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Endlager-Bau in Finnland

13.11.2017

Wie in Schweden steht auch in Finnland nur Kristallingestein als potenzielles Wirtsgestein für die geologische Tiefenlagerung von Atommüll zu Verfügung. Ende 2015 gab die finnische Regierung grünes Licht für den Bau des weltweit ersten „Endlagers“ für hoch radioaktive Abfälle auf der Halbinsel Olkiluoto im Südwesten Finnlands. 6.500 Tonnen Atommüll sollen dort gut 400 Meter unter der Erde in Kupferbehältern deponiert werden. Der Preis für das Endlager wird aktuell mit 3,5 Milliarden Euro angegeben.

 

Betreiber und Aufsicht

An den Atomkraftwerks-Standorten Loviisa und Olkiluoto sind bereits „Endlager“ für schwach und mittel radioaktive Abfälle in Betrieb. Das Lager für hoch radioaktive Abfälle soll von der privatwirtschaftlichen Firma “Posiva Oy“ errichtet und betrieben werden, die auf dem Gelände bereits seit 1992 ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle betreibt. Die Atomkraftwerksbetreiber halten zusammen 100 Prozent der Anteile der Posiva Oy.

Die Aufsicht über das Endlager wird durch die staatliche Strahlenschutzbehörde sowie durch das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft ausgeübt.

 

Mehrheitliche Zustimmung und Genehmigung

Die Entscheidung für die Errichtung eines Endlagers für hoch radioaktive Abfälle am Standort Olkiluoto wurde vom örtlichen Gemeinderat mit großer Mehrheit unterstützt. Eine Umfrage unter der ansässigen Bevölkerung ergab rund 60 Prozent Zustimmung.

Die Regierung billigte die Standortwahl im Dezember 2000. Das Parlament ratifizierte diese Regierungsentscheidung im Mai 2001 nahezu einstimmig.
Im November 2015 genehmigte die finnische Regierung den Bau eines Endlagers in Olkiluoto und erteilte Posiva Oy eine damit verbundene Lizenz. Mit der Einlagerung soll 2023 begonnen werden. Vorher muss Posiva Oy noch einmal die Umweltverträglichkeit überprüfen.

Eine Nachweispflicht besteht für einen Zeitraum „von mindestens 100.000 bis hin zu einer Million Jahren“.

 

Endlagerkonzept

Wie in Schweden ist auch in Finnland geplant, von einer Bentonitbarriere umgebene Kupferbehälter in Kristallingestein einzulagern. Die aktuelle Planung geht von 3.250 Kupferbehältern mit insgesamt rund 6.000 Tonnen verbrauchtem Kernbrennstoff aus. Die eigentliche Einlagerung soll erst nach Ende der Abklingzeit erfolgen, die von den Betreibern mit 20 bis 40 Jahren angegeben wird.

Über die endgültige Eignung einzelner Bohrlöcher für die Einbettung der Kupferbehälter wird erst im Kontext der Einlagerung entschieden, heißt es im Abschlussbericht der deutschen Endlagerkommission von 2016. Maßgeblich sind dabei insbesondere Rissbildung, Wassereintrag, Abstand zu Störungen im Gebirge und die Qualität des Kristallingebirges. Bei guter Gebirgsqualität ist ein Abstand von rund zehn Metern zwischen den einzelnen, acht Meter tiefen Bohrlöchern vorgesehen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass ungeeignete Bereiche umgangen werden müssen.

Es ist vorgesehen, mehrere hundert Löcher in den Fels zu bohren. Die verbrauchten Brennstäbe sollen in einen Kanister aus Gusseisen mit Kugelgraphit gesteckt werden – ein wasserbeständiges Material, das hohem Druck standhalten kann. Dieser Kanister soll wiederum von einem versiegelten, fünf Zentimeter dicken und somit besonders korrosionsbeständigen Kupfermantel umgeben werden. Diese Behälter sollen in die Tunnellöcher geschoben werden. Anschließend sollen die Kammern mit Betonit verschlossen werden. Betonit ist eine Vulkanasche, die u.a. in der Bautechnik als Dichtungsmittel verwendet wird und beim Kontakt mit Wasser aufquillt.

 

Rückholung nicht wirklich vorgesehen

Eine Rückholbarkeit ist grundsätzlich nur während der Einlagerungsphase gewährleistet, „wobei dies einen Rückbau des Bentonits und die Entwicklung geeigneter Bergungstechnik erfordern würde“, betont die deutsche Endlagerkommission in ihrem Abschlussbericht. Die Hürden für eine Rückholung des eingelagerten Atommülls wären also relativ hoch.

Nach Abschluss der Einlagerungsphase, die aus heutiger Sicht etwa 100 Jahre dauern soll, soll das Endlager dann so verschlossen werden, dass eine „unbefugte Rückholung“ möglichst unmöglich gemacht werden soll. Eine autorisierte Rückholung der eingelagerten Abfälle nach erfolgtem Verschluss ist im aktuellen Konzept nicht mehr vorgesehen.

 

Risiko Eiszeit

100.000 Jahre lang soll die Strahlung des Atommülls im Endlager abklingen. Es wird aber auch darüber diskutiert, dass es innerhalb dieser 100.000 Jahre zu einer erneuten Eiszeit kommen könnte, was als „nicht unwahrscheinlich“ eingeschätzt wird. In diesem Fall könnte der Fels angehoben werden. Posiva Oy kündigt an, in einem solchen Fall könnten die Behälter notfalls geborgen und an einen anderen Ort gebracht werden.

Das Kommen und Gehen von Eiszeiten soll eng mit der über Jahrtausende schwankenden Erdachse, ihrer kreisartigen Trudelbewegung und dem nicht immer gleichen Abstand zur Sonne zusammenhängen, der so genannten Exzentrizität der Erdbahn. Aus diesen Faktoren lasse sich der Beginn der nächsten Eiszeit in etwa vorhersagen. So sei das nächste skandinavische Eisschild in 60.000 bis 225.000 Jahren zu erwarten, heißt es in einem Bericht von Spektrum der Wissenschaft vom 30.11.2015.

Der Betreiber Posiva Oy sieht in einer kommenden Eiszeit aber im Grunde kein Problem, da die tiefen Gänge eigenen Berechnungen zufolge außerhalb der maximal 170 Meter tiefen Permafrostzone bleiben würden, also nicht einmal halb so tief, wie das Endlager selbst liegt. Das sei selbst dann der Fall, wenn Finnland von einem kilometerdicken Gletscher bedeckt wäre.

"Wir wissen, dass es vielleicht eine Eiszeit geben wird, aber der Untergrund hier ist 1,8 Milliarden Jahre alt und immer noch in Ordnung, insofern wird er das aushalten", glaubt Janne Laihonen von der Betreiberfirma. Der Granit der Halbinsel sei nicht überall gleich, es gebe geologische Brüche. Die Ingenieure lassen die Schächte deshalb an den Stellen bohren, wo sie im Fall einer Eiszeit keine Rissbildung vermuten.

In Finnland ist jedenfalls die Meinung verbreitet, es sei auf jeden Fall sicherer, den Atommüll in den Fels einzubringen als ihn außerhalb zu lagern. 

Von Henrik Paulitz

 

 

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