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Risiko Tihange und Doel

06.11.2018 „Deutsche Studie: Belgische AKW sind sicher“ - Mit dieser Schlagzeile auf der Titelseite überraschte die Aachener Nachrichten ihre Leser am 9. Juli 2018 [1]. Es geht um die beiden belgischen Atomkraftwerke Tihange 2 und Doel 3. Bei ihnen wurden 2012 erstmalig Risse in Schmiederingen des Reaktordruckbehälters nachgewiesen. Bei weiteren Untersuchungen wurde 2015 eine deutlich höhere Anzahl von Rissen mit einer deutlich größeren Ausdehnung entdeckt . Nach Ansicht der belgischen Atomaufsichtsbehörde handelt es sich um „Wasserstoff-Flockenrisse“, die bei der Herstellung entstanden seien.

 




Die deutsche Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) hat nun eine 19-seitige Bewertung der Sicherheitsnachweise für die Reaktordruckbehälter der beiden Atomkraftwerke herausgegeben und bezog sich darin auf „von belgischer Seite veröffentlichte Sicherheitsanalysen (…) und mehrere Expertengesprächen zwischen belgischen und deutschen Fachleuten.“2


In ihrer Bewertung kommt die RSK zu folgenden Ergebnissen:

 

  • „Es ist nachvollziehbar und plausibel , dass es sich bei den Befunden um herstellungsbedingte Flockenrisse handelt. (...)“

  • „Mit den durchgeführten zerstörungsfreien Prüfungen und ergänzenden Analysen konnte kein betriebsbedingtes Wachstum erkannt werden. Dieses Ergebnis sollte durch die weiteren wiederkehrenden Prüfungen in den nächsten Jahren bestätigt werden.“

  • “Insgesamt konnten im Austausch mit der belgischen Seite die meisten offenen Fragen der RSK geklärt werden. Es verbleibt jedoch die Frage bez. einer ausreichenden experimentellen Absicherung der Berechnungsmethoden der Rissfelder. (…)“


Trotz der in der Stellungnehme explizit erwähnten Einschränkungen gelangte die zuständige Redakteurin der Aachener Nachrichten zu der Einsicht, dass Tihange-2 und Doel-3 sicher wären und prophezeite das Aus der Bewegung gegen die beiden Reaktoren.


Prof. Renneberg, ehemaliger Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und Entsorgung des Bundesumweltministeriums, geht davon aus, dass es schon bei der Genehmigung der Meiler Probleme gegeben haben muss und dass man die Risse damals nicht habe sehen wollen. Dafür sprächen interne Dokumente der belgischen Atomaufsichtsbehörde (FANC) - in seinen Augen ein Skandal. Im Auftrag der Städteregion Aachen hatte er 2016 ein Gutachten erstellt, wonach bei einer Atomkatastrophe in Tihange große Teile der Region überwohnbar werden könnten.


Eine Bewertung des Gutachtens der RSK durch Dieter Majer, früherer Chef der Abteilung Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen beim Bundesumweltministeriums wurde von den Aachener Nachrichten leider nur online veröffentlicht. Sein Urteil: “Zusammenfassend ist zu sagen, dass diese RSK Stellungnahme nicht geeignet ist, nachzuweisen, dass die Anlagen D3/T2 insgesamt die erforderliche Sicherheit für einen Weiterbetrieb erfüllen.“3


Ein weiteres wichtiges Detail: eine WDR-Recherche fand heraus, dass zwei Mitarbeiter*innen des Atomkonzerns Framatome (ehemals Areva) an der Ausarbeitung des jüngsten Gutachtens der RSK zu den Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 beteiligt waren.4 Rainer Hardt ist der Leiter der deutschen Niederlassung von Framatome in Erlangen, Dr. Renate Kilian ist Framatome Angestellte. Framatome beliefert über seine Brennelementefabrik in Lingen Tihange und Doel mit Brennelementen. Framatome war an der Herstellung der Atomreaktoren in Tihange und Doel beteiligt. Framatome verkauft Sicherheitstechnik für das AKW Doel aus seinem Werk in Erlangen. Aber weder RSK Chef Wieland noch das Bundesumweltministerium können einen Interessenkonflikt ausmachen.


Gerrit Niehaus, Chef der Atomaufsicht Baden-Württemberg kommt zu dem Schluss: “Das Risiko eines katastrophalen Unfalls ist nicht mit der Sicherheit ausgeschlossen, die Recht und Gesetz verlangen“. Da die RSK selbst mehrfach von offenen Fragen spreche, sei dem Gutachten „keinesfalls zu entnehmen, es bestünden keine sicherheitstechnischen Bedenken“.


Leider wurden diese Stellungnahmen sowie die Pressemitteilung von Städteregionsrat Etschenberg nicht öffentlichkeitswirksam in der Presse dargestellt , so dass sich bei vielen Bürger*innen der Eindruck verfestigte: Das RSK-Gutachten besagt eindeutig, dass Tihange 2 und Doel 3 sicher seien.


Der größte Nutznießer der RSK-Stellungnahme ist die Bundesregierung. Wenige Tage nach Veröffentlichung der Stellungnahme teilte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) mit, dass Sie nunmehr keine Grundlage sehe, Belgien zur Stilllegung der AKW Tihange 2 und Doel 3 aufzufordern. Damit wurde erneut jede politische Verantwortung für die Gefährdung der beiden Pannenreaktoren von der Bundeskanzlerin abgehalten - sie braucht keine Stellung mehr zu beziehen, da wissenschaftlich ja nun alles in Ordnung sei.


Eine relativ kleine rechnerische Überprüfung der Vorgehensweise der FANC durch die RSK, ohne jede experimentelle Bestätigung, nimmt für die Bundesregierung allen Druck aus dem Konflikt und lässt alle anderen kritischen und vorsichtigen Wissenschaftler*innen im Regen stehen. Dabei liegt der Grundwiderspruch offen und wird von den Wissenschaftler*innen der INRAG deutlich benannt:


Wären die Risse herstellungsbedingt, dürften die Reaktoren gar nicht erst in Betrieb gegangen sein. Sind die Risse im Betrieb entstanden, dann muss sofort abgeschaltet werden. Diese einfache Klarstellung wird von Seiten der Bundesregierung von Belgien nicht eingefordert. Umso wichtiger wird es, die Versorgung von Doel und Tihange mit Brennelementen aus Lingen zu beenden.


Wilfried Duisberg, Odette Klepper
IPPNW–Regionalgruppe Aachen

 

Quellen

1 - Gullert M. „Tihange 2 und Doel 3: Bundesregierung sieht keine Handhabe mehr“. Aachener Nachrichten, 09.07.18.


2 - RSK-Stellungnahme „Bewertung der Sicherheitsnachweise für die Reaktordruckbehälter der belgischen Kernkraftwerke Doel-3 / Tihange-2


3 - Gullert M. „Ist Tihange sicher? Atomexperte Dieter Majer bewertet Gutachten“. Aachener Nachrichten, 10.07.18.


4 - "Hersteller- und Brennelemente-Lieferant „Framatome“ an jüngstem Gutachten zu Doel und Tihange beteiligt.“ WDR Recherche 18.07.18.

 

 

 

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