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Gravierende Fehler bei Elektroarbeiten in Biblis A nachgewiesen

RWE und Atomaufsicht in Erklärungsnot

09.12.2009

Nach Angaben eines vor einigen Jahren in Biblis A tätigen Elektromonteurs wurden dort bei sicherheitstechnischen Nachrüstungen gravierende Fehler gemacht. Da sein ehemaliger Arbeitgeber Siemens offenbar nichts unternahm, wandte sich der Elektromonteur schließlich an die IPPNW. Diese machte Druck bei der Atomaufsicht. Doch RWE und die hessische Atomaufsicht wiesen alle Vorwürfe weit von sich. Die IPPNW machte weiter Druck, bis von der Bundesatomaufsicht schließlich ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben wurde. Ergebnis: Die meisten Vorwürfe konnten nachweislich bestätigt werden.

Konkret geht es um "Fehlplanungen" und ein "organisatorisches Chaos" bei sicherheitstechnischen Nachrüstungen, um fehlerhafter Arbeiten einer Elektroinstallationsfirma, um nicht fachgerechte Arbeiten aufgrund von fehlendem Werkzeug in der Nachtschicht, um Schäden in Folge von Kurzschlüssen, weil das Personal nicht über die erforderliche Routine verfügt habe, um den Verzicht auf den Austausch schadhafter Komponenten, um den Abzug von Personal allein aus Kostengründen und um zu schwache Antriebsmotoren für sicherheitstechnisch wichtige Komponenten. Der TÜV soll von diesen Dingen Vieles nicht mitbekommen haben.  

 

 

RWE und die hessische Atomaufsicht dementierten - wahrheitswidrig

Der Atomkonzern RWE und die hessische Atomaufsicht dementierten jahrelang gegenüber der IPPNW und der Öffentlichkeit, dass zahlreiche Vorwürfe des Elektromonteuers den Tatsachen entsprechen.

In einem Schreiben vom 12. September 2007 hat die hessische Atomaufsicht der IPPNW gegenüber wahrheitswidrig behauptet, die Vorwürfe seien völlig haltlos. In dem Schreiben heißt es wörtlich:

"Die von Ihnen vorgetragenen Sachverhalte zu Block A habe ich unter Einschaltung von Sachverständigen überprüft. Im Ergebnis zeigt sich auch hier, dass keine Anhaltspunkte vorliegen, die diese Vorwürfe bestätigen." 

Ebenso behauptete RWE gegenüber Presse und Öffentlichkeit, an allen Vorwürfen sei nichts dran.

Selbst die Pressestelle der Bundesatomaufsicht wiegelte Medien gegenüber ab, obwohl die Fachabteilung des Ministeriums anderer Meinung war.

Der IPPNW ist seit Jahren bekannt, dass die Vorwürfe hinter den Kulissen sowohl bei der Landes- als auch bei der Bundesaufsicht sehr Ernst genommen wurden. Von Gutachtern wurden zahlreiche Stellungnahmen eingeholt, in denen, anders als öffentlich dargestellt, immer wieder auch Vorwürfe eingeräumt wurden.  

Die IPPNW lässt seit Jahren nicht locker und verlangt eine umfassende Aufklärung. Schritt für Schritt kommt die Wahrheit ans Licht.

Die vorläufige Krönung ist die Pressemitteilung der RWE Power AG vom 21. Oktober 2009, in der vordergründig alles dementiert wird, ein verräterischer Satz aber durchgerutscht ist.
So räumte der Leiter des Atomkraftwerks Biblis, Hartmut Lauer, in der Mitteilung ein, dass die Vorwürfen zumindest teilweise zutrafen und Mängel behoben werden mussten: "Es ist für uns selbstverständlich, Auffälligkeiten ... zu erkennen und ... zu beheben. Dies ist auch in diesen Fällen frühzeitig erfolgt." 

 

 

Die Vorwürfe und eine erdrückende Beweislage

Die Vorwürfe des Elektromonteurs wurden vom Öko-Institut im Auftrag der Bundesatomaufsicht untersucht. Das Gutachten mit dem Titel "Untersuchung von Hinweisen des IPPNW auf mögliche Sicherheitsdefizite im Kernkraftwerk Biblis" vom 21. November 2008 bestätigt zahlreiche Vorwürfe. 

Die IPPNW konnte weitere Vorwürfe inzwischen wasserdicht nachweisen.

Nachfolgend eine Dokumentation inzwischen bestätigten bzw. wasserdicht bewiesenen Vorwürfe im Detail.

 

Vorwurf: Die Strahlenbelastung für die Beschäftigten ist in Biblis sehr viel höher als in anderen Atomkraftwerken

Der Elektromonteur beklagte sich darüber, dass im Atomkraftwerk Biblis die Strahlenbelastung für das Personal sehr viel höher sei als in anderen deutschen Atomkraftwerken.

Diese Aussage wurde zum einen durch den ebenfalls vor Jahren in Bibils eingesetzten Prüfingenieur Wilfried Rindte bestätigt. Somit liegen zwei Zeugenaussagen vor, wonach das Personal im Atomkraftwerk Biblis einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt ist. Rindte wurde in einem kontaminierten Rohrleitungskanal des Not- und Nachkühlsystems von Biblis radioaktiv verstrahlt. Er ist seit Jahren erkrankt.

Zum anderen weist das Öko-Institut in seinem Gutachten die erhöhte Strahlenbelastung anhand amtlicher Werte nach. In dem Gutachten heißt es (S. 49f.): 

"Im Jahr 2002 erreichten in KWB-A [Kernkraftwerk Biblis A, d. Verf.] die mittleren Personendosen des Fremdpersonals laut /GRS 04/ Werte von mehr als 3,2 mSv, den mit Abstand höchsten Wert von allen Druckwasserreaktoren in den Jahren 2002 und 2003. Im Jahr 2003 lag der Mittelwert der Anlagen der 1. bis 3. Generation im Bereich von 0,08 - 0,9 mSv/Jahr, mit Ausnahme von Biblis A, das 2,5 mSv/Jahr erreichte. Hinsichtlich der Strahlendosis der einzelnen Fremd-Beschäftigten erreichten in KWB-A immerhin 1% Werte von mehr als 10 mSv/Jahr, das entspricht in etwa 20 Mitarbeitern. (...)
Arbeiten ohne Pausen und unter Zeitdruck, bei vergleichsweise hoher Strahlenbelastung, sowie physischer und psychischer Belastung aufgrund auftretender Mängel, der Einnahme von Medikamenten, schlechter Betriebsatmosphäre sowie fehlenden Ansprechpartnern sind Elemente einer schlechten Arbeitsorganisation und können die Qualität der Arbeiten negativ beeinflussen."

 

Vorwurf: Bei der Planung von Nachrüstungen ("Änderungsmaßnahmen") im Atomkraftwerksblock Biblis A wurden Fehler gemacht (Planungsfehler)

Das Öko-Institut schreibt hierzu (S. 70):

"Es hat Planungsfehler in der Elektro- und Leittechnik der Änderungsmaßnahme A 23/99 gegeben."

Es sei ferner "nicht auszuschließen, dass derzeit noch weitere Planungsfehler in der Anlage vorhanden sind."

Planungsfehler können laut Öko-Institut (S. 22) "deshalb noch vorhanden sein, weil die nachträgliche Überprüfung sich nach den uns vorliegenden Informationen auf einen Abgleich der bereits dokumentierten Grüneinträge mit dem Ist-Zustand vor Ort beschränkte."

 

Vorwurf: Bei der Durchführung der Nachrüstungen im Atomkraftwerksblock Biblis A wurden Fehler gemacht (Montagefehler)

Das Öko-Institut schreibt hierzu (S. 71):

"Das Ereignis 02/93, VB07/02 belegt, dass es im Zusammenhang mit A 23/99 Montagefehler gegeben hat."

Es sei möglich, dass "nicht alle potenziellen Montagefehler insbesondere in den Schaltschränken und an den Armaturantrieben erkennbar waren und dadurch bereits behoben wurden."

 

Vorwurf: Bei der Dokumentation von Sicherheitssystemen wurden Fehler gemacht, die Pläne waren vielfach falsch (Dokumentationsfehler)

Während das hessische Umweltministerium gegenüber der IPPNW alle Vorwürfe bestritt (siehe oben), räumte es in einem nicht veröffentlichten Schreiben gegenüber der Bundesatomaufsicht ein, dass es Dokumentationsfehler gab.  

In dem Schreiben des hessischen Umweltministeriums an das Bundesumweltministerium vom 27. August 2008 heißt es laut Öko-Institut (S. 30) wörtlich:

"Außerdem wurden Übertragungsfehler bei der Übernahme von Änderungen aus den 'As Built'-Plänen (Pläne mit Rot- und Grün-Einträgen aus der Inbetriebsetzung) in die Reinschrift detektiert. Auffällig war weiterhin, dass das Erstellungsdatum der Reinschriftpläne mehrfach noch vor dem Datum der 'Freigabe zur Planrevision' lag, was nicht nachvollzogen werden konnte.
Insgesamt wurde festgestellt, dass hinsichtlich der Qualitätssicherung bei der Prüfung der Enddokumentation sowie bei der Übernahme der 'As Built'-Angaben in die Reinschrift durch die jeweils zuständige RWE-Abteilung Verbesserungsbedarf bestand. 
(...)
Für die Nachrüstungsmaßnahme A 23/99 "wurde durch den Betreiber eine 100% Sonderprüfung aller Pläne (ca. 1600 Stück, davon ca. 1000 Stromlaufpläne) vorgenommen. Die Überarbeitung der fehlerhaften Pläne wurde bis Ende 2007 abgeschlossen."

Das Öko-Institut schreibt zusammenfassend (S. 72):

"Die seitens des Elektromonteurs erhobenen Vorwürfe zu Fehlern in der Anlagendokumentation haben sich teilweise als den Tatsachen entsprechend erwiesen."

Das Öko-Institut betont, dass fehlerhafte Pläne bzw. eine fehlerhafte Anlagendokumentation eine erhebliche sicherheitstechnische Bedeutung hat und insofern einen Sicherheitsmangel darstellt (S. 31f.):

"Eine nicht ordnungsgemäße, vom tatsächlichen Anlagenzustand abweichende Dokumentation in den Stromlaufplänen und den Schaltanlagenplänen kann zu Fehlplanungen oder Fehlbeurteilung[en] führen und erschwert die Ereignisanalyse und spätere Fehlersuche bei Defekten in der Leittechnik. Abweichungen in der Dokumentation können Ist-Aufnahmen  vor Ort (...) erforderlich machen, die mit einer zusätzlichen Strahlenexposition der beauftragten Mitarbeiter verbunden sein können.
Mangelhafte bzw. nicht realisierte Pläne aufgrund nicht sachkundiger Planung können am Anfang einer Kette von Folgefehlern stehen (...) Das in diesem Fall unter anderem betroffene Not- und Nachkühlsystem muss im Anforderungsfall die langfristige Nachwärmeabfuhr des Reaktors sicherstellen und ist als Sicherheitssystem von hoher Bedeutung. (...) Eine unzureichende Anlagendokumentation (...) stellt daher einen sicherheitstechnischen Mangel dar. (...)
Der Hinweis auf umfangreichere und systematische Mängel kann daher von generischer Bedeutung für den gesamten Anlagenbetrieb sein, d. h. nicht nur für die Bereiche, von denen Herr (...) unmittelbar Kenntnisse hatte."

 

Vorwurf: RWE stellt nicht sicher, dass in Biblis hinreichend qualifiziertes Personal eingesetzt wurde

Das Öko-Institut schreibt hierzu (S. 45):

"Herr [Der Elektroingenier, d. Verf.] erwähnte, dass die Betreiberin die Änderungsmaßnahme A 23/99 als komplette Maßnahme der Firma Siemens/Areva überlassen habe, somit auch die Sicherstellung der Qualifizierung des Fachpersonals.
Die Stellungnahme der Betreiberin zu einem Teil der Vorwürfe bestätigt zumindest diese Aufassung (...)
Insofern ist auch bei der Durchführung weiterer Änderungsmaßnahmen nicht auszuschließen, dass die Betreiberin ihre gemäß Regelwerk vorgeschriebene Kontrolle der beruflichen Qualifikation und Eignung des in ihrer Anlage an sicherheitstechnisch relevanten Systemen eingesetzten Personals nicht wahrnimmt. (...)
Die Stellungnahme der Anlagenbetreiberin ist unserer Ansicht nach nicht geeignet, die erhobenen Vorwürfe hinsichtlich der ausreichenden Qualifizierung des eingesetzten Fremdpersonals für die Planung, Montage und Inbetriebnahme (...) in ausreichendem Umfang zu widerlegen. Sie legt im Gegenteil nahe, dass die Betreiberin ihre Pflichten bei der Sicherstellung qualifizierten Personals von Änderungsmaßnahmen möglicherweise nicht wahrnimmt, sondern den Auftragnehmern überlässt."

 

Vorwurf: Die Qualitätssicherung der Nachrüstung durch die Betreiberin RWE war völlig unzulänglich

In dem Schreiben des hessischen Umweltministeriums an das Bundesumweltministerium vom 27. August 2008 heißt es laut Öko-Institut (S. 30) dazu wörtlich:

"Insgesamt wurde festgestellt, dass hinsichtlich der Qualitätssicherung ... durch die jeweils zuständige RWE-Abteilung Verbesserungsbedarf bestand."

Das Öko-Institut schreibt (S. 60):

"Eine begleitende Kontrolle der Änderungsmaßnahme durch die Betreiberin ist dagegen geeignet, frühzeitig Mängel bei der Fertigung zu erkennen und Abhilfe zu schaffen.
Auch der TÜV betont ausdrücklich, dass die Betreiberin, wenn die Arbeiten nicht von eigenem Personal durchgeführt wurden, auf jeden Fall Kontrollen vor Ort zur Gewährleistung der Qualität der Arbeit durchzuführen hat."

 

Redaktioneller Hinweis: Dieser Teil der Website ist derzeit noch in Bearbeitung. Es gibt zahlreiche weitere bestätigte Vorwürfe!

 

 

Pressemitteilungen

Verräterische Ungereimtheiten
Biblis-Gutachten bringt Vertuschungsversuche ans Licht
22. Okt. 2009

Gutachten bestätigt Vorwürfe der IPPNW - Hessische Atomaufsicht hat Atomkritiker belogen
Grobe Schlampereien im Atomkraftwerk Biblis
20. Okt. 2009

Atomkraftwerk Biblis
Misssstände lassen sich nicht einfach wegdiskutieren
3. Aug. 2007

Gravierende Missstände im Atomkraftwerk Biblis
Ehemalige Beschäftigte erheben Vorwürfe

1. Aug. 2007
 

Fehler können zum Super-GAU führen
Schlampereien im Atomkraftwerk Biblis
09.08.2006 

 

 

Hintergrundmaterial

Viele gut dokumentierte und belegte Fallbeispiele für Schlampereien im Atomkraftwerk Biblis finden Sie im

IPPNW-Bericht "Fehlende Zuverlässigkeit und Fachkenntnisse des Biblis-Betreibers RWE und des Personals"

vom August 2008, Autor: Henrik Paulitz (Anlage D der Begründung der IPPNW-Klage auf Stilllegung des Atomkraftwerksblocks Biblis B).

 

 

Zur RWE-Pressemitteilung vom 21.10.2009

Die RWE Power AG sah sich am 21. Oktober 2009 gezwungen, mit einer Pressemitteilung auf die Vorwürfe zu reagieren. Was ist von den Aussagen von RWE zu halten?

RWE schreibt: "Alte Behauptungen" - "Substanziell nichts Neues"

In der Tat liegen die Erfahrungen der beiden in Biblis tätigen Fachleute einige Jahre zurück. Weil aber RWE und die hessische Atomaufsichtsbehörde die interessierte Öffentlichkeit nicht schnell, umfassend und wahrheitsgemäß informiert haben, ist die Aufklärung der Vorwürfe bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen. Erst jetzt wurde auch bekannt, dass das Gutachten des Öko-Intituts zu diesen Vorwürfen inzwischen fertiggestellt ist. Warum geht RWE eigentlich mit keinem Wort auf dieses neue Gutachten ein? 

RWE schreibt: Zwei Fremdfirmenmitarbeiter seien mit "diffusen Behauptungen" an die Öffentlichkeit gegangen. 

Die Vorwürfe der beiden Fremdfirmenmitarbeiter, die im Unterauftrag von Siemens bzw. als Siemens-Angestellte in Biblis tätig waren, waren präzise. Die IPPNW hat alle Vorwürfe sauber dokumentiert und wiederholt der Atomaufsicht übermittelt. Das Öko-Institut hat den in Biblis A tätigen Fachmann nochmals befragt und alle Vorwürfe in einem Protokoll festgehalten. Der in Biblis B tätige Fachmann trug seine Vorwürfe der Bundesatomaufsicht im Rahmen eines Fachgesprächs mit der Gesellschaft für Reaktorsicherheit und Aufsichtsbeamten aus Hessen detailliert vor.

RWE schreibt:  "Alle erhobenen Vorwürfe konnten längst ausgeräumt werden."

Das ist nachweislich falsch.  Siehe Pressemitteilungen der IPPNW. Siehe Gutachten des Öko-Instituts. Siehe interne Ausführungen der hessischen Atomaufsicht. Weitere Erläuterungen folgen in Kürze auf dieser Seite.

Kraftwerksleiter Hartmut Lauer gibt im Übrigen in der Pressemitteilung vom 21. Oktober 2009 selbst zu, dass an den Vorwürfen etwas dran war und Mängel behoben werden mussten: "Es ist für uns selbstverständlich, Auffälligkeiten ... zu erkennen und ... zu beheben. Dies ist auch in diesen Fällen frühzeitig erfolgt."

RWE schreibt: "Die Sicherheit des Kraftwerks Biblis stand und steht außer Frage."

Das Öko-Institut bestätigt in seinem Gutachten vom 21. November 2008 Planungs- und Montagefehler bei sicherheitsrelevanten Elektroarbeiten in Biblis. Der Elektromonteur war an Armaturen tätig, die im "Notstandsfall" bzw. "für die Beherrschung von Auslegungsstörfällen relevant sind und in ihrer Leittechnik Schnittstellen zum Reaktorschutz aufweisen".

Das Öko-Institut schreibt ferner, dass es auch heute noch unterkannte "Montagefehler insbesondere in den Schaltschränken und an den Armaturantrieben" geben kann. Zudem gibt es den bislang nicht aufgeklärten "Vorwurf, dass Fehler in der Beschaltung von Vorrangbaugruppen AV31 des Reaktorschutzes vorliegen". Der Reaktorschutz ist das Herz der Kraftwerkssteuerung, mit dem die Anlage notfalls in einen sicheren Zustand gebracht werden soll.

Die Behauptung von RWE, die Sicherheit sei stets gewährleistet, ist vor diesem Hintergrund völlig abwegig.

RWE schreibt:  Die Kritikpunkte wurden "unter den Augen der Öffentlichkeit" von Gutachtern geprüft.

Weder RWE noch die hessische Atomaufsicht haben die Öffentlichkeit angemesen informiert.  Die vorliegend analysierte RWE-Pressemitteilung  vom 21. Oktober 2009 bestätigt dies erneut: Indem das aktuelle Gutachten des Öko-Instituts von RWE noch nicht einmal erwähnt wird, beweist der Atomkonzern, wie wenig er zu einer umfassenden Aufklärung der Öffentlichkeit beiträgt.

Richtig ist, dass die IPPNW Zugang u.a. zu gutachterlichen Stellungnahmen des TÜV erhielt, was die Vorwürfe des in Biblis B tätigen Fachmanns angeht. Die IPPNW erhielt gewisse Informationen allerdings freiwillig nur von der Bundesatomaufsicht. Weitere Informationen musste sich die IPPNW über das Akteneinsichtsrechts im Zuge des laufenden Rechtsstreits mit dem hessischen Umweltministerium regelrecht erkämpfen.

Zu den Vorwürfen des in Biblis A tätigen Elektromonteurs erhielt die IPPNW keinerlei Zugang zu Gutachten oder gutachterliche Stellungnahmen. Es gab ein knappes Schreiben des hessischen Umweltministeriums vom 12. September 2007 an die IPPNW, in dem es wahrheitswidrig heißt: "Die von Ihnen vorgetragenen Sachverhalte zu Block A habe ich unter Einschaltung von Sachverständigen überprüft. Im Ergebnis zeigt sich auch hier, dass keine Anhaltspunkte vorliegen, die diese Vorwürfe bestätigen." Mit Schreiben vom 13. September 2007 bat die IPPNW das Ministerium darum, die eigenen Bewertungen sowie die Bewertungen des Sachverständigen vollständig zur Verfügung zu stellen. Die entsprechenden Unterlagen wurden aber verweigert. Es gab also keinerlei Möglichkeit, die Bewertungen der Gutachter zu überprüfen.

RWE schreibt: Es gehört zur Sicherheitskultur von RWE, dass auch alle Fremdfirmenmitarbeiter "aktiv aufgefordert werden, Auffälligkeiten in der Anlage zu melden".

Das mag so sein. Der in Biblis A eingesetzte damalige Siemens-Mitarbeiter berichtete aber, dass man Siemens als Arbeitgeber natürlich nicht beim TÜV und beim Betreiber schlecht machen wollte. Daher habe man nur Siemens-intern über die Probleme gesprochen. Hätte man den TÜV oder den Betreiber informiert, dann hätte das zu Verzögerungen bei den Nachrüstungen und für Siemens  zu deutlich erhöhten Kosten geführt. 

Weder RWE, noch der TÜV noch die Aufsichtsbeamten in Wiesbaden scheinen mitzubekommen, wenn Firmen wie Siemens oder AREVA im Atomkraftwerk Biblis unsachgerechte Arbeiten an Sicherheitssystemen ausführen.

RWE schreibt: Das hessische Umweltministerium hat ihre Sachverständigen und Gutachter hinzugezogen.

Das ist richtig. Das hessische Umweltministerium hat der IPPNW am 13. September 2007 mündlich mitgeteilt, dass der TÜV Nord und der TÜV Süd eingeschaltet worden seien.

Es ist nachvollziehbar, dass die TÜVs ihr eigenes Versagen bei den Kontrollen im Kraftwerk nicht bestätigen wollen. Da die Mitarbeiter der TÜVs nach Aussagen beider in Biblis beschäftigten Fachleute nicht mitbekamen, wenn unsachgemäß gearbeitet wurde, hätten die TÜVs sich selbst ein schlechtes Zeugnis ausstellen müssen, wenn sie die Vorwürfe bestätigt hätten. Die TÜVs mit der Untersuchung der Vorwürfe zu beauftragen war insofern ein untaugliches Mittel.

RWE schreibt: "Überhaupt nicht nachvollziehbar sind die Behauptungen zur Arbeitsatmosphäre im Kraftwerk Biblis."  

Es ist ein völlig untauglicher Versuch, die Berichte über die Arbeitsatmosphäre in Biblis mit einer erbetenen Stellungnahme eines derzeit noch bei RWE angestellten Mitarbeiters zurückzuweisen (Betriebsratsvorsitzender).

RWE hat erkennbar ein Problem damit, was der Elektromonteur über die Zustände in Biblis berichtet hat: Die Atmosphäre unter den mit Planung, Montage und Inbetriebsetzung beschäftigten Mitarbeitern sei durch Streit, Schuldzuweisungen, gegenseitige Vorwürfe, Intrigen und Lügen vergiftet gewesen. Umbauten an dem alten Reaktor hätten als extrem schwierig gegolten - das Motto sei gewesen: "In Biblis nichts anfassen, da steht man mit einem Bein im Gefängnis." Viele Mitarbeiter hätten Arbeiten nicht ausführen wollen, da sie "gezwungen gewesen wären, Pfusch machen zu müssen", womit sie sich rechtlich selbst in Gefahr hätten bringen können. Man habe sich dann beispielsweise lieber krank gemeldet, und Fehler durch falsche Messungen seien dem TÜV gar nicht erst mitgeteilt worden. 

RWE schreibt (Betriebsratsvorsitzender):  "Die polemischen Äußerungen eines Monteurs, der nur ein paar Tage in unserer Anlage gearbeitet hat ..."

Der Elektromonteur hat sich nicht polemisch, sondern sehr sachlich geäußert. Er war nicht nur wenige, sondern viele Tage in Biblis tätig (November 2001 und im Mai/Juni 2002). Der Monteur gibt an, im Zeitraum vom 3. Mai bis zum 5. Juni 2002 ohne freien Tag (also auch am Wochenende) bis zu siebzehn Stunden am Tag in Biblis beschäftigt gewesen zu sein.

RWE schreibt (Betriebsratsvorsitzender):  "... schade, dass hier jemand versucht, auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen ... für Schlagzeilen zu sorgen."

Der Elektromonteur hatte kein Interesse an Schlagzeilen. Es gab wiederholt Interview-Anfragen von Fernsehsendern, die er stets ablehnte. Auch verdeckt wollte er keine Interviews geben. Sein erklärtes Interesse bestand darin, dass man die - aufgrund der enormen Arbeitsbelastung und der Planungsfehler - von ihm von von Kollegen gemachten Fehler findet und beseitigt.  

Dass es auf Betreiben der IPPNW immer wieder zu Medienberichten kam, ist allerdings zu begrüßen, weil nur so bei der Atomaufsicht der erforderliche Druck entsteht, den Vorwürfen ernsthaft nachzugehen. Möglicherweise freuen sich auch Biblis-Beschäftigte sowie ehemals in Biblis eingesetzte Fremdfirmenmitarbeiter darüber, dass mal jemand über die Zustände in diesem Atomkraftwerk offen gesprochen hat. Es ist vorstellbar, dass sich die Arbeitsbedingungen aufgrund der Medienberichterstattung etwas verbessert haben könnten.   

 

Hintergrund

Die beiden Fachleute, die anonym bleiben wollen, sind grundsätzlich nach wie vor Atomenergie-Befürworter. Nach Angaben der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW haben sie übereinstimmend ausgesagt, dass technische Pläne von Sicherheitssystemen vielfach nicht der Realität entsprechen und dass derartige Pläne obendrein auch noch "manipuliert" worden seien. Sie sprechen von einer unzulässig geringen Personalstärke, von zum Teil unqualifiziertem Personal und davon, dass Arbeiten an sicherheitstechnisch wichtigen Komponenten wegen der hohen Strahlenbelastung teilweise unter sehr großem Zeitdruck durchgeführt werden mussten. Der in Biblis B eingesetzte Fachmann wurde bei Inspektionen des Notkühlsystems radioaktiv verstrahlt, was RWE einräumen musste.

Der in Biblis A eingesetzte Fachmann war am Aufbau einer Notsteuerstelle für sicherheitstechnisch wichtige Armaturen, Schieber und "Gebäudeabschlussklappen" beteiligt. Seine Kritik, dass die Planungs-, Montage- und Inbetriebsetzungsarbeiten fehlerhaft durchgeführt wurden, sieht er dadurch bestätigt, dass in Folge dieser Arbeiten am 5. Juni 2002 eine Gebäudeabschlussklappe in Biblis A nicht funktionierte (vgl. das offiziell gemeldete und veröffentlichte Ereignis Nr. 02/069). Er befürchtet darüber hinaus, dass es viele weitere Fehler gibt, die bislang unentdeckt blieben, im Notfall aber zum Versagen von sicherheitstechnisch wichtigen Komponenten führen könnten.

Die Schilderungen des Fachmanns über die angeblichen Zustände im Atomkraftwerk Biblis sind erschreckend und können im Rahmen dieser Pressemitteilung nur zum Teil wiedergegeben werden. Hier einige Auszüge:

"Man kann in Biblis A nicht von einer Fehlorganisation sprechen, sondern man kann das nur als Chaos bezeichnen. Einem organisatorischen Chaos und einem Chaos was die Planung und Durchführung der Änderungen betrifft. Die Atmosphäre war vergiftet durch Streit, Schuldzuweisungen, gegenseitigen Vorwürfen, Intrigen, Lügen und Bedrohung bis hin zur Nötigung zwischen dem gesamten Personal von Planung, Montage und Inbetriebsetzung."

"Desweiteren hat Herr [...] bemängelt, dass es völlig unzumutbar war, in der Nacht von einer Inbetriebsetzungstruppe [...] unzureichende Montagearbeiten wie z.B. Verdrahtungsänderungen am Unterverteiler sowie fehlerhafte Steckeranschlüsse und nicht angeschlossene Kabelverbindungen durchführen zu müssen. Unter anderem war es notwendig, spezielle Absteuerungsvarianten des Antriebs durch Einlöten von Dioden am Baugruppenträger der Steuerschränke vorzunehmen. Da wir für diese spezielle Arbeit keine entsprechende Routine hatten, kam es zu Kurzschlüssen bei denen dann ganze Anschlussstifte und Leitungsverbindungen schmolzen und erheblich beschädigt wurden. Wir haben diese schadhaften Stellen notdürftig wieder hergestellt. Wenn wir den TÜV informiert hätten, hätte der ganze Baugruppenträger ausgetauscht werden müssen, wodurch es zu erheblichen Kosten und Verzögerungen gekommen wäre. Manchmal wurde es auch notwendig, Ansteuerungssignale im Antrieb zu ändern. Das ist aber normalerweise verboten, weil die Antriebe eine Normverdrahtung besitzen. Die Signalzuführung war öfters so verdreht, dass dies nur noch durch Umverlegen der Drähte im Antrieb möglich war. Wir haben dann die Drähte nur verdrillt und haben keine Klemmen verwendet, da in der Nacht das Werkzeug fehlte, weil die Montagetruppe ja nicht mehr arbeitete. Die Strahlungsbelastung war auch oft sehr hoch, was uns gezwungen hat die Arbeiten noch schneller auszuführen."

"Herr [...] störte sich enorm daran, dass nur eine Elektroinstallationsfirma [...] Arbeiten im sicherheitstechnisch wichtigen Bereich durchführen durfte, die aber fehlerhaft und unzureichend ausgeführt wurden. Herr [...] hat auch kritisiert, dass man Herrn [...] als erfahrenen Antriebsspezialisten nach Finnland abgezogen hatte und dafür keinen qualitativ entsprechenden Ersatz zur Verfügung stellen konnte, der in der Nachtschicht dann fehlte."

Die IPPNW hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel eine Liste mit insgesamt 24 Vorwürfen der beiden Fachleute geschickt. Die meisten dieser Vorwürfe wurden dem Bundesumweltministerium jetzt erstmalig mitgeteilt. Ein Teil der Vorwürfe wurde bereits mit mehreren Schreiben seit März 2005 vorgetragen.

Bei den bislang vorgetragenen Punkten handelt es sich um Informationen des in Biblis B eingesetzten Fachmanns. In Folge der von der IPPNW wiederholt angemahnten Aufklärung wurden zentrale Vorwürfe offiziell bestätigt. So bestätigte beispielsweise der TÜV Süd, dass mehrere hundert so genannte "Stempelfelder" des Notkühlsystems in Biblis B nicht auffindbar bzw. nicht leserlich sind. Somit steht aber die Qualität des Notkühlsystems in Frage. Nach Angaben des Fachmanns ist es in anderen Industrieanlagen wie zum Beispiel Chemieanlagen und Raffinerien üblich, dass sicherheitstechnisch wichtige Rohrleitungen nicht "abgenommen" und ausgetauscht werden müssen, wenn "Stempelfelder" nicht lesbar und die sicherheitstechnischen "Nachweise" insofern nicht zu erbringen sind. Nicht so im hessischen Atomkraftwerk Biblis. "Es erstaunt schon, dass die deutschen Aufsichtsbehörden offenbar in Chemieanlagen bezüglich der Rohrleitungen höhere Sicherheitsstandards einfordern als in Atomkraftwerken", so Henrik Paulitz, Atomenergie-Referent der IPPNW.

Ein weiterer Vorwurf lautet: Im "Keller" des Reaktorgebäudes von Biblis B stand in Rohrleitungskanälen des Notkühlsystems wiederholt Wasser, unweit von sicherheitstechnisch extrem wichtigen Pumpen des Notkühlsystems. Auch dieser Vorwurf wurde inzwischen bestätigt. Diese Notkühlpumpen ("Nachkühlpumpen") versagen bei Überflutung, so die IPPNW, mit der möglichen Konsequenz, dass im Notfall der Reaktorkern nicht gekühlt werden kann und es zur gefürchteten Kernschmelze kommt.

Die Ursache der Wasseransammlungen in Rohrleitungskanälen des Notkühlsystems im Reaktorgebäude von Biblis B ist strittig. Der in Biblis B tätige Fachmann sagt aus, dass ein Strahlenschützer von RWE ihm mitgeteilt habe, dass bei Hochwasserständen des Rheins Wasser in das Reaktorgebäude von Biblis B eindringt. RWE bestreitet bislang, dass das Atomkraftwerk undicht sei und dass bei Hochwasserständen des Rheins Wasser in den "Keller" des Reaktorgebäudes eindringe.

Der Siemens-Konzern, für den der in Biblis A eingesetzte Fachmann in Biblis tätig war, versucht dessen Kritik unter Verweis auf den Ausgang seines arbeitsgerichtlichen Prozesses gegen Siemens abzutun. Für die hier erhobenen Vorwürfe ist ein solches Gerichtsverfahren allerdings nicht maßgebend, da Arbeitsgerichte nicht über sicherheitstechnische Fragen von Atomkraftwerken urteilen. Hierfür sind in Deutschland die Verwaltungsgerichte zuständig.

Von Henrik Paulitz

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