Einige Minuten sind schon vergangen, seit ich hier im Novembersonnenlicht in meinem Bett sitze
und auf meine Tastatur starre. Es scheint mir eine unmögliche Aufgabe, im Umfang dieses kleinen
Berichtes ausgerechnet genau die Worte zu treffen, die diese unbeschreiblichen zwei Monate in
Kenia doch irgendwie würdig beschreiben sollen. Trotzdem gebe ich dem hier einen Versuch:
Als die Zusage für Kenia kam, überfiel mich zunächst die Vorfreude darüber, dass ich tatsächlich
diese wertvolle Chance bekommen sollte. Mit der Realisation regten sich allerdings auch
allmählich die Zweifel in mir, die mit meiner ersten Reise in ein Land und eine Kultur
zusammenhingen, die mir so unbekannt waren. Was, wenn ich unwissentlich in ein kulturelles
Fettnäpfchen trat? Was erhoffte ich mir eigentlich als Gaststudierende und konnte ich
dahinterstehen? Und für mich das Größte: Wie konnte ich mit dem Perspektivwechsel umgehen,
wo ich mich in Deutschland bisher als POC identifizierte, nun in diesem neuen Kontext das erste
Mal weiß zu sein? Umso dankbarer war ich für den Input des Vorbereitungswochenendes und der
Alumnis der vorangegangenen Jahre. Sowohl bezüglich rein praktischer Angelegenheiten, als
auch für den großen Reflexionsstein, den sie in mir zum Rollen brachten – der jetzt, Monate nach
der Reise, noch immer rollt! Allein dieser Abschnitt, meine Lehren und Erkenntnisse daraus wären
bereits eine Teilnahme wert gewesen.
So, wie unsere Vorgängerinnen (für Kenia gab es zwei Plätze) von ihrem Aufenthalt und den
Menschen in Eldoret geschwärmt hatten, fiel es Jonah und mir nicht schwer, uns schnell auf diese
Stadt für unsere Famulaturen festzulegen. Die IPPNW-Studis in Kenia sind super aktiv und
engagiert, sodass ich mich, falls überhaupt mal etwas an Organisationsaufgaben zu mir
durchsickerte, sehr großzügig unterstützt fühlte. Anders also, als in anfänglicher Überforderung
befürchtet, wirklich total unkompliziert! Ich verbrachte vier Wochen auf der Neonatologie im
MTRH, die recht groß und mit ihren vielen Untergliederungen wie der Intensiv- und
Chirurgiestation sehr differenziert aufgestellt ist. Als ich mich an meinem ersten Tag darum
bemühte, niemandem im Weg zu stehen, und eine Pflegerin mich fragte, warum ich denn nur so
rumstünde, wurde schon die Herausforderung deutlich, mit der ich mich in den kommenden
Wochen konfrontiert sehen würde. Den Studierenden wird in Kenia deutlich früher schon viel mehr
an praktischen Fähigkeiten zugemutet als in Deutschland, wodurch sie super fit und involviert sind
im Stationsgeschehen. Mit der Zurückhaltung, die mich das deutsche System mein Studium lang
gelehrt hat und dem daraus hervorgehenden Stand meiner Kompetenzen musste ich mich also an
das Gefühl gewöhnen, recht nutzlos zu sein. Andersrum bedeutete das, dass ich ungemein viel
von meinem Umfeld und den Studierenden lernen konnte, die mich mit ihrer Motivation und ihren
Skills sehr inspirierten. Als sich nach ein paar Wochen bei mir das Interesse auftat, mal im
Kreißsaal und den Kaiserschnitten im OP reinzuschnuppern, wurde ich von den Studierenden in
dieser Rotation, aber auch den Beschäftigten wieder mit viel Freude empfangen und
mitgenommen.

Im Anschluss an die Famulatur waren zwei Wochen eines community projects vorgesehen.
Anfänglich noch überfordert mit der Fülle an Projekten, die sich für diesen Rahmen angeboten
hätten, ergab sich im Verlauf durch organisatorische Schwierigkeiten leider nur etwa eine Woche,
von der ich zusätzlich ein paar Tage erkrankte. Über meine versäumte Zeit ärgere ich mich noch
immer, zumal das Projekt in seinem holistischen Ansatz eine unfassbare Bereicherung für alle
Beteiligten darstellt: Das Nawiri Recovery & Skills Centre begleitet Menschen mit psychischer
Erkrankung auf ihrem Heilungsweg in allen Lebensbereichen (therapeutisch, fortbildend,
sozial,…), um ihnen eine erfüllende, selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.
Darüber hinaus führen sie extern Projekte zur Psychoedukation und Entstigmatisierung
psychischer Erkrankungen in Schulen sowie ländlicheren Gegenden durch, denen wir auch
beiwohnen durften. Ich erinnere mich an eine kleine Runde auf blauen Stühlen, auf denen wir im
Schatten eines Kastanienbaumes vor einer Gemeinde saßen, und die Projektleitenden uns zu
einer Tasse Porridge von ihrer Motivation erzählten. Es ist jederzeit zu spüren, was für eine
Herzensangelegenheit das Ganze für die Beteiligten ist, und ich bin unendlich dankbar für die
Begegnung mit diesen Menschen, die nie aufhören werden, mich mit ihrem Veränderungswillen zu
inspirieren. In der Einrichtung selbst, die übrigens auch auf dem MTRH Campus lokiert ist, ist der
Alltag meistens eingeteilt in vormittags, bei den Gruppentherapien und nachmittags, wenn
abwechselnd unterschiedliche Handwerke erlernt werden. Dazwischen ist Zeit für eine üppige
Mittagspause in einem der vielen lunch spots in der Umgebung. Ich habe den Einblick durch die
Vielseitigkeit und das tolle Team unheimlich genossen und hätte mir mehr Zeit dort gewünscht.
Big recommend!
Die gesamte Zeit über haben wir in einem Gasthaus in einer ruhigeren Gegend in Eldoret
gewohnt. Dieses kleine Zuhause auf Zeit war für mich wirklich eine Oase: ein wunderschöner
Garten, in dem Nektarvögel zwischen leuchtenden Hibiskussträuchen und dem Guavenbaum
umherflogen, und ein herzlicher Besitzer samt süßem Hund. Dort teilten wir Küche, Wohn- und
Esszimmer; Bad und Schlafzimmer hat man für sich. Dadurch, dass immer wieder neue Leute im
Gasthaus unterkamen, schlossen wir stetig neue Freundschaften, mit denen wir gemeinsam
unsere Freizeit planten. Für unsere Famulaturzeit war Eldoret genau richtig – überschaubar genug,
um sich schnell zurechtzufinden, aber voller Möglichkeiten, die freie Zeit mit Leben zu füllen. Von
Ausflügen zu nahegelegenen Wasserfällen über Wanderungen im Kakamega-Regenwald bis hin
zu Wochenendtrips in umliegende Nationalparks gibt es im Umland viel zu entdecken. Aber auch
vom Gasthaus aus beginnt der belebtere Teil der Stadt schon wenige Straßen weiter.
Nach unserem Abschied von Eldoret nahmen wir uns noch zwei Wochen Zeit, weiter durch Kenia
zu reisen. Dabei verschlug es uns durch ein paar Nationalparks über Nairobi an die Küste, wo wir
von Mombasa aus noch ein Stückchen gen Norden bis nach Malindi reisten. Bunte, unzählige,
sausende Erinnerungen an Menschen, Orte, flüchtige Momente, wie im Flug. Während ich aus
Deutschland gewohnt war, dass ein Land im Grunde eine Amtssprache und höchstens einen
sanften kulturellen Unterschied zwischen Nord und Süd kennt, war ich in Kenia vollkommen
fasziniert von der Vielfalt, die sich mir eröffnete: unzählige Sprachen, Kulturen, Religionen und
Landschaften, dicht nebeneinander – und das mit einer Selbstverständlichkeit. Auch hierfür
wieder eine große Empfehlung, sich die Zeit zu nehmen, um dem Land in seinen Facetten gerecht
zu werden.

Was mich während der Zeit immer wieder beschäftigte, war das Gefühl, selbst so viel zu
profitieren und gleichzeitig kaum etwas beitragen zu können. Immer wieder wurde deutlich, mit
welchen Privilegien ich als weiße Person dort unterwegs war. Manchmal so ausgeprägt, dass es
sich wie eine Art princess treatment anfühlte, nur eher verunsichernd als schmeichelnd. Ich
wusste oft nicht, wie ich mit dieser Ungleichheit gut umgehen sollte, schwankte zwischen
verlegener Dankbarkeit, Scham und Überforderung. Auch jetzt noch besteht diese Ratlosigkeit in
mir fort. Auf die Frage, was ein angemessener, respektvoller Umgang mit diesen Dynamiken
bedeutet, habe ich nicht so richtig eine Antwort gefunden.
Gleichzeitig war diese Irritation unglaublich lehrreich. Ich habe ein deutlich tieferes Verständnis für
neo- und postkoloniale Strukturen gewonnen – nicht aus Büchern, sondern aus Begegnungen,
Alltagsmomenten und den Gefühlen, die sie in mir ausgelöst haben. Besonders wertvoll war auch
die unvermeidliche und unbequeme Konfrontation mit eigenen internalisierten Rassismen. Zu
sehen, wie sehr Machtverhältnisse und die Geschichte in jedem noch so kleinen Detail
mitschwingen, war schmerzhaft und befreiend zugleich. Und obwohl ich längst nicht fertig bin mit
diesen Lernprozessen, bin ich unfassbar dankbar für die Entwicklungsmöglichkeit und den Wink
mit dem Zaunpfahl, die mir durch f&e zuteil wurden.
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