Aktuelles zum Thema "Atomenergie und Gesundheit"

IPPNW-Presseinformation vom 4.8.2011

Leukämierisiko im Umkreis von AKWs signifikant erhöht

Kinderkrebs um Atomkraftwerke in Deutschland, Großbritannien und der Schweiz

04.08.2011 Kleinkinder im Nahbereich von Atomkraftwerken haben ein um 44 % erhöhtes Risiko an Leukämie zu erkranken. Das belegt eine heute im Strahlentelex veröffentlichte Metaanalyse des Wissenschaftlers Dr. Alfred Körblein. Die gemeinsame Auswertung von Daten aus Deutschland, Großbritannien und der Schweiz zeigt im 5km-Bereich eine signifikant um 44 Prozent erhöhte Leukämierate gegenüber der Rate im Entfernungsbereich größer als 5 km (p=0,004).

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IPPNW-Presseinformation vom 16.6.2011

Biblis B: In 15 Minuten zum Super-GAU

IPPNW schlägt wegen extrem gefährlicher Sicherheitslücke Alarm

16.06.2011 Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW warnt wegen einer „gigantischen Sicherheitslücke“ vor einer Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerks Biblis und vor der möglichen Nutzung von Biblis B als Reserve-Kraftwerk. „Löst die Betriebsmannschaft bei einem nur kleinen Leck in einer Schweißnaht das schnelle Herunterfahren des Atommeilers nicht innerhalb von Minuten aus, kann es zum Super-GAU kommen“, so IPPNW-Atomexperte Henrik Paulitz.

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IPPNW-Presseinformation vom 30.5.2011

Super-GAU-Risiko für weitere 3.650 Tage

Atommeiler ohne funktionierende Notfallmaßnahmen und Kernschmelzfestigkeit

30.05.2011 Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW kritisiert den Beschluss der Regierungskoalition, die Bevölkerung weitere 3.650 Tage der Gefahr eines Super-GAU im dicht besiedelten Deutschland auszusetzen, als verantwortungslos. „Bei einer ernst zu nehmenden Sicherheitsüberprüfung wären gerade auch die zuletzt in Deutschland errichteten Konvoianlagen durchgefallen“, so IPPNW-Atomenergieexperte Henrik Paulitz unter Verweis auf den unlängst veröffentlichen AKW-Stresstest seiner Organisation.

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IPPNW-Presseinformation 11.5.2011

WHO-Versagen im Umgang mit atomaren Katastrophen

Bundestagsdebatte zur Rolle der WHO im Vorfeld der Weltgesundheitsversammlung

11.05.2011 Die Bundesregierung soll die Rolle der Weltgesundheitsorganisation im Umgang mit der atomaren Katastrophe von Fukushima auf die Tagesordnung der nächsten Weltgesundheitsversammlung vom 16.-24. Mai 2011 in Genf setzen. Das fordert die IPPNW zwei Monate nach dem Atomunfall in Japan in einem Brief an  Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler. Die Ärzteorganisation unterstützt in diesem Zusammenhang die Forderung der Oppositionsparteien in der morgigen Bundestagsdebatte, sich in der Generalversammlung der Vereinten Nationen dafür einzusetzen, dass die WHO zukünftig auch unabhängig von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) Stellungnahmen zu Gesundheitsfragen im Zusammenhang mit Radioaktivität abgeben kann.

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Ukraine

Tschernobyl

Super-GAU in einem Atomkraftwerk

02.05.2011 Die Kernschmelze von Tschernobyl im April 1986 stellt den mit Abstand größten Unfall in der Geschichte der zivilen Atomwirtschaft dar. Ganze Landstriche wurden verseucht und für Generationen unbewohnbar gemacht. Der radioaktive Niederschlag führte zu Zehntausenden von Krebserkrankungen, Todesfällen, Fehlgeburten und Missbildungen – nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion.

Der Katastrophen-Reaktor Nr. 4. Am 26. April 1986 wurde das 1.000 Tonnen schwere Dach durch die gewaltige Explosion angehoben, und das grafithaltige Inventar fing Feuer. Eine Wolke mit radioaktivem Rauch zog über weite Teile Ost- und Mitteleuropas. Foto: The Bellona Foundation / creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0Hintergrund

Der erste Atomreaktor wurde in Tschernobyl zwischen 1971 und 1977 gebaut. Bis 1983 wurde die Kraftwerksanlage um drei weitere Reaktoren erweitert. Im benachbarten Städtchen Pripjat lebten die rund 18.000 Bewohner fast alle von Jobs in der Atomindustrie. Der Super-GAU von Tschernobyl begann während eines Systemtests am Samstag den 26. April 1986. Eine plötzliche Leistungssteigerung des Reaktors machte eine Schnellabschaltung notwendig. Diese führte allerdings zur Erreichung einer überkritischen Masse und so zum Beginn einer atomaren Kettenreaktion innerhalb des Reaktors. Das 1.000 Tonnen schwere Dach wurde durch die Wucht der gewaltigen Explosion angehoben, und das grafithaltige Inventar fing Feuer. Eine Wolke mit radioaktivem Rauch zog über weite Teile Ost- und Mitteleuropas und überzog ganze Landstriche mit radioaktivem Niederschlag. Vor allem nördlich des Kraftwerks, in Teilen Weißrusslands, gingen große Mengen Radioaktivität nieder, aber auch Teile Skandinaviens, Kleinasiens oder beispielsweise der Bayerische Wald wurden mit radioaktivem Jod-131 oder Cäsium-137 überzogen. Der Super-GAU wurde tagelang vor der Bevölkerung geheim gehalten. Evakuierungsund Schutzmaßnahmen wurden somit stark verzögert.

Folgen für Umwelt und Gesundheit

Die ersten Opfer der Atomkatastrophe waren die rund 800.000 Liquidatoren, meist junge Rekruten der Roten Armee, die aus der ganzen Sowjetunion nach Tschernobyl gebracht wurden, um die Katastrophe unter Kontrolle zu bringen. Mit bloßen Händen mussten sie strahlenden Schutt über das Gelände tragen und einen gigantischen Sarkophag über dem havarierten Reaktorblock errichten. Schätzungsweise 14 bis 15 % von ihnen waren 2005, also 19 Jahre nach dem Unglück, bereits verstorben; mehr als 90 % von ihnen sind erkrankt, viele vermutlich aufgrund ihrer hohen Strahlenexposition.

Die Explosionen und das wochenlange Feuer im Reaktorkern führten zur Freisetzung von radioaktiven Partikeln. Über Atemluft, Nahrung oder Wasser aufgenommen, setzen sich diese Stoffe im menschlichen Körper ab, verstrahlen das umliegende Gewebe und führen zu Zellschäden, Mutationen und zur Entstehung von Krebs. Drei Radioisotope spielen dabei eine besonders wichtige Rolle: Jod-131 führt vor allem zu Schilddrüsenkrebs, Cäsium-137 zur Entstehung solider Tumoren und Strontium-90 löst vor allem Leukämie und Knochenkrebs aus. Die gesundheitlichen Folgen beschränken sich nicht nur auf die hoch kontaminierten Gegenden der ehemaligen Sowjetunion, sondern betreffen alle Orte, in denen radioaktiver Niederschlag auftrat – also auch große Teile von Nord-, Mittel- und Südosteuropa. Eine Studie des International Journal of Cancer kam zu dem Ergebnis, dass in Europa bis zum Jahr 2065 etwa 41.000 zusätzliche Krebsfälle und mehr als 15.000 Krebstode durch Tschernobyl zu erwarten sind. Auch wenn die Zahlen im Vergleich zur betroffenen Gesamtbevölkerung relativ niedrig erscheinen mögen, muss betont werden, dass die Erkrankungen für die betroffenen Familien selbstverständlich schwere Schicksalsschläge darstellen und vor allem bei menschenverursachten Katastrophen, wie dieser jeder Krankheitsfall einer zu viel ist. Zudem konnten in den betroffenen Gebieten, auch in Deutschland, infolge des radioaktiven Niederschlags ein Anstieg von Totgeburten, Missbildungen, Down Syndrom, Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen nachgewiesen werden. Die psychologischen Folgen, sowie die sozialen und ökologischen Effekte der Katastrophe dürfen ebenfalls nicht vergessen werden.

Ausblick

1986 wurde ein temporärer Sarkophag um den havarierten Reaktor gebaut, der jedoch mittlerweile zerfällt. Um die geschätzten 180 Tonnen hoch radioaktiven Müll zu schützen, die sich weiterhin innerhalb des Reaktors befinden, gab die ukrainische Regierung einen neuen Sarkophag in Auftrag. Die Kosten werden auf über 1,5 Milliarden US-Dollar beziffert. Die endgültige gesundheitliche Bilanz der Tschernobylkatastrophe wird sich wohl nie exakt ermitteln lassen. Genomische Instabilität kann noch mehrere Generationen später zu Folgeschäden bei den Nachkommen der Betroffenen führen. Tschernobyl ist mehr als nur ein einmaliger Unfall – Tag für Tag und Jahr für Jahr werden Menschen an den Strahlenfolgen erkranken und sterben. Das genaue Ausmaß der strahlenassoziierten Erkrankungen, Fehlbildungen und genetischen Folgen wird vermutlich nie erfasst werden. Die sowjetische Regierung, die Atomindustrie und Lobbyverbände wie die Internationale Atomenergie Organisation IAEO haben in einem Versuch, die Akte Tschernobyl zu schließen, kritische Publikationen erfolgreich verhindern können und die Leiden der Liquidatoren zynischerweise zu Folgen schlechter Lebensbedingungen erklärt. Dabei werden die Auswirkungen dieser Katastrophe viele Tausende Familien noch lange begleiten – auch sie sind Hibakusha. Die Akte Tschernobyl darf nicht geschlossen werden.

Weiterführende Lektüre

Die Studie der IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz: „Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl – 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe“ vom April 2011: issuu.com/ippnw/docs/ippnw-tschernobyl-studie-2011

Im vierseitigen Faltblatt IPPNW-aktuell „Das gesundheitliche Erbe von Tschernobyl“ werden die gesundheitlichen Schäden durch radioaktive Strahlung vom Super-GAU in Tschernobyl beschrieben: http://kurzlink.de/tschernobylerbe

Quellen

Ansprechpartner*in

Angela Wolff

Angela Wolff
Referentin Atomausstieg, Energiewende und Klima
wolff [at] ippnw.de

Internationaler IPPNW-Kongress

Materialien

Titelfoto: Stephi Rosen
IPPNW-Forum 174: Der unvollendete Ausstieg: Wie geht es weiter für die Anti-Atom-Bewegung?
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