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Aus dem IPPNW-Atomenergie-Newsletter Juli 2017

Phase-in und Phase-out der Atomenergie in der Schweiz

Atomkraftwerk Leibstadt, von RThiele (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
06.07.2017

Die Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft ist selbstverständlich eng mit derjenigen der PSR / IPPNW Schweiz verbunden und kann getrost als eigentliche Odyssee bezeichnet werden, die trotz des kürzlich gewonnenen Referendums immer noch anhält. Als Organisation war unsere Sektion  seit ihrer Gründung wiederholt maßgeblich an der politischen Diskussion um die Atomenergie beteiligt. Die «Atombombe» war zwar auch hierzulande eine Zeit lang ein Thema, jedoch ließ vor allem die «Atomenergie» das Blut wallen und war über Jahre Gesprächsthema auch am hinteresten Stammtisch. Der Entscheid vom 21. Mai 2017 wurde deshalb von vielen kritischen Mitbürgerinnen und - bürgern und auch von den Mitgliedern vieler NGOs, inklusive auch von uns Mitgliedern der PSR / IPPNW Schweiz mit großer Genugtuung und Erleichterung aufgenommen.

Bombenträume

Wie nicht überall bekannt ist, hatte nach Beendigung des 2. Weltkrieges auch die Schweiz großes Interesse nicht nur an der zivilen sondern auch der militärischen Nutzung der Atomenergie. Während einer Periode von 18 Jahren „träumten“ gewisse Verteidigungsexperten und Politiker von einer Schweizer Atombombe und hatten die feste Absicht, auf die „stärkste aller Waffen“, die Atomwaffe, nicht zu verzichten. Erst die Kombination von 3 Faktoren hat am Ende zu einem Umdenken geführt: die Kosten der Urananreicherung bei gleichzeitig nur geringen Uranvorkommen in der Schweiz, eine Kernschmelze im unterirdischen Reaktor von Lucens 1969 und schließlich eine massive Kostenüberschreitung bei der Anschaffung von französischen Jets, die als Trägersystem der Schweizer Atomwaffe hätten dienen müssen. 1967 wurde der Atomsperrvertrag vorgelegt, dem bald auch die Schweiz beitrat und der schließlich auch zur Aufgabe der Pläne einer Schweizer Atombombe führte.

 

Der Anfang der Odyssee

Im Schweizer Forschungszentrum Würenlingen im Kanton Aargau setzte man anfänglich auf die Entwicklung eigener Kernreaktoren. Diese Pläne wurden jedoch  nach dem Unfall im Versuchsreaktor Lucens fallengelassen. In den Jahren 1969 bis 1984 wurden die ersten Kernreaktoren in der Schweiz in Betrieb genommen, wobei alle vom Ausland erworben wurden: die ersten beiden Reaktoren Beznau I und II wurden auf einer Insel in der Aare in den Jahren 1969 und 1971 erstellt, im 1972 kam der Reaktor in Mühleberg bei Bern dazu, 1979 das AKW Gösgen und schließlich 1984 das Kraftwerk in Leibstadt am Rhein, an der Grenze zu Deutschland.

Erster Widerstand regt sich

In der anfänglichen Euphorie, mit billigem Atomstrom künftig alle Energiepro- bleme gelöst zu haben, wurden weitere Reaktoren in Graben und Kaiseraugst geplant. Gegen Kaiseraugst, 10 km östlich vor den Toren der Stadt Basel gelegen, erwuchs jedoch erbitterter Widerstand ab den frühen 70 'er Jahren, bis hin zu längeren Besetzungen des geplanten Baulandes. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 erhöhte diesen Widerstand, so dass 1988 die Landesregierung die Projekte für AKWs in Kaiseraugst und Graben beerdigte, dabei aber die erwarteten künftigen Betreiber mit hohen Millionenbeträgen entschädigte.  

 

Die Hochblüte

Ein kontinuierlicher und wachsender Widerstand der aufgeklärten und kritischen Zivilbevölkerung erreichte in einer öffentlichen Abstimmung im September 1990, dass der sog. Energie-Artikel und eine Moratoriums-Initiative für einen zehnjährigen AKW-Baustopp an der Urne angenommen wurden. Eine Atom-Ausstiegsinitiative hingegen wurde damals verworfen.

Im Oktober 1998 sprach sich der Schweizer Bundesrat grundsätzlich für einen "geordneten Rückzug aus der Kernenergie" aus. Allerdings gab im Jahr 2000, am Ende des zehnjährigen AKW-Moratoriums, das Inkrafttreten des CO2-Gesetzes (Senkung des Treibhausgas-Ausstosses) sowie die Debatte um eine drohende „Stromlücke“ den Befürwortern der Atomkraft wieder neuen Auftrieb. Diese wurde als saubere Alternative zur fossilen Energie angepriesen, bei dem damals fehlendem Glauben an das Potential der erneuerbaren Energien. Ebenfalls wurde mit zweifel- haften Slogans wie „Strom ist das ganze Leben“ geworben. 2003 wurden zu unserer Enttäuschung auch die „Atom-Ausstiegsinitiative“ und die "Moratorium Plus-Initiative“ an der Urne verworfen.

Im Februar 2005 trat ein neues Kernenergiegesetz tritt in Kraft, das neue AKWs dem fakultativen Referendum unterstellt. 2 Jahre später beschloss der Schweizer Bundesrat, dass er bestehenden Kernkraftwerke ersetzen oder durch Neubauten ergänzen wolle. Guten Mutes reichten 2008 die Betreiber der AKWs, die Schweizer Energie-Konzerne ALPIQ, AXPO und BKW, beim Bund Gesuche für geplante Ersatz-Reaktoren in Mühleberg Kanton Bern, Beznau Kanton Aargau und Gösgen Kanton Solothurn ein.  Noch im Februar 2011 sprachen sich die Stimmberechtigten des Kantons Bern in einer Konsultativ-Abstimmung für den Bau eines neuen AKWs in Mühleberg aus.

 

Fukushima

Das Erdbeben mit dem nachfolgenden Tsunami beschädigte die 4 Reaktoren des AKW Fukushima und führte im Rahmen von Kernschmelzen zu einer massiven und  immer noch andauernden atomaren Verseuchung des Pazifiks und der Umgebung des Kraftwerks. Ein Umdenken über die Risiken der Atomenergie setzte weltweit ein - auch in der Schweiz. In der Folge sistierte Bundesrätin Doris Leuthard die laufenden Verfahren bei den Rahmenbewilligungsgesuchen für neue Atomkraftwerke in der Schweiz. Im März ließ der Bundesrat drei Szenarien zu einem Atomausstieg prüfen. Im Mai schließlich entschied der Bundesrat, der Schweiz den Ausstieg aus der Atomenergie vorzuschlagen. Dieser Entscheid wurde bezeichnenderweise zu einem Zeitpunkt möglich, als von den 7 Mitgliedern des Bundesrates 4 Frauen waren (BR Micheline Calmy-Rey, Doris Leuthard, Evelyne Widmer-Schlumpf und Simonetta Sommaruga). Immerhin wurden den 5 Schweizer AKWs  trotz Schwachstellen bei der Lagerung von Brennelementen erlaubt, weiterhin am Netz zu bleiben, wobei neu erhöhte technische Anforderungen und eine Aufrüstung gegen Erdbeben und Hochwasser verlangt wurden.

 

Die Wende und Phase – Out

Seit 2011 hat sich in der Schweiz der Energiemarkt geändert und es wurde immer klarer, dass sich langsam aber sicher die teure Atomkraft selber aus dem Markt befördert. Dass sich die Atomenergie schlicht nicht mehr rechnet wurde auch durch den Versuch des Konzerns ALPIQ klar, der dem Bund seine beiden AKWs Gösgen und Leibstadt für 1 Franken verkaufen wollte. AXPO wiederum musste im Dezember 2016 einen Riesenverlust von 1,2 Milliarden Franken bekannt geben. Grund dafür waren die tiefen Großhandelspreise auf dem europäischen Strommarkt und die Subventionen für Erneuerbaren Energien. 

Langsam setzte sich deshalb bei der Schweizer Bevölkerung die Einsicht durch, dass neben den Risiken der Atomenergie diese auch keine gute Geschäftsidee darstellte. Zwar wurde eine von der Grünen Partie lancierte, sogenannte  „Ausstiegsinitiative“, welche eine Laufzeitbeschränkung der Reaktoren auf 45 Jahre forderte, noch im November letzten Jahres vom Volk verworfen. Hingegen wurde am Sonntag den 21. Mai die „Energiestrategie 2050“ vom Volk angenommen. Diese sieht keinen Ersatz der bestehenden AKWs am Ende deren Laufzeit vor. Ein kleiner Stein des Anstoßes ist zwar, dass das Eidgenössisches  Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI bestimmen wird, wie lange Reaktoren sicher sind, bzw. wie lang die noch verbleibende Restlaufzeit der Reaktoren von Beznau, Gösgen und Leibstadt sein wird. Mühleberg hingegen geht definitiv im Jahre 2019 vom Netz.

So geht in den nächsten 10 – 15 Jahren zwar die Nutzung der Atomenergie dank der abgeschreibenen Reaktoren wohl noch weiter, jedoch besteht Gewissheit dass in diesem Land spätestens in den frühen 30'er Jahren die Schweizer Atom-Saga ihr Ende haben wird. Es ist zu hoffen, dass dieser Volksentscheid in unserem Land und parallel der in Deutschland schon viel früher fällige Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie andere Länder motivieren werden, Gleiches zu tun.

Von Andreas Nidecker und Martin Walter

 

 

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Eidgenössische Volksinitiativen („Atominitiativen“) der Schweiz

 

  • 02/79    
    ' Zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen'
    („Ja“: 48.8%, Stimmbeteiligung: 49.58%) 

  • 09/84  
    'Für eine Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke'
    („Ja“: 45.0%, Beteiligung: 41.65%)

  • 09/90 
    'Für den Ausstieg aus der Atomenergie'
    („Ja“: 47.1%, Beteiligung: 40.41%)

  • 09/90
    ‘Volksinitiative 'Stopp dem Atomkraftwerkbau (Moratorium)'
    („Ja“: 54.5% Beteiligung: 40.43%)

  • 05/03
    'Strom ohne Atom - Für eine Energiewende und schrittweise Stilllegung der Atomkraftwerke (Strom ohne Atom)'
    („Ja“: 33.7%, Beteiligung: 49.71%)

  • 05/03'Moratorium Plus - Für die Verlängerung des Atomkraftwerk-Baustopps und die Begrenzung des Atomrisikos (MoratoriumPlus)'(„Ja“: 41.6%, Beteiligung: 49.59%)

  • 11/16
    ‘Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie (Atomausstiegsinitiative)’
    („Ja“: 45.8%, Beteiligung: 45%)

 

 

Foto: Atomkraftwerk Leibstadt, von RThiele (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

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