Aus dem IPPNW-Forum 173/20223

„Gebt uns unsere Lebensgrundlage zurück!“

Fukushima: Ergebnisse des Fukushima-Schilddrüsenscreenings und Klagen von Betroffenen

24.02.2023 Zwölf Jahre sind seit dem großen Erdbeben (Stärke 9,0) und der darauffolgenden Havarie von drei Atomreaktoren in Fukushima vergangen – in den radioaktiv verstrahlten Gebieten herrscht weiterhin keine Normalität. Die gesundheitlichen Gefahren für die Bevölkerung dauern an. Laut dem World Nuclear Industry Status Report [1] leben noch ca. 32.000 Menschen als Evakuierte fern der von der Radioaktivität betroffenen Gebiete um Fukushima – ursprünglich mussten ca. 200.000 Bürger*innen vor der Verstrahlung in Sicherheit gebracht werden. Aus gesundheitlichen Gründen verweigern sich viele Menschen dem behördlichen Zwang, in die verstrahlten Gebiete zurückzukehren, da sich diese nicht dauerhaft dekontaminieren lassen.

Die Situation der havarierten Reaktoren bleibt ernst
Die geschmolzenen Brennelemente müssen weiter von außen gekühlt werden, um die nukleare Kettenreaktion unter Kontrolle zu halten. Bis zum Juni 2022 waren insgesamt ca. 1,3 Millionen Tonnen an verstrahltem Kühlwasser angefallen. Diese werden momentan einem Dekontaminationsverfahren unterzogen, wobei zwei Drittel des gespeicherten Wassers die behördlichen Grenz-
werte für die Einleitung noch überschreiten [1]. Durch eine unterirdische Tunnelröhre wird das Wasser seit Anfang des Jahres in den Pazifik verklappt – gegen den Protest der regionalen Fischer, aber auch der Anrainerstaaten Japans.

Mittels einer Sonde konnte im Mai 2022 nachgewiesen werden, dass sich das Betonfundament des Reaktor 1 durch die Kernschmelze aufgelöst hat. Jedes weitere größere Erdbeben kann damit potentiell zu einem Einsturz der Reaktorruine führen – mit der Konsequenz einer erneuten Verstrahlung. Wie unmittelbar und konkret diese Gefahr ist, wurde durch das letzte größere Erdbeben mit einer Stärke von 7,4 im März 2022 sichtbar [2].

Untersuchungsreihe „kindlicher Schilddrüsenkrebs“
Radioaktives Jod wird bei Kindern aufgrund deren dynamischen Zellwachstums in besonderem Maße in der Schilddrüse (SD) aufgenommen und frühzeitig nach einer Verstrahlung sichtbar, weshalb nach dem Super-GAU eine medizinische Untersuchungsreihe an der Universität Fukushima begonnen worden ist. Im September 2022 wurden neue Studiendaten aus der mittlerweile fünften Runde der SD-Reihenuntersuchung bei Kindern und Jugendlichen unter 25 Jahren in der Präfektur Fukushima veröffentlicht [1] – berücksichtigt sind die Untersuchungsergebnisse bis 31. März 2022. Von den ca. 380.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen, die zum Zeitpunkt der nuklearen Havarie in der Präfektur Fukushima lebten, nahmen schon am Baseline-Screening zur Feststellung der Prävalenz nur ca. 300.000 Kinder (82 Prozent) teil. Die Studienteilnahme sank mit jedem Survey weiter ab, aktuell liegt sie bei ca. 30 Prozent. Für die aktuelle fünfte Runde wurde der Untersuchungszeitraum wegen der Corona-Pandemiesituation um ein Jahr verlängert, wobei zu erwarten ist, dass zahlreiche Fälle nachgemeldet werden. Doch schon jetzt zeichnet sich ein deutlicher Anstieg der Schilddrüsenkrebserkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der Präfektur Fukushima ab.

Schilddrüsenkrebserkrankungen nehmen anhaltend zu
Die Inzidenz von SD-Krebs betrug bei Personen unter 25 Jahren vor dem Super-GAU in Japan 0,59 / 100.000 / Jahr. Bezogen auf das ursprüngliche Untersuchungskollektiv von 300.000 Kindern, wären bis 2022 ca. 16 erkrankte Kinder zu erwarten gewesen ( 3 x 0,59 x 9 = 15,9 ). Tatsächlich wurden aber offiziell 152 Fälle gezählt [3].



Ergebnisse für die SD-Inzidenz in den Survey-Runden 2 bis 5
*Inzidenz = Zahl der SD-Krebsfälle, geteilt durch Zahl der Personenjahre
**Fallzahl 2021
Die Inzidenzen sind in der Studienregion um Fukushima im Mittel um den Faktor 15 höher als erwartet (8.9/0,59=15,0).

Bei der Auswertung muss in Betracht gezogen werden, dass die vorliegenden Zahlen das Erkrankungsrisiko eher unterschätzen: Aus der offiziellen Studie fallen die Kinder heraus, die zwischen den Screenings untersucht oder operiert werden bzw. an externen Kliniken behandelt werden. Nicht in die Statistik einbezogen sind deshalb ca. 35 Erkrankte aus den Jahren 2012-18. Auch werden Jugendliche, die in die Altersklasse unter 25 hineingewachsen sind, seit 2017 in einer separaten Studie (Age 25 Milestone Study) geführt und ausgeklammert. Würden diese Erkrankten hinzugerechnet, kämen noch elf Fälle hinzu. Insgesamt würde sich so die Gesamtzahl der Erkrankten also auf mindestens 198 (gegenüber 152) erhöhen. Insgesamt unterschätzt damit die offizielle Statistik die tatsächliche Neuerkrankungshäufigkeit. Berücksichtigt werden muss aber auch die gestiegene Sensitivität der Untersuchung, mittlerweile sind minimale Tumordurchmesser von 5,3 mm detektierbar, was 0,9 mm kleiner ist, als es beim letzten Survey möglich war. Dies bedeutet, dass neu entdeckte Tumore kleiner sein können als bisher und damit früher in die aktive Überwachung gelangen.

Mit einen generellen Screening-Effekt, der Krebs-Frühstadien aufgrund der Reihenuntersuchung großer Bevölkerungsgruppen frühzeitig nachweisbar macht, begründet die Fukushima-Universität die erhöhten Erkrankungszahlen und bleibt damit im staatlich verordneten Narrativ („Es gibt keine Strahlenauswirkungen“). Insgesamt hatte die japanische Regierung von Anfang an nie den Wunsch, die gesundheitlichen Folgen der radioaktiven Verstrahlung tatsächlich aufzuklären. Vielmehr hat sie alles unternommen, damit es kein aussagekräftiges Monitoring gab und so die Folgen des Super-GAUs verschleiert werden konnten: So wurde versäumt, eine entsprechende Studie in einer nicht vom Fallout betroffenen Region Japans durchzuführen – damit fehlt grundlegend ein Vergleichsgruppe zur Bewertung der Schilddrüsen-Reihenuntersuchung in Fukushima.

Auch wurden außerhalb des Schilddrüsen-Screenings keine anderen radioaktiven Folge-Erkrankungen in ein Monitoring aufgenommen. Es wundert deshalb nicht, dass ein außenstehender Wissenschaftler (Alfred Körblein 2017) die Daten der zweiten Survey-Runde auf die Abhängigkeit der Inzidenz von der Entfernung vom AKW Fukushima Daiichi untersuchte und damit eine sektorale Auswertung vornahm [4]. Im Ergebnis stieg die Inzidenz dabei signifikant mit der Nähe zum AKW an – im Nahbereich (evakuierte Zone) war sie mehr als doppelt so hoch wie im Rest der Präfektur. Damit hat er den Zusammenhang zwischen Erkrankung und radio aktiven Fallout nachgewiesen.

Die japanische Regierung setzt weiter auf Atomenergie
Der japanische Premier Fumio Khisida gab Anfang 2023 bekannt, dass die Alt-AKWs zurück ans Netz sollen. Für landesweit 27 abgeschaltete Reaktoren haben die Betreiber den Weiterbetrieb beantragt. Für 17 Anlagen wurde jetzt bereits eine Laufzeitverlängerung erteilt, darunter vier Reaktoren, die älter als 40 Jahre sind. Da gleichzeitig die Stillstandszeiten der AKWs gutgeschrieben werden, geht es faktisch um eine Verlängerung von bis zu 70 Jahren [5]. Diese Entwicklung vollzieht sich parallel zur veränderten militärischen Ausrichtung Japans und dessen zunehmenden Abrückens von seiner pazifistischen Verfassung.

Eine Sammelklage („Gebt uns unsere Lebensgrundlage zurück, stellt unsere Heimat wieder her!“) von etwa 3.700 Betroffenen verlangte, dass sowohl der Staat als auch TEPCO zur Verantwortung gezogen werden und beide Entschädigungen an die Opfer der Atomkatastrophe zu leisten haben. Das entsprechende Urteil des Obersten Gerichtshofes fiel im Juni 2022 [6]. Es verurteilte nur TEPCO zum Schadensersatz in Höhe von 1,4 Millirden Yen, das entspricht ca. zehn Millionen Euro. Das Gericht entließ die japanische Regierung aus jeglicher Verantwortung (mit einem Richter-Votum von drei zu eins), obwohl die mangelnde Atomaufsicht durch die zuständigen Behörden im Juli 2012 in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss dokumentiert wurde.

Literatur:

[1] Fukushima Status Report – in World Nuclear Industry Status Report, S. 175 ff.

[2] https://de.euronews.com/2022/03/17/4-tote-und-mehr-als-200-verletzte-das-ist-die-bilanz-des-erdbebens-in-japan

[3] http://fukushimavoice-eng2.blogspot.com/ (letzter Zugriff: 12.12.2022)

[4] Körblein A. Medicine Correspondence Blog, November 16, 2017. https://journals.lww.com/md-journal/Blog/MedicineCorrespondenceBlog/pages/post.aspx? PostID=67

[5] Kampf gegen die Energiekrise: Japan setzt auf greise AKW | tagesschau.de, 07.12.2022

[6] Deutsche Welle (dw.com) vom 17. Juni 2022

 


Jörg Schmid, Arbeitskreis Atomenergie

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Referent Atomausstieg, Energiewende und Klima
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