Bericht – mit F&E in Sarajevo
Diesen Sommer hatte ich die Möglichkeit, mit Unterstützung der IPPNW nach Sarajevo zu reisen und dort eine Famulatur zu absolvieren. Schon im Vorfeld war mir bewusst, dass dieser Aufenthalt mehr sein würde als ein Einblick in ein anderes Gesundheitssystem. Sarajevo ist eine Stadt, in der Geschichte, Gegenwart und Zukunft dicht beieinanderliegen und in der gleichzeitig eine beeindruckende Lebendigkeit und Offenheit spürbar ist. Schnell hatte ich das Gefühl, in diesem Umfeld willkommen zu sein und viel lernen zu können.
Famulieren
Für meine Famulatur wurde ich in die Notaufnahme eingeteilt. Diese hatte eine internistische und eine unfallchirurgische Seite, zwischen denen ich hin- und herwechseln durfte. Seit einigen Jahren kann man in BiH Medizin auch auf Englisch studieren, weshalb gerade jüngere ÄrztInnen gut auf Englisch kommunizieren konnten. Dennoch war die Sprachbarriere ein allgegenwärtiges Thema. Auf Nachfrage und Interesse haben aber alle ÄrztInnen versucht, mich einzubinden. Ich hatte das Glück, dass während meiner Famulatur auch andere Austauschstudierende vom SCOPE-Programm da waren. Eine von ihnen konnte etwas Bosnisch sprechen und hat dann häufig für den Rest von uns übersetzt.
Die Arbeitszeiten waren insgesamt sehr flexibel – wenn es nichts mehr zu tun gab oder die Schichten ruhig waren, konnte ich selbst entscheiden, wann ich gehe. Besonders schön war, dass lokale MedizinstudentInnen für die Austauschstudierenden des SCOPE-Programms ein kleines Social Program organisiert hatten, dem ich mich jederzeit anschließen durfte. Dadurch bekamen wir nicht nur Anschluss, sondern auch Einblicke in das Land, die Kultur und die Geschichte, wie sie vor allem junge Menschen vor Ort erleben.
Engagieren
Neben meinem klinischen Alltag habe ich beim Sarajevo Film Festival als Volunteer mitgearbeitet. Das Festival ist in BiH eines der zentralsten Ereignisse des Jahres und findet jeden August statt. Seine Bedeutung geht jedoch weit über Kultur und Unterhaltung hinaus: Es wurde erstmals während des Krieges und der Belagerung Sarajevos als Akt der Resilienz organisiert. Bis heute hat das Festival eine starke politische Dimension; viele der gezeigten Dokumentationen beschäftigen sich mit der Geschichte Bosnien und Herzegowinas, ergänzt durch Filme aus ganz Südosteuropa und vielen weiteren Ländern.
Als Volunteer kann man sich für verschiedene Bereiche bewerben. Ich wurde dem Logistikteam zugeteilt und war dort die einzige internationale Helferin. Generell hatte ich den Eindruck, dass nur wenige internationale Volunteers beteiligt waren, und im Verlauf der detaillierten Schichtplanung wechselte die Kommunikation im Team zunehmend vollständig ins Bosnische. Dadurch konnte ich mir meine Schichten weitgehend selbst aussuchen und hatte gleichzeitig die Flexibilität, viele der Dokumentationen und Filme auch selbst anzuschauen – ein großer Gewinn, der meinen Aufenthalt kulturell und politisch enorm bereichert hat.
Wenn ich auf meine Wochen in Sarajevo zurückblicke, bleibt vor allem die Vielschichtigkeit dieser Erfahrung: die Arbeit in der Klinik, die Begegnungen im Rahmen des Filmfestivals, Gespräche über Vergangenheit und Gegenwart des Landes und die vielen kulturellen Ereignisse und Eindrücke, die meinen Aufenthalt zusätzlich geprägt haben. Auch die Wochenenden habe ich genutzt, um mehr vom Land zu sehen – sei es bei Wanderungen in den umliegenden Bergen, bei Besuchen historisch bedeutender Orte wie Srebrenica oder beim Kennenlernen der vielfältigen religiösen Architektur der Stadt, einschließlich einiger Moscheen, die mir wichtige Einblicke in das kulturelle und spirituelle Leben vor Ort gegeben haben.
Ich bin dankbar für die Menschen, die mich begleitet haben, und für die Offenheit, mit der ich aufgenommen wurde. Sarajevo hat mir auf besondere Weise vor Augen geführt, wie eng Gesundheit, Geschichte und gesellschaftliche Realität miteinander verwoben sind und wie wichtig es ist, sich diesen Zusammenhängen bewusst zu stellen. Alle, die über eine Famulatur im Rahmen des „F&E“-Programms nachdenken, kann ich nur ermutigen, die Chancen zu nutzen.
BiH: Bosnien und Herzegowina
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