen in meinem kleinen neuen Daheim tropfte die Klimaanlage. Diesmal war es Yoshi, der mir seine Wohnung überließ und selbst woanders übernachtete. So kam es, dass ich nach all der Gastfreundschaft die ich in meiner kurzen Zeit bereits erlebt hatte umso neugieriger war, auf alles, was mich erwarten sollte.

Der Peace Park in Hiroshima

Nie werde ich vergessen, wie ich am nächsten Tag durch den Peace Park lief und ich das erste Mal Hiroshima kennen lernte. Ich hatte etwa eine Woche Zeit, um mich einzuleben, bis der Peace Course in der Hiroshima City University starten sollte. So erkundete ich die Gegend, stieg auf jeden Berg in meiner Umgebung, suchte eine Bank auf, entdeckte das berühmt-berüchtigte „Saty“ und füllte meinen Schrank, wo wohl schon jeder f&e’ler einkaufte, und machte mich wie erwähnt auf zum Peace Park. Der Peace Park erstreckt sich vom Peace Memorial Museum über zahlreiche Denkmäler bis zum A-Bomb-Dome in der Innenstadt. Bevor ich nach Japan kam, war mein Bild Hiroshimas wahrlich sehr getrübt von seiner dunklen Geschichte. Ich erwartete Menschen, auf denen die Bürde ihrer Vorfahren lastet, graue Gebäude und eine Atmosphäre, die hochschwanger ist mit Tristesse. Ehrfürchtig hatte ich meinen mp3-player ausgeschaltet, während ich an den Denkmälern vorbeischritt.

Die Sonne schien, der Himmel war blau, die Stadt war sehr grün und hatte zahlreiche Flüsse, alles war sauber, die Denkmäler waren beschmückt mit Blumen und bunten Kranichen – doch was mich am meisten erstaunte, waren die Menschen, die in allen Ecken einfach nur so abhingen: lesend, Musik hörend, Musik spielend, malend, schlafend… .  Zudem hörte ich plötzlich ein lautes Geschreie und Getöne als ich endlich den A-Bomb-Dome erblickte, der wohl als Einziges die Zerstörung symbolisierte. Auch wenn sich alles nach einem Konzert anhörte dachte ich doch, dass es sicherlich eher eine Friedensdemo sei die sich hinter dem Dom abspielte. Denn soviel Respekt sollte doch sein? Ich ging der Sache nach. Oh mein Gott! Baseballstadion! Unglaubliche Atmosphäre! Ich - Ticket gekauft - auch Jubeln - No1-Fan der Hiroshima Carp!! Oh ja, die Straße zum Park hieß PEACE Boulevard, das Museum, welches den Krieg thematisierte hieß PEACE Museum, der Park mit den Denkmälern für die Opfer hieß PEACE Park. Ich vermag es sicher nicht in Worten zu beschreiben, aber diese Stadt war alles andere als grau und geschlagen – sie war so voller Leben und Frieden wie ich es noch nie gespürt habe. Von da an verbrachte ich fast täglich meine freie Zeit und meine Abende auf den Stufen am Fluss gegenüber vom Dome, und meine Begeisterung nahm nie ab. Bevor der Course losging, lernte ich noch weitere Menschen kennen, die mich während meiner Zeit begleiten sollten, u.a. meine liebevolle Vermieter, „Trouble-shooter“ Konami-san aka Yoshi senior und seine Frau, die unter meiner Wohnung einen Kiosk betreiben und meine Austauschstudentin Munyo, die alles für mich organisiert hatte – meine Wohnung, mein Fahrrad, meinen Fahrplan zur Universität, alle möglichen Treffen u.v.m..

Der Peace Course

Der Peace Course  - bisher hatte ich nicht viele Gleichaltrige kennen gelernt, was sich hiermit änderte. 56 Studenten aus aller Welt kamen zusammen, um zwei Wochen u.a. über Hiroshima, Frieden und die Atombombe zu reden, Veranstaltungen zu besuchen, Erfahrungen und Meinungen auszutauschen. Zusammen offenbarten sich uns ähnliche Ansichten, das gleiche Erstaunen über fälschlich Geglaubtes, dieselbe Motivation packte uns. So unterschiedlich unsere Herkunft war, so unterschiedlich waren wohl auch unsere Vorurteile und unser Wissen über die Geschichte. Während die Amerikaner nur berichten konnten, wie die Bombe Pearl Harbour rächte und unzählige Opfer vermied, indem sie den Krieg beendete, die Europäer diesem beipflichteten, die Chinesen und Koreaner nur von den Übeln erzählten die die Japaner verübt hatten, und die Japaner nicht Bescheid wussten über diese Umstände, sollte sich uns irgendwann doch ein einheitlicheres Bild erschließen. Es war wunderbar zu sehen, wie Vorurteile abgebaut wurden, wie Menschen dafür kämpften, dass sich diese schreckliche Geschichte nicht wiederholen möge und wie zunächst missverständliche Kommunikation, da sie von allen offen aufgenommen wurde doch in Verstehen und Verständnis mündete. Ich habe hier einen unersetzbaren Einblick in Friedensarbeit bekommen, habe gesehen wie Hibakusha – die Überlebenden der Atombombe – versuchen die Zukunft in eine friedvolle zu ändern und wie wichtig gegenseitiges Verständnis sein kann für all dies. Zudem habe ich auch hier Freunde gewonnen, die ich nie mehr verlieren möchte. So kurz zwei Wochen sein mögen, so intensiv war unsere gemeinsame Zeit auch, die von dem Jahrestag des Atombombenabwurfes gekrönt wurde: An diesem Tag war die Stadt von Tausenden von Friedenspilgern gefüllt, und an diesem Abend saß ich nicht allein vor dem Dom sondern mit Hunderten.

Famulieren

Der Abschied von meinen Freunden aus dem Peace Course fiel schwer, denn sie verließen die Stadt wieder, und mich erwartete ja nun meine Famulatur. Diese war sehr vielschichtig. Ich durchlief fünf departments und jedes war anders. Es war teilweise sehr schwer, sich zu verständigen, doch der Einblick in den Alltag war gewiss! Erstaunlich war vor allem – neben meiner Entdeckung, dass ich in der Stadt lebte, die die Geburtsstadt der Yakuza ist und ich nur noch Ausschau nach Ganzkörpertatoos und verstümmelten Kleinfingern Ausschau hielt - wie sehr die Ärzte/Krankenpfleger mehr sind als Kollegen, mehr einer Familie ähneln, und auch wie genügsam die Patienten sind und wie sehr ihre Privatsphäre respektiert wird, was in Deutschland leider öfters zu kurz kommt. Auch hier wurde man mit Gastfreundlichkeit und Essen überhäuft. Oh, Essen – schwer hatte ich es als Vegetarierin und zudem wurde ich dafür bemitleidet.

Rundreise

Ich verließ Hiroshima, um noch eine Woche herumzureisen und eine weitere in Tokio zu verbringen. Ich glaube, mir ist kaum etwas so schwer gefallen. Ich liebte diese Stadt die ich mittlerweile in- und auswendig kannte, und die Zeit, in der ich am Course teilgenommen hatte, mit 40 Leuten bis 6 Uhr morgens in der Karaoke-Bar sang, im Krankenhaus verloren war, mit Freunden zum Sanfrecce-Fußball-Spiel ging, den Hibakusha zuhörte, Maeda, Kurihara und die anderen Baseballspieler anfeuerte, vor dem Dom saß und den Musikern zuhörte, mit Yoshi Fahrrad fuhr und im Game Center Tekken zockte, Friedensaktivisten kennen lernte und ihrer Geschichte lauschte, mit Tausenden von Pilgern an den Zeremonien teilnahm, mit Freundinnen in die Book-Off-stores ging und Puri-Cula machte und einfach nur die Botschaft dieser Stadt vernahm. Meine anschließende Reise war sehr eindrucksvoll, ich lernte die Kultur und die Menschen nun auf eine andere Art und Weise kennen.

Ich fand zwar nirgends etwas Vergleichbares zu Hiroshima, doch hatte jede Stadt ihre Schönheiten und das Kennenlernen der Vielfalt scheint mir wichtig zu sein, um ein größeres und echteres Bild von Japan und seiner Kultur zu gewinnen. Der Friedensgeist war außerhalb nicht so deutlich zu vernehmen, aber vieles machte den Kontrast deutlich. Zumal ist das Hiroshima Okunomiyaki das Beste Japans und findet sich zusammen mit den age Momijimanju (frittierte Kekse) nirgendwo anders. Was mich jedoch mehr beschäftigte, waren wohl eher die Obdachlosen, die in den größeren Städten nicht mehr zu übersehen waren. Diese schliefen unter Brücken oder in Bahnhöfen – jedoch so unter einem Regenschirm verdeckt, dass ihr Gesicht gewahrt blieb. Nie sah ich sie um Geld bitten oder jammern. Hinter all der Lebendigkeit Japans gab es auch Bereiche, die mir verschlossen blieben. Freundlichkeit auf Kosten der Ehrlichkeit. Missverständnisse, die entstehen auf Grund kulturellen Unwissens. Die Host Boys, deren Gesicht ich hinter ihrer Maske nicht zu erkennen vermochte. Und auch das jener Mädchen, die blonder, schöner, größer, schlanker und europäischer als jede Barbie aussahen. Ich hatte Reisegefährten, mit denen ich mich austauschen konnte, jedoch ist nicht jede Antwort befriedigend. Meine Beobachtungen machten mich dennoch zufrieden. Es gibt viele denkwürdige Umstände überall auf der Welt. Was für dem einen denkwürdig erscheint, ist es für den anderen nicht und ebenso umgekehrt. Ich bin glücklich über alle meine Erfahrungen. Glücklich über jeden Menschen, den ich auf meiner Reise getroffen habe. Es sind alles wunderbare Eindrücke und ich habe das Gefühl, so fern einem eine Kultur erscheinen mag, sie hilft einem nur, die Menschheit und sich selber verstehen zu lernen.
Hiroshima, Miyajima, Okunoshima, Fukuoka, Osaka, Kyoto, Kobe, Nara, Nagoya, Tokio und der Fuji. Taipei. Oh no, Typhoon. Okinawa. Hongkong. Frankfurt. Hannover. Und ich bin zurück. Um eine Heimat reicher. Um Tausende Eindrücke reicher. Und voller Dankbarkeit darüber, dass ich an diesem Projekt teilnehmen durfte. Hiroshima, c ya soon!

zurück

Sitemap Überblick