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USA setzen weiter auf Atomenergie – trotz Risiken

Atomkraftwerk Watts Bar - TVA Web Team / creativecommons.org/licenses/by/2.0
14.11.2016

Während in Deutschland derzeit die Abwicklung der Atomenergie auf der Tagesordnung steht, ging in den USA im vergangenen Monat der erste neue Atomreaktor seit 20 Jahren ans Netz. Ein Zeichen der viel-beschworenen Renaissance der Atomenergie oder ein letztes Aufbäumen einer im freien Fall befindlichen Industrie?

Das Atomkraftwerk „Watts Bar“ liegt im Osten des US-Bundesstaats Tennessee zwischen den Städten Chattanooga und Knoxville und wird von der Tennessee Valley Authority (TVA) betrieben. Watts Bar wurde ursprünglich mit zwei Reaktoren geplant. Bauarbeiten für beide Reaktoren begannen in 1973. Der erste Reaktor (Watts Bar 1) ging 1996 als bislang letzter US-Atomreaktor ans Netz. Der Bau des zweiten Reaktors wurde aufgrund von Sicherheitsbedenken nach der Kernschmelze von Three Mile Island in den 1980'er Jahren unterbrochen und die Bauruine als Ersatzteillager für Reaktor 1 genutzt. Von den ursprünglich 17 geplanten Atomkraftwerken, die die TVA in Auftrag gab, wurden nur 7 fertig gestellt.

2007 entschloss sich TVA gegen Investitionen im Bereich Erneuerbare Energien und reaktivierte statt dessen die Bauarbeiten am alten Reaktor 2 in Watts Bar. Geplant war ein Abschluss der Bauarbeiten im Jahr 2012, doch die Konstruktion des Meilers zog sich noch vier weitere Jahre hin.

Im Juni diesen Jahres gab es einen ersten Versuch, den Reaktor mit dem Stromnetz zu synchronisieren, der jedoch an einem defekten Ventil an einer Hochdruckturbine scheiterte – nach nur zwei Tagen musste der Reaktor aus Sicherheitsgründen heruntergefahren werden. Ein Feuer an einem Transformator verschob den Zeitplan der Netzsynchronisation Ende August erneut. Diese Probleme scheinen nun behoben und im Oktober ging, mit mehr als 40-jähriger Verzögerung, der Reaktor Watts Bar 2 ans Netz.

Die Kosten für diesen neuen Reaktor haben sich seit der initialen Planung vervielfacht. Während Baukosten in den 1970'er Jahren noch mit rund 400 Millionen US-Dollar berechnet wurden, führten Missmanagement und Kontruktionsprobleme zu einer kontinuierlichen Preisexplosion. Bereits zur Pausierung der Bauarbeiten in den 1980'er Jahren hatten sich die prognostizierten Kosten mehr als vervierfacht und der halbfertige Reaktor bereits rund 1,7 Milliarden US-Dollar gekostet. Nach Wiederaufnahme der Bauarbeiten im Jahr 2007 wurden die Kosten der Fertigstellung mit 2,5 Milliarden US-Dollar angegeben. Heute ist klar, dass es tatsächlich 4,4 Milliarden US-Dollar kostete, den Atomreaktor zu vollenden. Zusammen mit den 1,7 Milliarden, die bereits in den 1970'ern in das Projekt gesteckt wurden, beläuft sich der Baupreis von Watts Bar 2 also auf rund 6,1 Milliarden US-Dollar, oder mehr als das 15-fache der ursprünglichen Prognose – Kosten, die ultimativ auf die einfachen Stromkunden zurückfallen.

Bei solch einem stolzen Preis würde man erwarten, dass Watts Bar 2 den neuesten Sicherheits- und Qualitätsstandards entspricht. Doch dies ist offenbar nicht der Fall. Während die TVA ihren neuen Meiler als „ersten neuen Atomreaktor des 21. Jahrhunderts“ anpreist, handelt es sich bei dem Design um eine bereits seit langem für unsicher befundene und vom Rest der Atomindustrie längst verlassene Technologie aus den 1960'er Jahren.

Das Bulletin of the Atomic Scientists führt aus, dass im „Westinghouse Ice Condenser Pressurized Water Reactor” (Westinghouse Eis-Kondensatoren-Druckwasserreaktor)  knapp 900 Tonnen Eis in langen, dünnen Körben um den Reaktorkern aufgehängt sind. In der Theorie soll dieses Eis bei einem Kühlungsausfall den befürchteten Temperatur- und Druckanstieg und somit das Risiko einer Kernschmelze reduzieren. In der Realität ist diese Schutzfunktion nie bewiesen worden und wird von vielen Technikern auch angezweifelt. Eiskondensatoren haben sich weltweit nie durchsetzen können, auch weil sie extrem wartungsintensiv sind. Das System muss immer extrem sauber gehalten werden, da sonst Leitungen verstopfen können und die Eismenge muss immer genau geprüft werden und gleichmäßig in den Körben verteilt werden. 

Das Hauptargument für Eiskondensatoren, so die Logik der Techniker, waren Einsparungen im Bereich des Sicherheitsbehälters, den man in den Eiskondensatoren-Druckwasserreaktoren von Westinghouse wesentlich dünner gestaltete als sonst üblich. Das Bulletin of the Atomic Scientists und die Sandia National Laboratories kommen zu dem Schluss, dass die Reaktoren im Vergleich zu anderen Druckwasserreaktoren aufgrund dieser Sparmaßnahme ein etwa 100-faches Risiko für ein Versagen des Sicherheitsbehälter im Fall einer Kernschmelze haben.

Hinzu kommt, dass einige nicht ersetzbare Bauteile des Reaktors schon jetzt, gerade einmal wenige Wochen nach Anschluss des Meilers ans Stromnetz, mehr als 40 Jahre alt sind. Die Aufsichtsbehörden haben für den neuen Reaktor eine Lizenz bis 2055 erteilt. Wesentliche Teile des Reaktors werden somit am Ende der Laufzeit rund 80 Jahre alt sein. Was das für die Sicherheit bedeutet, ist bis heute völlig unklar.

Neben diesen grundsätzlichen Sicherheitsbedenken stellte die US-Aufsichtsbehörde für Geologie kürzlich fest, dass sich Watts Bar in einer Region mit hoher seismischer Aktivität befindet und das vierthöchste Erdbebenrisiko aller US-Atomkraftwerke hat. Die Wahrscheinlichkeit eines Kernschadens durch ein Erdbeben in Watts Bar liegt bei 1 : 27.787. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA vom Blitz getroffen zu werden, ist etwa zehnmal niedriger: 1 : 300.000. Notwendige Sicherheitsaufrüstungen, die den Reaktor vor Erdbeben schützen sollten, wurden laut Angaben des Bulletin of the Atomic Scientists von der TVA aus Kosten- und Zeitgründen schlicht unterlassen.

Die Probleme des neuen Reaktors Watts Bar 2 machen deutlich, weshalb in den USA in den vergangenen 20 Jahren kein einziger neuer Reaktor ans Netz gegangen ist und auch in Zukunft mit keinem wesentlichen Ausbau der Atomenergie zu rechnen sein dürfte. Gesteigerte Sicherheitsbestimmungen, ein dramatisches Absinken der öffentlichen Zustimmung für Atomenergie (2016 sprachen sich in einer Gallup-Umfrage 54% der US-Amerikaner gegen Atomenergie aus), steigende Konstruktionskosten und der kometenhafte Aufstieg der erneuerbaren Energien sind nicht die einzigen Probleme der Atomindustrie. Sowohl vor als auch nach dem eigentlichen Kraftwerksbetrieb  schneidet die vermeintlich saubere Atomenergie nicht gut ab:

Das Uran für die US-amerikanischen Atomreaktoren stammt größtenteils aus ökologisch und gesundheitlich katastrophalen Bergbauprojekten auf indigenem Land. Für das Uran wurden Ländereien der amerikanischen Ureinwohner radioaktiv kontaminiert und die dort ansässigen Menschen erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt. Und eine praktikable Lösung für den Verbleib des radioaktiven Atommülls gibt es auch in den USA immer noch nicht -  obwohl man das Problem bereits seit mehr als 70 Jahren vor sich hin wälzt. Keine guten Vorzeichen also für die Zukunft der US-amerikanischen Atomenergie.

Dabei ist die Atomindustrie in keinem Land der Welt so mächtig wie in den USA. Mit insgesamt 100 aktuell laufenden Reaktoren besitzen die USA mit Abstand die meisten Atommeiler der Welt und produzieren allein rund ein Drittel des weltweiten Atomstroms. Dennoch trägt die Atomenergie nur etwa 8,3% zur Gesamtenergieerzeugung und 19,5% zur Stromerzeugung der USA bei. Erneuerbare Energiequellen steuern bereits heute 11,7% zur Gesamtenergieerzeugung und 13,4% zur Stromerzeugung der USA bei.

Während Solar- und Windkraft seit mehr als zehn Jahren spektakuläre Wachstumsraten und fallende Installationspreise zeigen, steigen die Kosten für den Bau von Atomreaktoren. Lediglich vier Atomreaktoren sind derzeit in den USA im Bau – jeweils zwei in Georgia und zwei in South Carolina, die alle 2013 begonnen wurden und zwischen 2019 und 2020 ans Netz gehen sollen. Im selben Zeitraum wird mit der Abschaltung von 30 Atomreaktoren gerechnet, so dass sich die Rolle der Atomenergie in den USA weiter rückläufig entwickeln wird.

Interessant ist dabei vor allem die unterschiedliche Herangehensweise in verschiedenen Bundesstaaten. Die USA sind ein zutiefst föderaler Staat und einzelne Bundesstaaten praktizieren eine grundlegend verschiedene Atompolitik.

So prüft der Staat New York aktuell die Verlängerung der Laufzeit des mehr als 40 Jahre alten Skandal-AKWs Indian Point um weitere 20 Jahre. Das AKW befindet sich weniger als 50 km entfernt von der Downtown von New York City und hat eine lange Pannenreihe von Transformatorenbränden und -explosionen, Pumpenfehlern  und Tritiumlecks – zuletzt im Februar 2016.

Währenddessen hat der Staat Kalifornien angekündigt, das 30 Jahr alte AKW Diablo Canyon aufgrund der Erdbebengefahr bereits 2025 vom Netz zu nehmen und den Strom statt dessen durch Wind- und Solarkraftwerke zu produzieren. Kalifornien verlangt von allen dort tätigen Energieunternehmen zudem, bis 2030 50% ihres Stroms durch Erneuerbare Energien zu produzieren.

New York und Kalifornien - diese beiden bevölkerungsreichen und wirtschaftsstarken Staaten stehen stellvertretend für den Diskurs, der derzeit in den USA um das Thema Atomenergie geführt wird: entscheidet man sich für Laufzeitverlängerungen veralteter Meiler, um den Niedergang der Atomenergie noch einige Jahre herauszuzögern oder leitet man schon jetzt die notwendigen Veränderungen ein, um eine Zukunft ohne fossile und atomare Energieproduktion möglichst schnell zu verwirklichen?

Experten wie Arjun Makhijani, Präsident des renommierten Institute for Energy and Environmental Research, sind sich sicher, dass Atomenergie keine Zukunft hat: „Atomenergie wird verschwinden. Die Frage ist, wie schnell und ob wir es geordnet hinkriegen. (…) Das Abkommen von Diablo Canyon ist historisch, denn es zeigt einen geordneten Weg um von einem alten, zentralisierten, unflexiblen Modell zu einem neuen Modell zu kommen, das demokratischer, erneuerbar, dezentraler und widerstandsfähiger ist.“

Von Dr. Alex Rosen

 

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Foto: Atomkraftwerk Watts Bar - TVA Web Team / creativecommons.org/licenses/by/2.0

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