Nachruf

Jochen Stay ist tot - die IPPNW trauert mit der Anti-Atom-Bewegung um einen unermüdlichen AKtivisten

Ein Nachruf von IPPNW-Vorstandsmitglied Ute Rippel-Lau

Wir trauern um Jochen Stay, der im Alter von 56 Jahren plötzlich und viel zu früh gestorben ist. Vielen von uns war er ein langjähriger Weggefährte. Die IPPNW verliert mit ihm einen glaubwürdigen und engagierten Mitstreiter für eine friedliche Welt ohne Atomwaffen und ohne Atomkraft. Er hat die Bürgerbewegung gegen die Atomkraft entscheidend geprägt. Zwischen der von ihm gegründeten Organisation „.ausgestrahlt“ und der IPPNW gibt es eine enge Zusammenarbeit. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Atomkraft sind gemeinsam entstanden.

Jochen und die IPPNW verbinden gemeinsame Wurzeln in der Friedensbewegung. Bereits 1980 beteiligte sich der damals 15-jährige an den Protesten gegen die Stationierung von US-amerikanischen Pershing-2-Raketen in Mutlangen. Vor Ort nahm er bis in die späten 80er Jahre an den Aktionen des zivilen Ungehorsams teil. Daran, dass nach Unterzeichnung des INF-Vertrags 1987 die Raketen abgezogen wurden, hatte auch die Friedensbewegung ihren Anteil.

Die Erfahrung mit verschiedenen Formen des zivilen Ungehorsams brachte er ein in die Auseinandersetzung um die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Das Aus für die Wiederaufbereitungsanlage 1989 war ein großer Erfolg der Antiatombewegung. Nachdem schon in den frühen 80er Jahren der Plan gescheitert war, eine solche Anlage in Gorleben zu errichten, wurde die Wiederaufbereitung in der Bundesrepublik endgültig aufgegeben.

Es zeichnete Jochen aus, dass er sich nie zurücklehnte, sich nie mit Erfolgen zufrieden gab, sondern sich mit Entschlossenheit und Hartnäckigkeit das nächste Problem vornahm. Gorleben sollte jetzt zum Endlager werden. 1992 zog Jochen ins Wendland und gründete dort Mitte der 90er Jahre die Kampagne „X-tausendmal quer“ gegen die Castor-Transporte nach Gorleben. Immer leitete ihn bei den Aktionen ein gewaltfreies Konzept, mit dem es ihm gelang, viele Menschen für den Widerstand zu motivieren und zu begeistern und in die Aktionen einzubeziehen. Alle, die ihn kannten, schätzten seine Kraft zu integrieren, seine Besonnenheit, seine mitreißende Klarheit und sein großes Wissen.

2008 gründete Jochen die bundesweite Antiatomorganisation „.ausgestrahlt“ mit Büro in Hamburg, deren Sprecher er bis zum Schluss war. Er war eng verbunden mit der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Am 24. April 2010 organisierte er als Zeichen des Protestes gegen die von der Bundesregierung beschlossene Laufzeitverlängerung eine 120 km lange Menschenkette entlang der Elbe zwischen den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel. Nach dem Reaktorunglück in Fukushima wurde „.ausgestrahlt“ zur Koordinationsstelle der Antiatombewegung und trug auch zum endgültigen Atomausstieg 2011 bei. Der Castor-Transport nach Gorleben im November 2011 wurde der Längste und der Letzte. Erst im September letzten Jahres, nach 40 Jahren Widerstand, wurde Gorleben endgültig als Endlagerstandort aufgegeben.

Aber die sichere Endlagerung des Atommülls ist immer noch ungelöst. Jochen rief 2020 zusammen mit „.ausgestrahlt“ eine Treuhandstiftung „Atomerbe“ ins Leben, „um den kommenden Generationen mehr zu vermachen als ewig strahlenden Atommüll“. Er setzte sich bis zum Schluß gegen eine sogenannte „Renaissance der Atomkraft“ und die atomfreundliche EU-Taxonomie ein.

Ende diesen Jahres werden die drei letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet. Jochen hätte so gerne mit uns gefeiert und war bereits voller Pläne dazu!
Er hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, uns nicht auf dem Erreichten auszuruhen und einen langen Atem zu haben. Auch für zunächst utopisch erscheinende Ziele lohnt es, sich einzusetzen.

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Ansprechpartner

Ewald Feige
Vertretung Atomausstieg, Energiewende und Klima
Tel. 030 698074-11
E-Mail: feige[AT]ippnw.de

Materialien

Forum 169. Foto: Paul Lovis Dorfmann / Campact
IPPNW-Forum 169: "Greenwashing von Atomkraft – Ein Super-GAU für die Energiewende"
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IPPNW-Information: Radioaktive „Niedrigstrahlung“. Ein Blick auf die Fakten (PDF)

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