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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter Dezember 2016

Auswirkungen von Tschernobyl bei Kindern in Belgien

By Jason Minshull (Image:View of Chernobyl taken from Pripyat.JPG) [Public domain], via Wikimedia Commons (bearbeitet)
14.12.2016

30 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl veröffentlichte im April diesen Jahres die Arbeitsgruppe um den belgischen Wissenschaftler Luc A. Michel zwei Artikel zur gestiegenen Inzidenz des papillären Schilddrüsenkarzinoms (engl. Papillary thyroid carcinoma oder PTC) bei Kindern in Belgien, die zum Zeitpunkt der Atomkatastrophe 15 Jahre oder jünger waren. Michel ist Chirurg und Professor der Universität von Louvain und arbeitet aktuell eng mit der IPPNW-Gruppe in Aachen bei der Kampagne zur Schließung der Atomkraftwerke Doel und Tihange zusammen.

Die beiden Artikel, die in Acta Chirurgica Belgica [1] und in Jacobs Journal of Radiation Oncology [2] erschienen, bauen auf den Erfahrungen der Gruppe aus ihrem ersten Artikel zum Thema von 2001 [3] auf. Bereits 1995 wurden die Autoren aufmerksam, als sie unerwarteterweise bei 22% (4 von 18) der seit April 1986 thyreoidektomierten Kindern und Jugendlichen ein PTC diagnostizierten.

Bemerkenswert ist dabei, dass das papilläre zwar das häufigste aller Schilddrüsenkarzinome ist, die typische Altersverteilung aber einen Gipfel zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr aufzeigt. Zum Vergleich: Im Zeitraum vor 1986 operierten die Chirurgen dieses Krankenhauses kein einziges Kind mit PTC. Der Anteil der PTCs bei Patienten, die zum Zeitpunkt des AKW-Unfalls älter als 15 Jahre waren, bleibt mit rund 6% der Thyreoidektomien sowohl für den Zeitraum vor 1986, als auch nach 1986 in etwa gleich.

Strahlenexposition der Schilddrüse während der Kindheit ist der bekannteste exogene Risikofaktor für die Entwicklung einer malignen Schilddrüsenerkrankung und das PTC ist der häufigste strahlenassoziierte histologische Typ.

Zu den Beobachtungen der Arbeitsgruppe kommt hinzu, dass vom Belgian Royal Institute of Meteorology (BRIM) Anfang Mai des Jahres 1986 stark erhöhte Werte ionisierender Strahlung in der Luft gemessen wurden – mehr als 70 Bq/m3 statt der durschnittlichen atmosphärischen Strahlung von 3,2 Bq/m3. Solch hohe Werte wurden weder nach atmosphärischen Atombombentests, noch nach dem Unfall im britischen Atomkraftwerk Windscale von 1957 gemessen.

Diese Argumente ließen die Arbeitsgruppe ihre Beobachtungen fortsetzen und führten zu den Ergebnissen der aktuellen Studien:

•    Insgesamt umfassen die Studien 2.349 Schilddrüsenoperationen

•    Davon erfolgten 2.164 bei der Gruppe der über 15-Jährigen zum Zeitpunkt des Atomunglücks (Gruppe A) mit 175 bestätigten PTCs (8,1%)

•    185 Operationen erfolgten an Patienten, die im April 1986 15 Jahre oder jünger waren (Gruppe B)  von denen bei 36 ein PTC diagnostiziert wurde (19,5%)

•    seit Einführung  immunhistochemischer Biomarker zur Diagnosefindung an der Klinik im Jahr 2011 ist die Häufigkeit des PTCs bei Patienten der Gruppe B im Vergleich zur Gruppe A entgegen der Erwartungen der Wissenschaftler sogar noch gestiegen

Neben diesen Ergebnissen gehen die Autoren noch auf weitere assoziierte Fragen ein, zum Beispiel das Risiko einer zusätzlichen Exposition von Kindern durch Muttermilch oder eine in utero Schädigung der Schilddrüse. Für Letzteres spricht die Beobachtung, dass in 3 Fällen (von 6 Thyreoidektomien bei Kindern, die nach April 1986 geboren wurden) PTCs bei Kindern auftraten, deren Mütter sich zum Zeitpunkt der erhöhten atmosphärischen Strahlung zwischen der 4. und 35. Schwangerschaftswoche befanden. Zur Erinnerung: Vor 1986 waren den Autoren keine Fälle von PTC bei Kindern und Jugendlichen begegnet. Die Datenlage zu beiden Fragestellungen ist allerdings noch sehr begrenzt.

Weiterhin wird die Möglichkeit einer Häufung von Autoimmunthyreoditiden durch den Unfall im AKW von Tschernobyl diskutiert und genetische Unterschiede zwischen den PTCs, die in Europa nach dem Super-GAU von Tschernobyl auftraten und denen, die nach dem Erdbeben und der Atomkatastrophe von Fukushima bei japanischen Kindern und Jugendlichen operiert wurden.

Aus dem Unfall im AKW Tschernobyl hätten viele Erkenntnisse für das Fukushima-Unglück gewonnen werden können. Hierzu wird von den Autoren die Vorbildrolle Polens betont, wo sehr kurzfristig nach Messung erhöhter Strahlenwerte Jodtabletten an alle Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren verteilt wurden. Die damalige polnische Regierung ging vom schlimmsten Fall aus und verfolgte damit eine sehr vorsichtige und gesundheitsorientierte Vorgehensweise. Leider wurde ein ähnliches Vorgehen und rechtzeitiges Reagieren anderer betroffener Länder von der Verschleierung des Unfalls durch die Atombehörde der Sowjetunion und durch den politischen Einfluss der Atomindustrie verhindert.

In Zeiten des kalten Krieges standen sich auch die Medien in zwei Lagern gegenüber, was zu stark variierender Berichterstattung und Information der Bevölkerung über die Ausmaße des Unfalls führte.[4] Anders als in den beiden Publikationen beschrieben, lässt sich bis heute ein ähnliches „Herunterspielen“ der Gefahr, die vom AKW in Fukushima ausgeht, bei den Verantwortlichen in Japan beobachten, deren Fehler bei unzureichenden Evakuierungen begannen und über die Entscheidung, keine Jodtabletten zu verteilen, bis zur heutigen Bewerbung von Nahrungsmitteln aus der Fukushima-Präfektur reichen, die nicht in ausreichendem Maße getestet werden. Positiv einordnen kann man zwar die Einführung flächendeckender Screening-Untersuchungen mittels Schilddrüsensonographie, aber auch hier verzerren die Verantwortlichen die veröffentlichten Ergebnisse und erlauben keine reale Einschätzung des Ausmaßes der resultierenden Schilddrüsenerkrankungen.

Aus den Artikeln lassen sich unter anderem folgende Handlungsempfehlungen ableiten:

•    Bei Patienten, die sich mit fraglicher Schilddrüsenläsion vorstellen, sollte insbesondere dann eine großzügige Indikation zur weiteren Diagnostik und ggfs. Thyreoidektomie gestellt werden, wenn diese zwischen April 1971 und April 1986 geboren sind.

•    Die Notwendigkeit, Jodmangel in der Bevölkerung vorzubeugen, da dieser einen Einfluss auf die Vulnerabilität für Schilddrüsenerkrankungen hat.

•    Anstrengungen zu unternehmen, gesundheitsrelevante Auswirkungen von Atomunfällen zu überwachen und Gesundheitsfolgen aufzuzeichnen, um deren gesamte Bandbreite zu charakterisieren. Dabei sollte ein besonderes Augenmerk auf Langzeitstudien gelegt werden, um den Zusammenhang zwischen PTC und Atomunfällen (oder ionisierender Strahlung im Allgemeinen) weiter zu beleuchten.

•    Demütiger Umgang mit nuklearen Unfällen und eine differenzierte Auseinandersetzung mit deren Folgen, um ein höchstes Maß an Vorbereitung zu erreichen und schnelle und sinnvolle Reaktionen zu ermöglichen. Eine ehrliche Auseinandersetzung müsste im besten Fall dazu führen, ein solches Risiko gar nicht mehr einzugehen.

Es ist wichtig, eine ehrliche Kommunikation der Risiken ionisierender Strahlung zu betreiben, damit in einer informierten Gesellschaft ein angemessenes Risikoempfinden entstehen kann. 

Von Elisa Wittmack

 

Quellen

[1] Luc A. Michel, Julian Donckier, Alain Rosiere, Caroline Fervaille, Julien Lemaire & Claude Bertrand (2016) Post Tschernobyl incidence of papillary thyroid cancer among Belgian children less than 15 years of age in April 1986: a 30-year surgical experience, Acta Chirurgica Belgica, 116:2, 101-113, DOI: 10.1080/00015458.2016.1165528

[2] Michel L. Papillary Thyroid Cancer in Subjects Who Were Children at the time of the Tschernobyl Nuclear Accident: Some Lessons for the Management of Fukushima’s Aftermaths. J J Rad Oncol. 2016, 3 (2): 027.

[3] Blackburn DJ, Micheal LA, Rosiere A, Trigaux JP, Donckier JE. Occurrence of papillary carcinoma in patients. A Tschernobyl connection? J Pediatr Endocrinol Metab. 2001

[4] www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-04/tschernobyl-zeitungen-1986-medien-ddr-brd-atomkraft

Foto: By Jason Minshull (Image:View of Chernobyl taken from Pripyat.JPG) [Public domain], via Wikimedia Commons (bearbeitet)

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