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Aus dem ATOM-Energie-Newsletter März 2017

145 Kinder in Fukushima mit Schilddrüsenkrebs

Schilddrüsenuntersuchung an einer privaten Klinik in Japan: Foto: Ian Thomas Ash
13.03.2017

Alle drei Monate werden in Fukushima die neuen Ergebnisse der Schilddrüsenuntersuchungen veröffentlicht. Ende Februar war es wieder soweit und im Vergleich zur letzten Datenveröffentlichung sind 10 weitere Krebsfälle hinzugekommen. Die Häufigkeit an Neuerkrankungen nimmt also weiterhin zu und übersteigt die normale Rate mittlerweile um das 27-fache.

Seit 2011 werden bei allen Bewohnern der Präfektur Fukushima, die zum Zeitpunkt des mehrfachen Super-GAUs im März 2011 jünger als 18 Jahre alt waren alle zwei Jahre die Schilddrüsen untersucht. Während die Erstuntersuchungen zwischen Oktober 2011 und März 2014 liefen, erfolgten die Zweituntersuchungen von April 2014 bis April 2016 und die dritte Runde der Untersuchungen seit Mai 2016. Aus der dritten Untersuchungsrunde liegen bislang noch keine Ergebnisse vor, so dass sich die aktuelle Auswertung auf die Ergebnisse der ersten beiden Untersuchungsrunden beschränken muss. 

Von den anvisierten 381.281 betroffenen Kindern wurden in der ersten Runde insgesamt 300.476 untersucht, in der zweiten Runde lediglich 270.378 (70,9%). Das Schicksal der übrigen rund 110.000 Kinder, immerhin knapp 30% der betroffenen Bevölkerung, wird in keiner wissenschaftlichen Studie erfasst. Sie sind entweder unbekannt verzogen, wurden durch die restriktive Handhabung der Untersuchungen an einer Teilnahme am Screening gehindert oder lehnten die Untersuchung ab. Gerade diese letzte Variante wird seit kurzem von der Fukushima Medical University sogar aktiv unterstützt (siehe IPPNW ATOM-Energie-Newsletter August 2016). 

Besorgniserregend ist die Tatsache, dass im Zweitscreening bei 59,8% Knoten oder Zysten gefunden wurden. Im Erstscreening lag diese Rate noch bei 48,5%. Das bedeutet, dass bei 42.429 Kindern, bei denen im ersten Screening noch gar keine Schilddrüsenanomalien gefunden wurden, im Zweitscreening Zysten oder Knoten festgestellt wurden – bei 393 von ihnen sogar so große, dass eine weitere Abklärung dringend notwendig wurde. Zusätzlich wurde bei 939 Kindern mit kleinen Zysten oder Knoten im Erst-Screening in der zweiten Untersuchung ein so rasches Wachstum festgestellt, dass weitergehende Diagnostik eingeleitet werden musste. Dies sind allesamt beunruhigende Zahlen, zeigen sie doch eine gewisse Dynamik in der Morbidität zwischen dem Erst- und Zweitscreening. 

Bei insgesamt 734 Kindern waren bislang aufgrund schwerer Veränderungen in der Ultraschalluntersuchung Feinnadelbiopsien notwendig (545 in der ersten Runde, 189 in der zweiten Runde). Die mikroskopische Aufarbeitung ergab insgesamt 184 Krebsverdachtsfälle (116 in der ersten Runde, 68 in der zweiten Runde). 146 dieser Kinder mussten bislang auf Grund von Lymphknotenmetastasen (22,4%), Fernmetastasen (2,4%) oder gefährlich großem Wachstum des Tumors (Prozentsatz unbekannt) operiert werden (102 in der ersten Runde, 44 in der zweiten Runde). In etwa 91% der Fälle wurde nur ein Schilddrüsenlappen entfernt, in etwa 9% der Fälle musste die gesamte Schilddrüse entfernt werden. Bei 145 Kindern (99,3%) bestätigte sich in der feingeweblichen Aufarbeitung der Krebsverdacht. In 143 Fallen fand man histologisch ein „Papilläres Schilddrüsenkarzinom“, in zwei Fällen ein „anderweitiges“ oder „schlecht differenziertes“ Schilddrüsenkarzinom. In einem Fall zeigte sich ein gutartiger Tumor. Bei 38 weiteren Kindern besteht weiterhin der akute Verdacht auf ein Schilddrüsenkarzinom (14 aus der ersten Runde, 24 aus der zweiten Runde). Sie warten noch auf eine Operation.

Bei den 101 Krebsfällen der ersten Screening-Runde lässt sich nicht eindeutig klären, in welchem Umfang diese auf den sogenannten Screeningeffekt zurückzuführen sind, also Diagnosen darstellen, die sich eigentlich erst später im Leben zeigen würden, durch die Reihenuntersuchungen klinisch gesunder Probanden aber frühzeitig erkannt wurden. Die 44 neu diagnostizierten Krebsfälle aus der zweiten Runde müssen sich allerdings im Zeitraum zwischen der Erst- und der Zweituntersuchung entwickelt haben.

Geht man davon aus, dass zwischen der Erst- und Zweituntersuchung wie vorgesehen jeweils 2 Jahre liegen, dann ist von einer jährlichen Neuerkrankungsrate (Inzidenz) von derzeit 8,1 Fällen pro Jahr pro 100.000 Kinder auszugehen (44 Neuerkrankungen in einer Population von 270.454 Kindern über einen Zeitraum von 2 Jahren). Die Inzidenz für Schilddrüsenkrebs bei Kindern lag in Japan vor den Kernschmelzen von Fukushima bei 0,3 pro 100.000. Dieser Anstieg in der Inzidenz von Schilddrüsenkrebs bei Kindern um etwa das 27-fache lässt sich nicht mehr mit einem sogenannten „Screening-Effekt“ begründen.

Mittlerweile wurde zudem bekannt, dass es bereits die ersten Rückfälle gegeben hat, also Patienten, deren Krebs operiert wurde, die nun in den Folgeuntersuchungen erneut Krebsgeschwüre hatten. Professor Shunichi Suzuki der Fukushima Medical University sprach in einem Internationalen Symposium in Fukushima Stadt am 26. September 2016 von einer Rückfallrate von „einigen Prozent“. Diese Informationen belegen erneut, dass es sich beim kindlichen Schilddrüsenkarzinom zwar prinzipiell um eine gut behandelbare Krankheit handelt, dass Komplikationen jedoch nie ausgeschlossen werden können. Neben dem lebenslangen Stigma, welches eine Krebserkrankung immer mit sich bringt, der Notwendigkeit einer dauerhaften Medikamenteneinnahme und regelmäßiger ärztlichen Untersuchungen stellt die Sorge um Rückfälle und lebensbedrohliche Komplikationen eine nicht zu vernachlässigende Belastung der betroffenen Patienten und deren Familien dar, die in den Statistiken und Pressekonferenzen der Fukushima Medical University schlichtweg ignoriert wird.

Dr. med. Alex Rosen



Quellen




Foto: Schilddrüsenuntersuchung an einer privaten Klinik in Japan: Foto: Ian Thomas Ash

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