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Medizinische Arbeit in Entwicklungsländern

Wenige Berufsfelder sind so global wie die Medizin. Ob in den Urwäldern Brasiliens, der afrikanischen Wüste, den Großstädten Südostasiens oder im bayerischen Wald – überall auf der Welt gibt es Krankheit; überall werden gute Mediziner bitter benötigt. Oft bedarf es noch nicht einmal großer Sprachkenntnisse um Patienten in Not helfen zu können – fachliches Wissen, der diagnostische Blick, menschliche Empathie, die richtigen Handgriffe und die passende Therapie überwinden geographische, sprachliche und oft auch kulturelle Grenzen. Die Chance, andere kulturelle Wahrnehmung von Gesundheit und Krankheit zu erfahren und ein anderes Gesundheitssystem aktiv zu erleben haben viele Mediziner bereits während Famulaturen oder PJ-Tertialen im Ausland machen können.

Nun gibt es bei vielen Medizinern auch nach dem Studium den Drang, in die Ferne zu ziehen und dem deutschen Alltag Lebewohl zu sagen – und sei es nur für ein paar Wochen oder Monate. Gerade als sozial und politisch interessierter und engagierter Mediziner bietet es sich dabei an, ferne Länder nicht bloß touristisch zu erschließen, sondern sich dort auch medizinisch zu engagieren. Vielleicht steht dieses Ziel auch an erster Stelle – wenn man zum Beispiel weg möchte von den Wohlstandskrankheiten der westlichen Welt und der überbordenden Bürokratie des deutschen Gesundheitswesen um dort zu helfen wo Hilfe wirklich gebraucht wird – schnell, unkompliziert und effektiv. Ob es nun zeitlich begrenzte medizinische Einsätze in Entwicklungsländern sind (Stichwort „100 Augen-Operationen in einer Woche“), humanitäre Hilfsmissionen á la Ärzte ohne Grenzen, Projekte aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit oder kleine Initiativen, Vereine und Projekte, die die Not der Menschen vor Ort lindern wollen – an Möglichkeiten, als Mediziner im Ausland etwas Gutes zu tun mangelt es nicht.

Einmal im Ausland angekommen, stellen viele jedoch fest, dass das vermeintlich nachhaltige Projekt völlig an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort vorbei zielt oder dass sich das so gut gemeinte humanitäre Hilfsprojekt eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein anfühlt. Noch schlimmer ist es, wenn man feststellt, dass ein Projekt mehr Schaden anrichtet, als es nützt; wenn beispielsweise massiv in die Versorgung von HIV-Patienten investiert wird und dies zur Folge hat, dass Heerscharen von lokalen Ärzten sich in den gut bezahlten HIV-Projekten der internationalen NGO’s tummeln, während der Rest des Gesundheitssystems an den Folgen von Ärzte- und Geldmangel zu Grunde geht. Oder wenn Güter und Dienstleistungen von ausländischen NGO’s dazu führen, dass die lokale Wirtschaft und das Gesundheitswesen von der Hilfe aus dem Norden abhängig werden. Viele kehren daher mit einem gewissen Grad an Desillusionierung und Enttäuschung von Auslandseinsätzen zurück und stellen sich im Nachhinein die Frage, ob man mit seinem Engagement tatsächlich etwas zum Guten verändern konnte. Man beginnt, Projekte und Initiativen auf ihre Nachhaltigkeit zu hinterfragen, auf ihren Impact und auf ihren Nutzen für die Bevölkerung. Man beginnt, die konkrete Hilfe für den Einzelnen auszublenden, denn Einzelschicksale sagen wenig darüber aus, wie ein Projekt insgesamt zu bewerten ist. Früher oder später fragt man sich, ob es überhaupt möglich ist, im Ausland tätig zu sein, ohne Schaden anzurichten und welche Art von Projekt den Menschen vor Ort am meisten nützen kann.

Um diese Fragen ging es auch auf dem diesjährigen Sommertreffen der Jungen IPPNW. Dreißig junge, engagierte Mitglieder der IPPNW trafen sich für ein Wochenende in der hessischen Toskana um bei dampfenden Schüsseln afrikanischen Erdnusseintopfs über die verschiednen Möglichkeiten zu diskutieren, als Mediziner in Entwicklungsländern tätig zu werden. Nachdem in einem großen Brainstorming unter der hessischen Sonne die wesentlichen Möglichkeiten medizinischer Tätigkeit in Entwicklungsländern herausgearbeitet und auf einem „Baum der Möglichkeiten“ gesammelt worden waren, widmete man sich anschließend der Frage nach Sinn und Unsinn von medizinischen Hilfsprojekten in Entwicklungsländern.

Der Hinweis des alternativen Friedensnobelpreisterägers Walden Bello auf dem IPPNW-Kongress „Globalisierung, Krieg und Intervention“ vor einigen Jahren, dass jegliche Form von Einmischung in Ländern des globalen Südens mehr Gefahr als potentiellen Nutzen berge, stellte das eine Extrem der Diskussion dar; das Prinzip, dass jede Hilfe gerechtfertigt sei, wenn sie auch nur einem einzelnen Menschen ein besseres Leben verschaffe, das andere. Zwischen diesen beiden Polen wurde über eigene Erfahrungen in Hilfsprojekten und internationalen NGOs geredet, über gute wie schlechte Beispiele für medizinische Hilfe im Ausland und über versteckten und unbewussten Motive hinter Arbeit in Entwicklungsländer. Die offene, ehrliche und wertschätzende, aber eben auch kritische und hinterfragende Diskussion lieferte tiefe Einblicke in die Möglichkeiten und Grenzen der medizinischen Auslandstätigkeit und riss gleichzeitig neue Fragen an. Ein richtiges Fazit lässt sich daher nur schwer ziehen.

Festzustellen bleibt, dass die besten, nachhaltigsten und einflussreichsten Projekte solche waren, die von der Lokalbevölkerung selber ausgingen und nicht von außen auferlegt wurden. Die mangelnde Vorbereitung und Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten im Zielland wurde als eine der häufigsten Ursache für das Scheitern guter Ideen genannt und die Einbeziehung kultureller Differenzen und unterschiedliche Gesundheitswahrnehmungen als wichtiges Element der Planung eigener Projekte genannt. Mit vielen neuen Eindrücken und jeder Menge Stoff zum Nachdenken fuhren die TeilnehmerInnen des Wochenendes schließlich nach Hause, aber eben auch mit frischer Energie, neuen Ideen und jeder Menge nützlicher Info im Gepäck… …und natürlich der Vorfreude auf das nächste Wochenende der Jungen IPPNW im November!

Die Wochenenden der Jungen IPPNW wurden 2005 von ehemaligen IPPNW-Studierenden ins Leben gerufen, um zu verhindern, dass soziales und politisches Engagement nach dem Staatsexamen gemeinsam mit den Anatomie- und Chirurgiebüchern im Regal landet und verstaubt. Gerade junge ÄrztInnen in der Facharztweiterbildung haben meist wenig Zeit und fühlen sich zerrissen zwischen Arbeit, Forschung und Familie. Da fällt es schwer, sich zusätzlich noch politisch zu engagieren. Neben den sehr aktiven Studierenden in der IPPNW und den sehr aktiven älteren IPPNW’lern, war die Gruppe der jungen ÄrztInnen in der IPPNW daher meist deutlich unterrepräsentiert. Die Wochenenden der Jungen IPPNW stellen ein niedrigschwelliges Angebot für eben diese Gruppe dar, trotz zahlreicher Verpflichtungen weiterhin den Kontakt zur IPPNW zu halten, sich gegenseitig zu inspirieren, aktiv zu bleiben und sich ggf. auch in dem ein oder anderen Arbeitskreis der IPPNW zu engagieren. Zwei Mal im Jahr treffen sich 10-30 junge ÄrztInnen für ein „Retreat“-Wochenende in entspanntem Ambiente, bearbeiten gemeinsam ein selbst gewähltes Thema, informieren sich über die aktuellen Kampagnen und Projekte der IPPNW und tanken frische Energie. Die deutsche IPPNW-Sektion ist weltweit die einzige, die sich in diesem Maße um den Nachwuchs der Organisation kümmert. Informationen über die Treffen, sowie die Themen und Photos der letzten Wochenenden finden sich auf der Homepage www.ippnw-ddorf.de/JungeIPPNW. Neue Termine werden regelmäßig über die IPPNW-Verteiler geschickt.

Alexander Rosen

 

Programm:

Freitag, 28.05.2010

19:00       Abendessen
 bis 0:00   Ankunft der TeilnehmerInnen
 
Samstag, 29.05.10:

09:00         Früchstücksbuffet
10:00       Interaktive Kennenlernrunde
11:00       Überblick über die Möglicheiten, als Mediziner im Ausland tätig zu sein
14:00       Mittagessen, Spaziergang
16:00       Workshop: "Motivation, als Mediziner ins Ausland zu gehen"
17:00       Diskussionsrunde: "Kritische Punkte bei Auslandseinsätzen"
19:00       Abendessen
21:00       Film: "Dr Aleman", anschließend Lagerfeuer, Sauna, Hängematte, Pool ;)

Sonntag, 30.05.10

09:00         Frühstücksbuffet
11:00       Zusammenfassung des Vortags und Ausblick
13:00       Feedbackrunde
14:00       Snacks und Verabschiedung

Junge IPPNW - Treffen im November 2010

Vom 26. bis 28. November 2010 trafen sich in Dransfeld bei Göttingen wieder einmal junge ÄrztInnen und PJ'lerInnen aus ganz Deutschland. Was sie gemeinsam haben? Ein Interesse an politischem und sozialen Engagement, eine Bereitschaft, über den Tellerrand des Klinikalltags hinaus zu blicken, ein Bedürfnis, sich mit anderen, ähnlich denkenden Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und Lust, ein Wochenende im Grünen mit alten und neuen Freunden zu verbringen.



Thema dieses Wochenendes war:
Ärztliche Gesundheit:
Arbeit, Familie, Engagement -
wie bring ich das alles unter einen Hut?

 

 

 

 

 

Programm:

Freitag, 26.11.2010

19.00 Uhr Abendessen
21.00 Uhr erste kleine Kennenlernrunde und „Medizin ist keine Ware“: Vorstellung der Buttonidee vom letzten Herbsttreffen
Kaminabend

Samstag, 27.11.2010

9.30 Uhr Frühstück.
9.30-12.30 Uhr Workshop I: Ärztegesundheit. Theorie, Erfahrung, Ursachen 
12.30-13.30 Uhr Im Alltag mal Entspannen? Training Progressive Muskelentspannung (bitte gemütliche Kleidung und dicke Socken mitbringen)
13.30-15.30 Mittagssnack, Spaziergang, Klönen...
15.30-18.30 Workshop II: Engagement, Alltag, Familie: Strategien gegen die Überforderung. 
ab 18.30 gemeinsames Kochen, Abendessen
21.00 Kaminzimmerabend, Hörspiele, Klönen..

Sonntag, 28.11.2010

8.00-8.30 Quigong für die die möchten
bis 9.30 Frühstück 
9.30 - 12.30 
IPPNW-Aktivitäten
Vorstellung der I SAW (International Small Arms Workgroup)
Buttons „Medizin ist keine Ware“ 

Zusammenfassung
Feedback
Planung des nächstes Wochenende

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