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2025

Bosnien

Von Lisa

Meine Zeit mit FundE in Bosnien und Herzegowina begann damit, dass ich  Ende August in Sarajevo aus dem Bus stieg und mit einem schönen Sommermorgen begrüßt wurde.  Im Gepäck hatte ich viele Fragen zu Bosniens Kultur, Geschichte und Politik, aber auch Nervosität darüber, wie ich mich alleine in einem für mich unbekannten Land und Gesundheitsystem zurrecht finden würde. Meine nächsten vier Wochen würde ich mit einer Famulatur in der Gynäkologie und Geburtshilfe im Universitätsklinikum Sarajevos verbringen.

Allerdings zögerte sich der Start meiner Famulatur aufgrund von benötigten Gesundheitszertifikaten noch etwas hinaus. Letztendlich war ich aber sehr froh darüber, denn es hat mir  genügend Raum gegeben anzukommen und Sarajevo erst einmal kennen zu lernen. Schön war auch, dass ich so Zeit mit Laila (die andere Person, die mit F&E in BiH war) verbringen konnte. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Wochen in Sarajevo und konnte so viele von ihren bisherigen Erfahrungen, Tipps und Tricks teilen. Es war wertvoll die Möglichkeit zu haben sich gemeinsam über das, was wir erlebt und gelernt haben, auszutauschen und auch noch eine andere Perspektive zu hören. An unsere Ausflüge und Abende, die wir mit quatschen und auch immer mit gutem Essen verbracht haben, errinere ich mich gerne.

Als meine Famulatur dann begann, waren die ersten Tage für mich herausfordernd. Das lag daran, dass ich keiner ärztlichen Person oder  Station fest zugteilt war. Auch Assitenzärzt*innen waren keiner Station zugeteilt, sondern rotierten jeden Tag zwischen verschiedenen Ambulanzen, Stationen und dem OP. So fiel es mir in Kombination mit der Sprachbarriere anfangs nicht einfach mich zurechtzufinden oder auch herauszufinden, was die Erwartungen an mich als Famulantin waren. 
Zu meinem großen Glück habe ich dann eine liebe Assistenzärztin kennengelernt, mit der ich mich gut verstand und die mich für die restliche Zeit dann quasi adoptiert hat. Da es im Klinkum häufig immer wieder Leerlauf gab, in dem nichts zu tun war, haben wir gemeinsam oft Zeit mit essen, reden und Kaffee trinken verbracht. Dabei habe ich einerseits die bosnische Essenskultur erleben dürfen, also, dass Essen fast immer angeboten und mit anderen geteilt wird. 
Andereseits konnte ich in diesen Gesprächen einiges über BiH, aber vor allem über das Gesundheitsystem und dessen Hintegründe lernen, für das es sonst in einem stressigen Klinikalltag, nicht die Zeit gegeben hätte. Das hat mir auch geholfen, Sitationen, die ich wegen der Sprachbarriere oft nicht verstanden habe, besser einzuordnen zu können. 
Ansonsten habe ich viel Zeit im OP verbracht und bei verschiedensten Operationen zugeschaut. Dort habe ich auch zwei super liebe bosnische Studentinnen kennengelernt und so konnte ich auch viel über ihre Perspektive als Studis auf das bosnische Gesundheitsystem und Medizinstudium erfahren.

In Sarajevo habe ich mich bald sehr zu Hause gefühlt. Die Innenstadt ist sehr lebendig und lädt mit ihren vielen Restaurants, Cafes und Lädchen zum Schlendern ein. Ich habe viel Zeit damit verbracht, die Atmosphäre der Stadt aufzunehmen und durchs Lesen und die Museen weiter über BiH, die Geschichte und Menschen zu lernen. Wenn man genauer hinschaut, können die Nachwirkungen des Krieges in Bosnien noch an vielen Orten wahrgenommen werden. Als Granateneinschusslöcher an Hauswänden und auf der Straße, die oft mit rotem Harz aufgefüllt als „Rosen von Sarajevo“ an die Opfer des Kriegs erinnern. Auch in struktureller Form in der Politik oder dem Gesundheitsystem und in alltäglichen Gesprächen sind die Auswirkungen sichtbar. Sarajevo bietet viele Möglichkeiten, bensonders durch die gut aufbereiteten Museen, sich genauer damit auseinanderzusetzen und ich kann es nur ans Herz legen, sich mit diesem Teil der europäischen Geschichte zu beschäftigen.

Ein Aspekt, der mich persönlich überrascht hat, ist, wie viele Menschen in Bosnien Verbindungen nach Deutschland haben. Es gibt eine große bosnische Diaspora in Deutschland. Viele haben hier Familie oder Freunde und wissen daher auch eine Menge über Deutschlands Kultur und Geschichte oder sprechen Deutsch. Es gibt ein Ungleichgewicht im Wissen über das jeweilig andere Land, welches sich auch in der deutschen Medienlandschaft spiegelt, denn dort ist der Balkan trotz seiner geographischen Nähe oft nur ein Randthema.

Für den zweiten Teil meines Aufenthalts in BiH ging es weiter nach Tuzla. Eine Stadt im Nordosten Bosniens, die bekannt für ihre Salzseen ist. Besonders ist, dass in Tuzla während des Krieges in Bosnien alle drei ethnischen Gruppen zusammengearbeitet haben, um die Stadt gegen Angriffe zu schützen. Dieser Zusammenhalt ist bis heute spürbar, denn so klare Trennungen, wie sie in anderen Teilen Bosniens z.T. sichtbar sind, also, dass zum Beispiel ein Restaurant oder Cafe nicht besucht wird, das von einer anderen ethnischen Gruppe geführt wird, war dort nicht wahrzunehmen.

In Tuzla durfte ich das Projekt „Snaga žene“ („ die Stärke der Frau“) kennenlernen. Seit 1999 betreut „Snaga žene“ Frauen und Kinder, unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit, die während des Krieges vertrieben oder traumatisiert wurden. Das Projekt bietet soziale, psychische, medizinische, rechtliche und ökonomische Unterstützungsmöglichkeiten. Geleitet wird das Projekt von Branka, einer Allgemeinärztin, die ihre Vormittage mit der Projektkoordination verbringt und nachmittags in ihrer Praxis Patient*innen betreut. Auch dort durfte ich Branka begleiten und konnte so auch einen Einblick in die hausärztliche Versorgung bekommen.
Die Arbeit von „Snaga žene“ ist momentan durch die weltpolitische Lage sehr erschwert, denn es mangelt, wie an so vielen Stellen, an Fördermitteln, um die Arbeit weiterzuführen. Dadurch konnten einige Projektteile nur in reduzierter Form durchgeführt werden, was für mich bedeutete, dass ich viel Zeit mit Warten und Beobachten verbrachte. Dadurch habe ich trotzdem viel mitgenommen, zum Beispiel wie eine so kleine Gruppe Menschen ein großes, langfristiges Projekt aufbauen kann  und dadurch eine Gemeinschaft entsteht mit Menschen, die sich gegenseitig tragen.
„Snaga žene“ wurde über die Jahre immer weiterentwickelt und an die Bedürfnisse der Frauen und Kinder adaptiert. Dies ist einer der Gründe, weshalb Snaga Zene so ein breites Spektrum an Projekten anbietet und verschiedene Kategorien geschickt verknüpft. Ein Beispiel sind die Spenden von  Gewächshäusern, die den Frauen die Möglichkeit geben, durch den Verkauf von angebautem Gemüse finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, aber gleichzeitig wirkt die Arbeit mit den Händen in der Erde therapeutisch, so hilft sie unter anderem bei der Verarbeitung der Vergangenheit.
Besonders dankbar bin ich dafür, eine Gruppe von Frauen kennengelernt zu haben, die sich seit vielen Jahren im Rahmen der Sozialarbeit trifft und ihr Erlebtes miteinander teilen. Die Gruppe hat mich sehr liebevoll wilkommengeheißen und eine Offenheit und Freundlichkeit mit mir geteilt, mit der ich nicht gerechnet hatte, da ich den Eindruck hatte als fremde Person in einen für die Frauen sicheren Ort einzudringen. Die Resillienz der Frauen in dieser Gruppe hat mich sehr berührt und mir nochmal verdeutlicht, wie wichtig einerseits professionelle Begleitung, aber auch Halt durch Gemeinschaft für Heilungsprozesse sind.
Ein weiterer Teil der Arbeit, der noch lange auf mich wirken wird, sind die Gespräche und Begegnungsarbeit zwischen Frauen, die den Genozid 1995 in Srebrenica überlebt haben und den ehmaligen UN-Soldaten aus den Niederlanden, die in Srebrenica stationiert waren.  In den Gesprächen war so viel Empathie für einander und Schmerz über die Erfahrung der anderen, was ich vorher aufgrund des Hintergunds der Ereignisse für nicht möglich gehalten hätte. Es hat mir gezeigt, wie essenziell ganzheitliche Rehabilitierung von Menschen, die Krieg überlebt haben, für Sicherung von Frieden in der Zunkuft ist. Die Verbindung zwischen medizinischer Arbeit und Friedensarbeit wurde so bei „Snaga žene“ sehr deutlich und dieses Projekt ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Medical Peacework gelebt werden kann.

Die Zeit in BiH war für mich von starken Kontrasten geprägt. Einerseits vom Wissen über die unbegreiflichen und schrecklichen Dinge, die während des Kriegs in Bosnien passiert sind, die einen jeglichen Glauben an alles Gute verlieren lassen. Anderseits habe ich so viel Offenheit, Gastfreundschaft und Fürsorge in Begegnung mit anderen Menschen erlebt. Meine Nachbarn, die mich oft einfach mit zum Kaffeetrinken mit ihrer Familie und Freunden eingeladen haben, die Studentinnen und Menschen bei Snaga Zene, die mich so herzlich aufnahmen, sowie die Assistenzärztin, mit der ich so viele schöne und interessante Gespräche führen durfte und die mich am Wochenende mit zu ihren Eltern nach Jajce eingeladen hatte. In diesen gegensätzlichen Realitäten spiegelt sich die Komplexität des Landes.
Für die Zeit in Bosnien bin ich unglaublich dankbar, besonders für die Menschen, die ich kennengelernt habe und durch die ich so viele neue Gedanken, Ideen und Perspektiven bekommen habe. Der Balkan und insbesondere Bosnien und Herzegowina werden mich noch lange beschäftigen und der Abschied von Bosnien ist hoffentlich auch nur ein Abschied auf Zeit.

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