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Bericht

Das Sommerwochenende der Jungen IPPNW 2014

Was ist eigentlich "Gute Medizin"?

Viel zu schnell sind sie jedes Mal wieder vorbei, die wundervollen gemeinsamen Wochenenden der Jungen IPPNW (WEDJI), zu denen sich ein- bis zweimal im Jahr junge Medizinerinnen und Mediziner aus ganz Deutschland zusammen finden, um sich ein Wochenende lang auszutauschen, zu vernetzen, alte Freunde wieder zu sehen, neue interessante Menschen kennenzulernen und ein paar Tage aus dem Klinikalltag auszusteigen. Die Gruppe setzt sich bei jedem Wochenende anders zusammen, insofern ist ein Einstieg leicht und es ist jedes Mal eine große Bereicherung, dass auch Partnerinnen, Partner und natürlich Kinder mit dabei sein können.

Dieses Jahr fand das WEDJI erstmals in Engelsbach, Thüringen statt. Die Umgebung lud bei strahlendem Sonnenschein zu einer Wanderung durch die thüringische Toskana ein und neben gemeinsamem Kochen, leckerem Essen, Lagerfeuer, die Sonne genießen, Fussball gucken mit den Kids unserer „Pensionseltern“, Volleyballspielen und „ganz weit weg vom Kliniksalltag sein“ stand das Wochenende auch dieses Mal unter einem bestimmten Thema. „Was ist eigentlich 'Gute Medizin'?“ war die Frage mit der wir uns beschäftigen wollten. Es wurde sehr schnell klar, dass eigentlich jede/r der Teilnehmer/innen dazu unterschiedliche Vorstellungen hatte, aber auch unterschiedliche Ideen, wie wir in unserem Arbeitsumfeld einen Teil zur Guten Medizin beitragen können und wo konkrete Einflussmöglichkeiten sind.

Unser Arbeitsalltag ist meist geprägt von vielen Vorgaben, teilweise steilen Entscheidungshierarchien und einem Abrechnungssystem für Krankenhausleistungen, das der staatlichen Verpflichtung zur Sicherstellung einer ausreichenden und bedarfsgerechten Versorgung der Bevölkerung mit Krankenhausleistungen nicht gerecht wird. So schreibt auch das Deutsche Ärzteblatt, „knapp zehn Jahre nach Einführung des DRG (Diagnosis Related Groups)-Systems in Deutschland wird deutlich: Die Entwicklung des Versorgungsangebots im stationären Sektor darf nicht allein den unkalkulierbaren Wirkungen eines reinen Preissystems überlassen werden“. (1) In einer ersten Annäherung haben wir die Vor- und Nachteile dieses Systems kennengelernt und persönliche Erfahrungen ausgetauscht. „Die Festlegung der Preise auf der Höhe von Durchschnittskosten aller Krankenhäuser zwingt Krankenhäuser, deren Kosten über dem Durchschnitt liegen, dazu, ihre Kosten zu senken, diese Leistungen nicht mehr anzubieten oder gegebenenfalls zu schließen. Gelingt es den Krankenhäusern mit überdurchschnittlichen Kosten, ihre Kosten auf das Niveau des Preises zu senken und wird danach erneut der Kostendurchschnitt aller verbliebenen Krankenhäuser ermittelt und haben die Kliniken mit unterdurchschnittlichen Kosten diese nicht erhöht, so führt die Kostensenkung der Kliniken mit zuvor überdurchschnittlichen Kosten zu einer Senkung des Kostendurchschnitts und folglich auch des auf seiner Grundlage neu festgesetzten Preises. Durch diese Senkung des Preises geraten aber erneut Kliniken unter Kostendruck und müssen ihre Kosten senken. Gelingt ihnen dieses, führt dies in der nächsten Kalkulationsrunde erneut zu einer Senkung des Preises. Diese Kalkulationslogik führt zu einer Abwärtsspirale beziehungsweise zum Kellertreppeneffekt.“ (2)

Es wurde deutlich, dass eine finanzielle Unterversorgung und eine „Marktbereinigung“ durch Schließung von Krankenhäusern und Bettenabbau explizites Ziel des DRG-Systems waren und sind. Aus unseren eigenen Erfahrungen wissen wir, dass Diagnosen immer häufiger nach günstigen Abrechnungsmodalitäten vergeben werden und nicht immer im Interesse des Patienten gehandelt wird.

Dieses System widerspricht deutlich dem Prinzip einer bedarfsgerechten Versorgung und in unseren Augen einer „Guten Medizin“. Insofern war es uns umso wichtiger zu beleuchten wo unsere eigenen Einflussmöglichkeiten liegen, „Gute Medizin“ im Alltag zu praktizieren. Dabei schien uns wichtig, die Patienten gut aufzuklären und ihnen eine Wahl zwischen verschiedenen Behandlungsoptionen zu ermöglichen. Zudem bekräftigten wir, uns auf das eigene medizinische Können zu verlassen und auch Entscheidungen anderer infrage zustellen bzw. nicht unkritisch Entscheidungen mitzutragen, die zu Nachteilen für die Patienten führen könnte. Auch die Frage ob manchmal weniger Medizin bessere Medizin ist, wurde diskutiert. Grundlage der Diskussion war die „Declaration of Principles of the Right Care Alliance“ des Lown Institut, welche mittlerweile auch auf der IPPNW Homepage zu finden ist und unterzeichnet werden kann. Zum Abschluss am Sonntag haben wir Möglichkeiten diskutiert, sich außerhalb der Klinik im Sinne der „Guten Medizin“ zu engagieren. Ich glaube, wir alle sind motiviert und auch optimistischer bezüglich unserer eigenen Einflussmöglichkeiten, eine gute, bedarfsgerechte und menschliche Medizin zu leben, nach Hause gefahren.

Ich freue mich auf das nächste WEDJI und möchte jede/n zur Teilnahme ermutigen.

 

Dr. Christina Schotenroehr (Assistenzärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie, Düsseldorf)

Zitate (1) und (2) aus: "Das deutsche DRG-System: Grundsätzliche Konstruktionsfehler; Simon, Michael, Dtsch Arztebl 2013; 110(39): A-1782 / B-1572 / C-1548" Hier als PDF-Datei

 

 

 

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