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Geschichte der IPPNW in der DDR

Geschichte der IPPNW

Wandbild am AlexanderplatzEin anderes Bild als die bundes-deutschen IPPNW bot die DDR-Sektion der IPPNW. Staatlich gefordert, wohl gelitten von den Mächtigen in Staat und Gesellschaft war sie auf Exklusivität ausgewählter Kader ausgerichtet.

Nach der Möglichkeit der Einzel-Mitgliedschaft (1988), die auf internationalem Druck eingeräumt werden musste, wurde die DDR-Sektion durch Massen-Eintritte unter dem Zwang staatlich verordneten Engagements verwässert und blieb domestiziert. Daneben die unabhängigen ärztlichen Friedens-Gruppen und kritische Einzel-Mitglieder in der DDR, die versuchten, Missstände in ihrer, der DDR-Gesellschaft, zu benennen und Veränderungen zu bewirken. Die offizielle DDR-Sektion hat sich strikt an der "Friedens-Politik" der SED orientiert. Menschenrechts-Verletzungen in der DDR und Demokratie-Defizite in der eigenen Sektion wurden negiert, Ärzte die die Missstände benannt haben wurden diszipliniert.

Die unabhängigen ärztlichen Friedens-Gruppen und kritische Einzel-Mitglieder haben durch Veranstaltungen im Rahmen der kirchlichen Friedens-Arbeit (Friedens-Werkstatt, Basisgruppen-Arbeit, Evangelische Akademie-Tagungen) den ganzheitlichen Friedens-Begriff eingeklagt (Abwesenheit von Krieg verbunden mit sozialer und politischer Gerechtigkeit und friedlichem Umgang mit der Umwelt). Das führte zu spürbaren Behinderungen im beruflichen und privaten Bereich. Durch die Internationalität der IPPNW und enge und gute Kontakte bestand für die kritischen Mitglieder in der DDR und die ärztlichen Friedens-Gruppen ein Schutz vor existenz-bedrohenden Repressionen. Es entstand allerdings auch der Eindruck, das Gespräch mit den Funktionären in der DDR sei seitens der westdeutschen IPPNW-Sektion zu intensiv und unkritisch geführt worden. Mit dem Zusammenschluss der beiden Sektionen (1991) bestand die Gelegenheit, über diesen Problemkreis offen zu diskutieren.



Chronik der IPPNW in der DDR

1982

August: Die offizielle IPPNW - das Komitee "Ärzte der DDR zur Verhütung eines Nuklearkrieges" - wird auf Beschluss des Ministerrates der DDR gegründet. Mitglieder werden auf Geheiß der SED systemprägende WissenschaftlerInnen und ÄrztInnen, die nach außen fachliche und politische Reputation hatten und nach innen den DDR-typischen Proporz der "Nationalen Front" wiederspiegeln. Die Aufgabe des Komitees besteht in der Repräsentanz der DDR auf den internationalen Kongressen, eine Ausstrahlung in die DDR-Gesellschaft hinein ist nicht vorgesehen. Text des Aufnahmeantrages.

1983

Juni: Erstmals tritt das Komitee "Ärzte der DDR zur Verhütung eines Nuklearkrieges" anläßlich der Unterschriften-Sammlung unter den "Amsterdamer Aufruf" innerhalb der DDR in Erscheinung. In kürzester Zeit überreicht das Komitee die Unterschriften von 45.000 ÄrztInnen und ZahnärztInnen unter den Appell, die durch die Strukturen der SED-hörigen Gewerkschaften Gesundheit und Wissenschaft gesammelt werden. Die meisten unterschreiben ohne genaue Kenntnis des Textes, denn Gewerkschafts-Aktionen sind gleichbedeutend wie staatliche Anordnungen.

Die holländische Sektion der IPPNW bemüht sich, eine individuelle Mitgliedschaft der DDR-Ärzteschaft zu ermöglichen. Jos Weerts über seine Erfahrungen mit der offiziellen IPPNW-Sektion der DDR: "Die Auseinandersetzung mit den Repräsentanten der DDR-Sektion, innerhalb der Treffen des International Councils und außerhalb, waren sehr schwierig und dauerten sehr lange, ... speziell in der Sache der individuellen Mitgliedschaft".

(Ende 1983): Parallel zur staatstragenden SED-hörigen offiziellen IPPNW-Sektion in der DDR in Gestalt des Komitees "Ärzte der DDR zur Verhütung eines Nuklearkrieges" bilden sich ärztliche Gruppen in Halle, Berlin, Erfurt und Ilmenau. In Ergänzung und gegen den Widerstand der offiziellen IPPNW-Sektion arbeiten die unabhängigen Gruppen und engagierte kritische ÄrztInnen als Einzelne im Sinne der internationalen IPPNW. Besondere Bedeutung haben Themen wie Feindbild-Abbau, Niedrig-Strahlung, Katastrophen-Medizin und Medizin im National-Sozialismus. Die Bearbeitung dieser Themen findet im Rahmen der Kirche durch Vorträge, Gespräche auf Friedens-Werkstätten, Infoständen, Gemeinde-Abenden und Publikationen statt. Das Ministerium für Staatsicherheit (MfS) schleust Spitzel in diese Gruppen ein bzw. werben einzelne ÄrztInnen zur geheimen Arbeit an. Eine wesentliche inhaltliche Beeinflussung der Arbeit gelingt jedoch nicht. Dass auch eine Zersetzung der Gruppen versucht wird, lässt sich durch die Stasiakten belegen.

1984

April: Friedensmeeting des Komitees "Ärzte der DDR zur Verhütung eines Nuklearkrieges" in Berlin

1986

Mai: Das Internationale Council entschließt sich zu einer Satzungs-Änderung, die eine individuelle Mitgliedschaft in der DDR ermöglicht, die zum Beitritt von ca. 8.000 DDR-ÄrztInnen führt. Diese Eintritts-Welle wird initiiert, um den Einfluss kritischer Ärzte-Gruppierungen zu minimieren. Gleichzeitig gründen sich die Bezirks-Komitees, die vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) vor alternativen Ärzte-Gruppierungen gewarnt werden: "Die Bezirkskomitees sollen als Basis zur Diskussion alternativer Haltungen zur Friedens-, Verteidigungs- und Umwelt-Politik der DDR [missbraucht] werden um breitere Kreise von Ärzten und Zahnärzten auf ein eigenständiges, unabhängiges und von pseudo-pazifistischen Grund-Haltungen getragenes Friedens-Engagement auszurichten [Deshalb]... sind persönliche und postalische Verbindungen von negativen Zusammen-Schlüssen von Ärzten... zu Repräsentanten der BRD-Sektion... zu beachten... die der Übermittlung block-übergreifenden Gedankengutes dienen". Methoden zu Einflussnahme schreibt das MfS vor: "Operative Einflussnahme auf die Auswahl der Kader der Leitung der Bezirks-Komitees zur Gewährleistung der Interessen des MfS... Es ist zu gewährleisten, dass erkannte feindlich negative Kräfte einschließlich Vertreter "alternativer" Ärzte-Kreise keine Möglichkeit einer Mitgliedschaft in den ehrenamtlichen Bezirks-Komitees erhalten."

Durch massiven Druck der internationalen IPPNW, der holländischen und bundesdeutschen Sektionen und der Evangelischen Kirche in der DDR können je ein/e VertreterIn der unabhängigen ärztlichen Gruppen in der offiziellen Delegation mitfahren. Innerhalb der DDR-Delegation finden massive Disziplinierungs-Versuche statt, denen sich die betroffenen KollegInnen nur schwer entziehen können.

1988

Die "Pechblende" von Michael Beleites wird von den Ärzten für den Frieden, Berlin (DDR) gemeinsam mit dem kirchlichen Forschungsheim Wittenberg herausgegeben.

August/September: Gedenk-Veranstaltungen der IPPNW-Sektionen Polens, der CSSR, Österreichs, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland zum 50. Jahrestag des Beginns des 2. Weltkriegs "Erinnern statt vergessen".

November: Die Tagung "Schicksal der Medizin im Faschismus" wird von der offiziellen SED-hörigen DDR-Sektion in Erfurt und Weimar organisiert für ein kleines Publikum. Vorträge von kritischen ÄrztInnen werden abgelehnt und ihre einfache Teilnahme mit z.T. physischer Gewalt verhindert. Erst die massive Intervention Prof. Karl Bonhoeffers als Tagungsleiter ermöglicht kritischen ÄrztInnen wenigstens eine Teilnahme an den Plenar-Veranstaltungen.

 

1989

Mai: Zum Jahrestag des Endes vom 2. Weltkrieg in Europa verabschieden die beiden deutschen Sektion einen gemeinsamen Ärzte-Appell an Regierende der DDR und der BRD gegen Atomwaffen-Modernisierung. Der Vorsitzende des Staatsrats der DDR Erich Honecker schreibt an die DDR-Sektion zurück.

Treffen von europäischen IPPNW-RepräsentantInnen im Cecilienhof in Potsdam. Die ÄrztInnen sprechen sich in der dort verabschiedeten Potsdamer Erklärung gegen eine Modernisierung der NATO-Atomwaffen aus, die bei der NATO-Gipfelkonferenz am Tag danach entschieden werden sollte. Nach eigenem Bericht "diskutieren" die TeilnehmerInnen mit DDR-Regierungs- und NVA-Vertreter über "die notwendige Aufgaben zur Sicherung des Friedens in Europa".

Juni: Höhepunkt der gegen den Widerstand der offiziellen IPPNW-Sektion der DDR organisierte Arbeit ist die gemeinsame Tagung der evangelischen Akademien Berlin, Greifswald und Magdeburg mit den christlichen ärztlichen Friedens-Gruppen. Unter dem Motto "Ich weiß von der Schuld der Gleichgültigkeit - Ärzte in sozialer Verantwortung" wird in Vorträgen, Diskussionen und Lesungen über Strahlenrisiken, Feindbildabbau, Friedenserziehung und Neues Denken im Atomzeitalter diskutiert.

1990

Juni: Die erste Mitgliederversammlung wird von den unabhängigen Gruppen und kritischen Einzelnen in der DDR erzwungen. In einer Kampf-Abstimmung wird die SED-hörige Sektionsleitung abgewählt. Der neue Vorstand setzt sich aus bisher unterdrückten MitgliederInnen zusammen, zum Vorsitzenden wird Prof. Dr. Jens Reich gewählt. Gleichzeitig wird eine Satzungs-Änderung beschlossen, durch die eine Themen-Erweiterung im Verein "Ärzte in sozialer Verantwortung - IPPNW-Sektion der DDR" möglich wird. Allerdings arbeitet das alte Sekretariat mit Dr. Niemann (Sekretär der offiziellen DDR-Sektion) noch über diesen Zeitpunkt hinaus weiter, so dass ein Großteil der Unterlagen über die IPPNW in der DDR entfernt werden können. Vom neuen Vorstand werden die ca. 8.000 nominellen MitgliederInnen angeschrieben und um Mitteilung gebeten, ob sie Mitglied bleiben wollen. Ca. 400 positive Rückantworten gehen ein.

August: Die Vorstände der beiden deutschen Sektionen treffen sich regelmäßig, um über die Modalitäten des Zusammengehens zu diskutieren.

1991

Januar: Die erste gemeinsame Tagung der beiden deutschen IPPNW-Sektionen findet statt. In Burgscheidungen nahe Naumburgs wird über die Rolle der ÄrztInnen in der Friedens-Bewegung, über den Begriff "soziale Verantwortung", den drohenden Golfkrieg und die Probleme bei Deutschlands Vereinigung diskutiert. Das Zusammengehen der beiden Sektionen wird nochmals bekräftigt unter der Voraussetzung, dass die west-deutsche Sektion ihre Satzung der der ost-deutschen anpasst.

März: Die beiden deutschen Sektionen vereinigen sich in Kassel; der erste gesamt-deutsche Vorstand wird gewählt.

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