Im Sommer 2025 hatten wir die Möglichkeit, über die IPPNW nach Griechenland zu gehen. Schon im Vorfeld beschäftigten uns zahlreiche Fragen: Welche Rolle werden wir einnehmen? Wie werden wir mit unseren Privilegien umgehen? Werden wir uns einleben können – trotz Sprachbarriere und trotz der emotional schwierigen Themen, die uns erwarten? Viele dieser Fragen wurden bereits im Vorbereitungsseminar in Berlin aufgegriffen, und dennoch blieb einiges offen, was uns bis zu unserer Abreise und auch teils noch heute beschäftigt.
Obwohl das Projekt „famulieren und engagieren“ heißt, hatten wir uns in Absprache mit Anne bewusst dazu entschieden, keine Famulatur zu machen und stattdessen länger als den einen vorgesehenen Monat bei ROSA e.V. mitzuarbeiten. ROSA e.V. hat sich vor über drei Jahren zum Ziel gemacht, Frauen, die kürzlich über die EU-Außengrenzen nach Griechenland geflüchtet sind, mit einer mobilen Anlaufstelle zu unterstützen. Neben geschlechtsspezifischen Fluchtursachen sind Frauen auch während der Flucht verstärkt Gefahren wie sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Es gibt Untersuchungen, dass das Ausmaß der Traumatisierung mit der Lebensqualität und dem Integrationsprozess im jeweiligen Ankunftsland korreliert. Um dieser Traumatisierung zumindest ein winziges bisschen entgegen zu wirken fährt ROSA das gesamte Jahr über regelmäßig zu vier Geflüchtetenunterkünften nördlich von Athen und stellt in unmittelbarer Nähe zu den Camps einen Safer Space bereit. Es soll gemeinsam mit den Frauen ein geschützter Ort gestaltet werden - zum Ausruhen, zur Vernetzung. Die Crew bringt Material für verschiedenste Aktivitäten mit, aber auch einfach Kissen, Decken, Stühle, Tische und Verpflegung. Es geht in den Stunden, in dem dieser Space aufgebaut ist, darum, etwas Neues zu erlernen, sich zu bewegen, Selbstfürsorge zu betreiben, Ablenkung und Erfolgserlebnisse zu erschaffen. Außerdem gibt es die Möglichkeit zum Informationsaustausch über gesundheitliche Themen, juristische Bedingungen, diverse Unterstützungsmöglichkeiten von anderen NGOs/Einrichtungen (Sprachkurse, queer-spezifischer Support, Freeshops, social pharmacies). Natürlich können auch einfach alle beisammensitzen, um gemütlich einen Tee zu trinken, Kekse zu essen, Perlenarmbänder zu basteln oder ein wenig Normalität zu erleben.
Neben diesem Kernstück des Projekts, dem „Community-Space“ bietet ROSA auch basismedizinische Beratung durch ausgebildetes medizinisches Personal an. In einer Art Sprechstunde werden akute Anliegen versorgt und bei Bedarf an spezialisierte Einrichtungen im Umkreis vermittelt. Außerdem werden Menstruations- und Verhütungsartikel ausgegeben. Parallel dazu bietet die Crew eine Kinderbetreuung an – ein Angebot, das den Frauen, die den Großteil der Care-Arbeit tragen, für ein paar Stunden ein wenig Entlastung und Ruhe bringen soll.
Wir selbst waren hauptsächlich im Community-Space tätig. Zu Beginn waren wir unsicher, welche Rolle wir einnehmen würden, besonders da wir uns aufgrund sprachlicher Barrieren mit vielen Frauen nur eingeschränkt verständigen konnten. Doch mit der Zeit lernten wir, wie viel Kommunikation auch ohne Worte möglich ist. Im Space wurde genäht, gemalt, gestrickt, getanzt, Fahrrad gefahren, Perlen gefädelt, Karten gespielt. Es wurden Haare geschnitten und gefärbt, Augenbrauen gezupft und fleißig Nägel lackiert. Es wurde gelacht und geweint, erzählt, gemeinsam geschwiegen oder einfach entspannt. Oft haben wir voneinander Smalltalk auf verschiedenen Sprachen gelernt oder mit den Frauen gemeinsam gebastelt und Volleyball gespielt. Zu manchen Frauen, die oft innerhalb der letzten Wochen, Monate, teilweise Jahre (weil das Asylsystem sie so lange in den Camps leben und warten lässt!) immer wieder zu ROSA kamen haben wir eine enge Bindung aufgebaut. Manchmal - und auch darüber waren wir auf eine seltsame Weise froh - haben die Frauen gar nicht viel mit uns interagiert. Es ging ja auch nicht um uns oder unsere Verbindung zu ihnen, alle durften den Space so nutzen, wie sie es wollten. Auch, wenn das nur hieß, in einem Eck ein wenig für sich zu sein und zu stricken. Wir haben gelernt, größten Respekt vor den Frauen zu haben, die es sich wert waren und die den Mut hatten, sich in der Hoffnung und dem Glauben an ein besseres Leben für sich und ihre Familienmitglieder auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa zu begeben.
Eine prägende Erfahrung war auch das Zusammenleben mit der ROSA-Crew. Die Crew besteht das gesamte Jahr über aus sieben bis 15 FLINTAs und wohnt gemeinsam in einem großen Haus in einem kleinen Ort nördlich von Athen. Man hat einen sehr durchstrukturierten Alltag und kaum Rückzugsmöglichkeiten. Ständig dreht sich alles um das Projekt, es gibt immer etwas zu tun– im Guten wie im Herausfordernden. Wir haben die gemeinsame Zeit als unglaublich kraftgebend empfunden: abends zusammensitzen, sich kennenlernen, über politische Entwicklungen diskutieren/frustriert sein oder einfach füreinander kochen. Unser Alltag war von ständigen Veränderungen geprägt. Immer wieder mussten wir uns als Team an neue Situationen anpassen – sei es ein vollkommen durchweichter Space nach Sturm und Starkregen, ein kaputter Scheibenwischer, eine Autotür, die geknackt werden musste, weil wir uns im Trubel versehentlich ausgeschlossen haben, mit Scabiesverdacht in der Crew umgehen, Fahrradreifen flicken … An den Wochenenden war Zeit, um Ausflüge nach Athen zu machen oder das Meer zu genießen. Griechenland mit dem Wissen um die menschenunwürdigen Bedingungen, die dieses Land für Geflüchtete schafft, aus einer touristischen Perspektive zu genießen, fiel uns trotzdem sehr schwer und war während unserer Zeit dort definitiv keine Priorität.
Wir haben 11-Jährige kennengelernt, die für wenige Euro am Tag auf Griechenlands Gemüseplantagen arbeiten. Wir haben Schikanen seitens der griechischen Behörden während der Asylanhörungen oder seitens der Krankenhäuser und Praxen gegenüber den Frauen bei Arztterminen mitbekommen. Uns hat die desolate Infrastruktur in den Camps jeden Tag aufs Neue schockiert und furchtbarerweise trotzdem irgendwann nicht mehr überrascht. Und das Alles sind erst die Realitäten der Menschen in den „offenen“ Camps auf dem Festland, die wir kennengelernt haben. Von Push-backs und der Situation auf den Inseln war ja dann noch gar nicht die Rede.
Es ist so ein seltsames Gefühl heute wieder gefragt zu werden, ob man eine gute Zeit in Griechenland hatte. Ja, irgendwie schon, die Arbeit hat sich sinnvoll angefühlt, wir haben uns gut mit der Crew verstanden, es gab viele schöne Momente mit den Frauen und Kindern. Es war schön, mal mehrere Wochen ganz ohne cis-Männer zu leben und es war schön, dass wir uns beide gegenseitig als Bezugspersonen hatten, dadurch, dass wir uns schon vom Vorbereitungswochenende der IPPNW kannten. Und gleichzeitig wäre es besser, wir lebten in einer Welt, in der das Projekt ROSA e.V. gar nicht existieren müsste. Auch die Sinnfrage stellte und stellt sich uns immer wieder: Kann man so einem menschenrechtsverachtenden System mit dem Safer Space Projekt überhaupt etwas entgegensetzen? Ist das Anmaßung, zu denken, man macht wirklich einen Unterschied? Wer fühlt sich danach eigentlich wirklich besser? Alles Fragen, die uns bis heute nicht loslassen. Und warum werden ausgerechnet wir jetzt gefragt, wie es uns damit geht? Wir sind doch jeden Nachmittag nach ein paar Stunden am Camp wieder in unser Crew-Haus gefahren und hatten es dort dann gemütlich. Wir sind jetzt wieder in unseren Leben hier in Deutschland angekommen und können, aber müssten uns nicht mehr mit unserer Zeit in Griechenland beschäftigen. Wir lassen eine widerliche, rassistische Diskussion über unser „Stadtbild“ über uns ergehen, das ist alles. Eigentlich war die Zeit, bzw. die menschenfeindliche politische Realität, die wir kennengelernt haben schrecklich, wenn man es sich so überlegt. Wenn man es nah genug an sich herangelassen hätte, wäre es eigentlich fast nicht zu ertragen gewesen. Mit eigenen Augen zu sehen, was die Festung Europa den Menschen, die den „falschen“ Pass haben, antut. Was unsere Zeit bei ROSA ganz gut abschließend beschreibt, ist das Zitat der Ärztin Ruth Pfau: „Ich lasse so etwas immer nur so weit an mich herankommen, genauer: Ich versuche es, dass es mich genügend aufbringt, um mich trotz aller Widerstände und Enttäuschungen stur an dem Plan festhalten zu lassen. Sonst denke ich möglichst wenig darüber nach, was mir nicht allzu schwerfällt, da ich praktisch den ganzen Tag ohne Pause beschäftigt bin“. Unser Plan zu diesem Zitat: LEAVE NO ONE BEHIND.
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