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Israel

von Annkathrin Koepke

01.12.2008 Als ich mich für „famulieren & engagieren“ beworben habe, war ich mir lange unsicher, wo ich am liebsten hingehen würde. Ich war begeistert von der Verbindung einer Famulatur mit der Mitarbeit in einem sozialen Projekt. Je mehr ich darüber las, desto neugieriger wurde ich auf fast jedes einzelne Land und Projekt. Mit der Zeit wurde ich mir jedoch immer sicherer, dass ich nach Israel gehen wollte. Ich wünschte mir eine lebendigere und plastischere Vorstellung von diesem Land, denn ich hatte nur Bruchstücke im Kopf, die aber kein Bild ergeben wollten. Ich habe die Puzzlestücke auch in diesem Sommer nicht zusammen setzen können, doch sie sind nun durch viele Bilder und Begegnungen ergänzt.

Als ich die Zusage bekam, dass ich nach Israel gehen darf, konnte ich es kaum glauben, und ich freute mich riesig. Der Kontakt zur psychiatrischen Klinik Shalvata besteht  schon lange, und ich hatte schon im Vorhinein das Gefühl sehr willkommen zu sein. Da ich meinen Abflug aufgrund eines Infektes um eine Woche verschieben musste, zählte ich zweimal die Tage bis zu meinem Abflug und war so froh, als ich endlich im Flugzeug saß. Ich kam nachts am Flughafen in Tel Aviv an, und man sagte mir, dass ich mit einem Taxi zum Meir Hospital in Kfar Saba fahren solle. Auf dem Weg sah ich nicht viel mehr als breite Straßen, die zu dieser Zeit kaum befahren waren. Ich hoffte, dass ich den Ortsnamen richtig gesagt hatte und kam dann auch tatsächlich an.

Im Krankenhaus hatte man meinen Zimmerschlüssel hinterlegt. Die Sicherheitsleute gaben mir einen Umschlag, auf dem in hebräischen Buchstaben irgendetwas geschrieben war. Zum Glück erklärte sich einer von ihnen bereit, mich zu meinem Zimmer zu bringen. Ich wohnte in der Krankenschwesternschule auf dem Gelände des Meir Krankenhauses. Das Haus war fast leer, da noch Sommerferien waren. Den nächsten Tag verbrachte ich damit, mich ein bisschen in Kfar Saba umzuschauen. Am Samstag wollte ich mich mit einem Bekannten in Jerusalem treffen und hatte gehört, dass arabische Minibusse auch am Schabat dorthin fahren würden. Als ich danach fragte, erntete ich jedoch nur erstaunte Blicke. Ein Mann bot mir an, mich nach Tel Aviv mitzunehmen. So lief ich dann ein bisschen in Tel Aviv und am Strand herum.

Ankunft in der psychiatrischen Klinik Shalvata

Am Sonntag fuhr ich das erste Mal in die Klinik nach Shalvata im Nachbarort Hod Hasharon. Ich war viel zu früh dort. Da man mir keine Uhrzeit genannt hatte, ging ich davon aus, dass man zur Arbeit gehen würde, bevor es unerträglich heiß würde. Doch ich hatte mich getäuscht. So wartete ich eine ganze Weile bis Dr. Kron, der Leiter von Shalvata kam. Er bat mich in sein Zimmer und fragte, warum ich nach Israel gekommen war. In wenigen Sätzen versuchte er mir einen Überblick über Israel und seine Besonderheiten zu vermitteln. Im Laufe der folgenden Wochen fielen mir immer wieder seine Worte ein. Er sprach von der etwas rauhen, aber doch sehr herzlichen Mentalität der Israelis, von der immer präsenten jüdischen Angst, jederzeit vernichtet werden zu können. Dann aber  machte er auch auf die Lebensfreude aufmerksam. Er betonte, dass es in den nächsten Wochen neben den medizinischen Aufgaben vor allem darum gehe, dieses Land kennen zu lernen und seine besondere Beziehung zu Deutschland zu verstehen. Es war ein herzliches Gespräch, das jedoch ein bisschen getrübt wurde, als er mich fragte, ob die IPPNW dieses Jahr wieder einen Studenten nach Bethlehem schicken würde. Mir war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in vollem Ausmaße bewusst, wie schwierig dieses Thema war. Ich war überrascht und auch enttäuscht, dass sich seine Miene verfinsterte und er meinte, dass ich nicht in die Westbank fahren könne. Ich habe Lisa ein paar Mal in der Westbank besucht. Für mich war es sehr wichtig, die andere Seite der Mauern und Absperrungen zu sehen. Doch ich fand es schwer, diese Eindrücke nur sehr, sehr selten teilen zu können.

Famulieren

Von Sonntag bis Donnerstag war ich meistens in Shalvata. Drei Tage verbrachte ich in der Sprechstunde von Frau Dr. Abramovic in der Gerontopsychiatrie und zwei Tage in der Jugendabteilung. Frau Dr. Abramovic holte mich an meinem ersten Tag in Shalvata in dem Zimmer von Herrn Dr. Kron ab und nahm mich direkt mit in ihre Sprechstunde, da die Patienten schon warteten. Erst danach hatten wir ein bisschen Zeit, um uns zu unterhalten. In ihre Sprechstunde kommen Menschen aus ganz verschiedenen Herkunftsländern mit ganz unterschiedlichen Geschichten. In der Patientenakte auf dem Server der Krankenkasse ist das Herkunftsland und das Jahr der Ankunft in Israel eine ähnlich wichtige Information wie der Familienstand oder die Anzahl der Kinder. Bevor die Patienten hereinkamen, erzählte mir Frau Abramovic meistens ein bisschen über die Geschichte und den psychiatrischen Verlauf der jeweiligen Person. Den Patienten erklärte sie dann, dass ich eine Medizinstudentin aus Deutschland sei und dass sie übersetzen würde, sofern das Gespräch nicht ohnehin auf Deutsch, Englisch, Jiddisch oder Französisch geführt wurde.

Die Patienten begegneten mir sehr freundlich. Bei Überlebenden des Holocaust bewirkte die Tatsache, dass ich aus Deutschland kam häufig, dass sie ihre Geschichte aus dieser Zeit erzählten. Ich war sehr dankbar, dass Dr. Abramovic geduldig zuhörte oder auch übersetzte, obwohl sie die Geschichten meistens schon sehr gut kannte. Die meisten von ihnen schilderten ihre Erlebnisse aus der Nazizeit so anschaulich und plastisch, dass es unmöglich schien, dass schon mehr als ein halbes Jahrhundert zwischen den furchtbaren Ereignissen und der Gegenwart liegt. Viele von ihnen haben zwischen damals und heute ein ausgefülltes Leben in Israel gelebt - geprägt von dem Aufbau einer Heimat, aber auch von ständiger Bedrohung. Viele hatten als einzige ihrer Familie überlebt. Ihre eigene Familie mit Kindern und Enkeln schienen umso wichtiger für sie geworden zu sein.

Gespräche mit Shoah – Überlebenden

Ich erinnere mich an einen Patienten, den ich zu Hause besuchte. Wir saßen vor seinem Haus und schauten auf seine Ländereien. E. erzählte davon, wie er alleine und mittellos in Israel ankam. Er lernte seine Frau kennen und baute sein Haus, bewirtschaftete die Orangenplantagen und bekam selbst Kinder. Er stammte aus Berlin. Als er beschrieb, wie er als kleines Kind am Schabat mit seinen Eltern durch Berlin zur Synagoge spazierte, rückte diese Vergangenheit für mich noch näher, da er Straßen erwähnte, die zu meinem Berliner Alltag gehören. E. ist nie wieder nach Deutschland zurück gekehrt, doch sein Sohn war zu der Zeit, als ich ihn besuchte, gerade in Berlin. In seinen Worten lag große Sehnsucht nach der alten Heimat, doch er war sich sicher, dass er einen Besuch in dem Land, in dem er sich von seiner Familie für immer verabschieden musste, nicht überstehen würde. Immer wieder erzählte er, wie ihn seine Familie zum Bahnhof brachte und er ihnen zum letzten Mal hinterher winkte. Seine Eltern und seine kleine Schwester sind in Auschwitz vernichtet worden. Seit seine Frau vor ein paar Monaten gestorben war, ist der alte Schmerz wieder ganz nahe. Er sagte, dass es sich anfühle, als hätte er seine Mutter zum zweiten Mal verloren.

Dass die schrecklichen Erlebnisse der Shoah nicht nur die Generation der Holocaust-Überlebenden erheblich prägt, erfuhr ich vor allem bei einer Familie, mit der ich das jüdische Neujahrsfest verbrachte. Ich traf G. in der Sprechstunde von Dr. Abramovic. Als sie hörte, dass ich aus Deutschland kam, erzählte sie mir die Geschichte ihrer Familie. Sowohl ihre Mutter, als auch ihr Vater waren die einzigen Überlebenden in ihren jeweiligen Familien. Während sie ausführlich von diesen schrecklichen Ereignissen erzählte, fiel auf einmal ein Stück Putz von der Decke. Frau Dr. Abramovic versuchte sich darum zu kümmern, dass die Bauarbeiten am Dach unterbrochen wurden. So ging ich mit G. in ein kleines Nebenzimmer. Dadurch hatten wir ein bisschen Zeit, und am Ende lud sie mich zu ihrer Familie ein. Zusammen mit ihr besuchte ich am Freitag Abend ihre demente Mutter im Altersheim. G. wollte mir unbedingt die Geschichten dieser verwirrten Menschen näher bringen, und mir war es zum Teil unangenehm, weil ich das Bedürfnis hatte, diese Menschen mit diesem schrecklichen Thema in Ruhe zu lassen. Ich konnte jedoch nicht unterscheiden, ob ich damit Rücksicht nehmen wollte oder ob es nur meine eigene Angst war, die mich zurückweichen ließ. Eine ältere Frau, die noch ziemlich gesund war, fing an zu weinen und meinte, dass ich irgendwann noch einmal vorbei kommen sollte, damit sie mir alles über die Kindertransporte erzählen würde. Sie war ein kleines Mädchen als sie nach England geschickt wurde. Als ich das nächste Mal vorbei kam, war sie in der Zwischenzeit jedoch gestürzt. Sie wollte nicht mehr darüber sprechen. Sie meinte nur, dass alles getan werden müsse, um so etwas wie die Shoah zu verhindern.

Das Neujahrsfest verbrachte ich mit der Familie von G. Sie hatte schon tagelang Vorbereitungen für die Festtage getroffen und gekocht. Es gab die traditionellen Festtagsspeisen ihrer Familie und auch der Familie ihres Mannes. Ich war berührt von der Bedeutung dieser Traditionen. Ihr Mann sang ein Gebet und es gab traditionsgemäß Apfel mit Honig als Symbol für ein fruchtbares und süßes neues Jahr. Ich war sehr dankbar, dass ich so herzlich aufgenommen war und  spürte, dass dies nicht selbstverständlich war. Irgendwann erzählten sie mir , dass es lange gebraucht habe, bis sie zwischen Deutschen und Nazis unterschieden hätten. Lange hatten sie alles aus Deutschland boykottiert und Kontakt zu Deutschen vermieden. Ich freute mich, als sie in diesem Zusammenhang sagten, dass es ihnen wichtig sei, auch zwischen Arabern und Terroristen zu unterscheiden. Zu oft werden diese Begriffe fast synonym gebraucht. Nach dem Essen fuhr ich dann zusammen mit dem Sohn, seiner Freundin und noch ein paar Freunden der Familie nach Tel Aviv zum Feiern. Das Nebeneinander von traditionellem Familienfest und von Party in den Clubs von Tel Aviv erstaunte mich. Immer wieder war ich in Israel fasziniert davon, dass sich Gegensätzliches hier nicht zu widersprechen scheint, sondern wie selbstverständlich zusammen gehört.

Das Ferienprogramm der Jugendpsychiatrie

Am Anfang meiner Zeit in Shalvata waren noch Schulferien, so dass ich am Ferienprogramm der Jugendpsychiatrie teilnehmen konnte. Wir gingen ins Schwimmbad und ließen Drachen steigen. Zu Beginn wusste ich, nicht wie ich den Jugendlichen begegnen sollte, und es dauerte eine Weile, bis ich heraus fand, mit wem ich Englisch sprechen konnte. Als die Schule wieder anfing, verbrachte ich mehr Zeit in Teambesprechungen. Es war interessant, ein bisschen mehr über die Jugendlichen zu erfahren. Allerdings war ich immer darauf angewiesen, dass jemand für mich übersetzte. Das funktionierte sehr unterschiedlich gut. Obwohl ich mich bemüht hatte, ein bisschen Hebräisch zu lernen, konnte ich bis zum Schluss kaum etwas sagen oder verstehen. Vor den Wochenenden wurde immer besprochen, welche Patienten beurlaubt werden würden. Kinder aus religiösen Familien mussten häufiger da bleiben, da ihre Eltern am Shabbat nicht Auto fahren und ihr Kind im Notfall nicht zurück bringen könnten. An den Tagen, in denen ich in der Jugendpsychiatrie war, ging ich nachmittags häufig in den Raum der Beschäftigungstherapeuten und spielte dort mit den Jugendlichen Gesellschaftsspiele. Meistens waren sie sehr interessiert und fragten mich, warum ich dort war und wo ich herkam. Sie waren sehr offen, und auch sie versuchten mir ihre Sicht auf Israel zu erklären. An einem Nachmittag saß ich mit einigen von ihnen draußen. Sie erzählten von ihren Träumen von einem Leben außerhalb der Psychiatrie. Sie träumten von den USA und von England und beschwerten sich, dass man in Israel nicht leben könne. Sie versuchten mir zu erklären, dass sie das Land hassen, weil sie es lieben. Die Aussicht, zwei bzw. drei Jahre in die Armee gehen zu müssen, machte sie wütend, obwohl ihnen die Verteidigung des Landes ein wichtiges Anliegen ist. Eigentlich wollen sie einfach nur leben.
Die Ärzte aus Shalvata sind für den psychiatrischen Notdienst im Meir Hospital verantwortlich. Ein paar Abende habe ich mit den jeweiligen diensthabenden Assistenzärzten verbracht. Meistens wurden sie zu Patienten gerufen, die nach Suizidversuchen eingeliefert worden sind. In diesem Rahmen traf ich dann auch arabische Patienten, die insgesamt eher selten psychiatrische Behandlung in Anspruch nehmen.

Wochenendreisen durchs Land

An den Wochenenden versuchte ich möglichst viel von Israel zu sehen. Ein paar Mal fuhr ich auch nach Bethlehem und an andere Orte in der Westbank. Insgesamt hätte ich gerne noch mehr Zeit zum Reisen gehabt. Auch wenn Israel sehr klein ist und ich von diesem kleinen Land wiederum nur einen kleinen Teil gesehen habe, hat mich die Vielfältigkeit begeistert. Als ich spontan das erste Mal nach Jerusalem kam, war ich ohne Stadtplan und Reiseführer unterwegs. So näherte ich mich auf Umwegen der Altstadt, kam durch verschiedene Wohngebiete, bis ich mich irgendwann inmitten der engen und verschachtelten Gassen der Altstadt befand. Ich fuhr immer wieder gerne nach Jerusalem. Ich mochte die lebendigen Gassen, die vielen so unterschiedlichen Menschen und die Ruhe auf dem Platz vor der Klagemauer. Bei den meisten Israelis hatte ich den Eindruck, dass sie entweder Jerusalem bevorzugen oder Tel Aviv, dass es aber nur sehr wenige gibt, die beide Städte ähnlich gerne mögen. In Tel Aviv war ich manchmal bei den Sommeraktivitäten des internationalen Austauschprogrammes der Uni dabei. In diesem Programm müssen alle Studenten registriert sein, da Shalvata mit der medizinischen Fakultät in Tel Aviv kooperiert. Zwischendurch tat es gut, mit anderen Famulanten oder PJ’lern zu sprechen und sich einfach durch das Leben in Tel Aviv treiben zu lassen.

Erfahrungen diesseits und jenseits der Mauer

Eigentlich werden im Rahmen dieses Programms auch Ausflüge in die verschiedenen Teile des Landes angeboten. Die meisten hatten jedoch statt gefunden, bevor ich nach Israel kam. Ich zog es vor, alleine oder in kleineren Gruppen nach Haifa, an den See Genezareth oder ans Tote Meer zu fahren. Ganz besonders bewegten mich meine Besuche bei Lisa in der Westbank. Von Israel aus schien hinter der Mauer eine ganz andere Welt anzufangen, über die nur sehr selten gesprochen wurde, obwohl sie so nah ist. Ich stand irgendwann bei Freunden in einer Wohnung in der Nähe von Kfar Saba auf dem Balkon. Sie zeigten mir, dass auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Seite die Westbank zu sehen war. Sie fühlten sich offenbar beengt und sehr bedroht. Doch noch viel enger fühlte es sich für mich innerhalb der Absperrungen an. Das Wechseln von einer Seite auf die andere fand ich jedes Mal ziemlich anstrengend. Ich fühlte mich hin- und hergezogen und spürte eine starke Sehnsucht nach Frieden. Eine friedliche Lösung kam mir unendlich weit entfernt vor, auch wenn es immer wieder kleine Hoffnungsmomente gab. Auf beiden Seiten hatte ich das Gefühl, dass die Menschen ein starkes Bedürfnis haben, mit ihrer eigenen menschlichen Geschichte und ihrem Schmerz wahrgenommen zu werden. Eine Begegnung, in welcher dies passieren könnte, wird jedoch mit allen Mitteln verhindert. Es herrscht so viel Angst, die so leicht zu Feindseligkeit wird.

Im Laufe meiner Zeit in Israel freute ich mich sehr, wenn ich Menschen begegnete, denen ich von meinen Eindrücken von beiden Seiten der Mauer erzählen konnte. Einmal fuhren wir mit einer Gruppe von israelischen Ärzten, den Physicians for Human Rights, in eine kleine Ortschaft in der Westbank, wo sie regelmäßig eine mobile Sprechstunde anbieten. Normalerweise würden diese Ärzte nicht in die Westbank fahren können, doch im Namen der humanitären Organisation sind sie sicher. Gegen Ende meines Aufenthaltes war ich zu Hause bei Avi, einem der Musiktherapeuten aus Shalvata. Er fragte mich, ob ich in der Westbank gewesen sei und nach meinen Eindrücken von dort. Ich äußerte mich sehr zurückhaltend und war dann sehr dankbar, als er meinte, dass er von einer Freundin überredet worden war, zu Protesten gegen den Mauerbau mitzufahren. Er erzählte, dass es ihn sehr beeindruckt habe zu sehen, dass hinter der Mauer ganz normale arabische Familien wie in einem Ghetto zusammen lebten. Es sind eben nicht nur Attentäter und Terroristen, die eingesperrt werden.

Einmal kam ich auf dem Weg nach Yad Vashem in Jerusalem mit zwei Belgiern ins Gespräch. Einer von den beiden, A., ist ein Moslem aus Indien, der mit seiner Familie nach Pakistan geflohen war und dann nach Europa gekommen ist. Sein Freund stammt aus einer jüdischen Familie aus Deutschland. Seine Mutter ist als Kind mit ihren Eltern nach Belgien geflohen und dort in einem christlichen Kloster versteckt worden. Ich bin an diesem Morgen aus Bethlehem zurückgekommen und war noch sehr eingenommen von den Eindrücken dort. Wir gingen zu dritt durch die Ausstellung, und beide erzählten immer wieder Bruchstücke aus ihrer eigenen Vergangenheit. Irgendwann standen A. plötzlich die Tränen in den Augen und am Ende sagte er, dass er diese Ausstellung gerne anderen Leuten aus seiner Familie zeigen würde. Menschen, die normalerweise den Holocaust leugneten. Diese kleinen Momente von Begegnungen und von gegenseitiger menschlicher Anerkennung von zwei Seiten, deren Frieden miteinander so  unmöglich scheint, sind so berührend. Und es ist schwer auszuhalten, dass es so selten passiert.
Zur Zeit ist die Krise in Gaza jeden Tag in den Nachrichten. Eine Patientin von Frau Dr. Abramovic schrieb gestern “It is a most difficult time for all of us and on all sides. I really feel the world has not learnt any lesson from the past.” Ihre Enkelkinder leben im Moment bei ihr und haben Angst, weil ihre Eltern beim Militär sind. Ich hoffe, dass sie gesund zurückkehren werden, und wünsche mir, dass diese furchtbare Angst irgendwann ein Ende haben wird - für alle Menschen, die in dieser Region leben.
Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Sommer mit f&e unterwegs sein durfte. Auch wenn wir in 12 verschiedenen Ländern waren, fühlt es sich ein bisschen an, als wären wir zusammen auf einer Weltreise gewesen. Vielen Dank an alle, die dabei waren, an die Teamer und vor allem auch an Ulla!

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