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Das Geschäft mit dem Krebs

Ein Meinungsartikel von Dr. Alex Rosen

Tepco
11.10.2016

Der Umgang mit Betroffenen einer Katastrophe sagt viel mehr über eine Gesellschaft aus als statistische Daten wie Bruttosozialprodukt oder Wirtschaftswachstum. Seit 2011 werden die Schilddrüsen aller Bewohnern der Präfektur Fukushima, die zum Zeitpunkt des Super-GAUs von Fukushima unter 18 Jahre alt waren, regelmäßig auf Krebs- und Krebsvorstufen untersucht. Während die Kosten für Kinder unter 18 Jahren von der Regierung generell gedeckt werden, müssen die Familien diese zunächst für einige Zeit vorstrecken und bekommen sie erst mit einer Verzögerung zurück erstattet. Zudem wird im japanischen Gesundheitswesen generell verlangt, dass ab dem 18. Lebensjahr 30% aller medizinischen Behandlungskosten von den Patienten selbst getragen werden.

Dies gilt pikanterweise auch für die Schilddrüsenuntersuchungen bei Menschen, die radioaktivem Niederschlag ausgesetzt wurden, sowie für eventuell notwendige Biopsien, Operationen oder Langzeittherapien. Für eine Schilddrüsenuntersuchung fallen für die Betroffenen somit Kosten von ca. 10.000 Yen (ca. 87 Euro) an, für eine Operation zwischen 150.000 und 300.000 Yen (zwischen 1.300 und 2.600 Euro). Für viele der betroffenen Familien, die durch Evakuierung und den Verlust ihrer Heimat und Arbeit ohnehin schwer getroffen sind, sind diese Kosten nicht tragbar und verschärfen die soziale Abwärtsspirale von Verschuldung und Verarmung, in der sich viele von ihnen bereits befinden.

Angesichts der Tatsache, dass im Zuge der Atomkatastrophe von 2011 von Seiten der Behörden bewusst auf die Ausgabe von Jodtabletten verzichtet wurde und Millionen von Menschen somit radioaktivem Jod ausgesetzt wurden, hat die Präfektur Fukushima letztes Jahr begonnen, auch den mittlerweile über 18 Jahre alten Patienten die Kosten für die Schilddrüsenuntersuchungen zu erstatten. Allerdings dauern auch diese Erstattungen Zeit und die Familien müssen die Kosten zunächst vorstrecken. Zudem sind Erstattungen nur möglich, wenn die Patienten sich in den offiziellen Einrichtungen der Fukushima Medical University untersuchen lassen. Jegliche Form von Zweitmeinung außerhalb des staatlich kontrollierten Systems würde so zu finanziellen Mehrbelastungen führt. Auch werden Begleitkosten, wie der Transport zu den Untersuchungen oder Kompensationen von Lohnausfällen der Eltern nicht berücksichtigt.

Da diese Kosten und die komplexen Erstattungsverfahren viele Familien weiterhin vor große finanzielle Probleme stellt, hat sich nun zusätzlich eine karitative Nicht-Regierungs-Organisation gegründet. Der „3/11 Children’s Fund for Thyroid Cancer“ will hilfsbedürftigen Familien in Fukushima bei den Kosten der Untersuchungen und Behandlungen selbst, wie auch bei eventuell anfallenden Begleitkosten unterstützen. Spenden aus der Bevölkerung sollen ab sofort entgegen genommen werden und man hofft, mehrere hundert Betroffene mit Beträgen ab 50.000 Yen (ca. 430 Euro) unterstützen zu können.

Der Umgang mit Betroffenen einer Katastrophe sagt viel mehr über eine Gesellschaft aus als statistische Daten wie Bruttosozialprodukt oder Wirtschaftswachstum. Der Untersuchungsausschuss des japanischen Parlaments kam nach dem Super-GAU von Fukushima zu dem Schluss, dass die Atomkatastrophe „menschengemacht“ war – und dass die Atomindustrie, die Aufsichtsbehörden und die Politik, die allesamt die Gefahren der Atomenergie und der grassierenden Korruption in der japanischen Atomwirtschaft jahrzehntelang ignoriert haben, eine bedeutende Mitschuld tragen. Angesichts des institutionellen Versagens der zuständigen Behörden und der anhaltenden Verschleierung des wahren Ausmaßes der Atomkatastrophe ist es besonders bitter, dass die vom radioaktiven Niederschlag betroffenen Familien, deren Angehörige ein signifikant erhöhtes Erkrankungsrisiko davontrugen, nun auch mit den finanziellen Lasten dieser Erkrankungen allein gelassen werden.

Es kann nicht sein, dass in einem der reichsten Länder, mit einem der fortschrittlichsten Gesundheitswesen der Welt, Menschen die durch staatliches Versagen zu Schaden gekommen sind, von barmherzigen Spenden und dem Engagement einiger Freiwilliger abhängig gemacht werden. Eine vernünftige Aufarbeitung der ökologischen, gesundheitlichen, psychologischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Atomkatastrophe ist in Japan dringend notwendig, wie auch eine Kehrtwende im Umgang mit denjenigen, die von der Atomkatastrophe und der freigewordenen Radioaktivität betroffen wurden und weiterhin in Gegenden mit erhöhten Strahlenwerten leben müssen.

Weitere Informationen:

Foto: Tepco

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