IPPNW.DE
Text vergrößernText verkleinernSeite druckenRSS-Feed aufrufen Seite versenden
Aus dem ATOM-Energie Newsletter März 2017

Fukushima - die andauernde Katastrophe

Der japanische Wirtschaftsminister Yosuke Takagi überprüft den gefrorenen Erdwall zum Schutz des Grundwassers. Foto: Tepco, 21.11.2016
13.03.2017

Sechs Jahre nach Beginn der Atomkatastrophe von Fukushima leben die Menschen in Japan weiterhin mit den Folgen der Kernschmelzen. Die Ruinen des Atomkraftwerks Fukushima Dai-ichi sind weiterhin nicht unter Kontrolle. Im Inneren der havarierten Reaktorkerne wurden kürzlich Strahlendosen von 650 Sievert pro Stunde gemessen. Ein Mensch würde keine  Minute bei solch hohen Strahlenwerten überleben und auch Roboter können in den hoch verstrahlten Gebäuden nicht arbeiten. Die Bergung der geschmolzenen Brennstäbe wird, ähnlich wie in Tschernobyl, vermutlich für viele Jahrzehnte nicht möglich sein, so dass die maroden Kraftwerksgebäude bei zukünftigen Erdbeben, Tsunamis oder Stürmen eine hohe Gefahr für die gesamte Region darstellen.

Doch auch ohne weitere Naturkatastrophen fließen täglich Tonnen kontaminierte Strahlenschlacke ins Grund- und Meerwasser und tragen dort zur erhöhten Radioaktivität bei. Auch die Dekontaminationsarbeiten an Land sind ins Stocken geraten und werden durch Stürme, Niederschlag und Überflutungen regelmäßig zunichte gemacht. So sind einst dekontaminierte Wohngegenden heute wieder radioaktiv verseucht - mit wenig Aussicht auf baldige Besserung.

Die Dekontaminationsbemühungen haben derweil neue Probleme geschaffen - in Form von Hunderttausenden Säcken radioaktiv kontaminiertem Erdreich, die quer durchs Land behelfsmäßig am Straßenrand gelagert werden. Diese täglich wachsenden Berge an Strahlenmüll stellen bei Überflutungen und Stürmen  eine zusätzliche Gefahr der Rekontamination dar. Währenddessen wächst der Druck der Behörden auf die knapp 100.000 Menschen, die ihre Heimat aufgrund der radioaktiven Kontamination verlassen mussten und bis heute als Strahlenflüchtlinge übers Land verstreut sind.  Statt den Menschen eine Perspektive in unverstrahlter Umgebung zu schaffen, wurden sie über Jahre in unwürdigen Verhältnissen ihrem Schicksal überlassen, in der Hoffnung, dass dann die Motivation steigen würde, in die verstrahlten Heimat zurück zu kehren. Denn wenn es nach der atomfreundlichen japanischen Regierung ginge, so müssten diese Menschen möglichst bald in die verwaisten Ortschaften in Fukushima zurückkehren, auch wenn dort die Strahlenwerte weiterhin so hoch sind, dass eine relevante Gefährdung besteht. Vor allem für junge Familien, Immungeschwächte und Kinder ist eine Rückkehr mit gesundheitlichen Risiken verbunden - ein Opfer, dass die Menschen aus Sicht der Behörden für die Überwindung der krisenhaften Situation in Fukushima bereit sein sollten, zu bringen. Da die Zahl der Rückkehrer allerdings anhaltend niedrig ist, hat die Regierung nun beschlossen, den Strahlenflüchtlingen die staatlichen Subventionen zu streichen.

Gleichzeitig steigt die Zahl der diagnostizierten Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern in Fukushima weiter an. Waren es nach der ersten Reihenuntersuchung im März 2014 noch 101 Fälle, sind es nun, nach der ersten Nachuntersuchung zwei Jahre später, 145. Das bedeutet, dass sich bei 44 Kindern der Krebs erst in den letzten zwei Jahren gebildet haben muss. Dies entspricht einer Erkrankungshäufigkeit (Inzidenz) von 8,1 Fällen pro 100.000 Kindern pro Jahr - wobei die Untersuchungsergebnisse von rund 30% der Kinder noch gar nicht vorliegen und die endgültige Inzidenz deutlich höher liegen könnte. Vor Fukushima lag die Inzidenz von Schilddrüsenkrebs in Japan bei 0,3 Fällen pro 100.000 Kindern pro Jahr. Zu erwarten gewesen wären daher in diesem Zeitraum lediglich 1-2 Neuerkrankungen bei Kindern in Fukushima. Neben den 145 Kindern, deren Schilddrüsen aufgrund von einer schnellen Ausbreitung oder Metastasierung des Tumors bereits operiert wurden, gibt es noch 38 Kinder mit Krebsdiagnosen in der Feinnadelbiopsie, die noch auf eine Operation warten - und jedes Jahr kommen neue Fälle dazu - ganz ähnlich wie in Tschernobyl.

Nach den früh auftretenden Schilddrüsenkrebsfällen ist in Fukushima in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zudem mit einem Anstieg von Leukämie-Fällen und soliden Tumoren der Lungen, des Darms, der Haut und anderer Organe zu rechnen. Ob man diese so sorgfältig erfasst wie derzeit noch die Schilddrüsenfälle ist jedoch fraglich. Denn die japanische Regierung ist politisch abhängig von der Atomindustrie und versucht seit Jahren, das negative Image des mehrfachen Super-GAUs von Fukushima durch atomfreundliche Öffentlichkeitsarbeit auszulöschen.

Und selbst die Schilddrüsenuntersuchungen könnten bald zum Erliegen kommen. Schon jetzt wird über ein Einstellen der Reihenuntersuchungen gesprochen und Vertreter der zuständigen Fukushima Medical University besuchen seit einigen Monaten Schulen in der Präfektur und raten Kindern und Jugendlichen, die Ultraschalluntersuchungen abzulehnen, wenn sie keine "unvernünftigen Krebsdiagnosen" erhalten wollen.Dennoch engagieren sich viele JapanerInnen für die Belange der Betroffenen der Atomkatastrophe. In unabhängigen Laboren wie dem "Mother's Radiation Lab" in Iwaki werden Strahlenmessungen angeboten, unabhängige Kliniken bieten Zweitmeinungen bei Ultraschalluntersuchungen an und Ärzte des Umweltmedizinischen Instituts Gifu untersuchen Milchzähne japanischer Kinder auf Strontium-90, um die Auswirkungen der Atomkatastrophe genauer einschätzen zu können. Es ist eine besonders bittere Erkenntnis, dass diese wichtigen Aufgaben nicht von den zuständigen Behörden wahrgenommen werden, sondern von engagierten EhrenamtlerInnen.

Den Menschen aus den verstrahlten Regionen in Japan müssen tragbare Alternativen zu einem Leben in verstrahlten Umwelt geschaffen werden. Sie benötigen medizinische, psychologische und soziale Unterstützung. Am allermeisten jedoch müssen sie in ihren begründeten Sorgen endlich ernst genommen werden.

Dr. med. Alex Rosen


Dieser Artikel ist als Gastbeitrag gekürzt am 11. März in der Mittelbayerischen Zeitung erschienen.

Foto: Der japanische Wirtschaftsminister Yosuke Takagi überprüft den gefrorenen Erdwall zum Schutz des Grundwassers. Foto: Tepco, 21.11.2016

Sitemap Überblick