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Kernkraftwerk Tihange deutlich gefährlicher als bisher angenommen

27.02.2018 Nun sind es nicht mehr nur die Haarrisse in der Wand der Reaktordruckbehälters, die beunruhigen. Es wurde bekannt, dass es im belgischen Atomkraftwerk Tihange-1 acht so genannte Precursor Ereignisse gegeben hat. Precursor (Vorboten) Ereignisse sind Ereignisse, die ein Potential zu größeren Störungen und größeren Unfällen haben.

Diese Nachricht, verbreitet über WDR-Rundfunk und ARD-Monitor am 01.02.2018, schreckte die Menschen weit über die Grenzen der Aachener Region auf.

In Belgien gibt es zwei AKW Anlagen mit insgesamt 7 Reaktoren: 4 in Doel und 3 in Tihange. Bekannt waren bisher die viele tausend Haarrisse in der Wand der Reaktordruckbehälter von Tihange 2 und Doel 3 mit der Gefahr eines plötzlichen Behälterversagens vor allem im Falle einer Notkühlung. Dies hätte den schnellen Austritt von Radioaktivität ohne lange Vorwarnzeit zur Folge.

Dies beunruhigt viele Menschen in der Region ebenso wie die Ärztinnen und Ärzte der IPPNW. Diese hatten daraufhin die Vorverteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung gefordert und, in regelmäßigem Austausch mit der unteren Katastrophenschutzbehörde, individuelle Notfallschutzmaßnahmen entwickelt. Die Jodtabletten sind inzwischen verteilt und die Informationsveranstaltungen verzeichnen regen Zuspruch. 

Nun kommt die Sorge um Tihange-1 (T1) hinzu. T1 ist der älteste Reaktor am Standort. Er ging 1975 ans Netz, ausgestattet, wie Eloi Glorieux von Greenpeace Belgien meint, mit einem Sicherheitskonzept der 60'er Jahre und einer Technologie der frühen 70'er. Eigentlich sollte er 2015 abgeschaltet werden, aber die Laufzeit wurde bis 2025 verlängert.

Auf eine schriftliche Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sylva Kotting- Uhl (Bündnis 90 / Die Grünen) hat die belgische Atomaufsicht Behörde FANC erklärt, dass es in den belgischen AKW zwischen 2013 und 2015 14 Precursor Ereignisse gab. Durch Nachbohren wurde dann bekannt, dass sich 8 davon in Tihange-1 ereigneten.

Wenn ein AKW nicht so funktioniert wie geplant, bezeichnet man diese Vorkommnisse als Ereignisse. In jedem AKW kommt es zu „Ereignissen“. Precursor (Vorboten) Ereignisse sind Ereignisse, die ein Potential zu größeren Störungen und größeren Unfällen haben.

Die Precursor- Analyse beziffert die sicherheitstechnische Bedeutung eines Vorfalls. Ziel dieser Analysen ist es, auf der Grundlage einer einheitlichen Methodik die sicherheitstechnische Bedeutung eines Ereignisses zu quantifizieren. Weltweit werden nur die Ereignisse als Precursor bezeichnet, bei denen ein Schaden am Kern wahrscheinlicher ist als eins zu einer Million. Der einzelne Precursor erlaubt noch keine Aussage über das gesamte Sicherheitsniveau einer bestimmten Anlage; Precursor-Analysen über einen längeren Zeitraum tragen aber dazu bei, ein objektives Bild vom Sicherheitsniveau eines Kernkraftwerks zu erhalten.

In Tihange-1 gab es also 8 solcher Precursor -Ereignisse, mehr als in allen anderen Kraftwerken Belgiens zusammen. 6 davon erforderten eine Notabschaltung und ereigneten sich im sensiblen Bereich Kühlung und Wasserzufuhr.

Während die belgische FANC in dieser Häufung der Precursor bei Tihange-1 kein Sicherheitsproblem erkennen kann, sind Dieter Majer, ehemaliger Leiter der deutschen Atomaufsicht Behörde, und Manfred Mertens, früherer Mitarbeiter von GRS (Global Research for Safety) anderer Meinung. Sie fordern, dass ein Atomkraftwerk mit einer solchen Häufung von Precursor-Ereignissen intensiv unter die Lupe genommen wird. Nach Dieter Majer müssten nicht nur bei der belgischen Atomaufsichtsbehörde, sondern auch in allen benachbarten Ländern die roten Lampen angehen.

Laut ARD-Monitor bestätigte das Bundesumweltministerium zwar, Kenntnis von diesen Precursor-Ereignissen zu haben, es fehle ihm aber an genaueren Informationen um dies sicherheitstechnisch zu bewerten - dies könne nur die belgische FANC.

Weder die Aachener Behörden noch die Aachener Bevölkerung wurden über diese Kenntnisse je von offizieller Seite informiert. Selbst den Oberbürgermeister Aachens hat die Information von Monitor und WDR kalt erwischt.

Seit 2 Jahren gibt es eine Deutsch-Belgische Nuklearkommission. Tihange-1 war da bisher kein Thema. Die belgischen Medien haben über die Precursor-Ereignisse nicht informiert. Die belgische Bevölkerung wird wie immer im Unklaren gehalten. Die IPPNW Deutschland fordert die zukünftige Bundesregierung auf, weitreichende Informationen zu den Ereignissen in Tihange-1 einzuholen und die Häufung der Precursor-Ereignisse in diesem AKW auf dem nächsten Treffen der Deutsch-Belgischen Nuklearkommission zum Thema zu machen. 

Zudem sollten sie sich weiterhin für die baldmöglichste Abschaltung der Atomreaktoren einsetzen.

 

Odette Klepper
IPPNW Aachen

 

Quellen

  • Precursor- Analysen/GRS- Gesellschaft für Anlagen-und ReaktorsicherheitGmbH
  • AZ/AN :1.2. 2018: „Was die Precursor-Vorfälle bedeuten“
  • Sylvia Kotting-Uhl: Precursor-Analysen von Ereignissen in belgischen Atomkraftwerken, Korrespondenz mit der belgischen Atomaufsichtsbehörde
  • Monitor: „Atomare Zeitbombe? Der belgische Pannenreaktor Tihange1“ 1.2.1018

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