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Kongresse der IPPNW

Maintain Life on Earth/Gemeinsam leben - nicht gemeinsam sterben

Der 6. Weltkongress der IPPNW
Vom 29. Mai bis 1. Juni 1986 in Köln


Der IPPNW-Weltkongress, der 1986 zum ersten Mal in Deutschland stattfand, wurde dem schwedischen Friedens-Politiker Olof Palme gewidmet, der einige Monate davor gewaltsam und ungeklärt zu Tode kam. Einen Monat zuvor, am 26. April, ereignete sich zudem die atomare Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine und prägte den Kongress wie kein anderes Thema.

Über 4.500 TeilnehmerInnen aus 59 Ländern versammelten sich, um eine Reihe von bekannten und herausragenden ReferentInnen zu hören, an Intensiv-Kursen teilzunehmen sowie bei Gesprächs-Kreisen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Der Kongress hat die deutsche Sektion einen großen Schritt voran gebracht, nicht nur in der Zahl der Mitglieder, sondern auch im Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Politik.

Gertrud Gumlich schrieb ihre Eindrücke im "Rundbrief" Nr. 19 nieder: "Zunächst einmal war die Atmosphäre anders als erwartet. Sie war, so schien es mir zumindest, überwiegend auf konzentrierte Arbeit gestimmt.... Denn dieser Kongress tanzte nicht. Anders als 1984 in Helsinki, als das gesellschaftliche Umfeld einen vitalen Gegenakzent zur Tagesthematik setzte im Sinne von "Seht her, es lohnt sich doch, sich für dies alles einzusetzen!" – Im Gegensatz also dazu machten die Veranstalter in Köln etwas für unseren Stand ganz ungewöhnliches: Sie stellten sich der deutschen Geschichte. Sie führten die Teilnehmer, die dies wollten (und erstaunlich viele wollten es), am Freitagabend auf den Kölner Westfriedhof, ließen Blumen niederlegen auf die Gräber der Verfolgten, Verschleppten, Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter und gedachten dieser Toten – durch Deutsche zu Tode gekommenen."

Bernard Lown schrieb in einem Brief an Prof. Ulrich Gottstein über den Kongress: "Der Höhepunkt meiner Aufenthalte in Deutschland war der Kölner Kongress 1986. Ich erinnere mich an einen unangenehmen Brief, den mir ein jüdischer australischer Arzt zuvor geschrieben hatte: Wie könne man einen IPPNW-Kongress in Deutschland abhalten; das sei aus ethischen und humanitären Gründen abzulehnen. Ich schrieb ihm damals einen langen Brief und bat ihn, nicht zu urteilen, bevor er den Kongress besucht habe. Ich wusste nicht, ob er kommen würde, bis nach Ende der Schluss-Veranstaltung ein Mann mit tränenfeuchten Augen zu mir kam und sagte: "Ich bin der australische jüdische Kollege, der an dich geschrieben hatte. Diese jungen deutschen Ärzte haben für mich Deutschlands Humanität wieder gewonnen. Danke, dass Du mich drängtest, zum Kongress zu reisen."

Der Kongress wurde mit einer Ansprache von dem damaligen Minister-Präsidenten Nordrhein-Westfalens Johannes Rau (dem jetzigen Bundespräsident) eröffnet. John Pastore verlas Gruß-Botschaften von dem US-Präsidenten Ronald Reagan, dem Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU Mikhail Gorbatschov, der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland (jetzige Generaldirektorin der Weltgesundheits-Organisation), dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, dem Präsidenten Argentiniens, vom Minister-Präsidenten von Indien, von Papst Johannes Paul II und vom UN-Generalsekretär Perez de Cuellar.

David Lange beim IPPNW-Weltkongress in Köln, 1986Referate unter dem Aspekt des Kongressmottos "Maintain Life on Earth" von David Lange, Premierminister Neuseelands, Inga Thorsson, schwedische Staatsministerin für Auswärtiges, dem Ökonomen John Kenneth Galbraith und Valentin Palin, dem früheren Botschafter der UdSSR in der BRD, folgten.

Horst-Eberhard Richter referierte zum Thema "Arzt und das Umdenken von Frieden" und mahnte nach der Tschernobyl Katastrophe, dass es "Zeit zum Aufwachen" sei. Beide IPPNW-Co-Präsidenten Evgenij Chazov und Bernard Lown blickten in die Zukunft und forderten "Taten" und "Empörung" von den ÄrztInnen. Till Bastian sprach über Medizinethik und forderte dazu auf: "Aus Tschernobyl lernen". Herbert Begemann klärte über "Gesundheits-Gefährdung durch Radioaktivität" auf. Eine Fülle von Referaten beschäftigte sich mit den Themen: soziale und wirtschaftliche Folgen des Wettrüstens, Medizin im Nationalsozialismus, die politische Rolle des Arztes im Atomzeitalter, die Konsequenzen der Rüstungspolitik für die Gesundheitsvorsorge in Entwicklungs-Ländern, die Nutzung des Weltraumes, die psychologische Belastung durch Dauerbedrohung mit Nuklearwaffen und vieles mehr.

Quellen:

Gottstein, Ulrich "Bernard Lown zum 80. Geburtstag" in IPPNW-Forum Heft 69-70, Juli 2001

Gumlich, Gertrud "Die Ärzte und ihr Kongress – Köln 1986. Rückblick einer Teilnehmerin" in Rundbrief

"Ärzte warnen vor dem Atomkrieg" Nr. 19, Hrsg.: Ärzte-Initiativen und Kollegen, Oktober 1986

IPPNW (Hrsg.), "Gemeinsam Leben – nicht gemeinsam sterben!" Dokumentation des 6. Weltkongresses der IPPNW in Köln, Jungjohann Verlagsgesellschaft, Neckarsulm 1987

Rundbrief "Ärzte warnen vor dem Atomkrieg" Nr. 18, Hrsg.: Ärzte-Initiativen und Kollegen, Oktober 1986

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