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Bosnien-Herzegowina

von Caroline Philipp

01.12.2008 Da stand ich nun samt säuberlich verpacktem Klappfahrrad am Nürnberger Busbahnhof und verstand kein Wort. Alle Menschen um mich herum schienen sich bestens zu kennen und eine wohlbekannte Reise in die Heimat anzutreten. Und als der Busfahrer mich erstaunt anblickte, als ich auf sein Bosnisch nur mit einem großen Fragezeichen antwortete, wurde mir klar, dass es wohl nicht sehr häufig vorkommt, dass deutsche TouristInnen mit dem Bus nach Sarajevo fahren.

Nun, ich tat es und bereue nichts. Der schicke Eurolines-Bus war klimatisiert und rauchfrei und mit zwei Fahrern ausgestattet, die die Ruhepausen strikt einhielten. Ich hatte mich auf die lange Fahrt gefreut, die ich nutzen wollte um mich langsam auf Bosnien einzustimmen: ein bisschen in der Geschichte des Balkans schmökern und vielleicht sogar das ein oder andere Wort Bosnisch in meinen Kopf kloppen. Mit dem "langsam einstimmen" war es allerdings schnell vorbei, als ich meinen Sitznachbarn fragte, wo er denn herkäme. "Aus Srebrenica. --- Du weißt schon, wo das Massaker..." - "Ja, ich weiß." - "Meine Eltern wollten fliehen und versprachen mir einen Hund, wenn ich mit nach Deutschland komme." - "Und du bist gegangen?" - "Ja. Nur so haben wir überlebt. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man als Muslime aus diesem Ort kommt." Uff, etwas sanfter hatte ich mir den Einstieg in den f&e-Sommer auf dem Balkan schon gewünscht. Aber was hatte ich erwartet? Ich wollte den Sommer in der Stadt verbringen, deren Namen mir nur aus den schrecklichen Tagesschau-Berichten meiner Kindheit bekannt war. Nun, aber nicht alles war bedrückend. Nach ca 24 Stunden konnte ich dann "Hallo", "Danke", "Bitte" und "Ich spreche kein Bosnisch." auf Bosnisch sagen und fühlte mich bestens gewappnet für die ersten Schritte in der fremden Stadt.

Blauer Himmel und sommerliche Temperaturen empfingen mich in der überschaubaren Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Ich entfaltete mein Klappfahrrad, fotografierte den Stadtplan am Busbahnhof und war in wenigen Minuten vor dem riesigen Wohnhaus neben dem Fluss, in dem Sanja wohnte. Sanja arbeitet für das Center for Nonviolent Action (CNA) und hatte mir angeboten, dass ich für die 8 Wochen mit in ihrer 2-Zimmer-Wohnung unterkommen könnte. Da stand sie nun vor mir: eine große Frau Anfang 30 mit schwarzem Lockenkopf und einem unglaublich gewinnenden Lächeln. Wir haben uns gleich gut verstanden und nach ein paar beeindruckenden Blicken aus den Fenstern unserer Wohnung im 11. Stock hieß es gleich fertig machen für den ersten Abend in der Stadt.

Ich weiß nicht, was ich mir vom Nachtleben in Sarajevo, einer Stadt, in der vor 15 Jahren noch der Krieg tobte, erwartet hatte. Auf jeden Fall war ich schwer beeindruckt. Unzählige kleine und größere Kneipen, voll bis unters Dach und bis in die frühen (oder auch späteren) Morgenstunden. Die Kneipe "Babylon", in die wir gingen - und die später auch meine Stammkneipe wurde - liegt mitten in der kleingliedrigen Altstadt von Sarajevo. Gute Musik wird hier mit lokalem Bier und lieben Menschen verbunden. Hier trafen wir FreundInnen von Sanja: Amila, Tamara und Nedzad. Tamara und Nedzad arbeiten auch bei CNA und wussten scheinbar, was so einer frisch angekommenen f&e-lerin auf den Nägeln brennt. Wie ist die Situation heute zwischen den Serben, Bosniaken und Kroaten? Wie funktioniert das Zusammenleben im mehrheitlich muslimischen (bosnischen) Sarajevo? Wie laufen die Peace-Trainings der CNA ab? Die Antworten fielen nicht immer sehr optimistisch aus, dafür aber ehrlich und mit einem Gefühl unterlegt, das von den Anstrengungen und der Hoffnung zeugt, die den Weg zu einem friedlicheren Miteinander auf dem Balkan säumen.

Während der nächsten Wochen im Krankenhaus hatte uns Sarajevos Kneipenlandschaft noch häufiger in seinen Fängen und ließ uns manchmal nicht vor dem Morgengrauen wieder frei. Wenn mein Wecker dann um 5.50 Uhr läutete, wusste ich, warum der gute, starke, bosnische Kaffee traditionsgemäß literweiße über den Tag verteilt und mit viel Zucker konsumiert wird...

Famulatur

Aber eins nach dem andern. Nachdem ich am Sonntag schon mal den Weg zum Krankenhaus mit dem Rad erkundet hatte, stand ich am Montag dann pünktlich bei Selma auf der Matte. Selma ist für die Studierenden am KCUS (Universitätsklinikum Sarajevo) verantwortlich und hat Germanistik studiert. Ich hatte mit ihr einige Emails geschrieben in denen ich meine Wünsche bezüglich der Stationen angeben konnte, und alles wurde mir erfüllt. Zuerst war ich auf der Thoraxchirurgie. Der Oberarzt sprach fließend Deutsch, hatte allerdings bis auf ein Schwätzchen in den häufigen Kaffeepausen kaum Zeit. Die anderen ÄrztInnen sprachen kaum Englisch, und nachdem ich zwei Tage schweigend der Ambulanz zugesehen hatte, deren Aufgabe vor allem im Wechsel von Drainagebehältern bestand, entschied ich mich nach neuen Ufern Ausschau zu halten. In der allmittwöchlichen interdisziplinären Konferenz lernte ich eine PJ’lerin aus Deutschland kennen, an deren Fersen ich mich heftete und die mich bei einem liebenswerten, Deutsch- und Englisch-sprechenden Arzt abgab - auf der Urologie. Nun war das nicht gerade mein Spezialgebiet, aber Hajrudin, der Arzt, war so freundlich und froh darüber, dass er mit mir Deutsch sprechen konnte, dass ich mit wenigen Ausnahmen den Rest meiner Famulatur auf der Urologie-Station verbrachte. Die anstrengendsten Stunden waren jeden Tag von 7 bis 9 Uhr in denen die Besprechungen der ÄrztInnen und die Visite ausnahmslos auf Bosnisch durchgeführt wurden.

Ich hätte gewiss später kommen können, aber ich wollte meinen guten Willen und meine Motivation zeigen, etwas zu lernen. Und es hat geklappt, glaube ich. Ich durfte ab dem zweiten Tag Katheter wechseln und auch untersuchen. Hajrudin hat mir fast jedeN PatientIn in der Ambulanz erklärt und meine Fragen gerne beantwortet. Ich war total glücklich einen so tollen Arzt gefunden zu haben, vor allem weil ich sah, wie strikt die Hierarchien in dem Klinikum den Alltag bestimmten und wie sehr es von dem Goodwill des/r Vorgesetzen abhängt, ob man etwas lernt oder machen darf. Rasch durfte ich auch mit in den OP und dort nach ein paar Tagen auch assistieren. Ab dem Zeitpunkt fühlte ich mich dann voll integriert und auch von den "Ranghöheren" akzeptiert.

Noch von meiner ersten Zeit auf der Thoraxchirurgie hatte ich Kontakte auf die Herzchirurgie, die ich pflegte, weil dort ein sehr motivierter junger Arzt (der Englisch sprach) und eine wunderbare Anästhesistin arbeiteten. Die beiden fragte ich, wann denn Operationen anstünden und verbrachte so auch einige Tage bei Bypässen und Herzschrittmachern. Beide waren scheinbar froh über den internationalen Austausch und belohnten mein Interesse mit ausführlichen Antworten und praktischen Aufgaben: beatmen, intubieren und als Höhepunkt einen ZVK legen... was wollte ich mehr?

Die letzten beiden Tage war ich auf der Infektiologie, wo ich alles über Brucellose, Tuberkulose und Trichinose erfuhr. Prinzipiell haben mich alle ÄrztInnen freundlich empfangen. Je nach Englisch- bzw. Deutschkenntnissen, Zeit und Lust war der Austausch dann größer oder kleiner. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, aktiv nach ÄrztInnen zu suchen, bei denen es mir gefällt. Gemessen an meinen Sprachkenntnissen durfte ich relativ viel praktisch machen. Hygienisch herrscht bei den OPs ein vergleichbarer Standard, auf Station wird viel mit sterilen Handschuhen gearbeitet, dafür gibt es keine Händedesinfektions-Drücker.

Erschüttert hat mich lediglich das Verhältnis zwischen ÄrztInnen und PatientInnen. Angst und Unverständnis sprach aus den Augen der PatientInnen, mit denen die ÄrztInnen kaum kommunizierten. Die Akte zählte, kein Gesicht wurde verzogen bei unzähligen Männern, die an Prostatakrebs litten. Die Stanzbiopsien bei Verdacht auf Prostatakarzinom wurden - sofern ich das beurteilen kann - kaum angekündigt und trieb den Männern die Tränen in die Augen. Unnötig lange wurden sie in erniedrigenden Positionen gelassen. Medizinisch stellte ich viele Fragen, doch dieses Verhalten der ÄrztInnen traute ich mich nicht zu befragen.

Das Sarajevo Film Festival

In meine letzte Woche im Krankenhaus fiel das Sarajevo Film Festival. Auch wenn es nicht auf Begeisterung stieß, wurde mir durchaus Verständnis entgegen gebracht, dass ich angesichts des größten Events des Jahres zwei Tage nicht in die Klinik kam. Um das Ausmaß dieses Festivals einordnen zu können, muss man Sarajevo ein wenig kennen. Die Stadt trägt noch viele Kriegsmale, die sichtbarsten sind die Einschuss- und Granatenlöcher in unzähligen Häusern. Einige historische Gebäude wurden renoviert, so auch das Nationaltheater, das anlässlich des Filmfestivals mit roten Fahnen behängt ist und nur über einen überdimensionalen roten Teppich zu betreten ist. Manch einem/r BewohnerIn Sarajevos, wie z.B. Sanja, mag diese Art von Schmuck gar zu kitschig und aufgesetzt erscheinen, andere wiederum fühlen sich in den Tagen des Filmfestivals endlich als vollwertiger Teil des kulturellen Europas. Und das ist Sarajevo. Der Großteil des Stadthaushalts wird auf die Finanzierung des Festivals verwendet, das einen internationalen Ruf hat. Hochkarätige Filme aus aller Welt, mit dem Schwerpunkt Balkan, werden hier von morgens bis abends in allen Kinos der Stadt und einigen Open-Air-Kinos gezeigt. Dominierende Themen des letzten Festivals waren zum einen Krieg (z.B. "Waltz with Bashir", "Pray - the Devil back to Hell") und Immigration (z.B. "The Visitor"). Zum Ende des Festivals kam Simon (der f&e-ler aus Belgrad) nach Sarajevo und wir hatten unseren ersten erquicklichen Austausch über unsere ersten Wochen in dieser besonderen Gegend Europas.

WegbegleiterInnen

Abends und an den Wochenenden ging ich häufig aus und traf mich zu Beginn oft mit Studierenden, die ich im Krankenhaus kennen gelernt hatte: einer Studentin aus der Türkei, einem Slowenen und einem Mazedonier. Diese Internationalität genoss ich, und manch interessantes Gespräch entwickelte sich. Als Simon in Sarajevo war, haben wir im Babylon einen Schauspieler und seine FreundInnen kennen gelernt. Mit ihnen waren wir noch auf einer elektronischen Tanzveranstaltung in den Bergen um Sarajevo und haben uns danach noch häufiger getroffen. Die Freundin des Schauspielers kam aus Schweden, sprach fließend Englisch und mit ihr habe ich mich später in Prishtina (Kosovo) für ein paar Tage verabredet.

Nach meiner Famulatur im Krankenhaus hatte ich ein wenig Zeit einer Frage nachzugehen, die mich beschäftigte: Wurden deutsche Waffen im Bosnien-Krieg eingesetzt? Ich wusste, dass deutsche Gewehre der Firma Heckler und Koch in die ganze Welt exportiert werden und die grausame Austragung von Konflikten ermöglichen. Wie war das vor 15 Jahren auf dem Balkan? Diese Fragen stellte ich Adnan, einem Mitarbeiter der CNA, der während dem Krieg selbst auf der Seite der Bosnier kämpfte und die Belagerung Sarajevos als Soldat miterlebte. Er kannte die deutschen Gewehre, die einen guten Ruf hatten und das markante gerade Magazin besaßen. Wie viele davon im Umlauf gewesen seien? Keine Ahnung. Es war nicht die Mehrzahl. Vielleicht so 5 oder 10%. Vor allem die Kroaten, aufgrund ihrer Stellung während des 2.Weltkriegs, hätten wohl deutsche Gewehre gehabt.

Mehr konnte ich in der kurzen Zeit nicht herausfinden, wobei sich die Recherche recht schwierig gestaltete, weil viele Waffenlieferungen illegal (und somit undokumentiert) erfolgten. Mit Adnan habe ich auch über den Islam und Gewalt gesprochen. Er selber hat sich nach seinen Kriegserfahrungen dem Islam zugewandt. Dass die "zivilisatorische Hülle" des Menschen so dünn ist und das Tier im Menschen darunter so schnell zum Vorschein treten kann, hat er nicht anders verkraften können als mit der Hinwendung zum Glauben.

Reisen

Der ganze Balkan ist per Busverbindung sehr gut vernetzt. Die Preise sind erschwinglich und die Busse pünktlich. Nur die Straßen sind ab und an etwas gewöhnungsbedürftig, ebenso wie die mal kürzeren mal längeren Stopps an den Grenzen. So nutzte ich im September die Zeit um ein wenig zu reisen. Als erstes machte ich mich auf den Weg nach Mazedonien, genauer gesagt zu einer kleinen westmazedonischen Stadt namens Tetovo. Dort traf ich mich mit Simon und Theresa (die mit f&e in Skopje war). Es war sehr erholsam endlich mal den Schwall der Erfahrungen, die in den vergangenen Wochen tagtäglich auf einen eingeprasselt sind mit Menschen zu teilen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden.

Wir hatten eine politisch höchst eindrückliche und persönlich ganz wunderbare Zeit gemeinsam in dieser kleinen Stadt. Nur auf den ersten Blick schien der Konflikt hier klarer zu sein als der in Bosnien, weil es in Mazedonien nur zwei verfeindete Parteien gab - Albaner und Mazedonier - und nicht wie in Bosnien die Bosniaken, Serben und Kroaten. Nach einigen Gesprächen mit mazedonischen Albanern, Mazedoniern und Kosovo-Albanern waren aber nur manche Fronten klar, andere hingegen neu aufgeworfen. Nach der Zeit in Tetovo bin ich mit Theresa nach Skopje gefahren und von dort aus alleine weiter nach Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo.

In Prishtina habe ich mich mit Miranda (aus Sarajevo/Schweden) getroffen und wir haben auf der Suche nach einem Schlafplatz zwei freundliche junge Kosovo-Albaner getroffen. Der eine studierte Wirtschaft, der andere Kriminologie. Sie waren sehr erfreut uns zu treffen und ich musste ihnen versprechen, dass ich die Dankesgrüße an Deutschland für den Aufbau des Kosovos und die Anerkennung der Unabhängigkeit mit nachhause nehme. Das war eine sehr skurrile Situation, da ich vor einigen Jahren noch gegen den "humanitären Krieg" gegen den Kosovo demonstriert hatte.

Eine ganz andere Stimme habe ich in Prizren, einer Kleinstadt in der Nähe von Prishtina, von einer Mitarbeiterin der Universität gehört. Sie sprach davon, dass der Kosovo eine "Jobmaschine für den Westen" sei, angesichts der unzähligen internationalen Nicht-Regierungs-Organisationen und der beachtlichen Solde der dort stationierten Soldaten. Im krassen Gegensatz zu den hohen Summen, die Jahr für Jahr in den Kosovo fließen, steht die Lebensqualität dort, die durch täglichen Strom- und Wasserausfall beträchtlich vermindert wird.

Dank Couchsurfing fand ich in Djakova, einem Dorf nahe Prizren, eine Unterkunft bei der Familie eines Politikstudenten. Die Aufnahme war ganz herzlich und der Vater überraschte mit einem einwandfreien Deutsch, das er seinen langen Jahren in Berlin zu verdanken hatte. Nicht lange dauerte es, bis wir auf den Krieg zu sprechen kamen, der auch die Biografie seiner Familie zeichnete. Die Tochter war während des Krieges hochschwanger und musste an die albanische Grenze flüchten, auch auf die Gefahr hin abgewiesen zu werden. Ob sie die Bombardierung des Kosovo als richtig empfunden haben? Ja und nein. Die Serben wurden geschwächt und haben vorübergehend ihre Gräueltaten gegen die Kosovaren eingestellt - Um danach als Rache für die Angriffe umso härter vorzugehen.

Zurück in Sarajevo musste ich mich etwas erholen, weil ich doch erschöpfter war, als ich auf meiner Reise gemerkt habe. Die täglichen Gespräche über Konflikte, Korruption und Krieg hatten mich doch mitgenommen.

Queer-Festivals in Belgrad und Sarajevo

Nach ein paar Tagen machte ich mich dann nach Belgrad auf um Simon zu besuchen. Im Vergleich zu dem etwa 300.000 EinwohnerInnen umfassenden Sarajevo war Belgrad mit etwa 2 Mio EinwohnerInnen erholsam groß - und unzerstört. Zumindest bis auf die zerbombten Militärgebäude, die dem NATO-Angriff zum Opfer fielen. In Belgrad war gerade Queer-Festival. ("Queer" bezeichnet die Dekonstruktion der konventionellen Geschlechterrollen von Mann und Frau und wird heutzutage häufig als Oberbegriff für alle nicht-heterosexuellen Orientierungen verwendet.) Neben interessanten Filmen gab es am Abend auch große Partys. Solche Festivals werden in Deutschland vor allem in den Großstädten seit Jahren öffentlich veranstaltet.

In Belgrad gab es zwar ein kleines Programm, allerdings ohne Veranstaltungsort. Auch die Gebäude trugen keinerlei Werbung für das Festival. Es fand sozusagen "under cover" statt. Und das nicht ohne Grund. Trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen lauerten einige homophobe Gewalttäter den FestivalbesucherInnen auf und verprügelten sie. Ich war geschockt. In einer Stadt nicht weit von Wien muss man um seine körperliche Unversehrtheit fürchten, wenn man den „falschen“ Menschen liebt?

Was hatte ich von Sarajevo zu erwarten, in dem das Queer-Festival in der darauffolgenden Woche stattfinden sollte? Die Mitarbeit bei dem 1. Sarajevo Queer Festival stellte mein Sozialprojekt dar. Im Gegensatz zum Belgrader Festival war das Festival in Sarajevo ganz ohne Partys geplant. Es sollte eine reine Kulturveranstaltung werden mit Filmvorführungen, Ausstellungen und Diskussionen. Doch schon Wochen im Voraus hat die konservative Presse in Sarajevo gegen das Queerfestival gehetzt und sich ein solches Festival während des Ramadan verboten. Auch die sonst schwer vereinbaren Kirchen der Bosnier, Serben und Kroaten haben in den queeren Menschen ein gemeinsame Feindbild gefunden. Folge davon war eine breite Repression gegen die VeranstalterInnen: Wohnungskündigung, Gewaltandrohungen, Drohung mit dem Entzug der Aufenthaltsgenehmigung. Zur Eröffnung in der Kunstakademie im Zentrum Sarajevos kamen Hunderte Besucher. Das war ein Erfolg.

In der Nacht darauf wurde ein Dutzend Menschen derart von gewaltbereiten muslimischen FundamentalistInnen angegriffen, dass sie wegen ihrer Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden mussten. Aus Sicherheitsgründen wurde das Festival am zweiten Tag abgebrochen. Die Angst vor Gewalt bestand weiter. Und auf einmal spürte ich hautnah den Unterschied zwischen dem Wissen um Diskriminierung und dem Erleiden von Diskriminierung. Tags darauf titelte eine fortschrittliche bosnische Zeitung "Talibanische Kristallnacht in Sarajevo". Dieser Titel klang noch bis lang hinter die Grenzen Deutschlands in mir nach.

Am nächsten Morgen begann in Hamburg um 8 Uhr das neue Semester. So hatte ich leider kaum Zeit das Erlebte angemessen zu verarbeiten und war umso dankbarer für den Austausch auf dem f&e-Nachtreffen. Die Zeit auf dem Balkan gehört für mich zu einer der schönsten meines Lebens. Die politische Lage ist häufig verzwickt und scheint aussichtslos. In diesem Chaos und der Stagnation einem Haufen Menschen zu begegnen, die trotz (oder wegen?) ihrer teilweise schrecklichen Erfahrungen eine liebevolle Menschlichkeit und einen gewinnenden Humor an den Tag legen, stellt für mich eine prägende und hoffnungsvolle Erfahrung dar. In diesem f&e-Sommer durfte ich auf eindrückliche Weise erfahren, wie stark der Mensch sein kann, sich auch auf kraftraubende und z.T. gefährliche Situationen einzustellen und dabei dennoch seine Überzeugungen nicht zu verlieren und weiterzukämpfen. Danke.

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