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Folgenschwerer Traumstart von Siemens

Digitale Leittechnik

22.07.2005

Im Jahr 1998 hat Siemens im Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 die Kraftwerkssteuerung in sicherheitsrelevanten Bereichen auf digitale Leittechnik umgerüstet. Am 10. Mai 2000 war diese digitale Leittechnik dafür verantwortlich, dass mit der Reaktorschnellabschaltung das zentrale Sicherheitssystem des Reaktors blockiert war. Obwohl die neue Technik noch in den Kinderschuhen steckt, wird überall auf sie umgerüstet. Fachleute des TÜV Süd und die Reaktorsicherheitskommission sehen offenbar gravierende Sicherheitsrisiken.

Seit vielen Jahren berichtet Siemens in Pressemitteilungen regelmäßig darüber, dass die neue digitale Sicherheitsleittechnik mit der Bezeichnung "TELEPERM XS" in die verschiedensten Atomkraftwerke eingebaut werde: in ein neues Atomkraftwerk in China ebenso wie in verschiedene Reaktoren in Osteuropa, in den "Europäischen Druckwasserreaktor" (EPR) in Finnland und in Form schrittweiser Umrüstungen auch in die laufenden deutschen Atomanlagen. Digital, das klingt neu, modern und supersicher. "TELEPERM XS" war für viele der Inbegriff für die computergestützte, intelligente Steuerung der Sicherheitssysteme in Atomkraftwerken.



"Traumstart" in "Rekord"-Zeit

1998 wurde TELEPERM XS in das Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 in sicherheitsrelevanten Bereichen des Kraftwerks eingebaut. Siemens schreibt in einer Veröffentlichung von einem "Rekord" und von einem "Traumstart", weil das neue System in nur 19 Tagen installiert wurde! Die digitale Leittechnik wurde in aller Schnelle auch für die Stabsteuerung, das heißt für die Steuerung der Reaktorschnellabschaltung, installiert.Am 10. Mai 2000 versagte dann in Neckarwestheim-1 die neue Technik: Es kam zu einer Blockade der für eine Reaktorschnellabschaltung erforderlichen Steuerstäbe. Damit war das zentrale Sicherheitssystem des Reaktors ausgefallen. Außerdem war die automatische Steuerung der betrieblichen Bor und Deionateinspeisung und einer HD-Förderpumpe blockiert und es kam ungewollt zu einer schnellen Absenkung der Generatorleistung. Eine Vielzahl an Fehlsteuerungen!

 

Experten: digital war schuld!

In der Analyse durch die atomenergie-freundliche Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und die Reaktorsicherheitskommission (RSK) wurde festgestellt, dass die Fehler ausschließlich auf die digitale Leittechnik zurückzuführen sind. Die RSK beschloss ein wenig hilflos, "die Betriebserfahrungen mit digitaler Leittechnik zyklisch zu beraten."Die GRS machte die "Komplexität des Systems" maßgeblich verantwortlich für diese Fehlfunktion. Komplex deswegen, weil in der deutschen Atomanlage alte analoge Technik und neue digitale Technik miteinander klar kommen müssen. Komplex auch deswegen, weil die Steuerung eines Atomkraftwerks alles andere als trivial ist.

 

Komplex ist gar kein Ausdruck!

Im Europäischen Druckwasser-Reaktor zum Beispiel müssen Computer in rund 850.000 Kubikmeter umbautem Raum mit 17.000 Rohrsträngen mit einer Länge von 150.000 Metern und 30.000 Halterungen insgesamt rund 20.000 Armaturen, 1000 verfahrenstechnische Apparate bzw. Aggregate und 5000 elektrische Verbraucher sinnvoll koordinieren. Es liegt auf der Hand, dass bei einem derart komplexen System Fehlsteuerungen vorprogrammiert sind.

 

Programmierfehler

Der TÜV Süd soll offenbar erhebliche Probleme bei der digitalen Leittechnik sehen. Das zentrale Problem bestehe darin, dass sich Fehler in der Software gleichzeitig auf mehrere Teilsysteme ("Redundanzen") auswirken könnten und es somit zum vollständigen Versagen von Sicherheitssystemen kommen könnte. Entsprechende Programmierfehler in der Software könnten zudem leicht unentdeckt bleiben. Die vom TÜV Süd erkannten Probleme seien keine spekulativen Einschätzungen, sondern basierten auf konkreten Störungen in deutschen Atomkraftwerken.

Auch Siemens selbst sieht nicht unerhebliche Probleme mit der digitalen Leittechnik. In einem Beitrag für die Zeitschrift atw vom Februar 2005 wird beispielsweise betont, dass der Umstieg auf digitale Leittechnik "andersartige Wartungstätigkeiten" mit entsprechenden "Auswirkungen auf die Qualifikationsanforderungen an das Personal" zur Folge hat. Auch wird festgestellt, dass die "zur Verfügung stehende Austauschzeit in der Revision" hinreichend sein muss eine späte Einsicht, nachdem Siemens in Neckarwestheim noch den "Traumstart" in "Rekord"-Zeit gefeiert hatte.

 

Augen zu und durch

Die Atomwirtschaft wäre nicht die Atomwirtschaft, wenn es nicht nach dem Motto ginge: "Augen zu und durch". Nun ist man einmal eingestiegen in die neue digitale Welt und schon mangelt es an Ersatzteilen für die alte, analoge Leittechnik. Angetrieben von einer Modernisierungswut bleibt dem einzelnen Betreiber nach Auskunft von Fachleuten scheinbar überhaupt nichts anderes übrig, als schrittweise umzurüsten.

Die Ersatzteil-Problematik scheint sich aber auch schon für die digitale Leittechnik abzuzeichnen, wie Siemens – selbstkritisch? – anmerkt: "Das Problem der Verfügbarkeit von Ersatzteilen beim Hersteller wird durch immer kürzer werdende Innovationszyklen nicht gerade verbessert.

Der Atomkraftwerksbetrieb scheint durch die digitale Leittechnik nicht sicherer zu werden. Programmierfehler könnten zielsicher zum Super-GAU führen.

Von Henrik Paulitz

Foto: 

Ansprechpartner


Henrik Paulitz
Referent für Energiepolitik
Tel. 06257-505-1707
Email: paulitz[at]ippnw.de

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