Famulieren & Engagieren mit der IPPNW
Als ich die Zusage für Kenia bekam, war das zunächst eine spontane Entscheidung – und ehrlich gesagt neben der Vorfreude auch mit Unsicherheit verbunden. Ich habe vor der Abreise viel über meine Rolle nachgedacht: Was bedeutet es, als Medizinstudent aus Europa in einem Krankenhaus in Kenia zu sein? Wie erzähle ich von meinen Erlebnissen, wie verhalte ich mich vor Ort? Und was heißt eigentlich das „Engagieren“ im Namen des Programms Famulieren & Engagieren?
Das Vorbereitungstreffen der IPPNW hat mir geholfen, diese Fragen zwar nicht loszuwerden, sondern bewusster mitnehmen zu können. Ich habe dort Belkıs kennengelernt, die zweite Person mit der ich nach Kenia reisen würde – wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge, haben offen über unsere Unsicherheiten gesprochen und uns gegenseitig gestützt. Das Gefühl, dass sich die Entscheidung nach Kenia zu gehen „richtig“ anfühlt, kam aber bis zu meinem Abflug nie.

Ankommen in Eldoret
Nach der Reise bin ich etwas übermüdet angekommen und bin direkt erstmal auf der falschen Seite ins Taxi eingestiegen – ein kleiner Reminder an den Linksverkehr. Ich habe in einer Unterkunft mit Studierenden aus den Niederlanden und Deutschland gewohnt, die alle im Krankenhaus gearbeitet haben. Einige davon wurden schnell zu Freund*innen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass dieses internationale Umfeld auch eine gewisse Distanz schaffen kann – zu anderen kenianischen Studierenden oder dem Alltag außerhalb des Krankenhauses. Trotzdem habe ich mich durch gemeinsame Abende, Gespräche und Ausflüge bald angekommen gefühlt.
Besonders schön war, mit der anderen Person aus dem IPPNW-Programm schon ein vertrautes Gesicht in Eldoret zu haben. Wir wurden von Menschen aus der kenianischen IPPNW unterstützt, die schon vor der Ankunft in Kenia viel für uns organisiert haben und uns viele Fragen beantwortet haben. Mein erster Tag war ein Orga-Tag, am zweiten Tag startete meine Famulatur in der Notaufnahme des Moi Teaching and Referral Hospitals.
Mein Alltag in der Notaufnahme
In der Notaufnahme hatte ich wenig feste Aufgaben, was mir die Freiheit gab, mich dort einzubringen, wo es passte. Ich durfte mitlaufen, beobachten, Fragen stellen und mich schrittweise einarbeiten. Eine Ärztin nahm sich viel Zeit, mir Sachen zu erklären, zu übersetzen und meine Fragen zu beantworten. Mit der Zeit durfte ich Erstaufnahmen machen, Zugänge legen, Monitoring anhängen und gelegentlich assistieren.
Oft musste ich neu austarieren, wo meine Kompetenzen enden und wann es besser ist, einfach zuzuschauen. Ich habe versucht, nur das zu machen, womit ich mich wohlgefühlt habe und auch häufig um Hilfe gebeten.
Manchmal wurde mir allein durch meine Herkunft aus dem „deutschen Gesundheitssystem“ mehr Kompetenz zugeschrieben, als ich tatsächlich hatte. Ich war sehr beeindruckt, wie viel praktische Erfahrung die kenianischen Studierenden mitbrachten. Während wir in Deutschland oft Zurückhaltung im Studium lernen, wird den Studis die ich kennengelernt habe eher Selbstsicherheit vermittelt – und das ist schön zu beobachten.
Die Hierarchien im Team waren flach, der Umgang respektvoll und fast freundschaftlich. Das half mir, meine Rolle Schritt für Schritt zu finden.
Das Nawiri-Projekt
Nach kleineren Organisationshürden durfte ich für den zweiten Teil meines Aufenthalts im Nawiri-Projekt dabei sein – einer Einrichtung für Menschen mit Suchterkrankungen und anderen psychischen Erkrankungen. Die Bewohner*innen bleiben im Schnitt drei Monate und nehmen an einem strukturierten Tagesprogramm teil: Psychoedukation, Skill-Trainings wie Körbe flechten, Gartenarbeit, usw.
Ich war unglaublich beeindruckt von der Arbeit des Teams. Die Psycholog*innen begegneten den Klient*innen mit einer Haltung, die aus meiner Perspektive genau das richtige Gleichgewicht zwischen Nähe und professioneller Distanz hielt. Besonders faszinierend war der umfassende Ansatz des Projekts: Neben der Betreuung in der Einrichtung gibt es Hausbesuche, Familientherapie, Unterstützung bei der Berufsfindung, Präventionsarbeit an Schulen und Universitäten sowie Aufklärung über psychische Erkrankungen in den Communities. Ziel ist es, Stigma abzubauen und psychische Gesundheit als gesellschaftliches Thema sichtbar zu machen.
Wir durften die Teams bei diesen Aktivitäten begleiten – bei Schulbesuchen, in Aufklärungsworkshops, in Gesprächen mit Patient*innen und ihren Familien. Dieses Projekt hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt.
Alltag und Leben in Eldoret
Mit der Zeit entstand ein kleiner Alltag: Morgens der Weg ins Krankenhaus, vertraute Gesichter, gemeinsames Mittagessen in der Mensa, abends Kochen in der Unterkunft oder ein Besuch im Lieblingsrestaurant. Diese Routinen gaben Struktur und Sicherheit in einer neuen Umgebung.
Im Anschluss an die Famulatur sind Belkıs und ich noch durch das Land gereist. Diese Zeit hat uns viele weitere, häufig wunderschöne, Facetten des Landes gezeigt, war aber doch ein ziemlich harter Kontrast zu der Zeit im Krankenhaus und ich habe mich damit nicht immer wohlgefühlt. Unsere Freiheit zu reisen, die unterschiedlichen Lebensrealitäten und die sichtbaren sozialen Unterschiede haben mich zum Nachdenken gebracht – auch darüber, wie schnell man als Gast privilegiert durch Räume navigiert, die anderen verwehrt bleiben.
Rückblick
Die Zeit in Kenia war für mich eine prägende und bewegende Erfahrung – nicht, weil ich dort „helfen“ konnte, sondern weil ich so nette, hilfsbereite, wertschätzende und super kompetente Menschen kennengelernt habe.
Ich bin sehr dankbar für die Menschen, die mich begleitet, aufgenommen und ihr Wissen mit mir geteilt haben. In mir hat sich die Überzeugung gestärkt, dass Gesundheit eben nicht nur medizinisch ist, sondern auch sozial, politisch und wirtschaftlich gedacht werden muss und ein Spiegel struktureller- und gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist.
Wenn ihr Fragen zur Bewerbung, zu Unsicherheiten oder zur Vorbereitung habt – meldet euch gern bei mir.
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