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Indien

von Dinh Dong Nghi Phan

01.12.2008 Der junge höfliche Mann wusste in dem Moment nicht, was ihm bevorstand, als er mich fragte, wie es in Indien war. Er hatte sich damit sein eigenes Urteil geschrieben: Er musste sich nun meine unzähligen Eindrücke, verpackt in ewig langen Geschichten anhören. Machte er auch noch den Fehler, eine weitere Frage zu stellen, so verspielte er sich die Chance, meinem Redefluss zu entkommen. Ganz anders ist es vor einem weißen Blatt zu sitzen, bzw. im Zeitalter der Moderne vor einem weißen Monitor. Schreiben –Löschen – wieder schreiben – doch wieder löschen. Mein Musiklehrer sagte einst zu mir: „ Wenn Du nicht weißt, wie Du den Anfang eines Stückes schreiben sollst, dann beginne mit dem Mittelteil.“ Also folge ich seinem Rat und schließe meine Augen.

Wie jeden Morgen wartete schon „mein“ Rikschafahrer darauf, mich in das Uniklinikum zu fahren. Wir konnten uns nur mit Händen und Füßen verständigen, trotzdem hatte er durch seine eigenen empirischen Studien verstanden, um welche Uhrzeit ich das Haus verließ und nutzte sein Glück, ein bisschen mehr zu verdienen und holte mich nun regelmäßig ab. Schwerfällig wie eine Kuh schwinge ich mich auf eine Kutsche und wir starten unsere alltägliche Route durch Straßen voller kleiner Geschäfte, bei denen die Waren schon fast aus den Läden quirlen, gefolgt von einer langen Marktstraße, vorbei an einer Schule bis wir an einem Kreisverkehr angelangen, von wo wir ein wenig umständlich und die Verkehrsregeln verstoßend am Haupttor des GMC’s- dem Government Medical College- halten.

Unsere Fahrt ist selten frei von Unannehmlichkeiten. Schon beim Verlassen des Hauses begrüßt mich der liebliche Duft der Abgase der Motorräder gemischt mit Kuhdung und einer stechenden Herznote von dampfendem Urin, so dass ich mich kaum traue, zu atmen. Ermattet von der Hitze der Sonne, die schon morgens herunterbrennt, klebe ich mit meinem Schweiß fest am Sitz.  Unser Gefährt wiegt mich schwer im gleichmäßigen Treten meines Fahrers. Doch die Gravitation wird schnell überwunden, als wir über Schlaglöcher (die es en masse gibt) fahren und ich losgelöst in die Höhe hüpfe und unsanft auf meine noch steifen Glieder falle. Ich bin nun endlich hellwach. Motorräder fahren dicht an uns vorbei, um uns zu überholen. Dies wird begleitet von penetrantem Gehupe, welches von allen Seiten kommt, sich mir unaufhaltsam nähert und mich stets glauben lässt, dass ich gleich angefahren werde. Meinem Rikschafahrer gegenüber plagen mich hin und wieder Schuldgefühle und zwar immer dann, wenn der Weg ein wenig aufwärts führt. Dann schaffen es seine dünnen Beine oft nicht mehr und er steigt ab, wischt sich die Anstrengung von der Stirn und zieht mich mühsam den Berg hoch, der eigentlich nur eine Steigung von 2° besitzt. In diesen Momenten, habe ich das Gefühl, ich hätte innerhalb von einer Sekunde eine Tonne zugenommen und  mich in einen indischen Elefanten mit kleinen Ohren verwandelt. Beschämt springe ich also von meiner Rikscha herunter und helfe ihm schieben.

Doch das lebendige Treiben auf den Straßen lässt mich all das vergessen. Oft kann ich mich damit gut unterhalten, schöne Inderinnen zu bewundern, gekleidet in farbenprächtiger, 6 Meter langer Seide, die kunstvoll gewickelt und gefaltet einen Saree ergeben. Keines der Kleider wird man ein zweites Mal entdecken. Von Karminrot bis Königsblau ist jeder Ton vertreten und so werden Straßen in dem Bunt der Röcke gefärbt. Die Schulkinder in ihren Uniformen entzücken mich immer aufs Neue, besonders wenn sie mit dem Finger auf mich zeigend ihr Englisch ausprobieren und vor Freude quietschend mit ihren jungen Stimmen mir zurufen: „ Hello! Where are you from?“ Vom geschäftigen lauten Markttreiben und dem Menschengedränge durch meine Kutsche isoliert, kann ich so auch die Waren auf dem Markt ungestört begutachten, die vor allem während der Feiertage (von denen es in Indien nicht wenige gibt) angeboten werden: handgefertigte Elefantengötter in allen nur vorstellbaren Farben, wobei jeder einzelne ein Unikat darstellt, frische Blumenketten, die vor den Augen der Leute zusammengestellt werden und kostbare Rakhis- das sind schmuckvolle Armbänder, die man seinem „Bruder“ schenkt- ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich. Hunde, Katzen, Kühe, Esel und manchmal auch Dromedars gehören zum Straßenbild Nagpurs.

Die vielen verschiedenen Tiere amüsieren mich. Da haben wir die heilig gesprochenen Kühe, die zu niemandem gehören und teilnahmslos auf der Fahrbahn liegen. Jeder Verkehrsteilnehmer muss ihnen weichen, wenn sie sich mal wieder auf die Kreuzung niederlassen. Sie haben keine Angst vor den heranfahrenden Vehikeln - was man von mir nicht behaupten kann; dem Straßenverkehr stehen sie sogar eher gleichgültig gegenüber. Sie scheinen in ihrer eigenen Welt zu leben und scheren sich wenig um ihre Heiligkeit: Sie schlafen ungeniert, nehmen ihre Mahlzeiten vom Abfall der Märkte und verrichten ihre kleinen wie großen Geschäfte ganz schamlos- wie gesagt- in mitten auf der Fahrbahn. Die vielen Straßenhunde hingegen sind normalerweise scheu und kommen dem Menschengeschlecht nicht zu nahe. Nur wenige - Rowdyhunde, so nenne ich sie - lauern auf der Straße, um den Motorrädern laut bellend hinterher zu jagen. Dann gibt es aber auch noch die privilegierten Hunde, die als Haustiere gehalten werden und gut von den herrenlosen zu unterscheiden sind. Die ersteren haben ein glänzendes Fell, sind kraftvoll und wohlgenährt und spazieren stolz neben ihrem Besitzer daher. Der Straßenhund hingegen ist grundsätzlich grau vom Staub der Straßen, unabhängig seiner ursprünglichen Farbe und hat manchmal eine widerlich aussehende Hauterkrankung, bei der man durch bloßes Hinschauen befürchtet, sich anzustecken. Er isst alles, was er finden kann und ist trotzdem bis auf die Knochen abgemagert. Manchmal humpelt er, da ihm ein Bein fehlt oder er verkrüppelt ist oder er liegt wie tot auf der Fahrbahn, weil ihn (wie mich) die Hitze erschlagen oder ein Fahrzeug überfahren hat.

Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Welt der Straßentiere die des Menschen imitiert. Von meiner Kutsche aus sehe ich in diesem schmutzigen Spiegel der Tiere statt der herrenlosen Hunde dunkle Gestalten mit verfilzten schwarzen Haaren und sonnengegerbter Haut, die unter der Brücke des Highways oder am Straßerand die Hitze zu überstehen versuchen. Ihre einst weißen Gewänder sind gelblich braun verfärbt. In der Nacht schlafen sie auf dem Gehweg, auf Verkehrsinseln oder irgendwo.  Am Tage sitzen sie am Wegrand; getarnt im Dreck der Straßen sind sie wie unsichtbar, so dass ich sogar fast über einen gestürzt bin, oder sie liegen einbeinig mit ihren Krücken im Haupttor des GMC’s und schlafen ihren Alkoholrausch aus.
Plötzlich ein höflich gequältes „Und?“.  Es ist der höfliche junge Mann, dem ich meine Geschichte erzähle. „“Und? Wie war es im Krankenhaus?“, fragte er und ließ seine Chance, zu gehen verstreichen.

Vom Haupttor des Universitätskrankenhauses erreichte ich den Eingang zur Notaufnahme. Es war mein erster Tag und ich zögerte einzutreten. Ich war zugegebenermaßen nervös. Plötzlich schoben zwei gehetzte Krankenschwestern ein Krankenbett mit einem Kind an mir vorbei. Ich schaute auf die reglose kleine Gestalt, dessen weiße Skleren unter seinen halbgeöffneten Augen durchschienen und bevor ich verstehen konnte, was passiert war, waren Krankenschwestern samt Kind schon wieder verschwunden. Aufgewühlt von dieser Szene ging ich meinen Weg in das Krankenhaus.  Unzählige braunrötliche Flecken zierten die Krankenhauswände, worauf eine leichte Übelkeit in mir hoch stieg, da ich sie für Blut gehalten hatte und noch nicht wusste, dass das Spuckflecken von leidenschaftlichen Betelnusskauern waren.

Von den jungen Assistenzärzten/Innen wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Unter ihnen habe ich wahre Freunde gefunden, wie z. B. den hübschen Internisten, mit dem ich so manche Stunden diskutiert habe und der in den schlimmsten Situationen mir zur Seite gestanden hat. Auch lernte ich meine teure Madhavi Madkey, eine „Intern“ (ähnlich dem PJ), und ihre Familie kennen, bei der ich ein warmes Zuhause fand und immer willkommen war. Natürlich war  ich oft bei ihr, hatte das Glück, in den Genuss der einzigartigen Kochkünste ihrer lieben Mutter zu kommen und verspeiste alles genussvoll und dankbar, was sie mir zubereitete.

Die Abende verbrachten Madhavi und ich auf dem Dach ihres Hauses, um den Sonnenuntergang über Nagpur zu beobachten, der den Himmel in den schönsten Rottönen färbte. Wir sprachen über unsere Zukunft, unsere Träume und Erwartungen. Als mich eine hartnäckige Erkältung erwischte und mich das Fieber übermannt hatte, pflegten mich die Madkeys mit ihrer Warmherzigkeit und rührenden Fürsorge wieder gesund. Der Abschied fiel mir dementsprechend schwer. Während mir die Tränen unaufhörlich flossen,  nahm die Mutter mein Gesicht in beide Hände und küsste mich auf meine Wangen - erst links und dann rechts. „Komm‘ uns bald wieder besuchen, hörst Du?“, sagte sie noch. Die ganze Familie begleitete mich vor ihr Haus, um mir zu winken. Beim Gehen schaute ich solange zurück, bis ich hinter der nächsten Ecke verschwand und sie aus den Augen verlor.

Ulla fragte mich am Vorbereitungswochenende, welche Erwartungen ich an Indien hätte. „Sehen, was das Leben dort bedeutet.“, erwiderte ich. Indiens Bevölkerung hat eine Stärke von ungefähr 1,1 Milliarden und wächst jährlich um geschätzte 20 Millionen Einwohner. An Menschen mangelt es dort nicht.
Das GMC war nicht nur die Stätte zwischenmenschlicher Begegnung für mich, es war auch Ort meiner Beobachtungen. Wo sollte ich also besser eine Antwort finden, als in einem der größten Krankenhäuser Asiens? „Was bedeutet das Leben?“ Wäre das Leben eine Aktie, so würde sie rote Zahlen schreiben und der Börsenindex wäre im Minus. Man würde von einer Inflation sprechen - eine Inflation des Lebens. Besonders auf der Geburtshilfe ließ man sich leicht zu solchen Vergleichen hinreißen. Die GynäkologenInnen und GeburtshelferInnen sprachen abfällig von ihrer Station als „Babyfabrik“, die Leben in Massenproduktion herstellt.

Auf der internistischen Intensivstation war es ähnlich. Als ich mit dem Stationsarzt neben dem Bett einer vor Sekunden verstorbenen jungen Frau meines Alters stand, erklärte er mir, dass die Station eine Sterberate von 80% hätte (ich hoffe, das war eine übertriebene Zahl). Ich konnte kaum verbergen, dass ich schockiert war. Darauf antwortete er: „Well, we have a high population!“ Ganz nach dem Prinzip: Ist einer weg, haben wir noch eine Milliarden anderer.  Der Überfluss an menschlichen Körpern schien an so manchem Arzt nicht spurlos vorbei gegangen zu sein. Mich hat es jedoch bestärkt, jeden Menschen und das Leben wertzuschätzen.

Frau Kurvey, die von der indischen Seite aus das f&e-Programm organisiert und mich in ihr Haus während meiner Zeit in Nagpur aufnahm, band mich in ihrem „No more Hiroshima“-Prokjekt mit ein, dessen Ziel es war, Kinder und Jugendliche über den Atomkrieg aufzuklären und die Einwohner Nagpurs ein Gedankenexperiment erleben zu lassen, nämlich, wie sich ein Atombombenabwurf auf Nagpur auswirken würde. Die indische IPPNW-Studentengruppe zeigte an mehreren Tagen Präsentationen vor allem über Hiroshima, während ich zusätzlich noch über meine Eltern erzählte, die den Vietnamkrieg miterlebt hatten.

Frau Kurvey verschaffte mir auch einige Sozialprojekte, die vor allem außerhalb der Stadt sich befanden, so dass ich wunderbare Tage in herrlicher Landschaft verbrachte. Ich folgte dem Bund indischer GynäkologInnen zu Healthcamps in ländlicheren Gebieten, wo die Gesundheitsversorgung schwierig war. Ich verbrachte meine Zeit in einem Altersheim in Adasa, einem malerischen Dorf, wo ich Freundschaft mit einem alten Mann, Maduka, schloss. Wir gingen zusammen ins nächste Dorf spazieren, so lange ihn die Beine trugen. Er erklärte mir jede Gottheit, die uns auf unserem Weg begegnete und lehrte mir einige nützliche Sätze auf Hindi und Marathi, wie: „Hallo. Wie heißen Sie?“, „Was sind Sie von Beruf“ oder „Mädchen, Du gefällst mir!“ Vom Hügel aus beobachteten wir den Sonnenuntergang, steckten wie freche Buben unsere Köpfe zusammen und kicherten über unsere kindischen Scherze.

In den letzten Tagen meines Indienaufenthaltes hatte ich noch genug Zeit, eine kleine Reise durch Indien zu machen und erfüllte mir einen Traum, als ich zum Fuße des Himalayas nach Darjeeling fuh. Ich ging nochmal durch alle Gefühlslagen, stand Todesängste aus oder war betrunken vor Glück, bis ich wieder nach Nagpur zurückkehrte. Madhavi sagte zu mir in der letzten Nacht: „Es ist gut, dass Du Indien so verlässt wie Du angekommen bist.“ Dabei zeichnete sie mit ihrem Finger einen Kreis in die Luft.

„Es war sehr interessant.“, sagt der junge höfliche Mann, „ Doch jetzt bin ich müde.“, und geht.

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