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Trauer um Wolfram Braun

Von Ulla Gorges

Ich kannte Dr. Braun von IPPNW-Mitgliederversammlungen und -Kongressen, aber eigentlich begegnet bin ich Wolfram auf dem Balkan. Das Studierenden-Programm famulieren & engagieren war eng mit dem Projekt "Versöhnungsbrücken" verbunden, so reiste ich zu mehreren Treffen mit den Partnern der Würzburger – 2006 nach Sarajevo, 2013 nach Struga, Mazedonien, 2014 nach Split und 2015 wieder nach Sarajevo.

Wolfram kam meist mit eigenem PKW aus dem Fränkischen angefahren. Manchmal auch mit geliehenem Kleinbus – je nachdem, wie viele von den Würzburger Studierenden, die sich in dem Projekt "Versöhnungsbrücken" engagierten, er mitbrachte. So entstanden keine hohen Reisekosten, nicht für die Studierenden und nicht für die IPPNW.

Wenn ich Wolfram wegen der anstrengenden Fahrt bedauerte, lachte er und berichtete von guten Gesprächen unterwegs, vom gemeinsamen Liedersingen im Auto, vom abendlichen Stadtbummel in Ljubljana, bei der Rast auf halber Strecke. Seine Neugierde auf anderes und andere Menschen war immens. Und wie liebte er es, mit anderen beisammen zu sein, zu lachen, das ruhige und engagierte Gespräch, vor allem auch mit den Jüngeren. Ich staunte ein ums andere Mal über seine schier unerschöpfliche Energie, wenn es ihn in Split frühmorgens zum Bad ins Meer trieb, auch wenn er am Abend zuvor „bis in die Puppen“ mit der Gruppe unterwegs gewesen war. Seine Lebenslust und Fröhlichkeit waren ansteckend.

Wolfram liebte das Leben, seine Familie und seine Arbeit als Landarzt im fränkischen Markt Einersheim. Ich denke, dass Wolfram ein frommer Mann war. Er hatte als Kind den Krieg erlebt, diese Erfahrung begründete sein lebenslanges Engagement für Frieden, ebenso wie sein christlicher Glaube. Als in Südost-Europa der Krieg ausbrach, war er zunächst fassungslos, dann musste er etwas tun. Zusammen mit seiner Frau Dodo folgte er dem Aufruf der Friedensbewegung, "Den Krieg überleben", sie nahmen einen bosnischen Jugendlichen, Miroslaw, in ihr Zuhause auf. Er wurde ihr Adoptivsohn. Gemeinsam mit anderen Würzburger IPPNW-Mitgliedern gestaltete er eine Ausstellung, sammelte Spenden. Aus diesem Engagement erwuchs das Projekt "Versöhnungsbrücken". Es hatte zum Ziel, auf dem westlichen Balkan ein Friedensnetzwerk junger Mediziner zu knüpfen.

Für Wolfram hieß Frieden nicht so sehr, Theoriegebäude zu konstruieren, sondern praktisch im Kleinen etwas zu tun. Wir teilten die Überzeugung, dass die Antwort auf Krieg Friedensdienst ist – eine notwendige Voraussetzung für Frieden und Versöhnung. Und dass ein solches Engagement einen sehr langen Atem braucht. Den hatte Wolfram Braun, er war anderen Menschen treu, seinen Überzeugungen und damit auch sich selbst.

Seit 1995 wurden jährlich fünf bis sechs Medizinstudierende aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens eingeladen. Im Zentrum stand eine vierwöchige Famulatur in der Missionsärztlichen Klinik mit gut gefülltem und strukturiertem Lehrplan. Der heimliche Lehrplan beinhaltete das gemeinsame Wohnen und die gemeinsame Freizeitgestaltung. Wolfram und seine KollegInnen halfen als geduldige Begleiter und Mediatoren, bei ihren Gästen Misstrauen, Vorbehalte und Sprachlosigkeit zu überwinden. Oft saßen die Studierenden bei Wolfram und Dodo Braun im Wohnzimmer oder im Garten, manch einer der jungen Ärzte aus Belgrad, Pristina, Sarajevo, erzählte mir davon.

Es folgten jährliche Gegenbesuche auf dem Balkan – um die Gäste wieder zu sehen, die aus allen Republiken anreisten, und um mehr über deren Lebenswirklichkeit, deren Alltag zu lernen. Es brauchte viel Geduld und Überzeugungskraft im Laufe vieler Jahre, damit es nicht nur beim fröhlichen Wiedersehen blieb. nach und nach kamen politische Inhalte ins Programm, und man wagte sich auch an Diskussionen über kontroverse und schmerzliche Themen. Die Balkan-Studierenden wählten jeweils die Themen aus, mal ging es um die Folgen von Uranmunition, im Kosovo-Krieg von den NATO-Truppen verwendet, mal um Beispiele ärztlichen Friedenshandelns.

Unter jenen, die bei Kriegsende Kinder oder noch nicht geboren waren, herrschte bei solchen Diskussionen manchmal eine unausgesprochene, kaum erträgliche Spannung. Zuletzt, 2015 in Sarajevo, ging es um das Kriegsverbrechen Vergewaltigung. In einer Vormittagssitzung wurden Berichte von Opfern vorgelesen, dabei wurde die Herkunft von Opfern und Tätern nicht erwähnt, die Tatorte nicht genannt. Einige Studentinnen liefen weinend aus dem Raum. Wolfram fand beruhigende Worte, nicht besserwisserisch, sondern litt ja selbst mit. Er war ein ganz behutsamer Tröstender, von Natur aus ein wunderbarer Mediator. Am Nachmittag war er dann wieder der Fragende und Lernende, als uns der ehemalige bosnische Gaststudent durch das große Behindertenheim führte, in dem er jetzt der einzige Arzt war. Und am Abend saß Wolfram mit uns in der Runde, beim Gespräch über das Erlebte und „über Gott und die Welt.“

Die IPPNW-Wochenenden auf dem Balkan sind in meiner Erinnerung untrennbar mit Wolfram verknüpft. Sein weicher fränkischer Tonfall und sein Lachen bleiben mir im Ohr und im Herzen.

Kurz nach Wolfram Brauns Todestag wurde in Den Haag der Prozess gegen den ehemaligen serbischen General Ratko Mladic beendet. Die Reaktionen auf die Verurteilung des Kriegsverbrechers – erneut erwachter Schmerz aber auch Genugtuung unter Bosniaken, Empörung und Hass bei manchen Bewohnern der Republik Srbska, machten deutlich, wie tief die Wunden sind. Es gibt noch keine Versöhnung über den Gräbern. Das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien hat seine Arbeit, die 1993 begonnen hatte, jetzt beendet.

Die weitere juristische Aufarbeitung ist Aufgabe der Gerichte vor Ort. Versöhnung zwischen den Völkern Ex-Jugoslawiens bleibt Aufgabe der Zivilgesellschaften dieser Länder. Dabei ist Unterstützung von außen notwendig. Auch die Arbeit der IPPNW-Versöhnungsbrücke sollte nicht beendet sein. Hoffentlich finden sich in Würzburg oder anderswo IPPNW-ÄrztInnen, die dieses Engagement in Wolfram Brauns Andenken und für Europas Zukunft fortführen.

Ulla Gorges


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