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Kenia

von Annabel

Als ich die Zusage für Kenia (meine 2. Wahl) bekommen habe, wusste ich nicht so recht, wie ich mich fühlen sollte. Die Wahl habe ich spontan angegeben, aufgrund der positiven Erzählungen meiner Vorgänger:innen.
Mir fiel die Zusage nicht ganz leicht. Mehr als einmal, auch noch nach dem Vorbereitungstreffen, habe ich überlegt abzusagen. Ich wusste, dass ich mich in der kurzen Zeit bis zur Abreise nicht mehr viel mit dem Land, der Sprache und der Geschichte befassen konnte, da eben doch immer noch viel los ist kurz vor den Semesterferien. Das fande ich schwierig, vor allem auch, weil das Land in der Vergangenheit von einem europäischen Land kolonialisiert wurde.
Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass es auch sehr schön war, vor Ort und vor allem von den Menschen in Person ganz unbefangen viel zu lernen und parallel dazu immer wieder nachzulesen und zu recherchieren. Meine Rolle in diesem Programm einzuordnen und bedacht mit den Erwartungen sowohl bzgl. meiner Famulatur als auch bezüglich meines Projektes zu bleiben, haben mir aber auch etwas geholfen. Dafür hilft euch auch das Vorbereitungswochenende.
Gezweifelt habe ich aber noch im Flugzeug. Da hat es bestimmt geholfen, dass ich diese Reise nicht ganz allein angetreten habe, sondern auch noch Hannah (für Kenia gibt es 2 Plätze) dabei war und wir uns über unsere Bedenken, aber auch Vorfreude austauschen konnten.
Zusätzlich wurde uns aber auch im Vorhinein schon viel geholfen bzw. organisiert. In mehreren Zoom-Meetings wurden unsere Erwartungen und Möglichkeiten, sowie Unterkunft und Zeitpunkt mit einem kenianischen Studenten der IPPNW besprochen.
In Eldoret angekommen wurden wir vom Flughafen abgeholt und in unsere Unterkunft gebracht. Wir hatten eine WG in einem Studentenwohnheim für uns und jeder ein Zimmer für sich allein. Das Wohnheim war ca. 10 Gehminuten vom Krankenhaus „MTRH“, indem wir die Famulatur und das Projekt machen durften, entfernt. Ich habe mir gewünscht, dass ich auf die ‚Obstetrics & Gynaecology‘ Station komme und kam dann auch auf die Geburtshilfe Station, da beide in verschiedenen Bereichen im Krankenhaus aufgeteilt sind. Ich stande vor allem bei den morgendlichen Visiten meistens hinter den anderen Studierenden, Pharmazeut:innen und Ärzt:innen und habe versucht nicht irgendwie im Weg zu stehen, da alle Studierende (bei mir aus 4. und 6. Jahr) sehr intensiv in den Krankenhausalltag eingebunden wurden. Sie nehmen jeden Tag und manchmal Abends neue Patient:innen auf, machen eine komplette Anamnese und Untersuchung und stellen sie dann am nächsten Tag den Assistenz- und Oberärzt:innen vor. Danach wurden Ihnen viele Fragen gestellt, die sie meistens sehr kompetent beantworten konnten. Ich wurde sehr freundlich aufgenommen und mir wurde oft zwischen den Zimmern von den anderen Studierenden meine Fragen beantwortet. In den Neuaufnahmen- und Untersuchungen war ich weniger integriert (habe aber auch nicht danach gefragt ;)), dafür durfte ich mich bei den Sectios nach ein paar Mal zuschauen auch einwaschen und assistieren. Prinzipiell gilt natürlich: nur das machen, mit was ihr euch auch wohl- und sicher fühlt. Es sollte klar kommuniziert werden, was ihr bereits könnt oder noch nie gemacht habt. Mir war es wichtig zu sagen, dass ich nichts neues machen möchte, wenn keine erfahrene Person dabei ist, die mir, wenn nötig helfen kann. Ich durfte auch bei den Geburten zuschauen, die vor allem von den Hebammen und Krankenpfleger:innen betreut wurden. Der Tag in der Famu war dann oft gegen 12-13 Uhr vorbei, bei OP-Tagen ging es auch mal länger.
Ich war sehr beeindruckt von der Motivation und dem Ehrgeiz, sowie der Kompetenz, den die Student:innen an den Tag legten. Sie waren zum Teil im selben Jahr wie ich aber hatten ein viel größeren Wissensstand und viel mehr praktische Know-Hows im Gegensatz zu mir. Das hat wahrscheinlich viele Gründe, aber einer ist, dass sie im Gegensatz zu uns schon ab dem 4. Jahr jeden Tag im Krankenhaus sind und bis zum 6. Jahr einmal durch alle Stationen durchrotieren. Gleichzeitig haben mir ein paar von Ihnen auch von einem dadurch entstehenden hohen Druck- und Verantwortungsgefühl erzählt.
In kleinen Pausen bin ich mit Studierenden oder Ärzt:innen Tee und Kaffee trinken gegangen. Zur Mittagspause haben wir alle Cafeterien auf dem Campus ausprobiert und dabei leckeres Githeri, Ndengu, Chapati, Skuma Wiki und weitere kenianische Speisen probieren dürfen.

Am Anfang des Aufenthaltes wird einem sehr deutlich klar, dass man als weiße Person auffällt, denn Eldoret ist nicht unbedingt eine Stadt, in der viele Touristen sind. Darauf sollte man ein bisschen eingestellt sein. Durch den Krankenhausalltag kamen wir aber so langsam in Eldoret an und haben uns auch mit dem Ort mehr vertraut gemacht. Wir waren eigentlich jeden Tag mit den anderen Studierenden Essen, es gab Karaoke- und Spieleabende und uns wurde sicherlich nie langweilig.
Ich habe mich nach den ersten Tagen, die aufgrund der vielen neuen Eindrücke etwas überfordernd waren, sehr schnell wohl und nicht allein gefühlt. Wir haben vor allem am Anfang jeden Tag neue Wörter auf Swahili gelernt und gleichzeitig auf Station neue Begriffe auf medical english kennen gelernt. So gingen die 4 Wochen Famu schneller vorbei als gedacht.
Für unseren Projektteil waren für uns zwei Wochen in der AMPATH-Klinik vorgesehen. Dort kamen Patient:innen mit HIV zu ambulanten Sprechstunden, um neue Rezepte für ihre Medikamente zu erhalten, die ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Es geht viel um Gesundheitsaufklärung und Abfragen von Schwierigkeiten bei der Einnahme oder der Verträglichkeit. Der Arzt bei dem ich in der Sprechstunde sitzen durfte, erzählte mir von einzelnen Geschichten seiner Patient:innen und den Rückgang der Viruslast, nachdem er Ihnen die Wichtigkeit der Einnahme erklären konnte. Er erzählte mir, wie wichtig es sei eine Entstigmatisierung der Infektion mit dem HI-Virus anzustreben, da dies der wichtigste Faktor sei, warum die konsequente Einnahme manchmal scheitere. Ich durfte auch an einer Selbsthilfegruppe für die männlichen Patienten teilnehmen. Das hatte mich besonders beeindruckt und berührt, da man merkte wie frei und offen die Betroffenen sich gegenseitig, sowie den Arzt und den Sozialarbeiter Fragen stellen konnten und dabei mehr Selbstverständnis und Selbstständigkeit entwickelten.
Ich selbst durfte in der Sprechstunde die Bögen ausfüllen und auch mal bei Bedarf die Patient:innen untersuchen, wenn es spezifische Symptome gab. Prinzipiell besteht dieser Teil aber vor allem aus einer Anamnese, wodurch ich meist auf die Übersetzung des Arztes angewiesen war. Das war aber auch okay, da er sehr motiviert war mir etwas beizubringen.
Die Zeit in Eldoret war unglaublich bereichernd, vor allem die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen, die ich kennen lernen durfte und von denen ich viel lernen konnte.
Wir hatten einen ganz neuen Alltag, in den wir aber schnell hineingewachsen sind.
Nach unserem „festgelegten“ Programm sind wir beide noch in Kenia herumgereist, was ich, wenn es euch irgendwie möglich sein sollte, nur empfehlen kann. Dieses Land hat so viele unterschiedliche Seiten, Landschaften, Atmosphären und Prägungen und ist vielseitig und multidimensional. Von einer Riesen Stadt wie Nairobi mit den größten Kontrasten von Armut bis zu unglaublichen Reichtum, über Nationalparks mit beeindruckender Natur bis zur Hafenstadt Mombasa oder der kleinen Altstadt, dem Weltkulturerbe auf dem Lamu-Archipel mit weißen Stränden.
Ich kann nur sagen: Entdeckt es selbst, wenn ihr mögt. Ich habe mehr als nur einmal gestaunt und bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung.
Wenn ihr Fragen habt, meldet euch gerne bei mir bevor oder während des Aufenthaltes.

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