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Studie

Vermehrte Atom- und Kohlestromimporte

13.03.2019 Eine Studie im Auftrag des baden-württembergischen Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft vom Dezember 2018 zeigt: Vor Jahren schon kurzfristig befürchtete Stromversorgungsengpässe werden bis 2025 vor allem deswegen nicht mehr erwartet, weil der Kraftwerkspark in den Nachbarländern weniger stark - als noch vor Jahren angenommen - dezimiert wird. Das liegt insbesondere am längeren Betrieb von Atomkraftwerken in Frankreich und einer längeren Betriebsdauer der Kohlekraftwerke in Polen. Das aber heißt: Der Atom- und Kohleausstieg und somit die „Energiewende“ in Deutschland wird durch vermehrte Atom- und Kohlestromimporte konterkariert.

 

Zielsetzung der Studie

Im Dezember 2018 veröffentlichte die baden-württembergische Landesregierung eine neue Studie des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Der Titel: „Versorgungssicherheit in Süddeutschland bis 2025 - sichere Nachfragedeckung auch in Extremsituationen?“

Hintergrund der Studie sind ältere Warnungen der beiden Institute, bis 2023 könne es in ganz Deutschland, insbesondere jedoch in Süddeutschland zu Versorgungsengpässen kommen. Auch sollten die Ursachen der im Januar 2017 aufgetretenen kritischen Zustände in Frankreich wie auch im deutschen Übertragungsnetz („temporärer Verlust der (n-1)-Netzsicherheit“) identifiziert werden.

Die Studie untersucht die Auswirkungen von zwei möglichen Entwicklungspfaden: Zum einen ein „Szenario ohne beschleunigten Kohleausstieg“, zum anderen ein „Szenario mit beschleunigtem Kohleausstieg“.

 

Engpässe im Januar 2017

Eine Analyse der Ereignisse im Januar 2017, bei dem in den Regelzonen der Netzbetreiber Amprion und Trans-netBW ein temporärer Verlust der (n-1)-Sicherheit im Netzbetrieb zu verzeichnen war, führt laut Studie zum Schluss, „dass zwar ausreichend Erzeugungskapazitäten am Markt und in der Reserve bei den Netzbetreibern vorhanden waren, diese aber durch fehlerhafte Engpassprognosen so ungünstig verteilt waren und abgerufen wurden, dass Engpässe im Übertragungsnetz entstanden“.

Anfang des Jahres 2017 herrschten insbesondere in Mittel- und Westeuropa niedrige Temperaturen, wodurch die Spitzenlast in Frankreich auf bis zu 95 GW anstieg. Da fünf französische Atomkraftwerke nicht verfügbar waren (Wartungs- und Prüfarbeiten), entstand ein hohes Leistungsdefizit und es musste ungewöhnlich viel Strom importiert werden. Der französische Staat rief die Bevölkerung trotz der Importe zum Stromsparen auf und schaltete verfügbare Verbraucher ab, um die bereits angespannte Situation nicht weiter zu verschärfen.

In Deutschland herrschte ebenfalls eine unübliche Lastsituation: Eine relativ niedrige Stromerzeugung aus Windenergie Mitte Januar, die Nichtverfügbarkeit einiger großer Kraftwerksblöcke in Süddeutschland (darunter das Atomkraftwerk Philippsburg 2) und die begrenzte Einsatzfähigkeit der Steinkohlekraftwerke im Süden aufgrund umständebeingt niedriger Kohlelagerbestände. Dies führte zu erhöhten Kraftwerkserzeugungsleistungen in Nordrhein-Westfalen und „Stromtransport nach Baden-Württemberg, der die Lastflusssituation weiter zuspitzte“.

Am 18. Januar 2017 wurde zur Beherrschung der Situation eine erhöhte Aktivierung von Netzreservekapazitäten angefragt (maximal angeforderte Leistung: 3,3 GW), um die Sicherheit und Zuverlässigkeit des elektrischen Versorgungssystems aufrechtzuerhalten. In den Regelzonen Amprion und TransnetBW konnte das Übertragungsnetz in Folge in einigen Stunden dennoch nicht (n-1)-sicher betrieben werden. Mithilfe der Netzreserve konnte (n-1)-Sicherheit jedoch wiederhergestellt werden (BNetzA 2017b).

Der Strombedarf Deutschlands lag an diesem Tag bei 75 Gigawatt (GW), bei einer realisierten Erzeugung von bis zu 77 GW. Die gesamte installierte Leistung inklusive erneuerbarer Energien lag bei 206 GW, die der konventionellen Kraftwerke (inklusive Reservekapazitäten) allein bei 104 GW.

 

Prognose für 2025

Vor diesem Hintergrund wurde in der Studie mit „Marktsimulationen“ für verschiedene Wetterlagen für das Jahr 2025 untersucht, ob der maximale Strombedarf Deutschlands (Größenordnung: 80 GW) mit den vorhandenen Erzeugungsleistungen gewährleistet sein wird.

Die Analyse ergab, dass bei einem beschleunigten Kohleausstieg bis 2025 die Versorgungssicherheit noch gewährleistet werden kann, sofern auf eine Kapazitätsreserve von 2 GW und eine verfügbare Netzreserve von 6,9 GW zurückgegriffen werden kann. Ungünstige Randbedingungen wie u.a. eventuelle Prognosefehler bzw. Koordinationsprobleme wurden bei dieser Simulation nicht berücksichtigt.

 

Vermehrte Stromimporte

Der Studie zufolge besteht in Süddeutschland heute schon ein Bilanzdefizit von 9,1 GW (ohne Berück-sichtigung von Kapazitäts- und Netzreserven). Die Region ist bereits auf Stromimporte aus Norddeutschland, aus den Nachbarländern bzw. auf die Kapazitätsreserve angewiesen.

Ab 2019 sind sowohl Süddeutschland als auch Gesamtdeutschland von der aktuellen der Sicherheitsbereitschaft (2,7 GW) und Kapazitätsreserve (2 GW) abhängig – oder alternativ von Importen aus dem benachbarten Ausland.

Bei einem beschleunigten Kohleausstieg ergäbe sich bis 2025 laut Studie in Süddeutschland ein Bilanzdefizit in Höhe von 16 GW und in Gesamtdeutschland in Höhe von rund 18 GW. Es wären entsprechend hohe Stromimporte aus den Nachbarländern nötig.

Die Bilanzüberschüsse würden stark absinken und somit das Risiko erhöhen, „dass sich aus unvorhergesehenen Ereignissen kritische Situationen entwickeln können, weil die Reaktionsfähigkeit des Systems gegenüber der heutigen Situation mit Überkapazitäten abnimmt“.

Deutschland wäre „in deutlichem Umfang auf Importleistung aus Nachbarländern angewiesen“. Heute noch vorhandene Kraftwerksreserven, „die eine zusätzliche Sicherheit bei unvorhergesehenen Entwicklungen bilden“, würden aufgebraucht, so dass die „Risiken für besonders kritische Zustände steigen“.

 

Atomstrom aus Frankreich, Kohlestrom aus Polen?

Der Studie zufolge wird sich die Stromversorgung Deutschlands, insbesondere auch die Süddeutschlands, also zunehmend auf Stromimporte stützen.

Verlängerte Laufzeiten von Atomkraftwerken in Frankreich und längere Betriebsdauern von Kohlekraftwerken in Polen bilden dafür wesentliche Grundlagen. Insgesamt stehen nun im benachbarten Ausland 43,7 GW an Kraftwerksleistung mehr zur Verfügung, als noch 2014/15 erwartet worden war.

Strom aus Frankreich besteht derzeit zu rund 80 % aus Atomstrom, polnischer Strom zu rund 80 % aus Kohlestrom. Dänemark hat einen Kohlestrom-Anteil von rund 34 %. Tschechien produziert 35 % Atom- und 48 % Kohlestrom.

 

Fazit

Unter dem Begriff „Energiewende“ wurde stets ein Energiesystem auf der Grundlage erneuerbarer Energien mit Langzeitspeichern und Wiederverstromung (u.a. in Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen) verstanden und propagiert.

Die „Energiewende“ wird aber zu einer Mogelpackung, wenn hierzulande Kohle- und Atomkraftwerke stillgelegt werden, um Kohle- und Atomstrom aus den Nachbarländern zu importieren.

Von Henrik Paulitz

 

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Ansprechpartner


Henrik Paulitz
Referent für Energiepolitik
Tel. 06257-505-1707
Email: paulitz[at]ippnw.de

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