Aus dem Atom-Energie-Newsletter Januar 2021

Der World Nuclear Industry Status Report 2020

So steht es um Atomenergie weltweit

In den letzten Monaten häufen sich gefühlt die Meldungen, die eine sogenannte „Renaissance“ der Atomenergie zu beobachten glauben. Jährlich grüßt das Murmeltier. Treffender wäre hier von Wiederbelebungsversuchen zu sprechen, denn die Realität sieht anders aus: Die Zahlen der Atomindustrie weltweit sind – mit einziger Ausnahme Chinas - seit Jahrzehnten tiefrot und zeigen stets nur nach unten. Selbst China baut jedoch erneuerbare Energien weitaus schneller aus als Atomenergie.

Der jährlich veröffentlichte World Nuclear Industry Report liefert dazu hilfreiche Fakten:

So sind im letzten Jahrzehnt (2011-2020) insgesamt 63 neue Reaktoren ans Netz gegangen, davon 37 allein in China. Währenddessen wurden weltweit 59 Reaktoren stillgelegt, davon keiner in China. Mit anderen Worten: Ohne China sind weltweit 26 Reaktoren ans Netz gegangen, gegenüber 59 Stilllegungen. Ein Minus von 33. So gibt es Anfang 2021 weltweit 412 in Betrieb befindliche Reaktoren. Das sind drei weniger als Anfang 2020, vier weniger als 1990 und ganze 26 Einheiten unter dem historischen Höchststand von 438 Reaktoren, im Jahr 2002. Wir sind von einer Wiederbelebung weit entfernt.

Inbetriebsetzungen vs Abschaltungen von Atomreaktoren Weltweit - WNISR, with IAEA-PRIS, 2020

Der anhaltende Rückgang der Atomenergie weltweit wurde 2020 mit einem weiteren negativen Saldo aus Inbetriebnahmen und Stilllegungen bestätigt. So sind letztes Jahr nur fünf neue Reaktoren ans Netz gegangen. Ihnen stehen sechs definitive Stilllegungen entgegen. Fünf weitere wurden zudem langfristig vom Netz genommen.

Alt, teuer, unflexibel, anfällig, unsicher… die Atomenergie hat es nicht leicht! Während die weltweite Atomstromproduktion zwischen 2010 und 2019 von 2.630 Terawattstunden auf 2.657 Terawattstunden minimal angestiegen ist (etwa 10,3 Prozent der weltweiten Stromproduktion), hat sich die Produktion aus erneuerbaren Quellen (Wasserkraft ausgeschlossen) mehr als verdreifacht! Mit 2.806 Terawattstunden Stromproduktion im Jahr 2019 haben die Erneuerbaren so die Atomenergie weit hinter sich gelassen.

Dies zeigt, wie wenige Absatzmärkte die weltweite Atomindustrie tatsächlich hat.

Stromproduktion weltweit - WNISR with BP Statistical Review and IAEA-PRIS, 2020

Auch an tatsächlich installierter Leistung lässt sich ablesen, welch kleinen Platz die Atomenergie mittlerweile im Strommarkt einnimmt. In der EU übertraf 2020 die installierte Solarstrom-Kapazität mit 130 GW erstmals die 116 GW der Atomenergie. Windkraft hatte ihrerseits die Atomenergie bereits 2014 überholt und hat seitdem den Abstand vergrößert. Die Windkraftleistung wuchs um 14 Prozent und die Solarenergie um sieben Prozent, während die Atomenergie um ein Prozent zurückging. Erneuerbare Energien (inkl. Wasserkraft) erzeugten 2020 einen Rekordanteil von 35 Prozent des Stroms , der in der EU erzeugt wurde, während die Atomkraft 25,5 Prozent lieferte – eine sehr nach oben verzerrte Zahl, angesichts des atomlastigen französischen Strommixes.

Existierende Atomkraftwerke sind meist sehr alt und dienen als Milchkuh der Großkonzerne, da sie längst abgeschrieben sind. Dabei ist leicht zu verstehen: Je älter ein Kraftwerk, desto anfälliger wird es für Störfälle oder, im schlimmsten Fall, für Katastrophen. Neue zu bauen ist extrem teuer, langwierig und unbeliebt.

Ein oft genannter „Ausweg“ aus dieser misslichen Lage sind sogenannte „SMRs“,  Small Modular Reactors. Doch diese existieren bisher – bis auf einer Ausnahme in Russland - nur auf dem Papier. Es handelt sich um Konzepte, die nur mit enormen  Subventionen theoretisch realisierbar wären – ohne Gewinn für Umwelt, Klima oder Verbraucher*innen.

Während das Gerede über SMRs unvermindert anhält, gibt es immer mehr Anzeichen dafür, dass die Trends, die die Aussichten für große Atomkraftwerke weitgehend geschmälert haben - Verzögerungen, schlechte Wirtschaftlichkeit und der schnellere und günstigere Ausbau von erneuerbaren Energien zu i immer geringeren Kosten - auch diese neuen Technologien betreffen, und dass es keinen Grund gibt, mit angehaltenem Atem auf den Einsatz von SMRs zu warten.

Den unausweichlichen Abwärtstrend der Atomindustrie hat selbst die Internationale Energieagentur (IEA) erkannt. Als Reaktion auf die Coronaviruspandemie hat die IEA im Juni 2020 einen dreijährigen Plan vorgelegt, der für den Stromsektor eine Priorisierung von Investitionen in erneuerbare Energien und eine Stärkung der Netze vorsieht. Für alle anderen Energiequellen einschließlich der Atomkraft schlägt die IEA lediglich vor, dass sie beibehalten werden sollten. Die Botschaft ist also klar: Für Wirtschaft, Arbeitsplätze und Klima liegt die eindeutige Priorität bei den erneuerbaren Energien. Die Umsetzung dieser Vorschläge würde lediglich den Trend beschleunigen, der in den letzten zehn Jahren zu beobachten war: Atomkraft ist eine zunehmend veraltete, inkompatible und teure Technologie, die in einem dekarbonisierten Energiesektor nicht mit dem Angebot an günstigeren und sauberen erneuerbaren Energiequellen mithalten kann.

Paul-Marie Manière

Referent für Atomausstieg, Energiewende und Klima

 

Weitere Information:

www.worldnuclearreport.org/-World-Nuclear-Industry-Status-Report-2020-.html

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