IPPNW.DE
Seite drucken

Der 7. Weltkongress in Moskau/UdSSR

Kongresse der IPPNW

Im Juni 1987 versammelten sich mehr als 3.000 ÄrztInnen in Moskau zum 7. IPPNW-Weltkongress. Das vor-gesehene Auditorium erwies sich als völlig unzureichend, um die Menschenmenge auf zu nehmen, so dass ein Sport-Stadion für die erste Plenumssitzung herangezogen werden musste. Das politische Klima in der Sowjetunion befand sich in einem Prozess rapiden Wandels. Mit "Glasnost" begannen die Bastionen des Kalten Kriegs aufzubrechen. Die lange währende Symbiose zwischen der paranoiden sowjetischen Geheimhaltung und dem militärisch-industriellen Establishment in den USA begann sich aufzulösen. Unter Gorbatschovs Führung war ein Verständnis für die UdSSR nicht mehr länger das private Monopol einer Sekte scholastischer Kreml-Spezialisten. Auf dem Kongress gab es keine Zensur. Das neue Denken trat ganz offen zutage.

Auf dem Moskauer Kongress wurde in einer Art Credo, die Erklärung "What we believe" (Was wir glauben), zusammen gefasst, als moralisches und intellektuelles Fundament einer Haltung, die sich die Abschaffung der Atomwaffen zum Ziel gesetzt hat.

Der Kongress stellte das Thema Unterentwicklung im Zusammenhang mit dem Wettrüsten in den Mittelpunkt. Während die weltweiten Militär-Ausgaben sich der astronomischen Zahl von jährlich einer Billion Dollar nähern, das entspricht 1,8 Millionen Dollar in jeder Minute, rund um die Uhr, finden pro Minute sechzig Kinder aus Mangel an gesundheitlicher Versorgung, die vergleichs-weise nur Pfennigbeträge gekostet hätte, entweder den Tod oder erleiden irreparable körperliche Schäden. Diese Diskussionen sind gerade deshalb besonders relevant, weil noch an keinem anderen IPPNW-Kongress so viele VertreterInnen aus Entwicklungsländern teilgenommen haben wie in Moskau. Ihre Anwesenheit wurde ermöglicht durch die Großzügigkeit des neuen Gesundheits-Ministers der UdSSR: Evgenij Chazov, der wegen seines neuen Amtes als Co-Präsident der IPPNW zurücktreten musste. Mikhail Kuzin, früher Dekan des Ersten Moskauer Medizinischen Instituts und Direktor des Vischnevsky-Instituts für Chirurgie, wird als russischer Co-Präsident gewählt.

Lown und Chazov treffen mit GorbatschovDer Höhepunkt des Treffens ereignete sich jedoch, als der Kongress bereits zu Ende war und General-Sekretär Gorbatschov sich bereit erklärte, den internationalen Vorstand der IPPNW zu empfangen. Die Diskussion war geistreich, und Gorbatschov war über den Verlauf des Kongresses vollständig im Bilde. Er fand lobende Worte für die IPPNW:

"Ich bewundere sowohl Ihre Bewegung wie Ihre Arbeit. Sie werfen wertvolle Ideen in die politische Arena einer großen Zeit. Sie haben Einfluss, und Ihre Stimme findet zunehmend Gehör, weil Sie eine einleuchtende und zeitgemäße Warnung an die Menschheit richten, weil zu Ihrer Bewegung wahrscheinlich sehr kompetente Leute gehören und weil Sie sich auf die Hautthemen, nicht auf kleine Details, konzentrieren. Deshalb war es Ihnen möglich, einen berufsspezifischen Standpunkt vorzubringen. Und dies ist der Grund, warum aus sechs Leuten in so kurzer Zeit hunderttausende werden konnten und warum Ihren Empfehlungen soviel Gewicht beigemessen wird. Ich kann Ihnen sagen, die sowjetische Führung wird bei der Entwicklung ihrer Politik Ihre kompetente Meinung berücksichtigen."

In der fast zweistündigen Sitzung gab Gorbatschov einen scharf-sichtigen Überblick über die Weltsituation. Er wies warnend darauf hin, dass der Prozess des neuen Denkens und der Erstellung neuer Analysen Zeit brauche. Er sprach über die Notwendigkeit eines allumfassenden Sicherheits-Systems. Scharf kritisierte er die Abschreckungs-Doktrin: "Erstens ignoriert sie die Lektionen von Hiroshima und Tschernobyl... Zweitens, die Atomwaffen existieren, und es gibt Pläne für ihren Einsatz. Sie haben ihre Ziele. Einige Leute wollen die Menschen glauben machen, es sei natürlich und für die eigene Sicherheit entscheidend, Nuklearwaffen zu besitzen. Tatsächlich aber ist die atomare Abschreckung ein betrügerischer, gefährlicher und zutiefst unmoralischer Zustand."

Gorbatschov gab mit Eloquenz und Leidenschaft seiner Vision einer friedlichen Welt Ausdruck. Für die Leitung der IPPNW war es beeindruckend, in der Gesellschaft eines außergewöhnlichen Staatsmannes zu sein, der genau diejenigen Überzeugungen zum Ausdruck brachte, die auch die Ärzte-Bewegung antreiben.

zurück

Sitemap Überblick