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Frankreich: 21 von 58 Atomreaktoren vom Netz

Fehlerhafte Stahlbauteile stürzen französische Atomindustrie in die Krise

EPR in Flamanville, By schoella - panoramio, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27485793
14.11.2016

Im Oktober 2016 musste der französische Staatskonzern Électricité de France (EDF) 21 der insgesamt 58 französischen Atomreaktoren für Sicherheitsüberprüfungen vom Netz nehmen. Es ist noch unklar, wie lange die Reaktoren ausfallen werden und wie viele weitere Meiler potentiell betroffen sein könnten. Was ist passiert?

Seit 2007 wird im französischen Flamanville an einem neuartigen Atomreaktor gebaut – dem Europäischen Druckwasserreaktor (European Pressurized Water Reactor) EPR. Das angepeilte Fertigstellungsdatum 2012 wurde bereits um sechs Jahre nach hinten auf Herbst 2018 verschoben, die Kosten belaufen sich mit 10,5 Milliarden Euro mittlerweile auf dem Dreifachen der ursprünglich geplanten Summe von 3,3 Milliarden. Die französische Atomfirma AREVA ist durch dieses Projekt und den finnischen EPR Olkiluoto 3 in die Pleite getrieben worden und musste vom Staat, also vom Steuerzahler, gerettet werden. Beide Projekte gelten als ‚toxic assets‘ für die staatliche EDF die AREVA übernehmen musste.

Anfang dieses Jahres wurde nun bekannt, dass der eingesetzte Stahl für die Deckel- und Bodenplatten des bereits installierten Druckbehälters des Atomreaktors nicht den vorgeschriebenen Kohlenstoffgehalt vorweist. Bei einer Routineuntersuchung an 5 Reaktoren fand man einen deutlich zu hohen Gehalt an Kohlenstoff. Aufgrund dieser „Kohlenstoffabweichung“ habe der Stahl, der von der AREVA-Schmiede in Le Creusot in der Nähe von Dijon seit 1965 hergestellt wird, zwar eine höhere Härte und Verschleißfestigkeit aber auch eine eine etwa 40% niedrigere Riss und Schlagfestigkeit. Die Techniker sprechen von einer reduzierte Kerbschlag- und Bruchzähigkeit. Er sei dadurch anfälliger für Rissbildung und schwere Unfälle. Greenpeace schrieb, dass der EPR in Flamanville aufgrund dieser Erkenntnisse „nie in Betrieb gehen“ könne: „Der entdeckte Schaden ist irreparabel“.

Im September 2016 gab die französische Atomaufsicht Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) bekannt, dass das Problem mit mangelhaftem Stahl nicht nur den Reaktorneubau in Flamanville betreffen würde, sondern Druckbehälter und Dampferzeuger von insgesamt 32 Atomreaktoren – also etwa 55% der gesamten Kraftwerksflotte Frankreichs. Vier Reaktoren wurden von ASN zur näheren Überprüfung sofort heruntergefahren.

Greenpeace veröffentliche daraufhin im Oktober ein Gutachten des Londoner Ingenieurbüros Large, das die Stahlqualität an anderen französischen Atomstandorten untersuchte und zu dem Ergebnis kam, dass 107 Bauteile aus Le Creusot an insgesamt 14 AKW-Standorten in Frankreich das selbe Problem aufweisen -  unter anderem an den AKWs Cattenom und Fessenheim, nahe der deutsch-französischen Grenze. Aber das Problem beschränkte sich nicht auf Lieferungen aus Le Creusot - auch Bauteile der japanischen Stahlschmiede Japan Casting & Forging Corporation (JCFC), die in französischen Atommeilen eingebaut wurden, wiesen einen zu hohen Gehalt an Kohlenstoff auf. Greenpeace nannte die französischen Atommeiler daraufhin „eine akute Gefahr für Millionen Europäer.“ Ein Versagen der Dampferzeuger oder der Druckbehälter könnte eine Kernschmelze verursachen.

Hinzu kamen frische Skandale über gefälschte, manipulierte und unvollständige Qualitätskontrollberichte, die pikanterweise genau die fehlerhaften Stahlbauteile betrafen, was erneut die Sicherheit der EDF-Atomkraftwerke in Frage stellte.

Wenige Wochen später musste der französische Energiekonzern EDF insgesamt 21 der 58 französischen Atomkraftwerke vom Netz nehmen, um deren Funktionstüchtigkeit zu untersuchen. Die französische Atomaufsicht gab bekannt, dass weitere Anomalien „sehr wahrscheinlich gefunden werden“. Die Prüfungen könnten mehrere Monate andauern – ebenso die daraus folgenden Ausfälle in der Stromproduktion. Zudem könnten zahlreiche EDF-Projekte in China, Finnland, Belgien und dem Vereinigten Königreich ebenfalls von den Stahlproblemen betroffen sein – die Krise der französischen Atomindustrie dürfte sich in den kommenden Monaten noch ausweiten – mit bisher ungeahnten Folgen nicht nur für die EPR-Projekte im finnischen Olkiluoto und im britischen Hinkley Point, sondern für die Energiesicherheit von ganz Frankreich.

Kein Land der Welt ist so abhängig vom Atomstrom wie Frankreich: 75% des französischen Stroms wird durch Atomenergie produziert. Durch die aktuellen Abschaltungen fiel die Stromproduktion von EDF auf den tiefsten Stand seit 18 Jahren. Die Ausfälle müssen in Frankreich vermehrt von Kohle- und Gaskraftwerken und durch teure Stromimporte aus dem europäischen Ausland ausgeglichen werden – Investitionen in Erneuerbare Energien wurden im Atomland Frankreich seit Jahren verschleppt. So wird in Frankreich aktuell wieder mehr Kohle verbrannt als in den letzten 32 Jahren – und reichlich Strom aus Wind- und Solaranlagen aus Deutschland zugekauft.

Von Dr. Alex Rosen

 

Weiterlesen:

 

Graphik: www.sortirdunucleaire.org, 19.10.2016
www.sortirdunucleaire.org/Scandale-des-anomalies-dissimulees-l-ASN-fait

 

 

Foto: EPR in Flamanville, By schoella - panoramio, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27485793

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