Vor meiner Reise nach Nepal hatte ich über das Land recht wenig gehört, ich hatte über das Fernsehen einige Einblicke bekommen, von Berichten von Abenteurern gelesen, über Erstbesteigungen der 8.000er, Dokumentationen über den Bergtourismus am Mount Everest und die schwierige Situation der Sherpas im Gebirge gesehen, und Berichte über das schwere Erdbeben 2015 gesehen. Ich beschäftigte mich im Voraus etwas mit der Kultur und der Geschichte des Landes, trotz allem wurde ich in den ersten Tagen und Wochen mit einem Kulturschock überrascht, den ich so nicht erwartet hatte.
Meine Zeit in Nepal begann mit einer im Nachhinein vielleicht recht exemplarischen Situation. Einige Tage vor Abreise ergaben sich nochmal viele Änderungen, sowohl bezüglich meiner Unterkunft als auch meiner Famulatur. Ich sollte am Flughafen abgeholt werden, von wem und wo genau, wusste ich nicht, und konnte ich bis zum Abflug nicht herausfinden. Also stieg ich Anfang August mit viel Optimismus, dass sich schon alles regeln würde, in den Flieger, versuchte mich am Flughafen mit dem Internet zu verbinden, was jedoch nicht funktionierte, sodass ich den Flughafen verließ und hoffte, dass mich jemand erkennen würde. Ich lief vorbei an einer Unmenge an Taxifahrern, die mich für viel zu viel Geld zu einem Hotel fahren wollten, und nahm wahr, wie aus der Menge heraus mein Name gerufen wurde. Eine junge Frau stand vor mir, verglich mein Gesicht mit meinem WhatsApp Profilbild, bis sie sich sicher zu sein schien, dass es sich um die richtige Person handelte. So traf ich das erste Mal auf meine Gastschwester, mit der ich in den nächsten Wochen sehr viel Zeit verbringen würde. Es folgte eine kurzweilige abenteuerliche Taxifahrt durch Kathmandu, das kleine Auto, das durch viel Klebeband zusammengehalten wurde, kämpfte sich durch den Mittagsverkehr der Hauptstadt Nepals. Anschnallgurte suchte man vergeblich, einen geregelten Verkehr auch. Dafür gaben die vielen Motorräder und Roller neben den bunt geschmückten öffentlichen Bussen und den vereinzelten Kühen auf der Fahrbahn ein einprägendes Bild ab.
Im Hause meiner Gastfamilie angekommen wurde ich etwas schüchtern, aber sehr freundlich von meiner Gastmutter begrüßt, die Kommunikation lief anfangs wenig über die englische Sprache, viel über meine Gastschwester, und noch mehr über Hände und Gesten. Mir wurde mein Zimmer gezeigt, mein Gastbruder, auch Medizinstudent und Mitglied in der nepalischen Sektion des IPPNW, wohnte seit Beginn seines Studiums in einem Studierendenwohnheim an der Uniklinik, sodass ich in seinem ehemaligen Zimmer wohnen durfte. Er, und ein weiterer Student, zeigten mir in den kommenden Tagen den Weg zu meiner Praktikumsstelle im Helping Hands Community Hospital, einem Krankenhaus geleitet von einer NGO, die Gesundheitsleistungen günstiger anbieten können als regierungsgeleitete Krankenhäuser, um somit auch Menschen aus der Mittel- und Unterschicht einen Zugang zum Gesundheitssystem zu ermöglichen.
In der Famulatur hatte ich die Möglichkeit, mir alle Fachbereiche, die mich interessierten anzuschauen, letztendlich hielt ich mich den Großteil meiner Zeit in der orthopädischen Sprechstunde und bei den Pädiatern auf, weil ich hier sehr freundlichen ÄrztInnen begegnete, die sich die Mühe machten, am Ende des Gespräches mit den PatientInnen kurz das Wichtigste auf Englisch zusammenzufassen, und mir gerne meine Fragen beantworten.
Das Medizinstudium in Nepal läuft auf Englisch, was die Kommunikation mit dem Personal leicht machte, und auch der Großteil der jüngeren Personen spricht Englisch.
An den freien Samstagen (es gibt eine 6-Tage Arbeitswoche), unternahm ich Ausflüge in das Umland, Kathmandu liegt in einem von Hügeln umgebenen Tal, sodass viele Wanderungen und Wasserfallbesuche möglich waren. Die Nachmittage und Abende bieten sich auch an, um sich mit Nepals Geschichte zu beschäftigen und kulturelle und religiöse Stetten zu besichtigen.
Im Anschluss an meine Famulatur reiste ich dann in den Osten des Landes, in ein kleines Dorf auf dem Land, und verbrachte dort nochmal einige Zeit in einer kleinen Klinik, die von einem einzelnen jungen Arzt und einigen Krankenschwestern betreut wurde. Ich lernte dadurch nochmal eine komplette andere Versorgungssituation als in der Hauptstadt kennen, was nochmal ein sehr interessanter Einblick war. Nach der Arbeit unternahmen wir noch kleine Ausflüge in die Umgebung, und ich spürte wieder mal die Gastfreundschaft, die mir durchgehend in Nepal entgegengebracht wurde. Gäste werden hier behandelt wie Könige, das hörte ich einige Male während meines Aufenthaltes.
Nach meiner Zeit auf dem Land ging es für mich zurück nach Kathmandu, und die Rückkehr zu meiner Gastfamilie fühlte sich mittlerweile auch nach einem Nach-Hause- Kommen an. Ich hatte mich an die harten Matratzen gewöhnte, an die Straßenhunde und Hühner vor unserem Haus, ich freute mich sogar wieder etwas auf Dhal- Bhat, Reis mit Linsen, das jeden Abend (und auch Morgen) gekocht wurde, und im Laufe der Zeit zu einem treuen Begleiter und Hauptnahrungsquelle wurde. Mit meinen Gasteltern verstand ich mich auch sehr gut, je länger ich dort lebte, desto besser funktionierte die Kommunikation, auch auf Englisch. Mithilfe der Übersetzung meiner Gastschwester ergaben sich auch interessante Diskussionen über die nepalische Gesellschaft, Kultur, Geschichte, Traditionen und Lebensweisen. Auch wenn sich häufig unterschiedliche Sichtweisen auf eine moderne Gesellschaft ergaben, empfand ich dies als eine große Bereicherung.
Ich bin sehr dankbar, dass ich so intensiv in eine mir fremde Kultur eintauchen durfte. Auch wenn es ab und an auch zu schwierigeren Situationen kam, schätze ich meine Zeit in Nepal sehr und bin mir sicher, dass die Erlebnisse mich noch lange begleiten werden.
zurück