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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter Juni 2016

EU-Förderung der Atomenergie

Western End of Hinkley Point Nuclear Power Station, Richard Baker, Wikipedia, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ (bearbeitet)
14.06.2016

Die Zahl der Atomkraftwerke Europas ist rückläufig. Mehrere EU-Mitgliedstaaten wollen aus der Atomenergie aussteigen. Die beiden einzigen Neubau-Projekte in Westeuropa, Olkiluoto in Finnland und Flamanville in Frankreich sind Dauerbaustellen – man scheint es nicht besonders eilig zu haben, die „Europäischen Druckwasser-Reaktoren (EPR)“ ans Netz zu bringen. In Spanien sagte der Chef des Atomkraftwerksbetreibers Iberdrola unlängst, Atomkraftwerke seien „wirtschaftlich nicht tragbar". Das Atomkraftwerk Santa María de Garoña wurde vom Betreiber selbst aufgegeben. Es ist längst die Atomindustrie selbst, die den Ausstieg aus der nuklearen Stromerzeugung in Europa betreibt. 

Doch tot ist die Atomlobby damit noch lange nicht. Es gelingt ihr immer wieder, die EU-Kommission zu erstaunlichen Zugeständnissen  zu bewegen. Die Kommission stimmte entgegen ursprünglicher Tendenzen milliardenschweren Beihilfen für das Atomprojekt Hinkley Point C zu. Es geht um zwei EPR-Reaktoren in Großbritannien, für die nicht wie einst in Finnland und Frankreich zwei mal drei Milliarden Euro, sondern  zuletzt ein Errichtungspreis von zwei mal 15,5 Milliarden Euro angesetzt wurde. Mit realen Kosten hat dieser Monopolpreis nichts mehr zu tun. Sollte das Atomkraftwerk tatsächlich in Betrieb gehen, dann kassiert der Energieriese EdF (oder ein Nachfolgekonzern) für jede Kilowattstunde einen hohen Festpreis.

Das Besondere am Hinkley-Deal ist zudem: Die Milliarden sollen selbst dann fließen, wenn das Atomkraftwerk gar keinen Atomstrom produzieren wird. Denn wenn das Kraftwerk eine Bauruine bleibt, dann haftet der Staat für die Baukosten. Mit diesem Modell ließen sich künftig also Atomkraftwerke bauen, die gar nicht fertiggestellt und in Betrieb genommen werden, und man könnte dennoch die Steuerzahler zur Kasse bitten.

Ähnlich absurd erscheinen Pläne der EU-Kommission, Mini-Atomkraftwerke (small modular reactors - SMR) fördern zu wollen. Im Mai wurde ein Papier der Generaldirektion Forschung und Innovation der EU-Kommission bekannt, wonach man die Erforschung „innovativer Atomtechnologien“ bestmöglich fördern und die Rahmenbedingungen für Investoren verbessern wolle. Bis 2025 sollen erste Konzepte für Mini-AKW vorliegen, bis 2030 sollen ein oder mehrere SMR im Betrieb sein, heißt es in dem Dokument.

Erste Konzepte bis 2025? Das klingt nur wenig ambitioniert und nicht danach, möglichst schnell neuen Atomstrom in großer Menge produzieren zu wollen, als vielmehr nach dem Versenken von vielen Milliarden an Forschungsgeldern. Es scheint, als ginge es der Atomlobby gar nicht mehr darum, die übersättigten europäischen Strommärkte mit neuem Atomstrom zu beglücken. Vielmehr scheinen die aktuellen Atomprojekte darauf abzuzielen, Milliardengeschäfte zu realisieren, ohne neuen Atomstrom zu produzieren.

Es wäre auch völlig unverantwortlich, neue Atomkraftwerke ans Netz zu bringen. Der Europäische Druckwasserreaktor ist ein Gigant, der allein aufgrund seiner Größe mit rund 1.600 Megawatt elektrischer Leistung sicherheitstechnisch gefährlich ist. Jahrelang galten 600 Megawatt als Obergrenze für sicherheits-orientierte Reaktorkonzepte. Inzwischen gilt auch als bewiesen, dass die Radioaktivitätsabgaben des Normalbetriebs von Atomkraftwerken in der Nahumgebung Krebs und Leukämie auslösen können.

Kriegerische Ereignisse und die Verbreitung von Terrorismus stellen besondere Gefahren in Zusammenhang mit der Atomenergienutzung dar. Länder, die Atomkraftwerke betreiben, sind erpressbar, die Bevölkerung kann bedroht werden. So spricht gerade auch in dicht besiedelten Gebieten alles gegen den Betrieb von Atomkraftwerken.

Hinzu kommt, dass es trotz aller Bemühungen noch immer kein Endlager für die Lagerung der hoch-radioaktiven Abfälle gibt. Allein dies verbietet es, neue Atomkraftwerke zu planen und weiterhin Atommüll zu produzieren.

Von Henrik Paulitz

 

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Foto: Western End of Hinkley Point Nuclear Power Station, Richard Baker, Wikipedia, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ (bearbeitet)

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