IPPNW.DE
Seite drucken

Verleihung des Friedensnobelpreises, Oslo 1985

Dokumente und Erklärungen

Rede des Vorsitzenden des Norwegischen Nobel-Komitees, Egil Aarvik, anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises 1985 am 10. Dezember 1985 in Oslo.

"Majestät, Königliche Hoheiten, Exzellenzen, meine Damen und Herren,

die diesjährige Verleihung des Friedensnobelpreises gibt uns wieder einmal Gelegenheit, über eine wohlbekannte Einzelheit im Wortlaut des Testaments von Alfred Nobel nachzudenken. Der Preis soll, so heißt es, dem Menschen oder der Gruppe verliehen werden, "die die größte oder beste Leistung zur Förderung der Brüderlichkeit unter den Völkern, für die Abschaffung oder Verringerung der stehenden Heere und für das Abhalten und Fördern von Friedenskonferenzen erbracht hat."

Was hier besonders wichtig ist, ist die Art und Weise, wie die Frage der Abrüstung in direkte Beziehung zu der Haltung der Völker und Nationen zueinander gebracht wird. Brüderlichkeit und Abrüstung sind zwei Aspekte ein und derselben Frage. Bemühungen, internationalen Beziehungen eine Qualität der Einheit und nicht des Konflikts zu verleihen, können daher als ein Schritt auf dem Wege zu bilateraler kontrollierter Abrüstung angesehen werden.

Mit der diesjährigen Verleihung des Friedensnobelpreises beabsichtigt das Norwegische Nobel-Komitee diesen Aspekt in dem Bemühen um Frieden zu betonen: Aufmerksamkeit auf die Sicht zu lenken, aus der das Problem der Abrüstung ein Anliegen nicht nur der Politiker, sondern auch der Öffentlichkeit aller Länder ist.

Niemand kann umhin, das besondere Interesse wahrzunehmen, das diesem Problem heute zuteil wird - nicht zuletzt von Kindern und jungen Menschen. Der Grund dafür ist offensichtlich: Mit der Entwicklung der Atomwaffen erhält die Frage der Abrüstung eine neue Dimension, man könnte fast sagen, eine ewige Dimension.

Den Ausbruch eines Krieges zu verhüten, wird zunehmend als eine Frage von Leben und Tod für die Menschheit angesehen.

Der diesjährige Empfänger des Friedensnobelpreises, die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, hat nach Meinung des Nobel-Komitees in diesem Zusammenhang einen lobenswerten Beitrag geleistet. In Übereinstimmung mit dem aus alten Zeiten stammenden hippokratischen Eid, der einen kompromisslosen Einsatz zum Schutz von Leben und Gesundheit fordert, hat diese Organisation die Gefahren für Leben und Gesundheit, die die Atomwaffen mit sich bringen, aufgezeigt, anhand von Beweismitteln auf dem Gebiet der Medizin. Diese Ärzte haben uns gesagt, was geschehen wird, wenn diese Waffen zum Einsatz kommen. Wir wissen jetzt um den "nuklearen Winter" mit seiner Zerstörung der Biosphäre und aller für das Leben notwendigen Bedingungen. Die Ärzte haben auch klargemacht, dass es keinen Ausweg gibt und keinen Schutz gegen eine solche atomare Katastrophe. Zivilschutz und medizinische Versorgung würden unweigerlich zusammenbrechen. Es würde unmöglich sein, den Verletzten und den Sterbenden zu helfen. Die Überlebenden würden mörderischen langfristigen Konsequenzen ausgesetzt sein.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die Mittel, die für die Entwicklung neuer Waffen ausgegeben werden, verwendet werden könnten, um den Millionen Menschen, die vor Hunger sterben und denen angemessene Gesundheitsversorgung fehlt, zu helfen. Was könnte dem Geist des hippokratischen Eides mehr entsprechen als diese Kampagne für neue Prioritäten beim Einsatz verfügbarer Mittel – statt militärischer Zwecke die Förderung der Gesundheit und anderer Entwicklungsfragen.

Auch auf diesem Gebiet haben die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges informative und überzeugende Dokumentationen vorgelegt.

Das Norwegische Nobel-Komitee meint, dass diese Organisation eine wesentlichen Beitrag zur Aktivierung des allgemeinen Widerstandes gegen die nukleare Aufrüstung geleistet hat und somit eine Bewusstwerdung unterstützt, die sich jetzt überall in der Welt entwickelt.

Es trifft auch zu, dass dem bilateralen und kontrollierten Abbau von Kernwaffenarsenalen bei zahlreichen Abrüstungskonferenzen erhebliche Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Die Ergebnisse waren jedoch nicht besonders ermutigend. Wahrscheinlich hat die frühere Preisträgerin, Alva Myrdal, recht in der Annahme, dass wir jetzt nur noch auf eine stärkere Mobilisierung des öffentlichen Widerstandes und auf einen entsprechend zunehmenden Druck auf die politisch Verantwortlichen hoffen können. Wie dem auch sei, ein Beitrag zu mehr öffentlichem Widerstand gegen das andauernde atomare Wettrüsten muss als Beitrag zur Sache des Friedens gesehen werden. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges haben nach Meinung des Nobel-Komitees einen solchen Beitrag geleistet.

Es ist klar, dass ein solcher Widerstand, wenn er wirklichen Wert haben soll als Frieden fördernde Kraft, unabhängig von ideologischen Systemen, politischen Meinungen oder geographischen Unterteilungen aufgebaut werden muss. Er muss weltumfassend sein. Auszugehen ist von der simplen Tatsache, dass angesichts der Drohung eines Atomkrieges die gesamte Bevölkerung der Welt im gleichen Boot ist.

Oder, wie Nikita Chruschtschow einmal sagte:

"Nach dem ersten Austausch von Atombomben wird niemand mehr in der Lage sein, den Unterschied zwischen kapitalistischer und kommunistischer Asche festzustellen."

Angesichts der Drohung eines Atomkrieges wird sich ein gemeinsames Interesse durchsetzen, gegen alle anderen, nämlich der Wille zu überleben. Mit anderen Worten, es gibt ein gemeinsames Interesse der Menschen an der Vermeidung eines Atomkrieges. Das Gefühl für dieses gemeinsame Interesse beginnt jetzt so stark zu werden, dass sich eine neue internationale Losung zu verbreiten scheint: Menschen aller Länder, die ihr überleben wollt, vereinigt euch!

Und gerade weil diese öffentliche Meinung weltumfassend sein muss, hält das Norwegische Nobel-Komitee die Tatsache, dass die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges auf eine gemeinsame Initiative amerikanischer und sowjetischer Ärzte zurückgehen, für besonders wichtig. Gemeinsam haben sie ein Forum der Zusammenarbeit geschaffen, das Grenzen, die allzu oft geschlossen sind, überschreitet. Aufgrund ihrer realistischen Beurteilung der Lage haben diese Ärzte beschlossen, Schulter an Schulter zu stehen und gemeinsam zu wirken. In einer Zusammenarbeit, die darauf gegründet ist, dass man dem Anderen vertraut und sich auf ihn verlässt. Das Nobel-Komitee ist der Meinung, dass dies eine gute Entscheidung war.

Diese Auffassung wird offensichtlich von vielen geteilt. Obwohl die Organisation erst seit fünf Jahren besteht, wird sie jetzt aktiv von Ärzten in mehr als 40 Ländern überall in der Welt unterstützt. Und diese Unterstützung nimmt ständig zu. Tausend Delegierte aus 50 Ländern werden zum Jahreskongress im nächsten Jahr, der in Köln in der Bundesrepublik Deutschland stattfinden soll, erwartet. Die Organisation hat weit verbreitete Anerkennung für ihre Arbeit bekommen. Anlässlich des 3. Jahreskongresses gingen Worte der Unterstützung ein u. a. von dem Generalsekretär der Vereinten Nationen und von Johannes Paul II. sowie von einer Anzahl Regierungschefs aus Ost und West. 1984 wurde den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges der UNESCO-Friedenpreis "Peace Education Prize" für ihren bemerkenswerten Beitrag zur Aufklärung der öffentlichen Meinung und zur Mobilisierung des Bewusstseins der menschlichen Rasse für die Sache des Friedens, so die Begründung, verliehen.

Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges erhalten aktive Unterstützung seitens der Weltgesundheitsorganisation, die als Verteiler der Berichte der IPPNW über die medizinischen Folgen von Kernexplosionen fungiert. Seit März dieses Jahres ist die Organisation als sogenannte "Nicht-Regierungsorganisation", die offiziell mit der Weltgesundheitsorganisation verbunden ist, anerkannt. Ein Statement der WHO enthält die Aussage, dass die Verhütung des Atomkrieges die wichtigste Aufgabe auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik ist. Eine Aufgabe, der sich alle Ärzte verpflichtet sehen sollten.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges sollte als noch eine weitere Anerkennung eines transnationalen Beitrages zur Sache des Friedens gesehen werden. Eines Beitrages, der von Ärzten kommt, die es für ihre Pflicht halten, den stärkst möglichen öffentlichen Widerstand gegen die atomare Vernichtung zu mobilisieren.

Man mag sich fragen, ob wir nicht schon genug über die fürchterlichen Folgen eines Atomkrieges wissen. Die Antwort ist natürlich, dass wir mehr als genug wissen. Beim Besuch des Friedensmuseums, das die Japaner an der Stelle errichtet haben, wo die erste Atombombe vor 40 Jahren explodierte, sah ich jedoch folgendes Epitaph: "Wir wissen das Hundertfache dessen, was wir wissen müssen. Was uns fehlt, ist die Fähigkeit, zu lernen und bewegt zu werden von dem, was wir wissen, was wir verstehen und was wir sehen und glauben."

Es ist offensichtlich, dass das Epitaph das wesentliche anspricht. Die theoretische Kenntnis der Sprengkraft einer Megatonnen-Bombe reicht nicht aus. Es reicht nicht, infolge von Fiction-Filmen über den atomaren "Ragnarock" vor Angst nicht schlafen zu können. Die Frage ist: "Was sollen wir tun? Haben wir die Fähigkeit, tätig zu werden? Ist es möglich, eine Richtungsänderung zu erzwingen?" Dies ist die Frage, die das "Sein oder Nichtsein" unserer Tage geworden ist.

Albert Einstein schrieb im Zusammenhang mit der Entwicklung der Atomwaffen: "Wir werden einen im wesentlichen neuen Denkansatz brauchen, wenn die Menschheit überleben soll."

Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges haben, zusätzlich zu ihrer Aufklärungsarbeit, versucht, einen solchen neuen Denkansatz zu schaffen. Hier wieder ist es angezeigt, an die Art und Weise zu erinnern, in der Nobels Testament den Zusammenhang zwischen dem Problem der Abrüstung und der Haltung der Völker zueinander betont.

Die vielen blutigen Kapitel in der Geschichte der Menschheit berichten uns über diesen Zusammenhang. Es fängt damit an, dass Völker und Nationen einander als Feinde zu betrachten beginnen. Im Lauf der Zeit hält die eine Seite die andere dann für den leibhaftigen Bösen. Der Feind ist zu einem Ungeheuer geworden, das fähig ist, skrupellos anzugreifen und zu zerstören. Die Geschichte – insbesondere die europäische Geschichte – kennt leider viel zu viele Beispiele für die selbstbefruchtende Wirkung dieser "Philosophie".

Wozu würde diese Philosophie heute führen? Angesichts des mörderischen Potentials, über das die verschiedenen Gruppen jetzt verfügen, müssen wir folgern, dass das Verlangen nach einer neuen Richtung jetzt kategorisch ist – oder, wie Einstein sagte, es geht jetzt um die Frage über Leben und Tod für die Menschheit.

Mit den Atomwaffen ist eine neue Realität geschaffen worden, die auf der Tatsache beruht, dass man einen Atomkrieg nicht gewinnen kann. Probleme können nicht mehr durch machtpolitische Konfrontation gelöst werden. Und wenn ein Krieg begonnen würde, dann wäre die Frage nach dem Schuldigen völlig uninteressant. Die Konflikte der Welt hätten dann gefunden, was Hitler "die Endlösung" nannte.

Gibt es einen verantwortlichen Politiker, der eine solche Lösung wünscht? Offensichtlich nicht. Wir müssen allen Politikern glauben, die erklären, dass wir gerade dieses vermeiden müssen.

Weil dies die Wahrheit ist.

Es bleibt natürlich ein Rätsel, warum das Wettrüsten weitergeht. Wie ist es möglich, dass in einer von Hunger, Armut und Krankheit geschlagenen Welt ein Mensch es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, dass jährlich mehr als 600 Millionen Dollar zu Rüstungszwecken ausgegeben werden?

Die Erklärung ist einfach. Der Grund ist Angst, wachgerufen und am Leben gehalten durch die bekannte "Feind-Philosophie", die mehr oder weniger bewusst ihre Spuren in Gedanken und Haltungen hinterlässt. Niemand wagt das Risiko, sich auf den anderen zu verlassen. Ohne diese beidseitige Angst dürfte es schwer fallen, eine rationale Begründung für den Ausbau der Waffenbestände zu finden. Niemand, der etwas über die Informations- und Propagandaarbeit weiß, die das heutige Gleichgewicht des Schreckens stützt, kann daran zweifeln: Die Triebkraft hinter dem Wettrüsten ist auf beiden Seiten Angst und Mangel an Vertrauen in den anderen. Das Ausmaß, in dem dieser Mangel an Vertrauen gefördert wird, als politische Doktrin, ist ein Indikator für die Gefährlichkeit der heutigen Welt als Umwelt, in der wir unser Leben leben müssen.

Ein weiterer Aspekt des gleichen Bildes ist die Tatsache, dass von Zeit zu Zeit Dinge gesagt und getan werden, die leicht als Bestätigung der gegenseitigen Zweifel der verschiedenen Parteien ausgelegt werden können. In der Regel neigen wir dazu, dem Feind zu glauben, wenn er etwas sagt, das unseren Argwohn bestätigt. Wenn er aber etwas sagt, das anzeigt, dass er an Frieden und Freundschaft interessiert ist, dann wird argumentiert, dass wir töricht wären, ihm zu glauben, da es seine Absicht ist, uns ein falsches Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, um uns um so leichter zu zerstören.

Es ist nicht schwer zu sehen, wie ein solcher Denkansatz bei den Abrüstungsverhandlungen Probleme schafft. Das Ergebnis ist nur zu wohlbekannt: Um unserer eigenen Sicherheit willen brauchen wir mehr Waffen, da wir der Gegenpartei nicht trauen können, und diese wiederum braucht mindestens so viele Waffen, da sie uns nicht trauen kann. Und so schließt sich der Teufelskreis.

In der Zwischenzeit nehmen Angst und Unsicherheit überall in der Welt zu, und die Mittel, die im Kampf gegen Hunger und Krankheit eingesetzt werden könnten, werden zur Vergrößerung eines Arsenals genutzt, das schon vorher mehr als groß genug war.

Vor einiger Zeit war es üblich, über den "unvermeidlichen Konflikt" zu reden. Heute hat man allgemein akzeptiert, dass eine derartige Argumentation nicht aufrechterhalten werden kann.

Die harte Wahrheit ist, dass unser kleiner Planet einen Atomkrieg nicht überleben könnte. Niemand wagt es heute, sich eine atomare Konfrontation als unvermeidbar vorzustellen.

Dies führt dazu, dass die Frage, die in immer mehr Ländern gestellt wird, umso dringlicher wird: Warum entwickeln wir noch raffiniertere Atomwaffen, wo wir doch wissen, dass jede weitere Entwicklung ihren Einsatz noch absurder erscheinen lässt. Es gibt natürlich kein politisches oder ideologisches Ziel, das den Einsatz solcher Waffen rechtfertigen kann, denn wer wäre in der Lage, die Früchte unserer herrlichen politischen oder ideologischen Systeme zu genießen, wenn der Preis für ihren Einsatz die gemeinsame Vernichtung ist?

Vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten und Probleme, an denen unsere Welt reich ist, hebt sich eine einfache Tatsache klar ab: Wir haben die Wahl, miteinander zu leben oder nicht mehr zu leben. Ungeachtet dessen, wie wir uns sehen oder welcher politischen Philosophie wir anhängen; wir müssen diese Realität zum Ausgangspunkt unseres Denkens und Handelns machen – das heißt, wenn wir überleben wollen.

Immer mehr Menschen kommen zu der Einsicht. Wir müssen davon ausgehen, dass die Angst vor dem Atomkrieg und der Wille, ihn zu verhüten, bei allen Menschen gleich stark ist, ganz gleich, wo immer in der Welt sie leben. Die Absurdität des nuklearen Wettrüstens wird immer offensichtlicher und seine Notwendigkeit immer zweifelhafter. Es sollte ein leichtes sein, zu argumentieren, dass die entsprechenden Mittel auf Gebiete wie Gesundheit umgelenkt werden oder zum Nutzen derer, die in Not sind, verwendet werden sollten.

Eine neue Denk- und Handlungsweise zu schaffen, sollte, ausgehend von dieser gemeinsamen Meinung, nicht allzu schwer zu sein.

Es ist bedauerlich, dass die Welt in der uns ja bekannten Art und Weise geteilt ist. Es ist genauso bedauerlich, dass die Atomwaffen erfunden worden sind. Dies ist jedoch die traurige Wirklichkeit, mit der wir leben müssen. Die technische Entwicklung der Waffen kann nicht rückgängig gemacht werden, und es ist noch weniger wahrscheinlich, dass unsere geteilte Welt durch eine machtpolitische Konfrontation geeinigt werden könnte. Angesichts dieser Wirklichkeit müssen wir unser eigenes Engagement definieren, und diese Wirklichkeit stellt jetzt eine entscheidende Prüfung für die Menschheit dar. Niemand kann sich anhand des oberflächlichen Vorwandes herausreden, die andere Seite sei verantwortlich, und deren Philosophie und Vorgehen mache unser eigenes zu einer bedauerlichen Notwendigkeit. Das Problem ist, dass die auf der anderen Seite in genau der gleichen Weise argumentieren. Die Angst der Menschen ist heute die, dass möglicherweise beide Seiten recht haben, und das wir unsere Zukunft mithilfe einer Strategie zu bauen beginnen, die in eben dem Augenblick verhängnisvoll würde, in dem sie sich als zutreffend erweist.

Das Engagement für die Sache des Friedens, das die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges gezeigt haben, ist im Zusammenhang mit dieser Wirklichkeit zu sehen.

Das Norwegische Nobel-Komitee sieht es nicht als einen Teil seiner Aufgabe an, die konkreten Abrüstungsvorschläge dieser Organisation – oder irgend einer anderen – zu bewerten. Das Komitee ist vor allem daran interessiert, wie die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges ihre Bemühungen um Brüderlichkeit, die der Schlüssel zu dem Problem der Abrüstung sind, ausgerichtet haben. Ein Forum ist geschaffen worden, mit dessen Hilfe Diskussionen und Aktionen aus ideologischen Sackgassen herausgebracht werden können. Die Organisation hat ihre Schlussfolgerungen aus der Erkenntnis gezogen, dass nur, wenn man sich jetzt im Dienste einer gemeinsamen Sache zusammenschließt, Dinge, die heute unmöglich sind, morgen möglich werden können.

Das Nobel-Komitee ist der Auffassung, dass die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges gezeigt haben, dass dies ein gangbarer Weg ist, und dass wir sehen müssen, dass die Sache des Friedens nur durch gemeinsame Interessen und Brüderlichkeit gefördert werden kann.

Der Friedensnobelpreis ist, insbesondere in den letzten Jahren, häufig an Menschen, die sich für die Menschenrechte eingesetzt haben, verliehen worden. Mit Interesse hat das Komitee das Schicksal dieser Preisträger verfolgt – und verfolgt es auch heute - aber auch in der Hoffnung, dass die Vorstellung vom Wert des Menschen, die diese vertreten, sich durchsetzen und zu der universellen Anerkennung der Freiheit, die das Geburtsrecht eines jeden Menschen ist, führen wird.

Der diesjährige Preis bezieht sich mehr auf das Problem der Abrüstung, aber auch, auf einer tieferen Ebene, auf die Menschenrechte – vielleicht sogar auf das grundlegendste Menschenrecht – das Recht zu leben. Das Recht auf ein Leben und eine Zukunft für uns alle, für unsere Kinder und für unsere Enkel. Ja, bezieht sich auf das Recht der ungeborenen Generation, diese Erde zu erben, die wir heute für sie verwalten.

Dieses Grundrecht des Menschen hat die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges veranlasst, diesen Weg zu wählen.

Und wenn sie jetzt den Friedennobelpreis erhalten, so geschieht dies in Anerkennung einer konstruktiven Leistung für die Sache des Friedens. Der Preis verleiht aber auch einer Hoffnung Ausdruck, einer Hoffnung darauf, dass eine neue Denkweise sich mehr und mehr durchsetzen wird, damit Brücken gebaut werden können über die Kluft, die unsere Angst vor der Zukunft darstellt.

Die Menschen aller Länder sind miteinander in dieser Hoffnung verbunden."

zurück

Sitemap Überblick