IPPNW-Pressemitteilung vom 25. April 2022

36 Jahre Atomkatastrophe von Tschernobyl

IPPNW warnt vor nuklearer Gefahr angesichts des Ukraine-Krieges

Anlässlich des 36. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986, fordert die Friedensnobelpreisträger-Organisation IPPNW den Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) Rafael Grossi dazu auf, sich für einen russischen Truppenabzug und eine breite und vollständig demilitarisierte Zone um alle kerntechnischen Anlagen in der Ukraine einzusetzen.

„Der Angriffskrieg auf die Ukraine verdeutlicht einmal mehr, wie Atomkraftwerke und Atommülllager zu einem unkalkulierbaren Risiko werden können“, unterstreicht Ute Rippel-Lau, Vorstandsmitglied der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). „Der Ukraine-Krieg ist der erste Krieg, der in einem Land mit laufenden Atomreaktoren geführt wird. Schon im Normalbetrieb stellen Atomkraftwerke eine große gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung dar, wie uns die Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 36 Jahren gezeigt hat. Kriege in Regionen, in denen es Atomreaktoren gibt, sind verantwortungslos, denn sie erhöhen diese Gefahr drastisch. Je länger dieser Krieg dauert, desto größer die statistische Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Katastrophe. Ganz Europa wäre davon betroffen.“

Die IPPNW weist erneut darauf hin, dass die Sicherheit von Atomkraftwerken und Atommülllagern in einem Krieg nicht gewährleistet werden kann. Bereits am 28. März 2022 war die nukleare Versuchsanlage in Charkiw ist nach Angaben der ukrainischen Aufsichtsbehörde SNRIU zum vierten Mal unter Beschuss geraten und dabei beschädigt worden. Seit dem 4. März sind 300-500 russische Soldaten im unmittelbaren Umkreis des Atomkraftwerks Saporischschja stationiert. Das Atomkraftwerk war bei Kampfhandlungen am 02. März 2022 von russischen Soldaten beschossen worden. Dabei kam es zu einem Brand in einem Schulungsgebäude. Darüber hinaus wurden Schäden am Reaktorgebäude 1 gemeldet, sowie zwei Einschläge im Bereich für Trockenlagerung von abgebrannten Brennelementen. Das Atomkraftwerk Saporischschja ist das größte Atomkraftwerk Europas und liegt nur ca. 200 Kilometer von der stark umkämpften Ostukraine entfernt.

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine rückt Tschernobyl wieder ins Zentrum der Sorgen. Zu Kriegsbeginn marschierten russische Truppen ohne Schutzausrüstung durch das verstrahlte Sperrgebiet und wirbelten dadurch radioaktiven Staub auf. Nach der Einnahme des Geländes durch russische Truppen war die Sicherheitslage prekär: Die Arbeiter waren fast 4 Wochen ununterbrochen im Dienst, wichtige Instandhaltungsarbeiten konnten nicht durchgeführt werden, zeitweilig war die Kraftwerksruine sogar vom Stromnetz abgekoppelt, Notstromaggregate mussten einspringen. Mehr als einen Monat gab es keinen Kontakt zwischen der IAEO und der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde.

„Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, dass ein Reaktorunglück keineswegs unwahrscheinlich ist. Die Beschädigung der Atomanlagen oder die Unterbrechung der Stromversorgung aufgrund von Kampfhandlungen könnten eine Katstrophe hervorrufen. Zurzeit sind an 4 Standorten ungefähr die Hälfte der insgesamt 15 Reaktorblöcke am Netz. Es muss jetzt gehandelt werden, um ein zweites Tschernobyl zu verhindern. Deshalb fordern wir einen sofortigen Abzug russischer Truppen und eine breite demilitarisierte Zone um alle Atomanlagen“, so Rippel-Lau.

Am 26. April 1986 ereignete sich im Atomkraftwerk Tschernobyl der bis dahin schwerste Unfall in der Geschichte der Atomenergie. Es kam zu einer Kernschmelze mit einer gewaltigen Verbreitung von Radionukliden über weite Gebiete von Belarus, der Ukraine und der russischen Föderation und große Teile Europas. In der Folge stieg unter anderem die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs bei Kindern stark an. Erst Ende 2000 wurde der letzte Reaktorblock in Tschernobyl stillgelegt.
 
Weitere Informationen zu den gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl finden Sie hier: https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/IPPNW_Report_T30_F5_Folgen_web.pdf
 
Kontakt:
Lara-Marie Krauße (IPPNW), Tel. 030 698 074 15, Email: krausse@ippnw.de

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Ansprechpartner

Foto: Samuli Schielke
Patrick Schukalla
Referent Atomausstieg, Energiewende und Klima
E-Mail: schukalla[AT]ippnw.de

Ewald Feige
Vertretung Atomausstieg, Energiewende und Klima
Tel. 030 698074-11
E-Mail: feige[AT]ippnw.de

Materialien

Forum 169. Foto: Paul Lovis Dorfmann / Campact
IPPNW-Forum 169: "Greenwashing von Atomkraft – Ein Super-GAU für die Energiewende"
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IPPNW-Information: Radioaktive „Niedrigstrahlung“. Ein Blick auf die Fakten (PDF)

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