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Endlagersuche in der Schweiz

10.10.2017

Die Suche nach einem „Endlager“ für den Atommüll ist in der Schweiz etwas weiter vorangeschritten als in Deutschland. Als potenzielles Wirtsgestein für ein geologisches Tiefenlager konzentriert man sich in der Schweiz auf tonreiche Gesteine. In bis zu 22 Gemeinden in drei Regionen könnte es bald Erkundungsbohrungen geben.

 

Zürich Nordost, Jura-Ost und Nördlich Lägern

In der Schweiz liegt die Verantwortung für die Vorbereitung der Endlagerung radioaktiver Abfälle bei der „Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle“ (NAGRA) Dahinter stehen u.a. die Atomkraftwerksbetreiber. Die Vorschläge der NAGRA werden durch das Bundesamt für Energie (BFE) und das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) geprüft und bewertet.
Im Jahr 2002 wurde der Entsorgungsnachweis für die hoch radioaktiven und besonders langlebigen, mittel radioaktiven Abfälle geführt. Dieser wurde im Juni 2006 vom schweizerischen Bundesrat bestätigt. Gegenstand des Nachweises war das Wirtsgestein Opalinuston im Zürcher Weinland.

Im Dezember 2014 wurde Phase 2 der Standortauswahl abgeschlossen. Dabei wurden von der NAGRA die Gebiete „Zürich Nordost“ in den Kantonen Zürich und Thurgau und „Jura-Ost“ im Kanton Aargau als potenzielle Endlagerstandorte präsentiert.

Das  Eidgenössische  Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) verlangte, dass darüber hinaus auch das Gebiet „Nördlich Lägern“ in den Kantonen Zürich und Aargau näher auf seine Eignung untersucht werden soll. Dies empfahl auch die deutsche „Expertengruppe-Schweizer-Tiefenlager“ (EScht).

 

Erkundungsbohrungen in bis zu 22 Gemeinden

Damit sind insgesamt 22 Orte in der Schweiz für Erkundungsbohrungen bestimmt:

Im Gebiet „Nördlich Lägern“ umfasst es die Gemeinden Weiach, Glattfelden, Eglisau, Bülach und Stadel. Im Gebiet „Zürich Nordost“ liegen acht potenzielle Bohrplätze in den Gemeinden Laufen-Uhwiesen, Dachsen, Trüllikon, Marthalen und Rheinau. Weitere acht im Gebiet „Jura Ost“ befinden sich in den Gemeinden Bözberg, Effingen, Riniken, Remigen und Zeihen.

Die provisorische Auswahl von Standorten, für die sogenannte "Rahmenbewilligungsgesuche“ ausgearbeitet werden, soll im Jahr 2020 getroffen werden. der abschließende Standortentscheid und die Rahmenbewilligung werden für 2027 erwartet. Anschließend ist noch eine Volksabstimmung möglich.

Ab dem Jahr 2060 soll das Endlager für hoch radioaktive Abfälle in Betrieb genommen werden. Bis dahin sollen die abgebrannten Brennelemente aus den Atomkraftwerken und die verglasten hochaktiven Abfälle aus der Wiederaufarbeitung von Brennelementen genügend abgekühlt sein.

 

Endlagerkonzept

Das Lagerkonzept für hoch radioaktive Abfälle sieht ein tonreiches Wirtsgestein – wahrscheinlich Opalinuston – in 500 bis 700 Metern Tiefe mit einem Zugang über Schächte und Rampen und einem Hauptlager mit horizontalen Lagerstollen vor. Im Konzept ist vorgesehen, in den Lagerstollen horizontal liegende Behälter auf Blöcken bestehend aus Bentonit zu positionieren und die Hohlräume um den Lagerbehälter herum mit Bentonitgranulat zu verfüllen.
Das Gesetz fordert eine Rückholbarkeit „ohne großen Aufwand“ bis zum Verschluss des Endlagers.

 

Bürgerbeteiligung und privatwirtschaftliche Profitinteressen

Zentrale Gremien der regionalen Mitwirkung am Standortauswahlverfahren sind die 2011 gebildeten Regionalkonferenzen, in denen Vertreter der interessierten Kreise, insbesondere regionale Behörden, Organisationen und Privatpersonen den Prozess aktiv begleiten.

Die Besetzung der Regionalkonferenzen erfolgte nicht nach einem vorgegebenen Proporz oder durch ein festes Wahlverfahren, sondern wurde teils vor Ort ausgehandelt. „Dass diese Flexibilität nicht zu Glaubwürdigkeits- oder Akzeptanzproblemen führt, ist nach Ansicht der Kommission darauf zurückzuführen, dass in der Schweiz ein signifikant anderes Staatsverständnis als in Deutschland und ein höheres Maß an Grundvertrauen in das Handeln staatlicher Institutionen vorherrscht“, heißt es im Bericht der deutschen Endlagerkommission.

Auf der anderen Seite kritisiert die deutsche Endlagerkommission, schlussendlich werde „auf diesem Wege ein geeigneter und akzeptierter Standort für das Endlager“ gesucht, „der nicht zwingend der im Vergleich beste Standort sein muss“. Das weist darauf hin, dass Partizipation und Bürgerbeteiligung bei der „Endlagersuche“ vergleichsweise hohen Anforderungen genügen muss. Das Interesse der entstehenden „Atommüllwirtschaft“, ein äußerst lukratives Ewigkeitsgeschäft mit den nuklearen Hinterlassenschaften etablieren zu wollen, ist unübersehbar.

Henrik Paulitz

Foto: 

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