Kosovo war meine erste Wahl. Nicht, weil ich vorher so viel mit dem Land verband, sondern ganz im Gegenteil. Mein Wissen beschränkte sich auf Jahreszahlen und politische Ereignisse, die wir von ganz weit weg diskutierten, was sich manchmal komisch anfühlte und mich beschäftige. Wir haben im Geschichtsunterricht über den NATO-Einsatz 1999 im Kosovo gesprochen, die NATO griff damals als humanitäre Intervention ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrates ein. Der Einsatz legte den Grundstein für die darauffolgende “Responsibility to Protect”-Doktrin, die aber noch immer völkerrechtlich diskutiert wird. Auch wenn ich selbst nicht die Person bin, die große politische Entscheidungen treffen muss, fühlt es sich manchmal für mich so an, als hätten wir* (*globaler Norden, der von den Ergebnissen erzwungener Ungleichheit, neokolonialen Strukturen und der Ausbeutung des globalen Südens profitiert) ganz schön viel Macht für ganz schön wenig Wissen und Verständnis. Deshalb dachte ich, fange ich einfach mal beim Wissen und Verständnis an.
Ich landete also, inmitten meiner ganzen Fragen zu Machtstrukturen, Perspektiven und meiner eigenen Rolle darin Anfang August in Prishtinë - mit der Hoffnung, vielleicht ein paar Antworten näher zu kommen. Da die Wohnheime erst zu Semesterbeginn öffneten, bin ich selbst auf Wohnungssuche gegangen und habe trotz schwierigem Wohnungsmarkt eine kleine WG gefunden, die über die folgenden Wochen mein Zuhause wurde.
Famulatur
Durch einige organisatorische Veränderungen ergaben sich am Ende zwei Famulaturen, wobei die ippnw-Verbindungen, gerade für alles Bürokratische, eine enorme Hilfe waren. Die erste Famulatur absolvierte ich auf der pädiatrischen Intensivstation des University Clinical Center of Kosovo (UCCK) mit kurzen Einblicken in die Ambulanz, die Onkologie und die Neonatologie. Der Beginn war etwas schwierig, da Albanisch die Arbeitssprache und die Kommunikation mit Patient*innen dadurch für mich schwer war. Gleichzeitig hatte ich viele Kolleg*innen, die Englisch oder Deutsch sprachen und mir auch in den Frühbesprechungen und Visiten viel übersetzten und erklärten. Obwohl Famulaturen auf Intensivstationen oft weniger praktisch sind, weil sich Abläufe weniger wiederholen und sehr individuell behandelt wird, konnte ich trotzdem viel mitnehmen. Für einige Tage war außerdem eine PJlerin auf Station, sodass ich nebenbei auch ein paar Fragen zum Studium in Prishtinë loswerden konnte.
Die zweite Famulatur entstand über einen Kontakt im ippnw-Alumni-Netzwerk in der Cardiac-Arrest-Ambulanz. Dort bekam ich Einblicke in die kardiologischen und notfallmedizinischen Bereiche der Klinik. Die Tätigkeit unterschied sich deutlich von meiner vorherigen Station: der Durchlauf war viel höher und die Abläufe klarer strukturiert. Dadurch verstand ich nach ein paar Tagen besser, wie alles ineinandergreift und konnte an einzelnen Stellen, z.B. bei Echos oder ZVKs assistieren. Außerdem kamen regelmäßig Studierendengruppen mit Professoren vorbei, die sich Zeit nahmen, Fälle zu erklären, sodass ich auch dort fachlich und menschlich (einfach ein tolles Team!) viel mitnehmen konnte. Das Gesundheitssystem ist, so wie ich es erlebt habe, darauf ausgelegt, mit möglichst wenig Mitteln möglichst vielen Menschen Zugang zu Basisversorgung zu verschaffen. Dabei war die Ressourcenverteilung teilweise sehr unterschiedlich. Auf der pädiatrischen Onkologie wurde z.B. genau nach ESMO Leitlinien therapiert und viele Therapien wurden, falls sie im Kosovo nicht möglich waren, auch im Ausland übernommen. In der Cardiac-Arrest-Ambulanz hat es wiederum manchmal an wichtigen Medikamenten gemangelt, die nur wenige Euro kosten. Außerdem wurde mir erklärt, dass es zwar oft genug medizinisches Personal gibt, aber die Bezahlung im öffentlichen Sektor so niedrig ist, dass viele einen zweiten Job annehmen müssen oder in Privatkliniken wechseln, um sich die steigenden Lebenshaltungskosten in Prishtinë leisten zu können.
Prishtina Queer Festival
Parallel zu den Famulaturen bewarb ich mich für eine Volunteer-Stelle beim Prishtina Queer Festival, wodurch ich nochmal eine ganz andere Seite der Stadt kennenlernen konnte. Organisator ist die Gruppe dylberizm, die sich 2018 gründete, um eine albanischsprachige Plattform für LGBTQ+ Aufklärungsarbeit, Aktivismus und queere Kultur im Kosovo zu schaffen. “Dylberizm” kommt vom Wort dylber, was einerseits ein männlicher Vorname ist und mit “Regenbogen” übersetzt werden kann, andererseits historisch queere Personen bezeichnete. Obwohl der Ausdruck während des totalitären Regimes in Albanien weitgehend unterdrückt wurde, blieb er im kollektiven Gedächtnis erhalten. Heute wird er bewusst reclaimed, als inklusiver, selbstbestimmter Begriff und als lokale Alternative zum englischen Wort „queer". Für mich war die Festivalwoche eine der schönsten in Prishtinë, vor allem durch die großartige Community. Zwischen Workshops, Filmscreenings, Plakate kleben, kollektiven Kabelsuchaktionen und kleinen Begegnungen habe ich unglaublich viel an neuen Perspektiven, Ideen und Ressourcen dazugewonnen.
Im Alltag lernte ich Prishtinë vor allem durch Kaffee und die Menschen, mit denen ich ihn trank, kennen. Gespräche über Geschichte, Erinnerungskultur und Politik, sowohl national als auch international, entstanden überall und jederzeit, wodurch ich viel lernen konnte - zum Beispiel wie der Krieg und die immer noch bestehenden Konflikte bis in den heutigen Alltag hineinwirken und das Leben der folgenden Generationen weiter beeinflussen. Ich habe die Stadt aber auch als einen Ort der Subkultur kennengelernt, voller kleiner Theater, Bibliotheken, Bars, Kunstkollektive und Räume, um sich zu vernetzen und zusammenzukommen. Die Vielfalt und das Engagement von vielen Menschen, die ich getroffen habe, inspiriert und motiviert mich bis heute, wofür ich immer wieder dankbar bin.Deshalb möchte ich meinen Bericht gern beenden mit einer Leseempfehlung für die unabhängige journalistische Online-Plattform “Kosovo 2.0”, deren Arbeit und Artikel mich von Anfang an begleitet haben. Vielleicht kann ich auch so der „Macht der Single Story“ ** entgegenwirken - indem neben meinen Erfahrungen, neben meiner Realität, von der ich hier schreibe, noch ganz viele andere Perspektiven Platz haben.
** siehe „The Danger of a Single Story“ von Chimamanda Ngozi Adichie
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